Prof. Dr. Dr. Michael Welker - Informationen
Lehrveranstaltungen
Themenschwerpunkte in Forschung und Lehre
Herausgebertätigkeiten
Lebenslauf
I. Lehrveranstaltungen (Beispiele - Auswahl):
Vorlesungen:
Seminare:
Trinitätslehre (Barth, Moltmann, Jüngel, Pannenberg); Barths Erwählungslehre; Bonhoeffers Ekklesiologie; Pannenbergs Gotteslehre; Die Anthropologie Pannenbergs; Schöpfung in theologischen und naturwissenschaftlichen Perspektiven; Schrift, Autorität und Freiheit in der Kirche; Tillich: Religion, Kultur und Symbol; Rahner: Grundkurs des Glaubens.
Interdisziplinäre Oberseminare:
Texte Augustins, Hegels, Schleiermachers, Nietzsches, Whiteheads, Max Webers, Luhmanns; Themen: Liebe; Sakrament; Sünde; Public Theology; Realpräsenz Jesu Christi; Nature and Spirit, Heaven and Dao.
Kolloquien für Doktorandinnen und Doktoranden:
Laufende Forschungsvorhaben oder Themen wie bei den Oberseminaren
Projekt „Orientierungswissen: Glauben“
Prof. Welker mit Proff. Konradt, Lampe, Oeming, Schwier und Schoberth
Das Projekt „Orientierungswissen: Glauben“ ist ein in Deutschland einzigartiges Wissenschafts-Praxis-Projekt. Alle zwei Jahre findet eine Einführungsveranstaltung in Heidelberg statt. Mehrere Teams von je zwei oder drei Pfarrerinnen und Pfarrern aus verschiedenen Landeskirchen kommen nach Heidelberg, um zusammen mit Professoren der Theologischen Fakultät ein zentrales theologisches Thema (z. B. Sünde, Auferstehung) zu erarbeiten. Die Teams bilden nach diesem Treffen Regionalgruppen (mittlerweile bereits aus sieben verschiedenen Landeskirchen), die mit jeweils ca. 8-12 Teilnehmenden eigenständig weiterarbeiten. Im Verlauf von 12-18 Monaten entwickeln die Regionalgruppen Formen, mit denen sie ihre Erkenntnisse in unterschiedliche Kontexte hinein öffentlich einbringen. So wurden z. B. auf der Ebene von Dekanaten theologische Feste zu zentralen theologischen Begriffen organisiert, ein Rundfunkgottesdienst konzipiert, aber auch Gesprächsveranstaltungen über evangelische Trauerkultur in einem Kaffeehaus angeboten. Nach zwei Jahren wird der Zyklus in Heidelberg ausgewertet und ein neuer gestartet. Das Projekt „Orientierungswissen: Glauben“ soll in der Kooperation von Pfarrerinnen und Pfarrern mit Hochschullehrern dem religiösen Bildungsverfall in der Öffentlichkeit entgegensteuern.
II. Themenschwerpunkte in Forschung und Lehre:
1. Biblische Theologie
Schöpfungslehre, Christologie, Pneumatologie, Eschatologie
Seit den 80iger Jahren hat sich vor allem in Deutschland und in Nordamerika eine interdisziplinäre und interkonfessionelle Zusammenarbeit entwickelt, in deren Zentrum das Projekt einer ‚Biblischen Theologie’ steht. Die neueren Ansätze lösen sich dabei von früheren Versuchen, eine einzige Form – z. B. den Personalismus, die existentialistische Interpretation, die Sozialkritik – oder ein einziges Thema – z. B. Versöhnung, Bund, Gottesherrschaft, Heiligkeit Gottes – als ‚die’ Form oder ‚den’ Inhalt der biblischen Überlieferungen herauszuheben. Es handelt sich also um bewusst pluralistische Ansätze, die die verschiedenartigen biblischen Überlieferungen mit ihren kontinuierlichen und diskontinuierlichen, miteinander verträglichen und miteinander nicht direkt vermittelbaren Erfahrungen von Gott und Erwartungen an Gott ernst nehmen. Dem entspricht eine veränderte Wahrnehmung des biblischen Kanons. Die Zeugnisse von Gottes Gegenwart als Schöpfer, Geist und in Gestalt des Gekreuzigten und Auferstandenen sowie die Gottesbilder, die diesen Zeugnissen entspringen, folgen nicht einer dominanten Leitabstraktion, einer alles umfassenden ‚Idee von Gott’ als Subjekt, Substanz, Sein o. ä.; vielmehr erscheinen sie von Anfang an in den differenzierten Form- und Imaginationszusammenhängen von Gesetz, Prophetie, Weisheit und Evangelium. Nur wenn sich die Theologie der kanonisch strukturierten Vielfalt des Denkens und Redens von Gott bewusst wird, ist sie in der Lage, das Gewicht und die Orientierungskraft ihrer komplexen Themen und Begriffe wieder zur Geltung kommen zu lassen, die von ‚natürlichen’ und sog. ‚philosophischen’ Theologien zugunsten trügerischer reduktionistischer Klarheit verschliffen wurden.
Nach mehreren Arbeiten zur Schöpfungstheologie, Pneumatologie und Eschatologie liegt der Schwerpunkt der Arbeit zur Zeit auf der biblisch-theologischen Rekonstruktion der Christologie.
Publikationen:
- H.-J. Eckstein/M. Welker (Hg.), Die Wirklichkeit der Auferstehung, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 4. Aufl. 2010.
- G. Etzelmüller, „... zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn“. Eine biblische Theologie der christlichen Liturgiefamilien, Frankfurt: Otto Lembeck 2010.
- M. Welker, More Than a Co-suffering God: What Does the Cross of Christ Reveal?, in: Nanjing Theological Review 3, Nr. 80 (2009), 58-76.
- M. Welker, Wright on the Resurrection, Scottish Journal of Theology 60 (2007), 458-475.
- G. Etzelmüller, Christus, Heiler und Arzt. Zur systematisch-theologischen Bedeutung der neutestamentlichen Überlieferungen von den Krankenheilungen Jesu, in: G. Thomas/A. Schüle (Hg.), Gegenwart des lebendigen Christus, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2007, 319-337.
- G. Thomas, Neue Schöpfung. Theologische Untersuchungen zum ‚Leben der kommenden Welt’, Neukirchen: Neukirchener Verlag 2006.
- M. Welker, Was geht vor beim Abendmahl?, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 3. Aufl. 2005.
- M. Welker, Sola Scriptura? Die Autorität der Bibel in pluralistischen Umgebungen und die interdisziplinäre Biblische Theologie, in: F. Schweitzer/M. Welker (Hg.), Reconsidering the Boundaries Between Theological Disciplines, Münster: Lit 2005, 15-29.
- G. Etzelmüller, Realistische Rede vom Jüngsten Gericht. Erkenntnisse im Anschluß an Karl Barth, EvTh 65 (2005), 259-276.
- E. Harasta, Lob und Bitte. Eine systematisch-theologische Untersuchung über das Gebet, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2005.
2. Theologie im Dialog mit Natur- und Kulturwissenschaften
Die Theologie steht im Blick auf ihre Denk- und Sprachformen beständig im Dialog mit anderen Erkenntnissystemen wie den Natur- und Kulturwissenschaften, der Philosophie, aber auch dem Common Sense. Erkenntnis lässt sich verstehen als Gewinn von Wirklichkeit erschließenden Leitabstraktionen. Es geht darum, die Fülle und Komplexität all dessen, was wir als ‚Wirklichkeit’ bezeichnen, in einer Weise zu elementarisieren, die unserem Erkennen und Handeln konkrete Orientierungen gibt.
Zu diesem Zweck wurden in den letzten fünf Jahren mehrere international und interdisziplinär ausgerichtete Forschungsprojekte durchgeführt:
- Flesh – Body – Mind – Soul – Spirit: The Depth of the Human Person
Was das Menschenbild der Moderne anbelangt, ist die Vorstellung, dass das Individuum als selbstbewusstes, sich aufgrund seiner Verstandesfähigkeiten beständig selbst definierendes ‚Subjekt’, als ‚autonome Person’ aufzufassen sei, eine Leitabstraktion, die weit über die Aufklärung hinaus überaus wirksam geblieben ist. Auch die moderne Theologie ist vielfach von der Orientierung an diesem Verständnis von Subjektivität und Personalität geprägt – und zwar nicht nur im Blick auf ihr Menschenbild: Auch die trinitarische Personalität Gottes wurde mit Hilfe dieser Denkformen beschrieben. Innerhalb der gegenwärtigen trinitätstheologischen Diskussionen wird allerdings zunehmend kritisch hinterfragt, ob das moderne Personverständnis gemessen an den biblischen und altkirchlichen Überlieferungen die Trinitätslehre nicht verzerrt darstellt.
Um die Möglichkeiten eines Verständnisses von Person auszuloten, das interdisziplinär tragfähig ist und Orientierung bietet, haben in dem Forschungsprojekt „Flesh – Body – Mind – Soul – Spirit: The Depth of the Human Person“ Exegeten, Systematiker, Philosophen und Musik- und Naturwissenschaftler aus Deutschland, den USA, der Schweiz, England, Schottland und Indien über fünf Jahre hinweg Personkonzepte aus verschiedenen Wissensbereichen auf ihre Tragfähigkeit und interdisziplinäre Übersetzbarkeit hin überprüft. Dabei konnte u. a. die besondere Realistik der Anthropologie des Paulus rekonstruiert werden, die man mit ihrer Differenzierung von Fleisch und Leib einerseits und der Verbindung von Geist und Leib andererseits als interdisziplinäre Kontakttheorie verstehen kann.
- Concepts of Law in the Sciences, Legal Studies and Theology
Im Forschungsprojekt „Concepts of Law in the Sciences, Legal Studies and Theology“ werden Analogien und Differenzen zwischen den verschiedenen Gesetzeskonzeptionen in der Rechtswissenschaft, den Naturwissenschaften und der Theologie herausgearbeitet, um zu prüfen, ob es interdisziplinär verwendbare Gesetzesbegriffe gibt. Dabei wurden erstmals in den Dialog von Theologen und Naturwissenschaftlern auch Juristen und Rechtshistoriker einbezogen.
Das Forschungsprogramm greift zwar Anliegen der Naturrechtsdebatte auf, geht aber im Gegensatz zum Programm Joseph Kardinal Ratzingers / Benedikt XVI. davon aus, dass die vom Papst erwünschte kritische Partnerschaft von „Vernunft und Religion“ nicht im Gespräch zwischen Theologie und Philosophie allein hergestellt werden kann und schon gar nicht, indem man einen Szientismusverdacht gegenüber der Wissenschaft als solcher kultiviert oder die wissenschaftliche Rationalität pauschal für globale technologische und politisch-ideologische Selbstgefährdungen verantwortlich macht. Exemplarische Diskurse mit verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und ein Eingehen auf ihre Methoden und Denkformen sind für ein Gedeihen der Partnerschaft von „Vernunft und Religion“ unverzichtbar.
- The Standardized Monetization of the Market and the Impact on Religion, Politics, Law, and Morals
Wie verändern sich Religion, Politik, Recht und Moral, wenn Geld für alle wirtschaftlichen Kommunikationsprozesse eingeführt wird? In diesem mehrjährigen Projekt bearbeiteten Theologen, Ökonomen, Juristen, Politologen, Ethiker und Historiker aus Deutschland, der Schweiz, Schottland, Italien, Südafrika, den USA und China diese Frage. Mit Hilfe von Exegeten und Altertumswissenschaftlern wurde ausgeleuchtet, wie die Einführung von Geld für alle wirtschaftlichen Transaktionen große Umstellungen von Kulturen und Gesellschaften bewirkt. Dieser Wandel vollzieht sich ca. 600 v. Chr. in Griechenland, 500 v. Chr. in Palästina. Bei der Untersuchung spielen biblische Zeugnisse, besonders das Buch Kohelet, eine wichtige Rolle. Auch weitere Entwicklungen – etwa die Einführung von Papiergeld in China für das Ahnenopfer im Mittelalter und der Widerstand der Reformation gegen die Monetarisierung des Glaubens im Ablasshandel – wurden historisch und systematisch aufgearbeitet.
Eine innerdeutsche und innertheologische Konsultation zum Thema „Geld und Geldmetaphorik in den biblischen Überlieferungen“ ging diesem Projekt voraus. Die Beiträge dazu wurden im Jahrbuch Biblische Theologie (Band 21, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2006) unter dem Thema „Gott und Geld“ dokumentiert. Es zeigt sich z. B., dass der zum Schlagwort gewordene Dual „Gott oder Mammon“ nur zweimal in der Bibel vorkommt bei etwa 300 weiteren inhaltlich relevanten Aussagen über Geld und Geldmetaphorik.
- Concepts of “Law and Love” in (Neo-)Confucian and Jewish-Christian Traditions
Auf das rasante Wachstum des Christentums in China und das zunehmende Interesse an theologischen Fragestellungen an chinesischen Universitäten hat das Heidelberger Forschungszentrum für Internationale und Interdisziplinäre Theologie (FIIT) durch den Ausbau von Kontakten zu chinesischen Institutionen und Wissenschaftlern, die an religionswissenschaftlichen und theologischen Fragestellungen interessiert sind, reagiert. Seit 2006 finden jährlich Kolloquien von Mitgliedern des FIIT mit chinesischen Religionswissenschaftlern und Philosophen aus China, Hongkong und Taiwan statt.
Dabei wurde deutlich, dass nicht nur die sich in China entwickelnde Theologie das kritische Gespräch mit chinesischen Philosophien und Weltanschauungen suchen muss, sondern dass sich angesichts der zunehmenden weltgesellschaftlichen Bedeutung Chinas auch die westliche Theologie auf den Dialog mit chinesischen Überlieferungen und Theoriebildungen einlassen sollte, um realistische und global überzeugende Leitabstraktionen zu gewinnen. Es bietet sich an, zunächst große Begriffe zu klären, die sowohl in christlichen als auch in chinesischen Überlieferungen von besonderer Bedeutung sind. Dabei gilt es, die Komplexität der jeweiligen Traditionen zu bewahren, um die gängige dualistische Entgegensetzung von chinesischer und westlicher Kultur zu überwinden. Weder jüdisch-christliche noch chinesische Überlieferungen legen es nahe, Liebe allein als romantische Ich-Du-Beziehung zu fassen. Angemessen ist es, Liebe als freiwillige schöpferische Selbstzurücknahme zugunsten anderer zu verstehen. Liebe schafft freundliche und lebensförderliche Umgebungen für die Geliebten und erfreut sich an der dadurch ermöglichten Entfaltung ihres Lebens. Im Herbst 2010 wurde eine neue Tagungsreihe zum Themenfeld „Nature and Spirit, Heaven and Dao“ gestartet.
Die genannten Projekte wurden bzw. werden u. a. von der Fritz Thyssen Stiftung, der VolkswagenStiftung, der Ruhrkohle, der Evangelischen Kirche im Rheinland sowie der John Templeton Foundation finanziert.
Publikationen:
- M. Welker, Die Anthropologie des Paulus als interdisziplinäre Kontakttheorie, in: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für 2009, Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2010, 98-108.
- G. Etzelmüller/A. Weissenrieder (Hg.), Religion und Krankheit, Darmstadt 2010.
- A. Lebkücher, Theologie der Natur. W. Pannenbergs Beitrag zum Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2010.
- Chun Chul, Kreativität und Relativität der Welt beim frühen Whitehead. Eine Rekonstruktion von Alfred North Whiteheads früher Naturphilosophie (1915-1922), Vorwort von M. Welker, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2010.
- M. Welker, Schöpfung und Endlichkeit. Theologische und naturwissenschaftliche Perspektiven, in: H. Bedford-Strohm (Hg.), Und Gott sah, dass es gut war. Schöpfung und Endlichkeit im Zeitalter der Klimakatastrophe, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2009, 15-28.
- G. Etzelmüller, Der kranke Mensch als Thema christlicher Anthropologie. Die Herausforderung der Theologie durch die anthropologische Medizin Viktor von Weizsäckers, ZEE 53 (2009), 163-176.
- P. Meusburger/E. Wunder/M. Welker (Hg.), Clashes of Knowledge. Orthodoxies and Heterodoxies in Science and Religion, Klaus Tschira Symposia – Knowledge and Space 1, Springer Science and Business Media B.V. 2008.
- M. Welker, Habermas und Ratzinger zur Zukunft der Religion, EvTh 68 (2008), 310-324.
- M. Welker, Gesetz und Geist. Über die Orientierungskraft biblischen Denkens im Prozess der Globalisierung, in: Gábor Máthé (Hg.), Károli Gáspar Református Egyetem Állam- és Jogtudományi Kar, 1998-2008, Juristische Fakultät der Károli Gáspár Reformierten Universität, Budapest 2008, 17-29.
- M. Welker/M. Wolter (Hg.), Jahrbuch für Biblische Theologie, Bd. 21: Gott und Geld, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2006.
- M. Welker/M. Volf (Hg.), Der lebendige Gott als Trinität. FS Jürgen Moltmann zum 80. Geburtstag, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2006.
- M. Welker/M. Volf (Hg.), God's Life in Trinity. FS Jürgen Moltmann, Philadelphia: Fortress 2006.
- M. Welker, The Spirit in Philosophical, Theological, and Interdisciplinary Perspectives, in: ders. (Hg.), The Work of the Spirit: Pneumatology and Pentecostalism, Grand Rapids: Eerdmans 2006, 221-232.
- M. Welker, Theological Anthropology versus Anthropological Reductionism, in: E. K. Soulen/L. Woodhead (Hg.), God and Human Dignity, Grand Rapids: Eerdmans 2006, 317-342.
3. Images of the Divine and Cultural Orientations
Die Geschichte der Kulturen, insbesondere der westlichen Gesellschaften, ist in hohem Maße vom Zusammenwirken religiöser Überzeugungen und anderer sozialer Dynamiken und kultureller Muster geprägt. Diese Prägung ist durchaus ambivalent: Religionen können z. B. die Suche nach Recht, Gerechtigkeit und Wahrheit anregen und beleben, aber sie können auch Diskriminierung und Gewalt stützen. Von kulturwissenschaftlicher Seite ist in den letzten Jahren wiederholt bezweifelt worden, dass die großen monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam), die eine unbedingte Loyalität dem einen Gott gegenüber einfordern, überhaupt in der Lage seien, konstruktive Beiträge zur Gestaltung demokratischer und pluralistischer Gesellschaften zu leisten. Das Forschungsprojekt „Images of the Divine and Cultural Orientations“ will erkunden, wie wir die komplexen Beziehungen zwischen religiösen Überzeugungen und kulturellen Orientierungsmustern zu verstehen und zu deuten haben.
Die komplexen Beziehungen zwischen religiösen Überzeugungen und kulturellen Orientierungsmustern sollen dabei unter Beachtung und intensiver Ausleuchtung der internen Logiken der religiösen Überzeugungen einerseits und andererseits mit einer ausgeprägten Sensibilität für die Komplexität kultureller Dynamiken in pluralistischen Gesellschaften, die global miteinander interagieren, rekonstruiert werden. Sowohl die internen Logiken der religiösen Überlieferungen als auch die Komplexität der kulturellen Prozesse nötigen dazu, typisch moderne Denkformen in Theologie und Kulturwissenschaften zu problematisieren. Um soziale Kohäsion auszubilden, hat modernes Denken oftmals schlicht die Einheit Gottes und die abstrakte Gleichheit aller Bürger betont. Angesichts der globalen Entwicklungen können diese Denkformen aber nicht leisten, was sie einst zu leisten versprachen. Gegenwärtig besteht nicht nur die Notwendigkeit, Formen zu entwickeln, die es erlauben, religiöse Pluralität zu verstehen und lebensförderlich zu gestalten, sondern auch die Aufgabe, das bestimmten religiösen Traditionen eingeschriebene Orientierungswissen freizulegen und für gegenwärtige Diskurse zu übersetzen und nutzbar zu machen.
Das Projekt führt Forscherinnen und Forscher verschiedener Fachrichtungen aus Deutschland (Berlin, Freiburg, Heidelberg und Tübingen) und den USA (Chicago, Harvard, Yale) zusammen, um neue und weiterführende Erkenntnisse in der historischen, politischen, moralischen und theologischen Erforschung der Interaktion von religiösen Überzeugungen und sozialer Praxis zu gewinnen.
Das Projekt wird gefördert von der Zukunftsoffensive IV des Landes Baden-Württemberg.
Publikationen:
- M. Welker, Barmen III: Woran orientieren? Die Gestalt der Kirche in gesellschaftlichen Umbrüchen, in: Begründete Freiheit – Die Aktualität der Barmer Theologischen Erklärung. Vortragsreihe zum 75. Jahrestag im Berliner Dom, Evangelische Impulse 1, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2009, 59-75.
- M. Welker, Which Forms and Themes Should Christian Theology Uphold in Dialogue with Secular Culture?, in: Bruce L. McCormack u. Kimlyn J. Bender (Hg.), Theology as Conversation: The Significance of Dialogue in Historical and Contemporary Theology, FS Daniel L. Migliore, Grand Rapids u. Cambridge / U.K.: Eerdmans 2009, 297-312.
- M. Höfner, Sinn, Symbol, Religion. Theorie des Zeichens und Phänomenologie der Religion bei Ernst Cassirer und Martin Heidegger (Religion in Philosophy and Theology 36), Tübingen: Mohr (Siebeck) 2008.
- W. Ng, Die Leidenschaft der Liebe: Schelers Liebesbegriff als eine Antwort auf Nietzsches Kritik an der christlichen Moral und seine soteriologische Bedeutung, Frankfurt: Peter Lang 2008.
- H. Springhart, Aufbrüche zu neuen Ufern. Der Beitrag von Religion und Kirche für Demokratisierung und Reeducation im Westen Deutschlands nach 1945, Leipzig: EVA 2008.
- H. Springhart, „… dass es eine Hoffnung gibt für Deutschland…“. Religion und Kirchen im Nachkriegsdeutschland als gesellschaftliche Institutionen der Reeducation, in: H. Braun/U. Gerhardt/E. Holtmann (Hg.), Die lange Stunde Null. Gelenkter sozialer Wandel in Westdeutschland nach 1945, Baden-Baden: Nomos 2007, 91-117.
- M. Welker, Kirche im Pluralismus, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2. Aufl. 2000; chines. Übersetzung 2010.
4. Theologie des Protestantismus und Kultur der Moderne
Das Denken der Reformatoren, aber auch Erkenntnisse von reformatorischen und reformierten Theologen der Neuzeit, ihr Engagement und ihre Ideen haben das Christentum weltweit geprägt. Luther und Calvin, aber auch Schleiermacher, Barth, Bonhoeffer und Moltmann werden auch in Zukunft ökumeneweit inspirierend wirken. Ihre Ausstrahlungs- und Orientierungskraft reicht dabei über Kirche und Religion hinaus. Sie sind und bleiben lebendige Klassiker, auch in einer Zeit, die auf vielen Gebieten internationale und interdisziplinäre Verständigung einfordert.
Ihre Rekonstruktion und kritische Aufarbeitung gehören deshalb zu den Kernaufgaben systematischer Theologie. Dabei ist in den letzten Jahren insbesondere die Orientierungskraft von Calvins politischer Theorie, von Schleiermachers frühester Ethik, von Bonhoeffers Ekklesiologie und Barths Sündenlehre erschlossen worden.
Dass Calvins Institutio mit der Lehre vom bürgerlichen Regiment schließt, verdeutlicht den engen Zusammenhang von Theologie und kultureller Orientierung. Calvins breite biblische, juristische und humanistische Bildung erlaubt ihm eine multikontextuelle weltgeschichtliche Sicht, die eine klare theologische und ethische Orientierung mit kontextueller Einfühlsamkeit verbindet. Calvins Wirken zugunsten der Gewaltenteilung und eines differenzierten, nicht aber hierarchisch integrierten Zusammenwirkens von Religion, Politik, Recht, Wissenschaft und Bildung ebnet die Wege zur Entwicklung moderner freiheitlicher Gesellschaften.
Schleiermachers Ethik ist von ihren Anfängen her und damit im Ansatz moderne Reduktionismen überwindend gleichermaßen individualtheoretisch, personalistisch und geselligkeitstheoretisch konzipiert und mit einer Gefühls- und Religionstheorie verbunden. Charakteristisch ist dabei, dass Schleiermacher nicht – typisch modern – vom individuellen Subjekt auf die Umgebung hin denkt, sondern von der Umgebung auf das Subjekt hin.
Eine ähnliche Komplexität weist die Ekklesiologie des jungen Bonhoeffer auf. In seiner „dogmatischen Untersuchung zur Soziologie der Kirche“ verknüpft Bonhoeffer Personbegriff, elementare Ich-Du-Beziehungen sowie komplexe Formen von Interpersonalität und Gottesbeziehung. Dabei beobachtet er, dass das Verhältnis dieser vier Formen in unterschiedlichen Zeiten und Situationen je anders bestimmt wird. Eine hinreichend komplexe Ekklesiologie darf weder von nur einer dieser Bezugsgrößen (also vom Personbegriff oder von der Ich-Du-Beziehung oder von der Sozialität oder vom Gottesbegriff) her konstruiert werden noch im Bezug auf allein eine Verhältnisbestimmung dieser verschiedenen Formen.
Publikationen:
- M. Welker, Ist Barths Sündenlehre in gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten relevant?, erscheint in ZDTh 26 (2011).
- Yo Fukushima, Aus dem Tode das Leben, Eine Untersuchung zu Karl Barths Todes- und Lebensverständnis, Zürich: TVZ 2009.
- M. Welker, Calvins Lehre vom ‚Bürgerlichen Regiment’. Ihre Orientierungskraft in Pluralismus und Globalisierung, in: Michael Weinrich u. Ulrich Möller (Hg.), Calvin heute. Impulse der reformierten Theologie für die Zukunft der Kirche, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2009, 243-252; auch in: EvTh 69 (2009), 471-478.
- M. Welker, Theologische Profile. Schleiermacher – Barth – Bonhoeffer – Moltmann, Edition Chrismon, Frankfurt: Hansisches Druck- und Verlagshaus 2009.
- G. Etzelmüller, Christentum als Religion der Heilung. Zur Verhältnisbestimmung von moderner Theologie und Krankenbehandlung, in: G. Thomas u. I. Karle (Hg.), Krankheitsdeutung in der postsäkularen Gesellschaft. Theologische Ansätze im interdisziplinären Gespräch, Stuttgart 2009, 448-464.
- M. Welker/B. Hamm, Die Reformation. Potentiale der Freiheit, Mohr Siebeck: Tübingen 2008.
- M. Welker/W. Alston (Hg.), Reformed Theology. Identity and Ecumenicity II, Grand Rapids: Eerdmans 2007.
- M. Welker, McKay Lectures: Reformed Theology. Profile and Promise, Taipeh 2006.
- S.-H. Oh, Karl Barth und Friedrich Schleiermacher 1909-1930, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2005.
III. Herausgeberschaften/Mitherausgeberschaften:
Mitherausgeber oder Mitglied des advisory boards von Zeitschriften und Jahrbüchern:
- Chinese Academic Library of Christian Thought,
- Evangelische Theologie,
- Jahrbuch für Biblische Theologie,
- Journal of Law and Religion,
- Process Studies
- Sino-Christian Studies,
- Soundings - An Interdisciplinary Journal,
- Verkündigung und Forschung,
- Word and World,
- International Journal of Orthodox Theology
Mitherausgeber wissenschaftlicher Reihen:
- International Theology / Internationale Theologie,
- Neukirchener Beiträge zur Systematischen Theologie
IV. Lebenslauf
- Geb. 1947 in Erlangen, aufgewachsen in West-Berlin (Französisches Gymnasium) und Grünstadt/Pfalz (Leininger Gymnasium).
- Ordinierter Theologe der Pfälzischen Kirche.
- Dr. theol. (Tübingen), Dr. phil. (Heidelberg), Dr. theol. habil. (Tübingen).
- Professor an der Universität Tübingen (1983-1987).
- Professor für Reformierte Theologie an der Universität Münster (1987-1991).
- Seit 1990 Einladungen zu named lectures: Chicago Divinity School, Yale Dinivity School, Princeton Theological Seminary, Harvard Divinity School, New College Edinburgh, University of Stellenbosch, Soongsil Universität Seoul, Universität und Geistliche Akademie St. Petersburg, Valparaiso University, Taiwan Theological Seminary, St. Tikhon University in Moskau.
- Seit 1991 Professor für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg.
- Gastprofessuren: 1984 Honorary Research Fellow am Institute for the Advanced Study of Religion, Divinity School der University of Chicago; 1985 McMaster University; 1988, 1995, 1997 und 1999 Princeton; 2001 Harvard, 2008 Cambridge (UK).
- Weitere Rufe an die McMaster Universität, Ontario, Kanada, und an das Princeton Theological Seminary.
- 1996-2006 Direktor des Internationalen Wissenschaftsforums der Universität Heidelberg.
- 2003 Angebot, die Stelle des Direktors am Center of Theological Inquiry in Princeton zu übernehmen.
-
2004 Dr. theol. h.c. (Universität Debrecen).
Berufung in die Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Mitglied des Direktoriums des Heidelberg Center for American Studies (HCA).
Wahl zum Richter am Verfassungsgerichtshof der Evangelischen Kirche in Deutschland. - 2005 Geschäftsführender Direktor des Forschungszentrums Internationale und Interdisziplinäre Theologie (FIIT Heidelberg).
- 2006 Verleihung der Universitätsmedaille der Universität Heidelberg