13.05.2012: Dr. Heike Sprinhart über HK 116-119

 

Beten – mit Herz und Verstand

Predigt zum Heidelberger Katechismus, Fr. 116-119

Dr. Heike Springhart - 13.05.2012

Im Anschluss an den Gottesdienst wurden die Bände des Projekts „books writing“ von Dr. Benita Joswig an die Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek im Rahmen einer Matinée übergeben.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

es war in einem Park in Peking. Zwischen versonnen schlendernden Liebespaaren und gehetzten Geschäftsleuten, zwischen Touristen mit Kamera um den Hals und Spaziergängern entdeckte ich einen Mann mit einem langen Pinsel in der Hand. Neben ihm ein Eimer mit Wasser. Versonnen tauchte der alte Chinese seinen Pinsel hinein und schrieb dann sorgfältig große und genau gesetzte Zeichen auf die Betonplatten des Weges. Ein richtiges Kunstwerk, geschrieben, um im nächsten Moment von der Märzsonne wieder weggetrocknet zu werden. Kostbare Zeichen, kunstvoll gezeichnet. Von Hand.

 

Handschriftliches ist rar geworden. Ob Sonntagsschrift oder Sauklaue, ob vereinfachte Ausgangsschrift oder unleserliches Gekritzel – die Handschrift ist ein Spiegel der Seele. Von den ersten Schreibübungen der ABC-Schützen, mühsam eingezirkelt zwischen den Linien des Deutschhefts über die verschnörkelte Schrift der Pubertät mit kreisrunden oder gar herzförmigen I-Punkten bis hin zur ausgeprägten Schrift von Erwachsenen – die Handschrift entwickelt sich mit den Jahren zu meiner ganz eigenen und persönlichen Handschrift. 

Vor uns liegen heute 10 Bücher vollgeschrieben von Hand. Genau genommen von vielen unterschiedlichen Händen. Aus New York und Budapest, aus Heidelberg und Managua, aus Genf und Hamburg. Worte tief aus der Seele, höchstpersönlich geschrieben von Menschen, denen ihre eigenen Worte zu den Titeln der Bücher aus der Seele in die Feder und so aufs Papier geflossen sind. Die Fülle des Lebens der Schreiberinnen und Schreiber kommt zur Sprache und wird zwischen den Buchdeckeln verwoben zu einem großen Text. Sie künden davon, dass wir verwoben sind, miteinander, mit Gott, mit dem, was unser Leben manchmal unendlich reich und manchmal unsagbar schwer macht. So werden diese Handschriften zu Gebeten.

 

Wo Worte tief aus der Seele aufs Papier gebracht werden wollen, da schreibe ich von Hand. „Die Handschrift ist das Mittel der Liebe, des Schreis und des Jubels“[1]. Nach einem bewegenden Tag oder auf einer Reise nehme ich den Füller in die Hand und halte die Stimmung des Tages in meinem Tagebuch fest, sortiere mich und meine Gedanken beim Schreiben. Und wenn meine Seele überquillt vor Sehnsucht und Liebe, wenn ich mich nach einem anderen verzehre, unsagbar und doch so, dass mein Herz voll ist, dann schreibe ich einen Liebesbrief. In der Handschrift sind das Zögern und der Schwung festgehalten, die überspringenden Schnörkel genauso wie das vorsichtig herantastende Zögern, die Fragen und meine Unsicherheit. Der Weg von der Seele aufs Papier geht durch die Handschrift.

Ein Buch wird kostbar durch die handschriftliche Widmung der Autorin, und das Autogramm des Stars macht das CD-Cover unverwechselbar.

 

Unverwechselbar und vielstimmig, höchstpersönlich und sichtbares Zeichen des Weges von meinem Innersten nach außen – all das ist meine Handschrift.

 

Ganz ähnlich ist es mit dem Gebet. Das Gebet ist die Handschrift der Seele. Es kommt aus tiefster Seele, mit „hertzlichem Seuffzen“ wie es in der ursprünglichen Fassung der Antwort auf die 116. Frage des Heidelberger Katechismus heißt. Wie die Handschrift, so zeugt auch das Gebet davon, wie es mir ums Herz und in der Seele zumute ist.

Mal klar konturiert, mit sauberen Strichen – hohes, jubilierendes Lob für die Wohltaten Gottes in meinem Leben.

Mal eckig und unbeholfen, krakelig und unrund – himmelschreiende Klage und verzweifeltes Fragen nach Gott und Ringen darum, wie er in meinem Leben spürbar wird.

Mal klein und gedrängt, suchend und seufzend – sprachlos und fassungslos. Der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.  

Für den Heidelberger Katechismus ist Beten die wichtigste Gestalt der Dankbarkeit. Aber keine fromme Pflichtübung, wie sie gelegentlich an Wursttheken zu beobachten ist. Wenn um Erziehung bedachte Eltern ihren Kleinkindern zuraunen: „Wie sagt man?“ – damit die Kleinen angemessen auf das geschenkte Wienerle mit „Danke!“ reagieren. So nicht.

 

Die Dankbarkeit, von der der Heidelberger Katechismus spricht, hat etwas zu tun mit der wechselseitigen Beziehung zwischen Gott und Mensch. Mit dem Gefühl: hier begegnet mir einer und etwas, das ich nicht in der Hand habe, sondern der mich trägt. Gott will gebeten werden – es braucht mein Echo und meine Antwort auf seine Verheißung. Weil nichts selbstverständlich und schon gar nicht gleichgültig ist. Im Gebet findet die Erfahrung ihren Platz, dass ich mich nicht mir selbst verdanke.

 

Mit herzlichem Seufzen und ohne Unterlass zu bitten und zu beten, das heißt auch: Gott in den Ohren zu liegen und ihn an seine Verheißung zu erinnern, drängend wie die Witwe, die immer und immer wieder kommt, um ihr Recht einzufordern. Beharrlich und unbeirrt.

 

Vielleicht ist geteilte Sehnsucht und geteiltes Gebet der größte Liebesdienst, den wir füreinander übernehmen können. Die Solidarität der Betenden und die Fürbitte füreinander stiftet die Gemeinschaft derer, die der Geist zur Gemeinschaft der Heiligen macht. Wo mir die Worte versagen, trägt mich das Wissen darum, dass andere für mich beten. Wo ich nur seufzen kann, vertritt mich der Geist – und tragen mich die Gebete derer, die für mich beten. Das ist so viel mehr als ein einfach und hilflos dahingesagtes „Das wird schon wieder!“.

„Ich bete für dich.“ – das heißt: ich lege Dich Gott ans Herz. Immer und immer wieder.

 

Das Gebet geht nicht ins Leere, es steigt nicht in die vagen Wolken, sondern es ist an Gott gerichtet.

An den, der unser Vater ist und uns tröstet wie eine Mutter.

An den, der am Kreuz die Angst und Gottverlassenheit aus sich heraus schrie und der der Gewalt zum Opfer fiel.

An den, der uns begeistert und mit unaussprechlichem Seufzen selbst vertritt.

Das Gebet hat einen klaren Adressaten – einen, der längst gesprochen hat, eh ich um meine Worte ringe. Seine Menschlichkeit zeigt sich daran, dass er unserer Gebete bedarf.

 

Das göttliche Angesicht, zu dem wir unsere Augen aufheben, thront nicht milde lächelnd auf unendlich hohen Bergen, sondern es blickt uns an – gnädig, nüchtern und klar. Er stellt uns nicht bloß und er beschämt uns nicht, aber er ermöglicht nüchterne Selbsterkenntnis. Dass wir unsere Not und unser Elend gründlich erkennen. Dass wir erkennen und bekennen können, wo wir einander die Liebe schuldig geblieben sind. Wo wir an der Liebe zu Gott und der Zuwendung zum Nächsten gescheitert sind.

 

Im Angesicht Gottes betend müssen wir nicht frommer, besser, heiliger und exzellenter erscheinen als wir sind, sondern wir können ungeschminkt und ungeschönt das zur Sprache bringen, was uns bewegt und was uns auf der Seele liegt. Sei es mit jämmerlichem Gekritzel, sei es mit wütend dahin geschriebenen Ausrufezeichen, sei es mit meditativ ruhig bedachten Schönschriftbögen.

 

Selbst wenn uns Unerhörtes zustößt, selbst wenn wir kaum wissen, wie und was wir beten sollen – wenn der Boden unter unseren Füßen wankt, haben wir festen Grund: den festen Grund, dass er unser Gebet […] gewiss erhören wird.[2] Gott wird seine Ohren nicht verschließen, er wird sich all dessen annehmen, was wir für unser geistliches und leibliches Leben nötig haben. Auch dann, wenn wir hadern und voller Unverständnis und Fragen vor Gott stehen, wenn wir unsere Verzweiflung nur noch herausschreien können, bleibt die Hoffnung, die Dietrich Bonhoeffer einmal so in Worte gefasst hat: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“

Im Licht der Verheißung des Lebens, das über den Tod hinausgeht, erkennen wir unsere Bedürftigkeit, stammelnd und stotternd und geben unserer Hilflosigkeit einen Ort.

 

Im Licht der Verheißung dieser Fülle des Lebens lassen wir unser Lob und unsere überschwängliche Freude zum Himmel steigen.

Im Gebet antworten wir auf die Fürsorge Gottes und bringen die Früchte unserer Dankbarkeit vor ihn. Nicht im Wettlauf um das inbrünstigste oder frommste Gebet, sondern vereint in dem Gebet, das uns Gott selbst, Jesus Christus, in den Mund legt.

 

Ob ich es spreche oder als tragende Worte mit der Hand abschreibe – ich mache es mir zu Eigen. Verleihe dem Gebet meine Stimme und meine Handschrift. So wird auch dieses Gebet zur Handschrift meiner Seele.

Sei sie zittrig oder schön gezieret,

sei sie in alten Sütterlinbuchstaben oder in vereinfachter Ausgangsschrift,

sei sie versehen mit Fragezeichen oder mit Ausrufezeichen –

sie ist die Handschrift meiner Seele.

 

Nicht sphärisch, sondern sehr konkret – im Ringen um das täglich Brot, um Schuld und Versuchung, um Leib und Leben.

Sie kommt zur Sprache in den Worten und Lebensgeschichten jedes einzelnen – lassen wir einen zu Wort kommen:

 (aus: Books Writing, Vol II border / Grenze – me / ich, S. 163-164)

Hallo, ich bin ein mexikanischer Einwanderer, der in die USA gekommen ist. Weil ich Geld brauche. Es ist schwer, die Entscheidung zu treffen, sein Volk, seinen Ort, wo man gelebt hat und herkommt, zu verlassen. Beim Übergang über die Grenze muss man sein Leben riskieren und viele Stunden in der Wüste gehen. Das alles, um mehr Leben zu verdienen und der Familie zu helfen. Es war ein wenig schwierig, Arbeit in den Städten und Dörfern in den USA zu finden aufgrund der Sprache. Und häufig aufgrund des Rassismus. Aber es gibt auch viele gute Menschen hier. Man half mir, Arbeit zu finden und jetzt kann ich meiner Mutter helfen und auch meinen Geschwistern und meiner Tochter. Ich kann ihnen mehr geben, als ich es in Mexiko konnte.

Ein Jahr bin ich jetzt in Kalifornien. Manchmal bin ich ein wenig traurig. Aber ich selbst mache mir Mut und gebe mir Kraft, um weiter zu leben. Noch trauriger macht mich die Trennung von meiner Frau aufgrund von Eheproblemen. Aber das Leben geht weiter und ich muss stark sein. Ich weiß nicht, wie lange ich hier sein werde. Aber ich habe gedacht, dass ich noch einige Jahre länger hier bleibe, bevor ich in mein Land zurückkehre. Andererseits gewöhne ich mich an das Leben hier, weil ich auch Freunde und viel gute Menschen getroffen habe, die mich ernst nehmen und mich mich wohl fühlen lassen, vor allem bei meiner Arbeit.

Oft habe ich allerdings den Glauben an meinen Gott verloren. Dennoch weiß ich auch, dass er se ist, der mir geholfen hat, weil ich kein Mal krank geworden bin. ich versuche zu beten und zur Kirche zu gehen, weil nur er mir helfen kann, ein besserer Mensch zu werden. Ich brauche es, ihm zu vertrauen. Denn ich möchte mich nicht noch einmal verlieren, nicht in irgendeine Sucht geraten. Herr des Himmels, erinnere dich an mich.

 

Ja, Herr des Himmels – lies in der Handschrift meiner Seele,

erinnere dich an mich und an alle, die ich dir ans Herz lege.

In uns wohnt das Sehnen nach dir – sei uns nahe.

Lege auf uns und die Welt deinen Frieden, der höher ist als all unsere Vernunft.

Bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.



[1] F. Steffensky und L. Hangartner, Nachwort, in: B. Fünfsinn / B. Joswig (Hg.), Worte wachsen leise, Uelzen 2012, 119.

[2] Fr. 117 HK.

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Letzte Änderung: 29.10.2013
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