20.11.2011: Prof. Dr. Helmut Schwier über Bachkantate Actus Tragicus

 

Predigt zur Bachkantate „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit (Actus Tragicus)“ im Universitätsgottesdienst am Ewigkeitssonntag, 20.11.2011, in der Peterskirche

 

Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier

 

 

 

1 Sonatina

 

2a Coro:
Gottes Zeit,
ist die allerbeste Zeit
In ihm leben, weben und sind wir, [Apg 17,28]
solange er will.
in ihm sterben wir zur rechten Zeit,
wenn er will.

 

2b Arioso, Tenore:
Ach Herr,
lehre uns bedenken,
daß wir sterben müssen,
auf daß wir klug werden. [Ps 90,12]

 

2c Arioso , Basso:
Bestelle dein Haus;
denn du wirst sterben und nicht lebendig bleiben! [Jes 38,1]

 

 

Liebe Gemeinde,

 

eine stille Musik hören wir zum Ewigkeitssonntag: kein großes Orchester, sondern eine solistische Besetzung, instrumental wie vokal. Blockflöten und Gamben weisen in ihrem Klang auf Tod und Sterben, sind leise, zerbrechlich, mitunter kaum hörbar, wie ein Echo verklingend. Diese Kantate ist wahrscheinlich für einen Trauergottesdienst des Jahres 1707 oder 1708 komponiert worden; Bach war damals 22 oder 23 Jahre alt. Der Kantatentext besteht weitgehend aus Bibelworten und Chorälen. Bach hat sie einem damals bekannten Gebetbuch mit dem schönen Titel „Christliche Bet-Schule“ (Joh. Olearius, 1668) entnommen. Der Text des 1. Chorsatzes stammt höchstwahrscheinlich von ihm selbst. Der später zugefügte Titel „Actus Tragicus“ heißt übersetzt: Trauerfeier.

Der Tod ist der Ernstfall des Lebens. Der Tod geht jeden an, greift jeden an, besiegt jeden; und jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod. Das ist allgemeine Erfahrung, nicht einmal besonders religiös oder christlich. Es ist das Gesetz der Welt und bricht unwiderruflich ein in die Zeit.

Im 1. Chorsatz ist das Leben in seiner Fülle zu hören, bewegte, in- und durcheinander laufende Linien im Webmuster des Lebens; und dann ändert sich musikalisch alles, wenn das Stichwort „sterben“ kommt. Der Tod ändert alles, kehrt alles um – bei Sterbenden wie Trauernden – bringt alles durcheinander – Gefühle, Empfindungen, Überzeugungen, Weltbilder.

Die Worte aus Ps 90 bieten dann eine erste Orientierung: in der Begegnung mit dem Sterben wird mir meine eigene Sterblichkeit bewusst, und ich soll daher mein Leben klug, weise weiterleben. Juden und Christen sprechen diese Orientierung als Bitte an Gott aus, aber sie ist auch unabhängig davon verständlich und wahr. Das memento mori, das Gedächtnis der Sterblichkeit, ist stets eine Ermahnung mitten im Leben zum Innehalten und zum veränderten Weiterleben.

Bachs Musik führt diese Wahrheit noch einen Schritt weiter: Wir hören im Tenor-Arioso sich ständig wiederholende, bittende Figuren im Cello und Kontrabaß, das ganze Stück hindurch. Die Wahrheit aus Ps 90 stellt sich eben nicht sofort und verlässlich ein. Sie braucht Wiederholung, sie braucht ständige Einübung. Dazu bieten Gebet und Meditation Gelegenheit. Und wer das Beten bisher von seinen Eltern oder Großeltern, Lehrern oder Pfarrern nicht gelernt hat, der fange einfach an mit der Wiederholung der Bibelworte dieser Kantate; und der stimme ein in das gottesdienstliche Beten der Kirche am Sonntag. Beten lernt man dadurch, dass man es tut und übt.

Die Wahrheit des klugen Weiterlebens führt zu einem klaren Appell: „Bestelle dein Haus!“ Ordne dein Leben. Regele deine Angelegenheiten. Schau auf die Menschen, für die du Verantwortung trägst, und nimm diese Verantwortung wahr. Angesicht der harten Realität, dass wir sterben werden: lasst uns ehrlich und wahrhaftig zueinander sein, respektvoll und achtsam miteinander leben. „Bestelle dein Haus!“

 

Der Kantatensatz, den wir jetzt hören, fasst das zunächst zusammen: die tiefen Chorstimmen prägen uns ein: „das ist der alte Bund: Mensch, du musst sterben.“ Unüberhörbar in der harten Melodie und eingespannt in das strenge Gesetz der Fuge scheint es kein Entrinnen, keinen Ausweg zu geben – oder doch…?

 

 

2d Coro e Arioso (mit instrumentalem Zitat „Ich hab mein Sach Gott heimgestellt“):
Es ist der alte Bund: Mensch,
du mußt sterben! [Sir 14,18]

Ja, komm, Herr Jesu! [Offb 22,20]

 

 

Aus der Fuge selbst gibt es kein Entrinnen. Das Gesetz „du musst sterben“ wird nicht beseitigt. Immer wieder hören wir: du musst, du musst, du musst.

Aber es passiert noch mehr in dieser Musik: Auf einmal der helle Sopran, bittend, rufend: „Ja, komm, Herr Jesu“. Diese Stimme hält sich nicht an das Gesetz. Sie durchbricht die Fuge und deren Botschaft immer wieder von Neuem. „Ja, komm, Herr Jesu!“ Diese Stimme des Glaubens beseitigt nicht das Gesetz, aber es wird verändert. Am Ende wird die Melodie auf die Worte „du musst sterben“ so verändert, dass sie der Stimme des Glaubens gleicht. Und beim letzten Mal wird das „Sterben“ kraftvoll nach oben strebend gesungen – dem kommenden Christus entgegen. Der Sopran beschließt dann seine Bitte allein, ohne Chor, ohne Instrumente – schon ein wenig entrückt und verzückt – und verklingt.

Bach hat an dieser Stelle – sehr ungewöhnlich für das Ende eines Stückes – einen zusätzlichen ganzen Takt Pause für alle Stimmen notiert. Ein Bach-Interpret deutet diese Pause als die „Stille des Todes … und zugleich schon Echo künftiger Himmelsfreuden“ (Geck), ein anderer als Zeit des Schweigens vor Gott, in dem die Kehrtwende und der Trost sich wortlos ereignen und sich aller Sprache entziehen (Walter).

Das wäre eine sehr moderne Botschaft: Die Härte des Todes wird gemildert durch den Glauben und dessen Bitten, und am Ende bleibt nichts als Stille – für Christen ein Schweigen vor Gott, für andere vielleicht eine mystische Vereinigung mit dem Grund des Seins oder aber ein Verklingen ins Nichts.

Jedoch – diese Musik hat noch eine weitere Bedeutungsebene. Die Instrumente musizieren dreistimmig den Choral „Ich hab mein Sach‘ Gott heimgestellt“. Immer zum Sopran, zur Stimme des Glaubens, erklingt der Choral. Damals ein bekanntes Lied, heute völlig unbekannt!

An welche Strophe hat Bach bei seinem Zitat gedacht? Nun – das Lied hat 18 Strophen. Nicht alle kommen in Frage. In der ersten Hälfte des Liedes wird unsere Sterblichkeit ausgiebig beschrieben – teilweise mit so peinlich-direkten wie für alle verständlichen Reimen: „Heut sind wir frisch, gesund und stark und liegen morgen tot im Sarg“ oder für unsere Gemeinde etwas treffender: wir „müss‘n all davon, gelehrt, reich, alt, jung oder schön.“ An diese Strophen hat Bach sicher nicht gedacht; denn sie wären die bloße Verdopplung des unentrinnbaren Gesetzes: „du musst sterben“.

Aber in der zweiten Hälfte des Liedes entfalten die Strophen Christi Wirken für uns, sein Sterben und Auferstehen uns zugute. Mehrfach wird bekräftigt, dass er der einzige Trost und Helfer ist. Bach hat hier das Christusbekenntnis instrumentiert.

Die einzelne Stimme des Glaubens und das Christusbekenntnis der Kirche klingen zusammen. In ihnen steht das Evangelium dem Gesetz des Sterbens gegenüber. Die frohe Botschaft beseitigt nicht das Sterben, aber verändert die Melodie. Aus der verzweifelten Härte wird ein erstes zaghaftes Annehmen.

Das ist die vielleicht postmoderne Botschaft dieser Kantate: es gibt einen Glauben und ein Bekenntnis, die dem Tod entgegentreten; auch wer sie nur noch vom Hörensagen kennt, als unspezifisches, undeutliches Zitat, sollte prüfen, ob das Christusbekenntnis und die existentielle Bitte um das Kommen des Herrn das Leben verändern und dem Ernstfall des Lebens standhalten.

 

 

3a Aria, Alto:
In deine Hände befehl ich meinen Geist;
du hast mich erlöset,
Herr, du getreuer Gott. [Ps 31,6]

 

3b Arioso con Chorale:
Heute wirst du mit mir im Paradies sein. [Lk 23,43]

 

Mit Fried und Freud ich fahr dahin
in Gottes Willen,
getrost ist mir mein Herz und Sinn,
sanft und stille.
Wie Gott mir verheißen hat:
der Tod ist mein Schlaf worden.

 

 

Halten wir Christen in der Gemeinschaft der Kirche dem Ernstfall des Lebens stand und wie sähe das aus? Die beiden nun gehörten Bibelworte sind dadurch miteinander verbunden, dass Jesus sie am Kreuz sprach. Der Choral ist die Antwort des Glaubenden, in Frieden und mit Freude zu sterben, getröstet, sanft und stille.

Wir wissen aus dem Evangelium nach Markus und Matthäus, dass Jesus nicht sanft und stille starb, sondern litt und schrie und an Gott verzweifelte. Jesus ist nicht das Vorbild für die in Frieden Sterbenden, sondern für alle anderen: gerade für die im Todeskampf, für die unter Gewalt und Folter Leidenden, für die von Gott und den Menschen Verlassenen.

Christen und Kirche halten dem Sterben als dem Ernstfall des Lebens stand, wenn wir das Sterben aushalten, auch in seiner Härte – konkreter gesagt: wenn wir uns einsetzen für ein menschenwürdiges Sterben, in der Familie, im Krankenhaus, im Hospiz; und wenn wir als Gesellschaft der Gewalt, dem Terror und ihren Drohungen und Einschüchterungen widerstehen. Unser Gedenken an die Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Unrecht am vergangenen Volkstrauertag findet auch darin ihre Fortsetzung. Das memento mori ist immer auch politisch.

Und das ruhige, getröstete Einstimmen in das eigene Sterben? Wie steht es um Gottes Verheißung, dass „der Tod ist mein Schlaf worden“? Im christlichen Sinn den Tod als Schlaf zu verstehen, heißt nicht, seine Härte metaphorisch zu mildern. Im christlichen Sinn den Tod als Schlaf zu verstehen, heißt, ihn von seinem Ende her zu verstehen, heißt, ihn vom Aufwachen her zu begreifen. Der Tod ist nur deshalb des Schlafes Bruder, weil Christus aufgeweckt wurde.

Friede oder gar Freude stellen sich nicht ein, weil die Situation und unsere menschlichen Bedingungen so wären. Friede und Freude sind nur möglich, weil Christus vom Tod erweckt wurde und den Weg zum Paradies kennt und uns mitnimmt.

Christen und Kirche halten dem Sterben als dem Ernstfall des Lebens stand, weil es für uns der Ernstfall des Vertrauens ist. Die Kraft und der Mut, auch dann zu vertrauen, liegen nicht in mir; sie werden von Gott geschenkt. Aber – wie Dietrich Bonhoeffer sagte – er gibt sie uns nicht im Voraus, sondern im rechten Augenblick – dann, wenn ich sie brauche. So wird aus dem memento mori die christliche ars moriendi: aus dem Gedenken der Sterblichkeit die Kunst des Sterbens, meines Sterbens.

Diese Kunst benötigt Einübung und Erinnerung. Beides kommt zusammen in den vier letzten Worten der Kantate: „durch Jesum Christum, Amen“. Klingt wie ein bloße Floskel, leicht daher gesagt, hört man in der Kirche in jedem zweiten Gebet. Aber diese Floskel ist die entscheidende Formel. Sie ist der Ermöglichungsgrund für all unser Beten und Hoffen, für den Sieg über den Tod.

 

Hören Sie, wie Bach es vertont: Ruhig und gleichzeitig fröhlich werden die Choralzeilen musiziert – für die Jazzfreunde unter uns: die Instrumente haben gegenüber dem gesungenen Choral immer einen synkopierten Nachschlag; schon dies gibt einen wunderbaren Swing und herrlichen Groove. Aber plötzlich bei den letzten vier Worten bricht eine jubelnde Musik los – eine Fuge, die nicht in Gesetzlichkeit erstarrt, sondern aus den Fugen gerät mit Vergrößerungen und Verkleinerungen und der ganzen polyphonen Vielfalt des Lebens – und am Ende still und getröstet ausklingt.

 

Diese Zuversicht mitten im Leben und darüber hinaus schenke uns der allmächtige und barmherzige Gott – durch Jesum Christum. Amen.

 

 

4 Coro („In dich hab ich gehoffet, Herr“, Str.7):
Glorie, Lob, Ehr und Herrlichkeit
sei dir, Gott Vater und Sohn bereit',
dem heilgen Geist mit Namen!
Die göttlich Kraft
macht uns sieghaft
durch Jesum Christum, Amen.

 

 

 

 

Hilfreiche Literatur:

Dürr, Die Kantaten von Johann Sebastian Bach, Bd.2, 19792; Geck, Bach. Leben und Werk, 2000; Mautner, „Mach einmal mein Ende gut“. Zur Sterbekunst in den Kantaten Johann Sebastian Bachs zum 16. Sonntag nach Trinitatis, 1997; Petzoldt, Liturgische und theologische Aspekte zu den Texten der frühesten Kantaten, in: Die Welt der Bach-Kantaten Bd.1, 1996; Rathey, Zur Datierung einiger Vokalwerke Bachs in den Jahren 1707 und 1708, in: Bach-Jahrbuch 2006; Schulze, Die Bach-Kantaten, 2006; Steiger, Actus tragicus und ars moriendi, in: Musik und Kirche 1989; Walter, Musik-Sprache des Glaubens, 1994

 

 

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Letzte Änderung: 29.11.2011
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