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Studientag 2014
Herzliche Einladung zum Theologischen Studientag der Fachschaft Theologie "Nimm das Kind und flieh nach Ägypten - Flucht als Herausforderung des Glaubens", am 19.11.2014, 10-17 Uhr, Schmitthennerhaus, Heidelberg
19. Heidelberger Ökumenisches Forum
Am Donnerstag, 27.11.2014, 19:30-22:00 Uhr findet im Seminarraum des Ökumenischen Instituts, Plankengasse 1-3, 69117 Heidelberg, das 19. Heidelberger Ökumenische Forum statt.
Vortrag John Witte Jr. (Emory University, USA)
Vortrag von John Witte Jr. (Emory University, USA) zum Thema "Sharia in the West?" am 03.12.2014 um 18.15 Uhr im Atrium des Heidelberg Center of American Studies (HCA), Haupstr. 120, 69117 Heidelberg.
Vortrag Prof. Küchler
Herzliche Einladung zum Vortrag von Prof. Max Küchler, Universität Fribourg, am 05.12.2014 um 17.15 Uhr im Dekanatssaal.

11.10.09: Predigt Pfr. Albrecht Herrmann

Predigt über Mk 12,28-34 am 11.10.2009 in der Peterskirche

 

Prediger: Studierendenpfarrer Albrecht Herrmann

 

Liebe Gemeinde,

Augustin erzählt, wie er einmal am Strand ein Kind spielen sah. Das Kind war eifrig damit beschäftigt, mit einer Muschel aus dem Meer Wasser in ein Loch zu schöpfen, das es in den Sand gegraben hatte. Da fragte er: „Was machst du denn da, mein Kind?“ „Oh“ antwortete das Kind, „ich gieße das Meer in das Loch.“

Können wir Menschen Gottes Liebe fassen? Nein, das ist unmöglich. Und doch hat Gott uns so geschaffen, dass wir empfänglich für seine Liebe sind. Paul Gerhard beschreibt in seinen Liedern, wie er Gottes Liebe erfahren hat, und wir können bis heute darin einstimmen.

Wie habe ich Gottes Liebe erfahren?

Ohne die Liebe Gottes bin ich eingespannt zwischen dem, was ich selber von mir will und dem, was die anderen von mir wollen. Die Liebe Gottes lässt mich sein, wie ich bin, ohne dass ich gleich etwas tun muss oder beurteilt werde.

Die Beschreibung der Liebe Gottes als Mutterschoß bringt das wunderbar zum Ausdruck: Gottes Ja zu mir gilt vor allem anderen.

Gottes Ja zu mir lässt mich sein, lässt mich atmen, lässt mich schlafen und aufwachen.

Gottes Ja zu mir verlockt mich zu leben, gibt mir Trost bei Niederlagen, in Krankheit und im Leiden.

Gottes Ja zu mir vergibt mir meine Schuld. Gottes Ja zu mir nimmt mir die Angst vor dem Sterben und vor dem Tod.

Es gibt einen Satz von Frère Roger von Taizé, der mich schon seit meiner Studentenzeit begleitet und für mich ein Trost und Halt war in scheinbar ausweglosen Situationen: „Nichts ist schlimm, es sei denn, wir verlieren die Liebe.“

Manchmal spüre ich diese Liebe Gottes unmittelbar. Dann ist alles gut. Normalerweise ist es so, dass ich lebe und mich eingespannt fühle zwischen dem, was ich selber von mir will und dem, was die anderen von mir wollen. Und dann bin ich an mich gebunden und an die anderen und so ganz und gar mit der Welt beschäftigt.

„Höre, Israel, höre Universitätsgemeinde, höre Albrecht,

der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.“

Was ist das für eine Stimme? Was ist das für ein Ruf? Wer redet da zu mir?

Klar ist, das ist nicht meine eigene Stimme. Es ist nicht so, dass ich mir das selbst einrede, weil es mir etwa gut tut. Ich kann mich ja nicht selbst aus dem Sumpf ziehen.

Die Stimme kommt von außen. Es ist die Stimme der Menschen, die genau das beherzigt haben, die Stimme der Mütter und Väter im Glauben. Sie haben herausgefunden, dass damit alles steht und fällt, dass das der Dreh- und Angelpunkt ist für unser Leben auf dieser Erde und darüber hinaus.

„Höre, Albrecht...“ Ich werde herausgerufen aus dem, was ich gerade mache oder was meine Aufmerksamkeit fesselt.

„Der Herr, unser Gott, ist der Herr allein...“ Habe ich etwa Gott vergessen? Habe ich mich in eine Sache hineinziehen lassen so ganz und gar, dass ich Gott aus den   Augen verloren habe?

„Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben...“

Ja, natürlich: lieben, um Liebe geht es! Es ist so, wie wenn ich verliebt bin. Und wenn ich verliebt bin, dann ist dieses Grundgefühl immer dabei in allem, was ich tue und was mir widerfährt. Die Grundhaltung Gott gegenüber ist nicht der Gehorsam, nicht die Demut, nicht die Furcht. Die Grundhaltung ist „lieben“. Ich erinnere mich genau, wie diese Liebe Gottes mich berührt hat und wie sie in mir die Liebe zu diesem einzigartigen Gott geweckt hat und wie dann diese Liebe mich erfüllt und getragen hat.

Wie konnte es nur passieren, dass die Dynamik des Lebens mich wieder eingefangen hat? Dass meine eigenen Bedürfnisse und mein Wollen sich wieder in den Vordergrund gespielt haben?

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften!“

Ja, ich weiß. Aber doch geht es mir so, wie Martin Luther es beschrieben hat: Ich schlafe ein im Vertrauen auf Gott und ich wache auf und bin der alte Mensch mit meiner Verzagtheit, mit meinem Stolz, mit meinen Bedürfnissen, mit allen meinen Schwächen und Stärken, ich bin am Morgen also wieder der alte Adam, die alte Eva. Und manchmal schlafe ich sogar ohne Gebet ein, dann bin ich schon am Abend der alte Adam.

Aber Martin Luther wusste aus Gottes Wort, wie er mit sich als dem alten Adam umgehen sollte: Umkehren, auf der Stelle umkehren, weg von mir und meiner Selbstbezogenheit, hin zu Christus, dessen Liebe mir altem Adam gilt und dessen Liebe allein mich verwandeln kann, jeden Morgen neu und jeden Augenblick mitten am Tag und mitten in der Nacht.

Unsere jüdischen Mütter und Väter im Glauben haben das auch gewusst und haben deshalb angeordnet: dass dieses Grundgebot immer und überall dabei sein soll:

„Diese Worte...sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und auf die Tore.“(5. Mose 6,6-9)

Die Verhaltenspsychologie bestätigt, wie nützlich und hilfreich solche Merkzeichen sind. Der Blick auf meine Armbanduhr z.B. bräuchte mich nicht unter Druck zu setzen wegen der fortgeschrittenen Zeit, ich könnte mich doch von der Uhr daran erinnern lassen, dass meine Zeit in Gottes Händen ist.(Psalm 31)

Die Sonne, die jeden Morgen aufgeht, könnte mich an Gottes Güte erinnern, der seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute. (Mt 5,45)

Das Kreuzzeichen, mit dem unsere katholischen Schwestern und Brüder sich bezeichnen, steht auch uns Evangelischen offen und wird von einigen aus der Mittwochmorgengruppe praktiziert.Wenn die Menschen damals schon auf solche Merkzeichen angewiesen waren, als es noch nicht so viel Zerstreuung und Ablenkung und grelle Blickfänge allüberall gab, um wie viel mehr wir heute!

Aber keine Sorge, die Liebe Gottes ist nicht von gestern. Sie ist hier und heute lebendig und wirksam. Das ist die stärkste Erfahrung, die Jesus selbst gemacht hat hier auf unsrer Erde und er hat sie uns da gelassen. Der Heilige Geist, der in ihm wohnte, den hat er an uns weitergegeben, diese liebende Gotteskraft hat nur das eine Ziel, unsere Herzen zu erreichen und uns beständig mit Gott zu verbinden.

Eine weitere Erfahrung hat Jesus gemacht und an uns weitergegeben: Findet die Liebe Gottes in uns Raum, füllt sie uns aus und fließt über uns hinaus. Der tiefste Grund für die Nächstenliebe ist in der Liebe Gottes selbst zu finden. Gottes Liebe macht uns barmherzig und hilfsbereit und unerschrocken und zwar der ganzen Schöpfung gegenüber, nicht allgemein in einer Gefühlsduselei, wie wenn ich in der Stimmung bin, die ganze Welt zu umarmen, sondern ganz konkret: Wie Franz von Assisi den Aussätzigen umarmte; wie Albert Schweitzer die Vogelschleuder zerbrach und seither die Heiligkeit alles Lebendigen ehrfürchtig achtete; wie der Kapitän der Cap Anamur Stefan Schmidt, der im Jahr 2004 die afrikanischen Flüchtlinge vor dem Ertrinken rettete und dafür mit dem damaligen Vorstand  Elias Bierdel schwer unter Druck geriet und geschädigt wurde. Dabei ist die Praxis, wie unsere Europäische Union mit Italien an der Spitze mit den afrikanischen Flüchtlingen umgeht, ein himmelschreiendes Verbrechen.

Jesus entdeckte wie kein anderer die revolutionäre Kraft der Liebe Gottes: Aus der Kraft dieser Liebe heilte er Kranke, vergab er die Sünden, holte er die verachteten Zöllner und Huren in die heilende Gemeinschaft zurück, speiste er die Hungrigen, öffnete er die Herzen und das Denken von uns Menschen für Gottes Welt, stritt er mit den geistlichen und theologischen Autoritäten seiner Zeit um die Gültigkeit der Liebe Gottes für alle und jeden bis hin zu den Feinden, nahm er den Kampf auf mit der Macht des Bösen, die uns Menschen verwirrt, verlockt, verwickelt und verstrickt. Mit seinem Tod am Kreuz hat er bewiesen, dass diese Liebe Gottes mit allen Wassern gewaschen ist und es mit allem und jedem aufnimmt und das Böse nicht besiegt, indem es die Bösen vernichtet, sondern indem es die Bösen befreit und verwandelt. Aus dieser Kraft der Liebe Gottes wagte er es, in des Todes Rachen vorzudringen, um diesen Raum der Gottferne zurückzugewinnen samt allen unseren Müttern und Vätern, Schwestern und Brüdern, die dort gefangen waren und sind, und damit wir eine Hoffnung haben über den Tod hinaus: die Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten und dass am Ende Gott sein wird alles in allem.(1.Kor 15,28)

Daran merken wir, dass diese Liebe Gottes nicht verwechselt werden darf mit Harmoniesucht in Familie und Gemeinde, mit Konfliktscheu angesichts von  Unrecht und Not, mit Furcht, sich die Hände schmutzig zu machen und den guten Ruf einzubüßen.

Klaus-Peter Hertzsch, der Studentenpfarrer und praktische Theologe aus Jena, hat die schlichte Entdeckung gemacht: Wenn wir bei der Welt anfangen, bleiben wir meistens darin hängen und landen nicht bei der Bibel. Wenn wir aber mit der Bibel anfangen, mit Gottes Wort, dann kommen wir ganz von selbst bei der Welt an. Ich möchte diese

Beobachtung auf das Verhältnis von der Liebe Gottes und der Welt übertragen: Wenn ich angesichts der vielen Probleme in der Welt die Ärmel hochkremple und mich in die Bewältigung dieser Probleme stürze, werde ich die Komplexität der Probleme zu spüren kriegen und meine Kraft wird allmählich erlahmen. Wenn ich an der Liebe Gottes  festhalte angesichts der Probleme in der Welt und darauf vertraue, dass Gott selbst wirkt auch durch mich, habe ich die Kraftquelle gefunden, die meine begrenzte Liebe jeden Tag erneuert trotz der Hindernisse , trotz der Niederlagen und trotz meines eigenen Versagens. Das ist dieses trotzige „Dennoch“ des Psalms 73 vom Anfang des Gottesdienstes.

Die Liebe Gottes hat nichts damit zu tun, dass ich es mir und meiner Seele gut gehen lasse im Schoße Gottes, sozusagen religiöse Wellness betreibend, und darüber die Menschen mit ihren Problemen im Stich lasse. Sondern gerade die Liebe Gottes macht mich empfindsam und barmherzig und zupackend wie den barmherzigen Samariter oder wie Dag Hammerskjöld, der als Politiker und Generalsekretär der Vereinten Nationen - mitten in den Strukuren der Macht -  Gott mehr gehorchte und ihn mehr liebte als den Rausch von Macht und Ehre und letztlich sein Leben hingab im unermüdlichen Einsatz für den Frieden in Afrika.

Prof. Wilfried Härle stellte in seiner Predigt am Israelsonntag über das Doppelgebot der Liebe die Verbundenheit von uns Christen mit den Juden heraus. Ich möchte daran anknüpfen und eine Überraschung an Euch weitergeben: den Brief der 138 muslimischen Gelehrten an die christlichen Kirchen aus dem Jahr 2007. Darin machen sie uns Christen darauf aufmerksam, dass dieses Doppelgebot Gott zu lieben mit allen Kräften und den Nächsten wie sich selbst, auch im Koran das wichtigste Gebot darstellt. Und sie ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass die gemeinsame Beachtung dieses Doppelgebotes der Liebe durch die Christen und die Muslime für den Frieden in der Welt von großer Tragweite wäre.

Es gab profunde Antworten von Theologen und Repräsentanten der Kirchen auf diesen Brief, aber diese einladende Geste von muslimischer Seite wurde leider nicht so breit in den christlichen Gemeinden bekannt gemacht und gewürdigt und mit den ortsansässigen muslimischen Gemeinden besprochen, wie es diese Initiative verdient hätte. Am Ausgang lege ich ein Exemplar bereit einer Schrift, die den Brief und beispielhafte Antworten enthält. von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Sie können es dort anfordern.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf Augustin zu sprechen kommen, dessen Geschichte von der Gotteserkenntnis und unseren engen menschlichen Grenzen natürlich auch für die Liebe Gottes gilt. Aber: wie die Sonnenstrahlen doch  ganz erheblich wirken, selbst wenn wir ganz weit weg davon sind und nur ganz wenig davon abbekommen, so ist die Wirkung einer Muschel voll Gottesliebe doch auch herzerwärmend und weltbewegend.

Und so gibt es ein anderes Augustin-Wort, das uns zur Liebe ermuntert und das wollen wir heute mitnehmen und es beherzt befolgen:

„Liebe! Und dann tu, was du willst!“

Amen.

 

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Letzte Änderung: 29.10.2013
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