07.12.2008: Prof. Dr. Michael Welker über Lk 21,25-33

Predigt am 2. Advent 2008 im Universitätsgottesdienst in der Peterskirche zu Heidelberg über Lukas 21, 25-33

 

Prediger: Prof. Dr. Dr. Michael Welker

 

 

Lukas 21, 25-33:

 

25 Und es werden Zeichen sein an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde Angst der Völker in Ratlosigkeit vor dem Brausen und Wogen des Meeres.

 26 Die Menschen werden vor Furcht und in Erwartung der über die Erde kommenden Ereignisse den Geist aufgeben; denn die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden.

 27 Dann werden sie den Menschensohn kommen sehen in einer Wolke mit Macht und großer Herrlichkeit.

 28 Wenn diese Ereignisse zu geschehen beginnen, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung naht.

 29 Und er sagte ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle anderen Bäume:

 30 Sobald ihr seht, dass sie ausschlagen, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.

 31 Genauso erkennt ihr, wenn ihr diese Ereignisse seht, dass das Reich Gottes nahe ist.

 32 Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles eintrifft.

 33 Der Himmel und die Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.

 

 

 

Was für ein Thema, liebe Gemeinde: das Kommen des Menschensohnes am Ende der Zeiten! Müssen wir uns das zumuten, gerade in der Adventszeit, in der Zeit der reinen Vorfreude auf die Geburt des Kindes in der Krippe, in der Zeit der Vorfreude auf das Kommen des Königs der Liebe und der Gewaltlosigkeit?

 

-          Wir sollen als Theologen (und Theologinnen) von Gott reden.

-          Wir sind aber Menschen, und können als solche nicht von Gott reden.

-          Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können wissen, und eben damit Gott die Ehre geben.

 

An diese Worte Karl Barths über die Bedrängnis der Theologie musste ich denken, als ich mich mit dem Predigttext des heutigen Sonntags zu befassen begann. Kosmische Katastrophen, Weltuntergangsstimmung, große Angst – und doch: Erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht! Die sogenannte Naherwartung des Reiches Gottes wird den Menschen zugesagt: Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles eintrifft! Aber ist diese Zusage nicht seit 2000 Jahren Generation für Generation enttäuscht worden?

 

Lukas steht im biblischen Kanon nicht allein mit seiner Rede vom Kommen des Menschensohnes in der Wolke. Auch Matthäus und Markus sprechen von dieser Himmelserscheinung. Neben der Wolke der Gottesoffenbarung, - ein Bild, das sich schon im Alten Testament findet - gebrauchen Matthäus und Lukas auch das Bild des Blitzes, „der bis zum Westen hin leuchtet, wenn er im Osten aufflammt“. Die Evangelien verbinden die Rede von diesen Himmelserscheinungen mit einer Warnung: „Wenn dann jemand zu euch sagt: Seht, hier ist der Messias! Oder: Da ist er! So glaubt es nicht!“ (Lk 17, 22; Mt 24, 23ff; Mk 13, 21ff). Sie warnen also vor falschen Propheten der Endzeit. Diese Warnung lassen wir uns gern sagen. Sie stellt alle Weltuntergangspropheten und jeden selbsternannten Messias bloß. Sie warnt uns auch davor, mirakulöse Erwartungen auf die sogenannte „Wiederkunft Jesu Christi“ zu richten. Denn er kommt nicht wieder als ein Mensch unter Menschen. Aber wie sollen wir die Rede von diesen phantastischen Himmelserscheinungen mit Weltuntergangsstimmung, Wolke und Blitz verstehen?

 

Wir sind uns in der theologischen Forschung ziemlich sicher, dass Jesus die Rede vom „Menschensohn“ auf sich selbst bezogen hat. Er hat sich damit einerseits als Mensch unter Menschen, als Mensch wie du und ich, zu erkennen gegeben. Andererseits steht der Menschensohn für eine einzigartige himmlische Hoheitsgestalt, voller Macht und Herrlichkeit, der nach Daniel 7 die Gottesherrschaft übertragen wird: „Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn ... Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben ... Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.“

 

Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott – die Rede vom Menschensohn bringt dies zum Ausdruck. Das himmlische Kommen des Menschensohnes, seine Parusie, wird von den biblischen Zeugen mit der Offenbarungswolke oder mit einem gewaltigen Blitz, mit dem Aufgebot der Engel und dem endzeitlichen Gericht verbunden. Ist das alles nur religiöser Theaterdonner, fundamentalistische Angstmacherei?

 

Vor etwa zehn Jahren führten wir ein mehrjähriges internationales und interdisziplinäres Forschungsprojekt über Endzeitszenarien in Naturwissenschaft und Theologie durch. Seine Ergebnisse sind gesammelt in dem in den USA sehr erfolgreichen Buch: The End of the World and the Ends of God: Science and Theology on Eschatology (Das Ende der Welt und die Absichten Gottes: Naturwissenschaften und Theologie über Fragen der Eschatologie). Die Botschaften der Naturwissenschaftler über die Zukunft der Welt waren ziemlich düster. 10-15.000 Objekte im Weltall könnten mit der Erde kollidieren – ein Thema, mit dem sich in diesen Tagen auch ein Kolloquium in der Klaus-Tschira Stiftung in Heidelberg beschäftigt. Die großen Brocken unter diesen Objekten könnten bei einem Zusammenstoß das Leben der Menschheit auf der Erde beenden. Sie könnten zu einer Katastrophe führen wie der, die wohl vor Zeiten die Saurier auslöschte. Beklemmender noch als die Gedanken an eine solche Kollision waren Szenarien der Gen- und Virenmutationen, die zu schnellem Ende des Lebens auf dieser Erde führen könnten. Auch wenn der Menschheit solche Katastrophen erspart blieben, selbst wenn sie den derzeitigen ökologischen Raubbau und die Bevölkerungsexplosionen politisch in den Griff bekäme – unabweisbar ist die Tatsache, dass das menschliche Leben in diesem Planetensystem endlich ist. Und dies gilt wohl auch für den Kosmos selbst. Bei optimalem menschlichen Verhalten sagten – gewiß hochspekulative – Simulationen, durchgeführt am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, zwar immerhin noch 10 Millionen Jahre für den Homo Sapiens voraus. Nobelpreisträger der Physik basteln an Plänen der Kolonisierung anderer Planeten. Aber die Botschaft der Endlichkeit bleibt bestehen: Himmel und Erde werden vergehen.

 

Die Evangelien fassen diese Katastrophe ins Auge. Sie haben den Fall Jerusalems und vermutlich auch den Brand von Rom vor Augen und sehen weitere Schrecken, Katastrophen und sogar den Untergang voraus. Sie verbinden den unvorstellbaren Höhepunkt der Not – mit Trost. Die von außen hereinbrechende Katastrophe ist mit dem Kommen des himmlischen und göttlichen Menschensohns verbunden. Achtet auf den Feigenbaum und auf die Bäume, die das Kommen des Sommers anzeigen! Mit dem absoluten Winter der Welt bricht der Sommers des Reiches Gottes an. Erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht!

 

Die Endzeitbotschaften der Evangelien bringen in dramatischen Worten eine zutiefst tröstliche Botschaft: Richtet euch auf, erhebt eure Häupter, eure Erlösung naht. Anders ausgedrückt: Auch in größter Not könnt ihr nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Oder mit dem Heidelberger Katechismus gesagt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele ... im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin ...“ Das gilt nicht nur für unseren individuellen Tod. Das gilt auch für jede denkbare umfassende Menschheitskatastrophe.

 

Welt und Menschheit sind nicht untergegangen in der ersten und zweiten Generation nach Jesu Kreuz und Auferstehung. Gibt es eine nun schon zweitausend Jahre anhaltende Verzögerung des Kommens des Menschensohns? Wenn ja, sollte uns das dazu veranlassen, das Thema zu den Akten zu legen? Oder sollten wir eifrig die jeweils aktuellen naturwissenschaftlichen und religiösen Endzeitprophetien studieren? War die Aussage „Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles eintrifft“ einfach irrig, schlicht eine falsche Prophetie?

 

Erinnern wir uns noch einmal an die biblische Warnung: Wenn jemand sagt: hier ist der Messias, oder dort ist er! – so glaubt ihm nicht. Diese Warnung gilt nicht nur für die Festlegung im Raum: Hier ist er, oder dort kommt er! Sie gilt auch für unsere zeitliche Orientierung. Wenn jemand das Kommen des Menschensohnes für das Jahr 70 oder 1736 oder 2200 voraussagt, so glaubt ihm nicht. Denn der himmlische Menschensohn kommt in alle Zeiten und in alle Weltgegenden. Er kommt in jede Generation, die immer auch eine vergehende Generation ist. Ob sie nun ganz leise und langsam von dieser Erde verschwindet oder ob sie von Weltbränden, Stürmen, Tsunamis und Erdbeben heimgesucht ist: Jede Generation ist des Trostes bedürftig: „Erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht! ... Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen!

 

In diesem Licht ist die so erschreckende und so tief befremdliche biblische Botschaft vom Kommen des Menschensohnes – eine tröstliche Adventsbotschaft. Eine tröstliche Adventsbotschaft auch für den letzten Ernstfall. Auch in den größten Nöten und Katastrophen werdet ihr bleiben in Gottes Wort. In dieser geistigen und geistlichen Wirklichkeit seid ihr gehalten in alle Ewigkeit. Diese Wirklichkeit geht in euch ein, und ihr geht in sie ein, ganz dem Adventslied entsprechend, das wir gemeinsam gesungen haben: „Zieh in mein Herz hinein vom Stall und von der Krippen, so werden Herz und Lippen dir allzeit dankbar sein!“ Erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht!

Amen.

 

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Letzte Änderung: 21.03.2016