10.10.2010: Pfarrerin Dr. Heike Springhart über Eph 4,22-32

 

Universitätsgottesdienst Peterskirche Heidelberg, 10.10.2010 (19. So. n. Trin.)

Eph 4,22-32: Vom Gewand der Freiheit

Pfarrerin Dr. Heike Springhart

Liebe Gemeinde,

 

schon auf den ersten Blick sah man ihnen an, woher sie kamen. Die angegraute Mode oder zumindest die unförmigen Erich-Brillen verrieten sie: die Menschen, die vor gut 20 Jahren von Ost nach West strömten, um mal zu gucken wie das so ist – im Westen, der 40 Jahre lang so unerreichbar und so golden schien.

In der Euphorie über die gerade geöffnete Mauer war noch nicht zu ahnen wie tiefgreifend und radikal der Wandel sein würde, der in der folgenden Zeit für jeden und jede einzelne folgte. Den alten Menschen ablegen, eine neue Identität gewinnen, die Spannung vom wahren Leben im falschen hinter sich lassen. Die alten Kleider ablegen, in die Westjeans schlüpfen und sich bei C&A neu einkleiden. Plötzlich wurde ganz persönliche Lebensgeschichte zu einem Kapitel im Geschichtsbuch.

 

20 Jahre ist das her, dass die Tore offen standen und die Münder auch. „Wahnsinn!“ – das war es was aus eben diesen Mündern staunend und zugleich sprachlos kam. Dieser Wechsel vom alten zum neuen Menschen war in einem Maße tiefgreifend und atemberaubend, das erst in diesen Tagen und Wochen so richtig ins Bewusstsein kommt. Das Jubiläum der deutschen Einheit hat die Bilder neu auf den Bildschirm und ins Bewusstsein geholt.

 

Der Kampf der Mutigen und Aufrechten für ein Leben in Freiheit war gewonnen. Freie und kritische Worte brachten einen nun nicht mehr in den Stasiknast nach Bautzen, sondern allenfalls auf die Talkshowsessel von ARD und ZDF. Die Lebenslügen konnten abgelegt werden, die Wahrheit durfte gesprochen werden.

 

Der Wandel vom alten zum neuen Menschen ist auch für den Verfasser des Epheserbriefs Anlass zur Ermahnung und Ermutigung zur freien und ehrlichen Rede statt faulen Geschwätzes. Im 4. Kapitel ist dort zu lesen: [Eph 4,22-32]

 

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.

Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.

Zürnt ihr, so sündigt nicht;

lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen

und gebt nicht Raum dem Teufel.

Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen,

sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist,

damit es Segen bringe denen, die es hören.

Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.

Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

 

Der neu gewonnenen Freiheit entsprechend zu leben – dazu ermahnt der Briefschreiber die vor noch nicht langer Zeit getauften Christenmenschen in Ephesus.

Den alten Menschen und seinen Wandel, sein Getriebensein durch allerlei selbstzerstörerische Kräfte abstreifen wie einen alten und schäbig gewordenen Mantel und den neuen Menschen anziehen. Ein strahlendes Kleid, von Gott geschaffen in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Beim ersten Hinsehen sieht der neue Mensch, den ich mir überstreife wie ein neues Kleid aus nach allzu weißer Weste und Bessermenschentum. Nach einer christlichen Form des Wendehalses, der einfach flott in ein neues Gewand schlüpft, das alle Ecken und Kanten, alle dunklen Seiten und Verwerfungen zudeckt.

Aber es gilt, genau hinzusehen und hinzuhören. Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Der neue Mensch von Gott geschaffen – sein neues Gewand die von Gott geschenkte Heiligkeit, Abglanz des Glanzes Gottes in der Welt. Aber eben von Gott geschaffen, nicht von uns Menschen neu erfunden und neu erdacht. Keine neue Identität im Pass, eben keine Wölfe im frommen Schafspelz.

Sondern das Geschenk des neuen Lebens von Gott selbst geschneidert und freundlich hingehalten zum Hineinschlüpfen. Wenigstens mal anprobieren. Wenigstens versuchen, der wahren Gerechtigkeit und Heiligkeit entsprechend zu leben. Der Freiheit der Gotteskinder entspricht das freimütige Wort. Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit. Nicht nur dann, wenn es opportun ist, sondern ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.

 

„Worte dürfen kein Verbrechen mehr sein.“ – das ist das Credo des chinesischen Bürgerrechtlers Liu Xiaobo. Sagen, was notwendig zu sagen ist, die Wahrheit reden und eintreten dafür, dass jeder Mensch seine Meinung frei äußern darf. Dafür tritt Liu Xiaobo seit 20 Jahren ein. Am Freitag wurde verkündet, dass er dafür den Friedensnobelpreis erhalten wird. Ob er es schon weiß, wissen wir nicht. Er sitzt abgeschirmt von der Welt seit einem Jahr im Gefängnis. Einmal im Monat darf seine Frau ihn besuchen. Reden über das, was in der Welt draußen passiert, dürfen sie nicht. Nur über das, was sie persönlich und privat angeht.

Weggesperrt. Wie unzählige Dissidenten einst in Bautzen saßen und in anderen Hochsicherheitsgefängnissen dieser Welt. Weggesperrt von Regierungen, die fürchten, dass das freie Wort freier Bürger sie um ihre absolute Macht bringen könnte. Die dem Volk in Uniformen begegnen und jedes neue Gewand, das aus der Reihe tanzt mit der ganzen Wucht des Staatsapparats zum Schweigen bringen.

1989 gingen sie für Freiheit auf die Straße in Leipzig und Peking. In Leipzig und Dresden darf heute das freie Wort gewagt werden - in Peking werden kritische Worte bis heute zum Verbrechen erklärt.

 

Die Freiheit des Wortes – das gehört zu den Grundfesten des neuen Lebens, das wir als Christenmenschen in Freiheit leben. Dass das nicht immer nur glatt und reibungsfrei geht, ist auch dem Verfasser des Epheserbriefes deutlich. Die Lüge ablegen und die Wahrheit reden, darum geht es. Eine ehrliche und wahrhaftige, aufrechte Haltung einzunehmen und dem neuen Gewand entsprechend leben. Wer einen ordentlichen Anzug oder ein Abendkleid trägt, bewegt sich anders als jemand, der im Schlabberlook durchs Leben schlurft.

 

Es gibt auch im Raum der zur Freiheit befreiten Christenmenschen Grund zu zürnen und vor Wut und Zorn zu brennen. Ja manchmal lugt sogar der Teufel der Rachsucht, der Eifersucht, der Gier und der Lieblosigkeit um die Ecke. Zürnen, Zorn und Teufel sollen nicht die Oberhand gewinnen, wenigstens das.

Zürnt ihr, so sündigt nicht. Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Auch als Befreite und Getaufte bleiben wir darauf angewiesen, dass Gottes Geist sich immer wieder neu in uns Raum schafft. Wir werden eben keine besseren Menschen durch die Taufe. Aber wir gewinnen Freimut. Freimut, auf das faule Geschwätz, das sich manchmal ach so nahe legt zu verzichten und stattdessen das zu reden, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, auf dass es zum Segen werde für die, mit denen wir reden.

 

Das wäre doch ein Vorsatz fürs neue Semester. Auf den Tand faulen Geschwätzes zu verzichten, auf Rechthaberei um des Rechthabens willen, auf gegenseitige Diffamierung im Gewand wissenschaftlicher Auseinandersetzung, auf das Kreisen allein um das eigene Profil, das eigene Fortkommen, den eigenen Vorteil.

Stattdessen das lebendige, um Wahrheit ringende und streitende Gespräch. Damit rechnen, dass ich von meinem Gesprächspartner etwas lernen kann und den Mut zu haben, das zu sagen, was zu sagen ist – an Kritik, an Ermutigung, an klaren Worten. An Worten, die zu einem segensreichen Semester beitragen. Egal, wer sie spricht.

 

Dabei ist das Entscheidende, dass sich die Wahrheit unserer mehr oder weniger weisen Worte nicht an der Lautstärke oder Autorität entscheiden, mit der sie vorgetragen werden – auch nicht am charmanten Augenaufschlag, sondern daran, ob sie das lebendige Wort Gottes weitertragen und ob sie sich in dessen Licht als wahr erweisen.

 

Dieses neue Kleid können und sollen wir uns getrost anziehen, freimütig und mit offenem Herzen und Verstand miteinander umgehen, untereinander freundlich und herzlich, ja sogar vergebend – wie auch Gott uns vergeben hat in Christus.

 

Dann sieht und hört man uns an, woher wir kommen,

was unser Grund und Trost, unsere Wahrheit und unsere Zukunft ist.

Schlüpfen wir hinein in dieses neue Gewand.

 

Es wird uns kleiden und tragen, denn es ist durchwoben mit dem Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

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Letzte Änderung: 29.10.2013