15.05.2016: Prof. Dr. Gerd Theißen über "Heiliger Geist"

Predigt im Unversitätsgottesdienst

Pfingsten 2016 am 15.5.2016

 

Prof. Dr. Gerd Theißen

 

Jesus spricht im Johannesevangelium 16,13:

"Wenn der Geist der Wahrheit kommen wird,

wird er euch in alle Wahrheit führen"

Luther schreibt im Kleinen Katechismus zum Heiligen Geist:

„Der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen,

mit seinen Gaben erleuchtet,

im rechten Glauben geheiligt und erhalten;

gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft,

sammelt, erleuchtet, heiliget

und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben ...“

 

 

In alle Wahrheit führen – das ist die Verheißung des Geistes Gottes. Im Johannesevangelium wird er der „Geist der Wahrheit“ genannt. Er will erleuchten und zusammenführen. Er verheißt Erfüllung des Lebens, indem er es „heiligen“ will. Er will Konsens über die Grenzen von Sprachen, Völkern und Konfessionen hinweg schaffen. Die Reformation war überzeugt, dass sie durch diesen Heiligen Geist inspiriert war.

 

Die Wahrheit suchen und finden – das ist die Verheißung der Wissenschaft. Auch sie will Konsens schaffen und das Leben fördern. Auch sie will die Wahrheit verbreiten. Auch sie verbindet Menschen über die Grenzen von Sprachen und Völkern hinweg. Auch die Universität ist dem Geist der Wahrheit verpflichtet.

 

Universal wollen beide sein: der Geist Gottes und der Geist der Universität, die Wahrheit der Wissenschaft und des Glaubens. Oft werden sie jedoch als Konkurrentgen oder gar als Gegner erlebt. 

 

Paradoxerweise mildert postmoderne Skepsis ihre Konkurrenz: Viele sind heute skeptisch gegenüber der Wahrheit, nicht nur skeptisch gegenüber Gott. Nietzsche war skeptisch gegen beide: Für ihn sind Wahrheiten im Grunde nur (ich zitiere) „Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind“ (KSA.1.880)  Er wollte Gott abschaffen, – das war nicht so originell. Aber originell war, das er auch alle Ersatzgrößen entzaubern wollte, die man in das Loch steckt, das Gott hinterlässt: vor allem Wahrheit und Moral. Wenn nun die Suche nach Gott und die Suche nach der Wahrheit in den Augen radikaler Skepsis gleich illusionär sind – kann man dann nicht zumindest eine Übereinstimmung feststellen: Gott ist genauso unerreichbar wie die Wahrheit an sich.  

 

Die Wahrheit an sich ist in der Tat unerreichbar. Selbst wenn wir sie einmal erreichten, könnten wir nie sicher sein, sie erreicht zu haben. Nie werden wir aus unserem Bewusstsein heraustreten können, um zu prüfen, ob unser Bild von der Realität mit ihr übereinstimmt. Der Weg nach draußen ist versperrt. Ist deshalb die Suche nach Wahrheit Unsinn, wenn man darunter die Entsprechung von Denken und Wirklichkeit versteht? Wer das sagt, setzt ein modernes Dogma voraus, man dürfe nicht fordern, was unerfüllbar ist. Sollen impliziere Können. Für die Wahrheitssuche heißt das: Wir dürfen nur anstreben, was wir erreichen können. Wie sind imstande, widerspruchsfrei zu denken, Konsens auszuloten, pragmatisch zu testen, was sich bewährt. Die so gefundenen Wahrheiten sind voll Konstruktionen und Fiktionen, sind interessenbedingt, haben oft ein Verfallsdatum. Soll man daraus aber schließen, der Imperativ der Wahrheitssuche sei unerfüllbar und deshalb sinnlos? Ist das Wahrheitskonzept einer Entsprechung von Denken und Wirklichkeit eine Illusion? Mir leuchtet das nicht ein.

 

Mein erster Einwand: Wenn wir feststellen, dass alle Wahrheiten kultur- und interessenbedingt sind – an welchem Maßstab messen wir dann diese Wahrheiten und stellen fest, dass sie ein Defizit haben? Messen wir sie nicht an einem angeblich sinnlosen Wahrheitskonzept: an der Übereinstimmung zwischen Denken und Wirklichkeit? Halten wir nicht an ihm gerade dann fest, wenn wir feststellen, es sei unerreichbar?

 

Mein zweiter Einwand: Schon Sokrates hatte es mit Menschen zu tun, die meinten, man könne die Wahrheit so drehen wie man will. Gegen diese Sophisten berief er sich auf die Handwerker. Ein Schuster weiß, was ein guter Schuh ist, ein Tischler, was ein guter Tisch ist. Postmoderne Wahrheitsskeptiker sollten die Handwerker der Wissenschaft besuchen: Historiker sind überzeugt, dass sie nicht dichten, wenn sie eine Geschichte der Reformation schreiben. Biologen halten DNA-Strukturen nicht für abstrakt minimalistische Kunstwerke. Sie sind überzeugt, dass ihre Modelle durch die Wirklichkeit informiert sind. Der Weg nach draußen ist zwar versperrt und schwierig. Trotzdem vertrauen wir darauf, dass auf dem Weg von draußen bis zu uns Information dringt.

 

Dritter Einwand: Forderungen, die keiner erfüllen kann, können sinnvoll sein, zumindest in der Theologie. Hier geht es nicht nur um Entsprechung von Denken und Wirklichkeit, sondern um Entsprechung unseres Daseins mit Gott. Theologen wissen: Keiner kann die Gebote Gottes erfüllen. Dennoch sind unerfüllbare Gebote sinnvoll. Sie belehren uns über unsere Grenzen, unseren Abstand von Gott. Sie halten zugleich die Hoffnung und die Sehnsucht aufrecht, sie doch noch erfüllen zu können – wenn Gott uns durch seinen Geist so verwandelt, dass wir seine Gebote tun. Unerfüllbare Forderungen lehren also Selbsterkenntnis in unseren Grenzen und Sehnsucht nach deren Durchbrechung – auch durch eine Kraft von jenseits dieser Grenzen.

 

Deswegen ist daran festzuhalten: Der Suche nach Wahrheit kann sich kein Mensch entziehen. Wir vertrauen in der Wissenschaft darauf, dass unsere Ergebnisse von der Realität informiert sind. Wir vertrauen im Glauben darauf, dass die Übereinstimmung mit der letzten Wirklichkeit uns geschenkt wird.

 

Schauen wir uns nun die Wissenschaft an, um diese Zuversicht zu stärken. Das Wunderbare in ihr ist, dass die Wahrheit hier eine weit größere Chance hat, sich durchzusetzen als sonst im Leben. Im Leben erleidet sie ständig Niederlagen. Natürlich ist sie auch in der Wissenschaft gefährdet. Gerade weil die moderne Gesellschaft mit Hilfe der Wissenschaft Hochleistungen ermöglicht, werden wir immer findiger, sie vorzutäuschen. Es ist viel leichter, gut zu scheinen als gut zu sein. Das zeigen

 

  • die Sportmediziner der Dopingszene,
  • die Techniker des Dieselskandals
  • die Banker der Cum und Ex-Mafia
  • die Steuerbetrüger und ihre Briefkastenfirmen.
  • die Plagiatoren und Datenfälscher in der Wissenschaft.

 

Wir haben  in den letzten Monaten eine Jahrhundertflut von Betrug und Täuschung erlebt. Doch wäre Pessimismus fehl am Platz. Betrug funktioniert nur, wenn die Mehrheit ehrlich ist, falsche Münzen haben nur dann einen Wert, wenn es echte Münzen gibt. Betrüger sind Trittbrettfahrer der Ehrlichkeit anderer Menschen und setzen sie voraus. Nehmen wir einmal optimistisch  an, dass ca. 90% der Menschen ehrlich sein wollen und dass eine Gesellschaft mit 10 % routinierten Betrügern gut leben kann. Auch dann müssen unter diesen 10 Prozent immer wieder einige durch Skandal entlarvt werden. Sonst werden aus 10% bald 20 und 30 und noch mehr Prozent. Mein Trost ist: Wir haben nicht nur eine Flut von Betrug und Täuschung erlebt, sondern immer wieder eine „Stunde der Wahrheit“. Es spricht für eine Gesellschaft und eine Institution, wenn sie Skandale aufdeckt, diskutiert und daraus Konsequenzen zieht.

 

Trotz unserer Neigung zu Betrug und Unwahrheit bin ich überzeugt, dass die Wahrheit in der Wissenschaft gute Chancen hat. Früh oder später kommt hier heraus, wenn betrogen wird. Ebenso bin ich überzeugt, dass die Wahrheit in der Religion eine Chance hat, wenn sie sich mit der Vernunft verbündet. Die entscheidende Frage ist dabei: Kann der Geist Gottes, der in alle Wahrheit führt, auch in der Wissenschaft sein Licht anzünden? Oder anders herum: Findet sich auch in die Wissenschaft eine Lichtspur Gottes? Wissenschaftler sind oft Agnostiker und Atheisten. Für viele ist der Glaube Aberglaube. Trotzdem meine ich: Die Wissenschaft setzt in uns einen Sinn für Unbedingtes, für Freiheit und für Ewiges voraus. Er ist den meisten nicht bewusst. Er ging verloren. Aber er kann aktiviert werden.

 

Bei der Suche nach Wahrheit aktivieren wir erstens einen Sinn für Unbedingtes. Wenn wir etwas als Irrtum oder Illusion erkannt haben, müssen wir den Irrtum verwerfen. Wir können nicht anders, als die Wahrheit dem Irrtum vorziehen. Die Wahrheit ist unbedingt. Sie lässt keine Kompromisse zu.

 

Bei der Suche nach Wahrheit aktivieren wir zweitens einen Sinn für Freiheit. Wenn alles determiniert wäre, könnten wir in Diskussionen über wahr und falsch immer nur sagen: Jetzt bin ich aber gespannt darauf, wozu ich in den nächsten Minuten determiniert bin, wenn ich mich zu diesem oder jenem Problem äußere. Selbst Wissenschaftler, die deterministische Theorien vertreten, halten sich beim Vertreten dieser Theorien nicht für determiniert.

 

Bei der Suche nach Wahrheit aktivieren wir drittens einen Sinn für Ewiges. Wenn etwas heute wahr ist, ist es auch in n+x Jahren wahr. Und wenn wir uns heute irren, haben wir uns auch in n+x Jahren geirrt. Wer Geltungsansprüche erhebt, erhebt sie für immer und für alle Zeiten. Und er blamiert sich  möglicherweise auch für alle Zeiten.

 

Das meine ich, wenn ich sage: In unserer Wahrheitssuche aktivieren wir einen Sinn für Unbedingtes, für Freiheit und Ewiges. Mit diesen drei Überzeugungen überschreiten wir die Welt, die wir empirisch erleben. Unbedingtes gibt es in ihr nicht, Freiheit ist nicht nachweisbar, Ewiges entzieht sich uns. Und doch haben wir dafür einen Sinn. Er ist wie ein glimmender Funke, eine verschüttete Lichtspur Gottes in uns. Dieser Funke muss von einem Wind angefacht werden, damit er als Licht aufleuchtet. Dann wird er zur Erleuchtung, dann hat der göttliche Geist den menschlichen Geist „inspiriert“.

 

*

Obwohl die eben skizzierten Gedanken heute eher in der katholischen als in der protestantischen Theologie zuhause sind, wende ich sie auf unsere Auseinandersetzung mit der Reformation an: Unbedingtheit verpflichtet zur Wahrheit, mag sie auch unangenehm sein. In der Reformation wollten Menschen die Wahrheit gegen Widerstand durchsetzen. Sie beriefen sich auf die Autorität der Schrift. Mit ihr kritisierten sie Kirche und Tradition, die Schrift selbst blieb sakrosankt. Später kritisierte der Protestantismus historisch-kritisch auch die Schrift –  ohne Rücksicht darauf, ob das irgendjemandem passt. Sie wurde zu einem Zeugnis menschlichen Glaubens. Heute müssen wir auch diesen Glauben dem Fegefeuer der Religionskritik aussetzen, um ihn zu läutern. Überall müssen wir der Wahrheit den Vorzug vor dem Irrtum geben. Manche meinen, der Protestantismus werde noch einmal an der Unbedingtheit dieser Wahrheitssuche zugrunde gehen. Aber schon Paulus sagt: Wir können nichts gegen die Wahrheit, sondern nur etwas für die Wahrheit (2Kor 13,8).

 

Kritik ist heute auch direkt an der Reformation nötig. Wir dürfen sie nicht verklären, als wären Licht und Finsternis auf Protestanten und Katholiken verteilt gewesen. Luther wurde mit Recht entzaubert. Er war zugleich ein Gerechter und ein Sünder, war simul justus et peccator.  Seine Neuentdeckung des Evangeliums als unbedingte Anerkennung des Menschen durch Gott – das gehört zum Licht, seine antijüdischen Hassschriften gehören zum finstersten Schatten unserer Geistesgeschichte. Nur Heinrich Bullinger kritisierte sie damals als „schmutzig geschrieben“.

 

Trotzdem hat Luther Ideen in die Welt gesetzt, die bis heute nachwirken. Ich nenne nur ein Beispiel: In Sachen des Glaubens müssen Änderungen ohne Gewalt, allein durch das Wort geschehen, non vi, sed verbo. Mit diesem Grundsatz hat Luther das Vorgehen radikaler Reformer und Bilderstürmer bekämpft. Wichtig ist: Das Wort wirkt nicht automatisch. Zum äußeren Wort muss das innere Wort treten – eine Erleuchtung oder ein Evidenzerleben, das sich nicht zwangsläufig einstellt. Das ist die Erfahrung des Heiligen Geistes. Wer dagegen meint, allein mit Worten und Gedanken zwingend jemanden überzeugen zu können – der übt nur einen neuen Zwang aus. Wenn er nicht überzeugen kann, muss er den anderen für verstockt, krank oder für dumm halten. Wenn in Fragen des Glaubens das Wort aber allein dadurch wirkt, dass es einleuchtet, ohne jedem einleuchten zu müssen, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Die Reformatoren hatten dabei das Vertrauen, dass das Wort genügend Menschen so erleuchtet, dass sie zu einem Konsens fähig sind. Sie meinten deshalb: Wir brauchen keinen Papst, der entscheidet, wo es langgehen soll. Es reichen Synoden. Reformierte haben das ein wenig klarer erkannt als Lutheraner.

 

Der Grundsatz non vi, sed verbo, nicht durch Gewalt, sondern durch Überzeugung, versuchen wir heute in vielen Bereichen durchzusetzen, mit gewissen Erfolgen in Erziehung und im Recht, mit weniger Erfolg in politischen Konflikten. Besonders wichtig ist dieser Grundsatz in der Religion, im Umgang mit dem Unbedingten. Denn mit der Motivationskraft des Unbedingten werden unter Berufung auf Gott Verbrechen begangen. Wenn das Unbedingte sich aber nur mit innerer Überzeugungskraft ohne jeden Zwang durchsetzen will – dann ist jede Gewalt in Religionsfragen ein Verbrechen.

 

*

Eine zweiter Maßstab für den Umgang mit der Reformation ist die Freiheit: Jede Wahrheitssuche setzt Freiheit voraus. Die Reformation hat auch hier ambivalent gewirkt. Sie hat die Sozialdisziplinierung von Menschen in kleinen Territorien vorangetrieben. Die Landesherren wurden mächtiger. Sie meinten zeitweise, sie müssten nun Homogenität in Glaubensfragen herstellen, abweichende Minderheiten hatten es noch schwerer als vorher. Die Freiheit wurde nicht nur gefördert. Aber das Stichwort von der Freiheit eines Christenmenschen hat positiv weitergewirkt. Freiheit bedeutet in der Reformation zunächst Freiheit von Angst. Das verstanden auch einfache Menschen: Angstmachen gilt nicht vor Gott. Man muss nicht Ablässe kaufen, um dem Jüngsten Gericht und dem Fegefeuer zu entrinnen. Dem Glauben wird die Gewissheit geschenkt, dass Gott den Menschen unbedingt anerkennt. Entlastet von der Sorge um sich selbst kann er sich seinen Mitmenschen und Aufgaben zuwenden. Was er für sie tut, tut er um ihretwillen oder um der Sache willen – nicht um Pluspunkte für das Jüngste Gericht zu sammeln. Der Heilige Geist spielt dabei eine wichtige Rolle. Denn er verlegt die Gebote Gottes ins Innere der Menschen, als hätten sie selbst sich diese Gebote gegeben. Es muss sie keiner von außen belehren. Sie handeln autonom und frei. Die Reformation benutzte dafür das Bild vom Baum, der von selbst Früchte bringt – oder von der Quelle, die Wasser hervorsprudelt. Das Gute ist das, was aus dem erneuerten Wesen des Menschen spontan hervorgeht. Das ist nicht Selbstverwirklichung im modernen Sinn. Nicht die jeweilige Individualität entfaltet sich hier, sondern ein durch den Geist verwandelter Mensch.  Aber es war auf dem Weg zu einer Ethik der Selbstverwirklichung und Autonomie ein entscheidender Schritt.

 

Auch hier wird manchem schwindlig. Löst sich dieser Protestantismus mit seinem Freiheitsbewusstsein nicht auf? Verlieren nicht alle verbindlichen Werte ihre Geltung, wenn jeder nur tut, was aus seinem Wesen entspricht. Wird aus dem Verlangen, mit Gott übereinstimmen – am Ende nur das Programm, mit sich selbst übereinzustimmen? Führt das nicht direkt zum modernen EGO-Kult? Ganz gewiss nicht: Unsere Aufgabe ist der Dienst am Nächsten und an der Sache. Dazu haben wir unsere Freiheit. Darin verwirklichen wir uns selbst.

 

*

 

Zuletzt eine dritte Anwendung. Die Reformation erneuerte den Kontakt mit dem Ewigen. Sie versichert jedem, der glaubt, dass Gott ihn unbedingt anerkennt, obwohl er fehlbar ist und oft gefehlt hat. Dieses Urteil gilt in alle Ewigkeit. Dieses Urteil ist selbst der entscheidende Kontakt mit der Ewigkeit. Wenn man sich das naiv gegenständlich wie die Reformatoren vorstellt, dann heißt das: Auch im Jüngsten Gericht und im Paradies wird der Mensch nichts hören, was diesen Zuspruch des Evangeliums noch einmal überbietet. Aber er kann ihn ungekürzt schon hier und heute erfahren, im Wort der Verkündigung und der Sakramente, in der Sprache von geistlicher Musik und Kunst, in Evidenzerfahrungen des Geistes, der weht, wo er will. Es gibt viele Formulierungen für diese Erfahrung: Der Mensch wird anerkannt, er wird unbedingt geliebt, er ist unendlich viel wert. Eben das ist die Erfahrung des Geistes: die Gegenwart Gottes im Menschen. Dadurch wird das Leben unendlich kostbar. Nicht nur das eigene Leben. Auch nicht nur das Leben derer, die glauben. Denn Gott will in jedem Menschen präsent sein. Jeder ist es wert, seine Wohnung zu werden. Heute stehen viele Wohnungen leer. Aber wenn Gottes Geist in sie einziehen will – dann steigt der Wert dieser leeren Wohnungen ins Unendliche. Daher erzählt die Pfingstgeschichte, wie der Geist – unabhängig von Sprache und Kultur – alle Menschen ergreift.

 

Aber wie unbedingte Kritik und protestantisches Freiheitsbewusstsein manchen unheimlich sind, so stoßen wir auch hier auf einen Abgrund: Dass der Mensch allein durch Gott gerechtfertigt wird, heißt auch: Die Legitimität und der Sinn seines Daseins sind nicht in der Welt zu finden, nicht in seinem Status, seinem Erfolg, seinem guten und bösen Handlungen, sondern allein in einem schöpferischen Akt, der aus Nichts schafft. Sinn und Legitimität unseres Daseins sind so unbegründet wie unsere Existenz. Das Kreuz demonstriert den Zusammenbruch aller Sinngebungen, die Auferstehung diese Schöpfung aus Nichts. Man muss Nihilist sein, um diese creatio ex nihilo, diese Schöpfung aus dem Nichts als Wunder zu erleben. Wer alles auf das Wort setzt, das aus dem Nichts schafft – kann aber auch schnell in diesem Nichts versinken. Protestanten sind nihilismusgefährdet, wenn sie den Glauben verlieren.

 

Aber wenn dieses Wort in uns wirkt, erreichen wir das, was wir in der Suche nach Wahrheit für unerreichbar hielten: die Übereinstimmung zwischen uns und der Realität Wir hatten gesehen: Wir können diese Entsprechung in unseren wissenschaftlichen Vorstellungen und Aussagen nicht adäquat abbilden. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass sich in unseren Konstruktionen die Wirklichkeit selbst meldet. Sie informiert uns. Noch rätselhafter ist die existenzielle Wahrheit unseres Lebens. Wir können mit unserem Dasein in Entsprechung zu Gott leben, wenn der verschüttete Sinn für Unbedingtes, für Freiheit und Ewiges in uns wach wird und wir dessen gewiss werden: Unser Leben hat unendlichen Wert. Dieses Licht ist das Licht des Heiligen Geistes in uns. Es ist die Gegenwart Gottes in unserem Leben. Auch hier dürfen wir darauf vertrauen, dass sich in all unseren fragwürdigen Bildern und Imaginationen Gott selbst meldet, dass er sich von sich her erschließt. So wie in der Wissenschaft der Weg nach draußen schwierig ist, so ist im Glauben der Weg zu Gott versperrt und verloren gegangen. Aber hier wie dort dürfen wir darauf vertrauen, dass dieser Weg von draußen zu uns möglich ist. Wo er sich öffnet, geschieht Wahrheit – in der Wissenschaft als Wahrheit des Erkennens, im Glauben als Wahrheit des Lebens. Der Geist Gottes und der Geist der Wissenschaft – beide haben die Verheißung, uns in die Wahrheit zu führen. Der protestantische Glaube, wie er sich in Reformation, Aufklärung und in den Krisen der Moderne gebildet hat, lebt von dieser Verheißung. Er ist heute nötiger denn je. Aber das ist nicht nur eine Forderung. Der Zusammenklang der Wahrheit in Glauben und Wissen – das ist für mich Inbegriff von Glück und Sinn.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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Letzte Änderung: 17.05.2016
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