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Ausfall Sprechstunde Prüfungsamt
Bitte beachten Sie folgenden Hinweis des Prüfungsamtes: Am Mittwoch, dem 20. August 2014 muss die Sprechstunde von Frau Beetschen leider entfallen.
Exkursion Tel Azekah
Wir verweisen auf die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Solange diese besteht, kann und darf keine universitäre Veranstaltung in dem betreffenden Land – hier GAZA-Streifen und einem Radius von 40 km um diesen herum – stattfinden. Wir empfehlen dringend, diese Warnung zu beachten. Nähere Informationen zur Lage vor Ort erhalten Sie auch bei der diplomatischen Vertretung der BRD in Tel Aviv. gez. Dekan
Heidelberger Colloquium - Aram and Israel during the Early Iron Age
Vom 1. bis 4. September 2014 findet im IWH das Heidelberger Colloquium zum Thema: Aram and Israel statt.
Die Archäologie des Biblischen Jerusalem - Öffentlicher Vortrag von Israel Finkelstein
Prof. Israel Finkelstein hält am 4.9.14 um 18.00 Uhr in der Aula der Alten Universität einen öffentlichen Vortrag zu den neuesten archäologischen Ergebnissen von den Ausgrabungen in Jerusalem.
Zum Tod von Prof. Dieter Zeller
Die Theologische Fakultät gibt mit Bedauern den Tod von Prof. Dieter Zeller (24.06.1939-16.02.2014) bekannt.

03.05.2009: Prof. Dr. Klaus Tanner über Joh 15, 1-8

Liebe Gemeinde !

Wir kennen das alle aus unterschiedlichen Lebenslagen: Beharrlich an etwas dran bleiben ist alles andere als einfach.

Die Studierende, die sich vornimmt eine Seminararbeit zu schreiben hat soviel anderes zu tun. Auf die vorsichtige Frage, wie es denn mit der Arbeit vorangeht, antwortet sie etwas verlegen: Sie sei einfach noch nicht dazu gekommen wegen zu vieler anderer Dinge.

Dem Lehrenden und Forschenden geht es oft ebenso. Der Kopf ist voller Ideen, was publiziert werden könnte. Dann kam noch eine Sitzung, diese Anfrage für ein Referat und dazu dann auch mal die Unlust wieder ein Wochenende am Computer zu sitzen.Aber im Herausgefordertsein liegt auch die Chance für ein positives Erleben:

Wer es schafft, ein Ziel, das er sich gesetzt hat zu erreichen, erlebt  etwas Befriedigendes. Die Seminararbeit abgeben können, den Aufsatz gedruckt in Händen halten - das sind schöne Momente.

Die Situation, in der wir uns herausgefordert fühlen ist offen. Scheitern und Gelingen - beides ist möglich. Die Herausforderung zur Beständigkeit hat Folgen, die auf uns selbst zurück wirken. Am Ende sind wir entweder unzufrieden oder wir freuen uns übers Gelingen.

 Solange es nur um Seminararbeiten und Aufsätze geht ist das alles nicht so dramatisch. Aber an diesen simplen Beispielen zeigt sich etwas, was charakteristisch ist

für unseren ganzen Lebensvollzug: Wir müssen uns in der Vielzahl der Möglichkeiten für etwas entscheiden und dann braucht es Beständigkeit, um sich nicht immer wieder neu irritieren und ablenken zu lassen.

 

Ohne solch eine innere Haltung und Kontinuität, die wir durchhalten in den Wechselfällen des Lebens kann z.B. Vertrauen zwischen Menschen nicht wachsen. Wenn zwei beschließen, ihren Lebensweg gemeinsam gehen zu wollen, kann das nur gelingen, wenn jeder der Partner es schafft, anderen Verlockungen zu widerstehen und innerlich bei seiner Entscheidung zu bleiben.  Wenn die Bitte eines Partners “bleib doch bei mir” keine Resonanz mehr findet beim Gegenüber dann erleben das die meisten so, daß da nicht nur “etwas”, eine Beziehung gescheitert ist,  sondern sie selbst. Und umgekehrt gilt: Wo es gelingt, in solche Krisen, die wohl in keiner Beziehung aus bleiben, beim ursprünglich Intendierten und beim anderen zu bleiben, stellt sich ein tieferes Glück ein.

Größe und Gefahr für unser Leben liegen nahe beieinander. Wir sind offen für Vieles, anregbar, zunächst wenig festgelegt. In der Welt der vielen Verheißungen, in der wir uns dauernd bewegen, können wir nur eine eigene Identität ausbilden, wenn wir uns entscheiden und dann auch mit einer gewissen Beständigkeit im Fluß der Zeit an dem festhalten, wofür wir uns entschieden haben.

 

Wir können aber auch engstirnig werden, uns nicht mehr anrühren lassen, nicht mehr einlassen auf Neues und glauben, uns dadurch zu bewahren. Unser Leben ist ein dauernder Balance-Akt zwischen sich Öffnen, Einlassen auf Neues und zugleich eine Distanz halten, aus der heraus ein eigenes Urteil möglich ist. Der innere Zusammenhang einer Lebensführung stellt sich nur ein im Durchgang durch die Vielzahl der Lebenssituationen und Herausforderungen.

  

Alle Tugendlehren in der Geschichte der ethischen Reflexion umkreisen das Versprechen auf Lebensgewinn und die Schwierigkeiten, die mit diesem  “Dran bleiben” verknüpft sind.  Sie sensibilisieren dafür, daß menschliches Leben nur gelingen kann, wenn wir eine eigene Haltung ausbilden, die wir durchhalten im Hin und Her des Lebens. Auch Immanuel Kant hat in seinen Überlegungen zum Zusammenhang von Freiheit und Pflicht diesen Zusammenhang im Blick: Sich verpflichten heißt, eine Beständigkeit im eigenen Handeln versprechen, kontinuierlich an einer Einsicht und einem Entschluß festhalten, auch wenn sich die Bedürfnislage mal wieder ändert. Der Mensch, der nicht von Natur aus fest an eine Form der Lebensführung gebunden ist, kann selbst eine bestimmte Form für seine Leben ausbilden. Darin liegt die “Größe” des Menschen. Von einer Persönlichkeit, die wir achten, sprechen wir, wenn wir solch einen Charakter wahrnehmen, eine Festigkeit, die eben nicht engstirnig ist sondern sich frei in der Vielfalt des Lebens bewegt, ohne sich darin zu verlieren.

 

In allen diesen ethischen Reflexionen über die Verfassung des menschlichen Lebens wurde eines immer unterstrichen: Das Ausbilden solch einer Haltung stößt in uns selbst auf Widerstand. Sie stellt sich nicht einfach von alleine ein. Wir müssen immer wieder neu um diese Haltung, die innere Beständigkeit und ein eigenständiges Urteilsvermögen kämpfen, denn es gibt Vieles, was uns schnell in die eine oder andere Richtung zieht und beeinflußt. Es braucht Kraft um Kurs zu halten in den gegensätzlichen Herausforderungen des Lebens.

  

Gelingen, Scheitern und die Mühe, die es macht beharrlich zu bleiben - das sind Dimensionen, die in dem Bildwort des Weinstocks eingefangen sind. Der Wein und der Weinstock sind alte Bilder für die Fülle und den Reichtum des Lebens. Und die Arbeit im Weinberg ist ein Bild für die harte Arbeit die nötig ist, damit reichlich geernt werden kann. Solcher Realismus findet seinen Ausdruck auch in der bedrohlich klingenden Dimension des Textes: da wird gereinigt, weggeschnitten, verbrannt.

 

Es geht dabei nicht ums Einschüchtern. Die Gerichtsmetaphorik bringt den Ernst der Thematik zum Ausdruck. Es geht nicht um irgend etwas Nebensächliches; es geht um uns selbst, um das Gelingen oder Mißlingen unseres Lebens. Die Früchte wachsen uns nicht automatisch in den Mund, sowenig wie eine Beziehung zwischen zwei Menschen automatisch gelingt. Ohne Auseinandersetzung, Anstrengung, Kampf und Blessuren wird keiner seine Haltung, seinen Charakter ausbilden können.

Der Schwerpunkt des Textes liegt auf dem Positiven. Es geht um den Erfolg, ums Gelingen. In der Bildsprache des Textes: Es geht ums “mehr Frucht bringen”. In der lateinischen Übersetzung klingt das noch deutlicher  heraus: fructum plus, fructum multum, fructum plurimum lautet die Sequenz.

An dieser Stelle wird die Bildebene überschritten. Trauben hängen am Stamm und sie werden zurecht geschnitten. Über sie wird verfügt. Sie selbst können kaum etwas dazu beitragen, dass es eine gute Ernte wird. Die Trauben sind ein Sinnbild des Passiven. Bei ihnen macht es keinen Sinn zu appellieren: Bleibt beharrlich in euerer Lebensausrichtung!

Was bei den Trauben selbstverständlich ist, ist es bei uns gerade nicht, das “Dran-bleiben”. Die Frage danach, woher  die Kraft zur Beharrlichkeit kommt, ist ein Dauerthema im menschlichen Leben und deshalb durchzieht dieser Appell “bleibt” den Text. Wer so nachdrücklich appelliert, weiß wie wenig selbstverständlich solches “bleiben” im menschlichen Leben ist.

Ja mehr noch: Wir schlagen uns mit einer noch fundamentaler Frage herum: Woran sollen wir denn “hängen”, woraus sollen wir unsere Lebenskraft bekommen?

Als dieses sich Durchhaltende, das was Kraft gibt zur Beharrlichkeit wird eine Struktur beschrieben, die den Einzelnen in dieser höchst individuellen Lebensaufgabe der Identitäts- und Charakterbildung gerade nicht auf sich selbst fixiert. Im Bild des Weinstocks und der Arbeit des Winzers wird eine komplexe Struktur des Zusammenwirkens beschrieben, die den angestrebten Erfolg und Lebensgewinn verknüpft mit einem Beziehungsgefüge, das über das eigene Ich und seine Fähigkeiten hinausgeht.

 Zugespitzt heißt es: So wie die Rebe in einem komplexen Zusammenspiel von Faktoren Frucht bringt, so kann auch das menschliche Leben gelingen, wenn der Mensch nicht auf sich selbst fixiert bleibt..

Nur im Überschritt über sich selbst hinaus kann der Mensch seine Identität bilden. “Sich - verlassen” - wörtlich genommen - “weggehen von sich” muß der Mensch wenn er sich finden will.

 

Solches Transzendieren erleben wir dann und wann in beglückenden Momente in unserem Leben. An einem Abend mit Freunden in guten Gesprächen stellt sich manchesmal solches Glück des Gelingens ein. Auch da bedarf es des “Dran-bleibens”, der Aufmerksamkeit und des Interesses am Anderen und an einem Gesprächsinhalt. Wenn im small-talk, mal über das, dann über jenes geredet wird oder jemand immer wieder versucht, das Gespräch ganz auf sich zu fixieren, stellt sich das kaum ein.

 

Aber wenn sich “eine Mitte” des Gesprächs ergibt, dann erleben sich alle Beteiligten in gewisser Weise ausser sich, vereint in dieser Mitte und doch erleben sie sich in diesem “ausser sich” zugleich intensiv als sie selbst. “Sein im Anderen” und “Sein bei sich selbst” sind dann kein Gegensatz mehr. Hans Georg Gadamer hat in “Wahrheit und Methode” vom “Verschmelzen der Horizonte” gesprochen, das  sich in einem Gespräch ereignen kann. Gelingende Kommunikation ist nicht “ein bloßes Sichausspielen und Durchsetzen des eigenen Standpunktes, sondern eine Verwandlung ins Gemeinsame hinein, in der man nicht bleibt, was man war”.

 

Solches Gelingen in der Verständigung haben wir nicht in der Hand. Wir können es nicht erzwingen. Wenn wir eine bereichernde “Verwandlung ins Gemeinsame” erleben dann verstehen wir es als ein Geschenk.

  

Wir können unser Leben nur führen, wenn wir uns selbst überschreiten, transzendieren. Deshalb bricht  im menschlichen Leben immer wieder eine beunruhigende Frage auf: Können wir uns auf das, woraufhin wir uns überschreiten auch wirklich verlassen? Verlieren wir uns nicht, wenn wir uns hineinbegeben in Aufgaben und Beziehungen, die wir nicht “in der Hand haben”? Ist das ein vertrauenswürdiger Grund, auf den hin wir uns bewegen? Wenn zwei Menschen beginnen, sich aufeinander einzulassen und überlegen, ob sie miteinander leben wollen, stellt sich meistens auch dieses unruhige Fragen des Herzens ein: Ist er oder sie verläßlich? Bin ich verläßlich? Worauf lasse ich mich da ein? Es braucht die Hoffnung und das Vertrauen darauf, daß der andere beständig sein wird.

 

Die Suche danach, was wirklich vertrauenswürdig und verläßlich ist hat Martin Luther als den eigentlich Sinn der Gottesfrage beschrieben. In der Auslegung des 1. Gebots beschreibt er uns Menschen als bedürftige Wesen, die auf der Suche nach dem sind, was unserem Leben Halt zu geben vermag. Glauben umschreibt Luther als Vertrauen, als sich verlassen, als “sein Herz an etwas hängen” das verläßlich ist.

 

So vertrauen und uns verlassen, auf Herausforderungen sich Einlassen können wir nur, wenn wir wissen, daß wir uns damit nicht ganz aufs Spiel setzen. Das geht nur wenn wir uns getragen und gehalten wissen und der Erfolg oder Mißerfolg unserer Anstrengung nicht endgültig über uns selbst entscheidet.

 

Wo sollen wir beharrlich dranbleiben? Worauf sollen wir uns verlassen? Darauf gibt das Johannesevangelium eine klare Antwort: haltet Euch an die Liebe Gottes: “Bleibt in meiner Liebe” heißt es. Martin Luther hat Gott einmal als einen “glühenden Backofen voller Liebe” umschrieben, der seine Wärme verströmen will.

 

“Liebe” ist eine Kommunikationsstruktur, in der die Liebenden wechselseitig aufeinander bezogen sind und im anderen Ihrer Selbst das Gelingen finden.

 

Als das “im anderen seiner selbst bei sich selbst sein” hat Hegel diese Struktur einer lebenssteigernden Kommunikation  umschrieben. Liebe ist ”Verwandlung ins Gemeinsame”, wie Gadamer das genannt hat. Sich transzendieren und sich bereichert empfangen sind in der Liebe eng verschränkt.

 

In der Liebe erleben wir uns als Empfangende und Beschenkte. Geschenkte Liebe ermöglicht Leben. So wie die Trauben ihre Lebenskraft nicht aus sich selbst haben sondern versorgt werden durch den Weinstock, so dürfen wir uns in unserem Leben verstehen als von Gott Gehaltene und Versorgte. Das Dran-bleiben ist nötig, aber dafür wird uns auch Kraft geschenkt.

 Wenn wir dann gemeinsam Abendmahl feiern, dann bringt dieser Ritus sinnenfällig zum Ausdruck: Wir sind zuerst Empfangende. Wir dürfen uns verstehen als Geschöpfe, denen der Schöpfer Anteil gibt an seiner Lebenskraft. Daraus kann dann auch die Kraft erwachsen fürs “Dran-bleiben” an den Aufgaben und Herausforderungen die uns gestellt sind.

Möge Gott unseren Verstand und alle Sinne dafür öffnen, daß wir wahrnehmen können wie er uns tagtäglich beschenkt mit den Grundkräften des Lebens, Vertrauen und Liebe.


Amen.

 

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Letzte Änderung: 01.11.2012
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