Bereichsbild
Aktuelles
7. Peterskirchendialog 2014
Am 21.10.2014 um 18:00 Uhr findet der 7. Peterskirchendialog Protestantische Positionen für das 21. Jahrhundert zum Thema "Verfügbarer Tod?" statt. Veranstaltungsort ist die Peterskirche, Plöck 70, 69117 Heidelberg.
Semestereröffnungsgottesdienst am 19.10.14
Am Sonntag, 19. Oktober 2014, ist um 10 Uhr Semestereröffnungsgottesdienst in der Peterskirche. Die Predigt hält Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier, Liturg ist Hochschulpfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs.
Herzliche Einladung zur Semestereröffnung 2014
Der Dekan und die Fachschaft der Theologischen Fakultät laden herzlich ein zur Semestereröffnung am Mittwoch, 15.10.2014 um 14:00 Uhr ins Schmitthenner-Haus, Heiliggeiststr. 17.
Proseminar-Ankündigung
Das Proseminar (KG und ST) "German language Theology for English speakers" bei Herrn Peterson findet immer Freitags, 14-16 Uhr, im WTS ÜR II, Kisselgasse 1 statt.
Zum Tod von Dr. Dr. h.c. Edzard Rohland
Die Theologische Fakultät gibt mit Bedauern den Tod von Pfarrer i.R. Dr. Dr. h.c. Edzard Rohland am 31.08.2014 bekannt. Er war ein besonderer Freund und Förderer der Universität und der theologischen Wissenschaft.

10. April 2009: Prof. Dr. Peter Lampe über Röm 6, 3-6

"Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, in seinen Tod getauft sind?

So sind wir mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.

Wir wissen, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist.Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen."

  

Liebe Gemeinde,

„Bad Religion,“ „schlimme Religion“, so titelte das Poster. Darunter ein Gekreuzigter, durchgestrichen von zwei roten, breiten Pinselstrichen. Das Plakat hing über dem Bett der 15jährigen Nicole. Sie schüttelte den Kopf darüber, dass ein Symbol menschlicher Gräuel zum religiösen Symbol erhoben wurde. Ebenso stirnrunzelnd reagierten antike Juden und Griechen, die, wie Paulus schreibt, die Christen für verrückt hielten, wenn sie verkündeten, an einem Horrorort wie Golgatha hätte Gott gewirkt, noch dazu Heil gewirkt (1 Kor 1,18ff). Ekel, nicht Halleluja. Spott. Im frühen 3. Jh. verhöhnte in Rom ein kaiserlicher Page auf dem Palatin einen christlichen Kollegen mit einer Wandkritzelei, auf der er den Gott der Christen als Gekreuzigten mit Eselskopf karikierte. Eine der ersten sich auf das Kreuz Jesu beziehenden Kreuzesdarstellungen, die wir aus der Antike besitzen

Fand das Christentum dennoch – trotz Hohns und Spotts – einen Weg, uns Menschen mit Schmerz und Tod endlich zu versöhnen? Was bewegt uns an Karfreitag? Etwa der Tod eines hingerichteten Individuums von vor 2000 Jahren? General Varus – derselbe, der in den germanischen Wäldern im Selbstmord endete – Varus kreuzigte in Palästina gleich über tausend Aufständische, die nach dem Tode Herodes des Großen (4 v. Chr.) Morgenluft geschnuppert hatten. Deren Kreuzestod bewegt uns heute nur einen Lidschlag lang. Uns berührt im Antlitz des Gekreuzigten von Golgatha das Bild der Menschheit insgesamt, auch unser Bild in ihm. Schmerzen empfinden zu müssen, ein jeder. Oft auch schuldlos zu leiden. Gequält zu werden von anderen. Unser aller Stöhnen im Geworfensein der Existenz. All das steht in das Golgatha-Gesicht gefurcht. Dieses „Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen“.

Jesu Tod trat nach sechsstündigem Kampf am Pfahl ein (Mk 15,25.34-37), schnell für damaliges Empfinden (Mk 15,44; Joh 19,33). Geschwächt durch Auspeitschen, hielt der Körper nicht länger stand. Im Felsengrab des Josef von Arimatheia wurde er zur Ruhe gelegt. Der Stein wurde gerollt. Seine Sache schien gescheitert. Und gekreuzigt wurde weiter. Bis ins 4. Jh. hinein.

Dass Jesu Sache nicht scheiterte, verdankt die Weltgeschichte den Ostervisionen seiner Anhänger. Die zu Ostern geschenkte Einsicht der Jünger – der Tote lebt, Gott erhöhte ihn zur Herrschaft; das legte den Grundstein, das Abscheuliche positiv zu deuten: Im Horror wirkte Gott Heil. Das war die österliche Einsicht. Und damit wurde bisheriges Denken über Gott auf den Kopf gestellt. Antike menschliche Gottesvorstellungen, die Gott nur mit Schönem und Geordnetem verbinden konnten, warf das Kreuzesevangelium über den Haufen (1 Kor 1,18-31). Im Chaos, im Hässlichen, im Abgrund menschlicher Erschöpfung, dort handelte Gott. Dort, wo das subjektive Empfinden am Tiefpunkt des „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ angekommen war.

Die Urchristen verdeutlichten sich die heilende Kraft des Kreuzes Jesu mithilfe unterschiedlicher Sprachwelten. Zu arm schien ihnen eine einzige Sprachkategorie, um das Unaussprechliche anzudeuten. Ich greife drei Beispiele heraus.

Jesaja 53 drückt Heil in der Sprache der Stellvertretung aus. Jesaja 53 schildert in messianischer Weissagung den stellvertretend sterbenden Gottesknecht. Er litt an unserer Statt, die wir seinen Tod verdient hätten. Ein Mann voller Schmerzen, verachtet, lud er unsere Schmerzen auf sich. Er wurde durchbohrt wegen unseres Versagens. Zu unserem Heil ereilten ihn die Folgen unseres Tuns. Durch seine Wunden sind wir geheilt. So Jesaja 53.

Eine andere Sprachform war ökonomisch-rechtlich geprägt. Am Kreuz kaufte Christus mit seinem Leben die Seinen los, heraus aus Schuldverstrickung. Schulderlass. Lösegeld.  Er-lösen. So die Begriffe (1 Kor 6,20; 7,23).

Und in damals politischer Sprache wurde formuliert: Er versöhnte am Kreuz Menschen mit Gott (Röm 5,11; 2 Kor 5,18f). Geläufiger war damals, im diplomatischen Verkehr vom Versöhnen von Völkern in politischen Konflikten zu reden. Die Christen wendeten den Begriff verfremdend auf das Gottesverhältnis an.

Dieses sind nur Beispiele für die reichhaltige Sprache, das Kreuz Christi in seiner heilsamen und befreienden Bedeutung in Worte zu fassen. Befreiend von Altlasten der Vergangenheit.

 

Wie erreichte die heilende Kraft des Kreuzes die Urchristen? Wie berührte sie sie bis in die tiefste Seele hinein? Nicht nur in diesen kündenden Worten, auch in den sakramentalen Riten der jungen Kirche. Und davon redet unser Predigttext in Römer 6.

Die Taufe wurde von Paulus, aber auch schon vor ihm, als ein Vergegenwärtigen des Todes Jesu begangen, als Identifizierung mit dem Gekreuzigten. Die zeitliche Kluft zu Golgatha verschwand im Ritus: Wenn die Täuflinge im Wasser gänzlich untertauchten, starben sie mit dem gekreuzigten Jesus mit. Ihr von misslungener Vergangenheit belastetes Ich, der „alte Adam“ in ihnen, erlosch. Untergetaucht, wurden sie mit in den Tod Jesu hineingezogen. Beim Auftauchen und Heraussteigen aus dem Wasser durften sie sich dagegen als neue Menschen mit neuem Leben begreifen (Röm 6,3-6; vgl. 7,4; Gal 2,19b).

Paulus dachte von hier aus, von dieser intensiven Christusnähe und Christusidentifikation im Taufritus aus, weiter. Nicht allein im Anfangspunkt, sagte er, nein, während des gesamten christlichen Lebens mögen Christen sich als mitgekreuzigt mit Christus begreifen. Dieses Sich-Identifizieren mit dem Gekreuzigten entfaltete der Apostel in seinen Briefen in mehrere Richtungen hinein. Nur zwei Beispiele können wir berühren.

Christliche Kreuzesexistenz zeigt sich für Paulus in selbst-losem Lieben. Sie zeigt sich darin, das Ich und seine Interessen zurückzustellen, sie ein Stückweit mit Christus mitzukreuzigen, damit Raum entsteht, andere Menschen aufzubauen, ja an sie sich zu verschenken (vgl. Phil 2,5-11; 1Kor 12-14; 11,17-34; Röm 15,1-3.7 u.ö.). So wie junge Eltern sich an ihre kleinen Kinder verschenken und dabei ihr eigenes Ego mit seinen Wünschen zurückstellen. Das ist oft hart, knüppelhart, aber unendlich viel kommt zurück. Paulus ermuntert, als höchste Form der Freiheit freiwillig zugunsten anderer auf eigene Freiheitsrechte zu verzichten (1Kor 8-10; Röm 14f; 1 Kor 6,1-11; 9; vgl. Matth 5,44). Dies sei die vollendetste Form der Freiheit.

Ein zweites Beispiel des Mitgekreuzigtseins. Paulus weiß eine Fülle von Bedrängnissen aufzuzählen, die einen Apostel peinigen (1 Kor 4,9-13; 2 Kor 4,7-12; 6,4-10; 11,23-29; 12,10 u.ö.). Wer als Wandermissionar wie er durch die Lande zog, wurde überfallen, verprügelt, ihn hungerte und fror, er durchlebte einen Schiffbruch, eine Synagoge ließ ihn auspeitschen, die eigenen Gemeinden stressten ihn – Erlebnisse, die ihm die Gegenwart des Kreuzes Christi in der eigenen Existenz anzeigten. „Wir tragen ständig das Sterben Jesu an unserem Leibe mit herum“, schreibt er (2 Kor 4,10; Gal 6,17; vgl. 2,19; Phil 3,10).

Wieso hängen wir Kruzifixe an die Wände von Krankenzimmern? Weil sie den leidenden Patienten einladen, sich mit dem gekreuzigten Christus zu identifizieren – und daraus Trost zu schöpfen, wie Paulus es tat in seinen Bedrängnissen. Worin aber gründete für ihn der Trost? Wir müssen noch einmal auf Römer 6 schauen. In der Taufe werden wir mitgekreuzigt und sterben wir mit Christus. Aber wenn wir aus dem Taufwasser aufsteigen, stehen wir mit Christus auch wieder auf. Nein, noch nicht in Vollkommenheit so wie Christus, noch nicht. Unsere eigene Auferstehung steht bis ans Ende der Zeiten aus. Niemand, der aus dem Taufwasser steigt, landet im Himmel. Erst am Ende der Zeiten werden wir so, wie wir jetzt dem Gekreuzigten gleichgestaltet werden, auch dem Auferstandenen gleichgestaltet werden. Im Jetzt gilt die Kreuzesexistenz, der auch der Tod nicht erspart bleibt. Und doch, und doch: Selbst im Jetzt leuchten für Paulus Funken unserer zukünftigen Auferstehungs-herrlichkeit bereits auf, kleine Vorboten unseres zukünftigen Lebens mit Christus. In 2 .Kor 4 formuliert es Paulus so: Wir leiden Verfolgung, aber wir werden dennoch nicht verlassen. Wir werden niederdrückt, aber wir kommen dennoch nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe herum, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde. Wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.

 

Paulus lädt ein, Funken zukünftigen Auferstehungslebens auch in unseren eigenen oft bedrängten Alltagen zu entdecken. Wenn immer wir Liebe erfahren, erhaschen wir ein Ahnen von der ewigen Auferstehungszukunft mit Gott (vgl. 1 Kor 13,13). Wenn immer ein Lächeln uns berührt oder eine streichelnde Hand, streift uns eine Sekunde lang die Ewigkeit. Es braucht nicht viel, um Funken der Zukunft aufglimmen zu sehen.

 

Warum kann es diese Vorboten geben? Sie sind sichtbare Zeichen der verborgenen, bereits gegenwärtigen Christusherrschaft. Wer in der Nachfolge des Gekreuzigten ihm vertraut, darf gewiss sein, nicht nur in seine Passion, vielmehr am Ende der Tage auch in seine Auferstehungsherrlichkeit mit hineingenommen zu werden. Mehr noch: Er darf auch gewiss sein, dass der auferstandene Christus nicht nur der zukünftige, sondern auch der gegenwärtige Herr ist, der verspricht: Siehe, ich bin bei Euch – in eurem Kreuz – alle Tage, bis an der Welt Ende (vgl. Matth 28,20b).

 

In Rom, unter San Sebastiano, fand sich die älteste christliche Kreuzesdarstellung, wiederum in einer Wandkritzelei. Zwischen ca. 150 und 240 n. Chr. ritzte ein Christ im Treppenniedergang eines Mausoleums ein großes T in den frischen Putz, eingerahmt von den fünf Buchstaben für das griechische Wort Ichthys, „Fisch“. Die fünf Lettern bilden zugleich die Anfangsbuchstaben für die Wörter „Jesus Christus Gottes Sohn Retter“. Das ist unser Bekenntnis an Karfreitag. Es ist das Bekenntnis des römischen Hauptmanns unter dem Kreuz.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 01.11.2012
zum Seitenanfang/up