10.12.2017: PD Dr. Heike Springhart über Jes 63,15-64,3

Himmelsschreiende Verzweiflung und drängende Hoffnung

Predigt über Jes 63,15-64,3, Peterskirche Heidelberg

 

PD Dr. Heike Springhart

 

 

Liebe Gemeinde,

ihre Verzweiflung schrie zum Himmel.

Vor genau 75 Jahren beendete Jochen Klepper mit seiner Frau Hanni und der Stieftocher Renate ihr Leben. Die dunklen Wolken der neuen Zeit hatten sich immer mehr über dem Leben des feinsinnigen Theologen und Liederdichters zusammengebraut. Elf Jahre zuvor hatte er seine Hanni geheiratet, eine Witwe mit zwei Töchtern, eine Jüdin, die sich später taufen ließ. Der 28-Jährige heiratete die 41-Jährige. Was den Eltern ein Dorn im Auge war, machte ihn für den Staat untragbar. Wegen seiner Ehe wurde er im 2. Weltkrieg als „wehrunwürdig“ aus der Armee entlassen. Damit nicht genug. Ihm wird mit Zwangsscheidung gedroht, die Deportation von Frau und Stieftochter steht unmittelbar bevor. In ihrer tiefen Verzweiflung wissen sie keinen Ausweg mehr. Am 11. Dezember 1942 schreibt Jochen Klepper ein letztes Mal in sein Tagebuch: „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“  Ein leiser Tod, der zum Himmel schreit. Die Familie dreht in der Küche den Gashahn auf und legt sich auf den Boden. Am nächsten Morgen findet eine Hausgehilfin die drei Toten.

In Zeiten der Verzweiflung bleibt der Schrei zum Himmel.

Der Prophet Jesaja nimmt diesen Schrei auf. Das Volk Gottes ist verzweifelt. Jerusalem ist zur Wüste geworden, der Tempel ist zerstört. Den Ort für die Anwesenheit Gottes gibt es nicht mehr. Wo ist Gott nun? Unendlich weit weg, abgeschlossen und verschlossen ist er für sein Volk. Was bleibt, ist der laute Schrei. Wir haben die Worte Jesajas bereits gehört.

So schau vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist dein Eifer und deine Macht?

Der Himmel ist verschlossen!

Was siehst Du, Gott?

Wo ist dein Eifer? Wo ist deine Macht?

In Zeiten der Verzweiflung schreit das Elend zum Himmel.

In Zeiten der Verzweiflung bleibt die Frage: hat Gott seine Welt vergessen? Bin ich ganz aus dem Blick geraten? Werde ich gesehen – von Gott, von den anderen, von mir selbst?

Wo es um echte Not geht, kommt das wohltemperierte Abwägen an sein Ende. In echter Not wird spürbar, was Advent ist. Drängendes Flehen. Aus den Tiefen an den Himmel. Mit heiserer Stimme und rauem Hals. Der Schrei der Verzweiflung hat nur eine Richtung und kennt kein Abwägen. Der Schrei der Verzweiflung ist die Klage. Aus der Tiefe Gott in die Ohren.

Auf die Klage gibt es keine einfache Antwort und keinen billigen Trost. Der Schrei der Klage ist immer konkret. Jesaja ringt mit der Gottverlassenheit. Nicht als philosophisches Problem, nicht als salonfähiges Gespräch über das Übel in der Welt, sondern unter dem Joch konkreten Leidens. Leidensgeschichten, die zum Himmel schreien, kommen mir in den Sinn.

Ich denke an den Kollegen, der vor einem Jahr aus heiterem Himmel die Diagnose „Krebs“ bekommen hat. Vor wenigen Tagen wurde er aus seinem Pfarramt verabschiedet. Im Hospiz hofft er auf einen gnädigen Tod und seine Frau und Kinder blicken mit bangen Augen gen Weihnachten. Er ist gerade einmal 50 Jahre alt.

Ich denke an den Pfarrer der lutherischen Gemeinde in Beit Sahour. In der Gegend, wo einst die Hirten auf dem Felde waren und des nachts ihre Herde hüteten, östlich von Bethlehem, empfing er uns im Sommer in seinen Gemeinderäumen. Er erzählte von seiner Situation als Pfarrer in Palästina. Wir hörten von Wut und Verzweiflung, von Hoffnung auf Freiheit und Freizügigkeit – vor allem aber die Bitte am Ende: vergesst uns nicht!

In diesen Tagen denke ich an ihn und Bethlehem, sehe die entfesselte Gewalt. Vergesst uns nicht!

Vergiss uns nicht, Gott.

Ich denke an die Studentin, der ihr Leben und ihr Studium über den Kopf wachsen. Die sich nachts im Bett hin und herwälzt und von Ängsten gefangen ist. Was, wenn das alles nicht trägt? Was, wenn ich die Prüfung auch in diesem Semester nicht packe? Die sich hin und her wälzt und ratlos an den verschlossenen Himmel schaut. Kein Wort von dort, das sie tröstet und befreit.

Ich denke an die beiden Menschen ohne Obdach, die mir zwischen den Glühwein schlürfenden Heidelbergern begegnet sind. Ihre wenigen Habseligkeiten bei sich und vertieft in ein Gespräch, das eine heftige Auseinandersetzung zu sein scheint. Ich schnappe im Vorbeigehen ein paar wütende Fetzen auf: was hättest du denn in meiner Situation gemacht? So geht das doch nicht!

Gott, was siehst du?

In den Zimmern im Hospiz

auf den gewaltgeschüttelten Straßen im Nahen Osten

in den dunklen Nächten im WG-Zimmer

auf den Straßen unserer Stadt.

Schau herab vom Himmel!

Unter dem verschlossenen Himmel, schreit das Elend zum Himmel. Nicht wohltemperiert. Sondern im lauten Schrei und in leisen Seufzern. Unter der stillen Träne und dem lauten Wehklagen. Die Klage ist der Schrei des Glaubens. Zu den vielen Tönen, die den Advent ausmachen – von Klingeling bis Jauchzet frohlocket – gehört auch der Klang der Klage, die rauen Töne der drängenden Ungeduld.

Die Worte des Jesaja nehmen uns mit in einer ganz eigenen Bewegung. Mit steigender Verzweiflung gibt es auch ein Crescendo der Hoffnung. Die Bilder werden größer und gewaltiger. Aus der Verzweiflung wird bei Jesaja die große Hoffnungsvision:

Kehr zurück um deiner Knechte willen,

um der Stämme willen, die dein Erbe sind!

Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben,

unsere Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.

Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest,

wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab,

dass die Berge vor dir zerflössen,

wie Feuer Reisig entzündet

und wie Feuer Wasser sieden macht,

dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden

und die Völker vor dir zittern müssten,

wenn du Furchtbares tust,

das wir nicht erwarten,

dass die Berge vor dir zerflössen.

Reiß den Himmel auf und fahre herab.

Zeig dich mit aller Macht und lass dich sehen!

Wer klagt, erwartet alles von Gott. Vielleicht ist die Klage der tiefste Ausdruck des Glaubens, ganz sicher ist sie nicht der Betriebsunfall des Glaubens.

Wer eine Ahnung davon hat, wie es auch – wie es anders sein könnte, leidet unter dem, was ist. Das wissen alle, die schon einmal Liebeskummer hatten. Das ist nicht der Dauerzustand von Sehnsucht nach Nähe. Wer Liebeskummer hat, leidet am gebrochenen Herzen, das zuvor erfüllt war und in Sprüngen ging.

Wer den Himmel schon einmal offen gesehen hat, sich schon einmal getragen wusste vom Segen Gottes, der wird unter dem verschlossenen Himmel besonders leiden.

Wer eine Ahnung davon hat, dass bei Gott alle Dinge möglich sind, dessen Klage über die verfahrenen Situationen, in denen Versöhnung unmöglich zu sein scheint, wird besonders laut sein.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?

Wer so schreit, hat noch eine Ahnung davon, dass es Trost gibt für diese Welt. Wer so schreit, behaftet Gott an seinen Verheißungen.

Bleib nicht oben - im verschlossenen Himmel.

Reiß den Himmel auf und sprenge die Verriegelungen.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?

Die drängende Klage gewinnt in der Gemeinschaft und in der Solidarität der Klagenden ihren Klang.

Zugleich verbirgt sich darin schon ein Schimmer Trost. Darin liegt die tiefe Weisheit der Psalmen und der gemeinsam gesungenen Lieder. Ich richte mich auf gen Himmel und teile mein Drängen und meine Klage mit den anderen, die einstimmen. 

Im Advent gewinnt die tief geerdete Klage Raum.

Im Advent kommt beides besonders zum Klingen: die Trostlosigkeit und Verzweiflung am verschlossenen Himmel.

Und die beharrliche Hoffnung darauf, dass dieser Himmel nicht verschlossen bleibt.

„Das ist kein Klingeling. Es ist der bittere Ruf nach Gerechtigkeit. Die Klage legt die Enttäuschung frei und bricht der Sehnsucht Bahn.“ (Prantl, SZ 2016 Weihnachten) 

Im Advent wird das Warten drängend, die Sehnsucht schmerzlich und die Hoffnung wach: einmal wird der Himmel aufreißen.

Einmal wird es wahr werden: Gott bleibt nicht im verschlossenen Himmel.

In einem Wolkenbruch göttlicher Liebe wird auf dem dürren Boden der Verzweiflung Hoffnung grünen.

Der Wolkenbruch göttlicher Liebe sucht sich seinen Ort in den dunklen Winkeln der Welt. Im Stall. In der Krippe. In Bethlehem.

Am Ende reißt der Himmel auf.

Gott schaut nicht unbeteiligt zu und milde lächelnd herab. Er sieht das Elend, aus dem wir schreien, ringt um diese Welt mit all den schwelenden großen und kleinen Brandherden.

„Über uns steht ja das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt.“

Noch ringen wir.

Noch schreien wir.

Noch flehen wir zu Gott: Reiß die Himmel auf!

Ach, komm.

Ach, tröst’ uns.

Noch ist es Nacht – und regiert das Dunkel, allem Klingeling zum Trotz.

Aber sie ist vorgedrungen – der Tag, der Trost und der lebensverheißende Tau vom Himmel ist nicht mehr fern.

O, komm du Trost der ganzen Welt.

Wir warten!

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Letzte Änderung: 14.12.2017
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