Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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Predigt 20.03.09

Im Winzergleichnis wird ein Konflikt um Besitz zum Gleichnis für die Beziehung zwischen Mensch und Gott. Der umstrittene Weinberg ist ein Bild für Israel – aber darüber hinaus für das Land überhaupt, für das Leben, das Heil. In den Liedern Salomos ist der Weinberg die Geliebte. Der Besitzer des Weinbergs erhebt Anspruch auf den Ertrag. Er war den Pächtern nur geliehen. Sie aber wollen ihre Abhängigkeit beenden und nicht zahlen. Um sich in den Besitz des Erbes zu setzen, werden sie kriminell: Sie misshandeln die Boten, töten einige und schrecken auch nicht davor zurück, den Sohn als den Erben zu ermorden. Sie wollen sein Erbe besitzen.

 

Wenn man dieses Bild konsequent durchdenkt, bedeutet das: Sie wollen nicht nur den Tod des Erben. Sie wollen den Tod des Besitzers. Dabei kann nur an Gott gedacht sein. Dass man seinen Tod will, wäre für Sprecher und Hörer des Gleichnisses damals undenkbar gewesen. Sie hätten eine solche Deutung entrüstet abgelehnt. Doch Bilder und Gleichnisse sagen mehr, als ihre Benutzer bewusst meinen. Wer ein Erbe antreten will, wartet auf den Tod des Besitzers.  

Wer sind nun diese Menschen, die das Erbe haben wollen und dabei verraten, dass ihnen der Tod des Besitzers willkommen wäre? Das sind gewiss auch wir! Wir haben uns mit dem Eintritt in die moderne Welt in den Besitz der Erde gesetzt. Wir wollen sie nicht im Auftrag eines anderen hüten! Wir sind um unserer Freiheit willen bereit, Gott zwar nicht umzubringen, wohl aber, ihn lautlos aussterben zu lassen!

Nietzsche hat diesen Tod Gottes einmal sehr viel theatralischer proklamiert. Er meinte nicht nur den Tod des Gottes der Bibel. Er meinte auch alle Ersatzgrößen, denen wir uns unterwerfen und mit denen wir andere unterwerfen: auch die Vernunft, auch die Naturgesetze, auch eine universale Ethik, all das, was wir vorschieben, um unseren Willen zur Macht über sie zu kaschieren. Aber nur die Steigerung des Lebens aus einer inneren Fülle heraus soll gelten. Armselig seien alle, die sich mit einer Minimierung des Leids in diesem Leben begnügen wollen. Das sei Sklavenmoral – gut für die, die ein erbärmliches Schicksal haben. Diese Sklavenmoral lebe weiter, in Sozialismus, Demokratie und Humanismus – in all den Bestrebungen, die vom Mitleid mit sich und anderen geprägt sind. Nietzsches Übertreibungen machen es uns fast zu leicht, diesen Weg in die Moderne abzulehnen.

Aber wir sollten vorsichtig sein, wenn wir den Weg in eine Welt ohne Gott pauschal ablehnen. Dabei kann man auf Irrwege geraten. Als in der Zeit der großen europäischen Krise in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts – auch damals bedingt durch eine Wirtschaftskrise – Theologen nach Wegen in die Zukunft suchten, verdammten sie unisono den Weg in eine säkulare Welt im 19. Jahrhundert. Sie standen in der Versuchung, für ihre Opposition gegen diese säkulare Welt jeden Bundesgenossen zu akzeptieren, mochte er auch noch so dubios sein. Damals gab es zwei Gruppen, die einen Neuaufbruch versuchten.

Entsetzlich irrten die einen, die den deutschen Aufbruch 1933 zur großen Wende erklärten – als Überwindung der Säkularisierung, als Chance, sich wieder eins mit dem Volk zu fühlen, die Arbeiterschaft zurück zu gewinnen. Für die zu überwindende Säkularisierung machten sie oft Juden verantwortlich und wurden so mitschuldig an den Verbrechen gegen sie. Das waren die nationalsozialistischen Christen.

Besser waren die anderen dran, die zum Wort Gottes zurückkehrten und gegen die Zeit schwammen. Sie weigerten sich, neben der einen Botschaft des Weinbergbesitzers noch andere Boten anzuerkennen. An die Bekennende Kirche knüpfen wir bis heute an.

Beide entgegengesetzte theologische Neuaufbrüche hatten aber eins gemeinsam: Beide lehnten den Weg in die säkulare Welt ab. Nur wenige Theologen machten eine Ausnahme: Dietrich Bonhoeffer mit seinem Eintreten für ein mündiges Christentum und Rudolf Bultmann mit seiner Entmythologisierung der christlichen Botschaft. Beide hatten erkannt: Wir leben in einer säkularisierten Welt und müssen das akzeptieren. Deswegen müssen wir mit ihnen fragen: Gibt es sanftere Wege, das „Erbe“ der Welt anzutreten? Ohne Gottesmord? Ohne Tötung des Mitleids in uns? Ohne Absage an die Vernunft? Und wäre das nicht der protestantische Weg. Denn der Protestantismus hat die moderne Welt mitgestaltet. Es ist seine Welt. 

Schon das Bild vom „Erben“ weist auf eine andere Möglichkeit. Ein Erbe hat Verfügungsrecht über sein Erbe. Alle erwarten, dass er im Geist des Besitzers handelt. Der Besitzer aber kann seine Erben nicht mehr kontrollieren. Die Erben handeln somit frei und autonom. Der Weg in die moderne Welt hat zu solch einer Situation geführt: Wir handeln, als sei Gott abwesend. Und dennoch versuchen wir, seinem Willen zu entsprechen, freiwillig und ohne Zwang.

Bei der Suche nach einem anderen Weg zum Erbe fällt mir eine Gegenaussage im Neuen Testament zum „Erbe“ ein. Sie findet sich in der Seligpreisung der Bergpredigt: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde erben“ (so muss man wörtlich übersetzen). Selig sind nicht die, die sich mit Gewalt der Erde bemächtigen, sondern durch Verzicht auf Gewalt ihr Erbe antreten.

Das Winzergleichnis zeigt den gewalttätigen Weg zum Erbe und sein Scheitern. Offen gelegt wird die Gewalttätigkeit der Menschen. Für ein Erbe, über das sie autonom verfügen können, vollbringen sie einen Mord. Am Ende droht eine ebenso gewalttätige Reaktion des Besitzers: „Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer umbringen und den Weinberg andern geben.“

Wir rätseln in der Exegese, wer mit den „anderen“ gemeint ist. Der Weinberg ist, wie gesagt, ein Bild für Israel. Die Pächter sind die Führer Israels, etwa die Hohepriester. Jesus könnte auch an die herodäischen Fürsten gedacht haben. Sie hatten den letzten Boten, Johannes den Täufer, umgebracht. Bei den „anderen“, denen der Weinberg gegeben werden soll, denkt Jesus wahrscheinlich an seine Jünger. Ihnen hatte er verheißen, dass sie die zwölf Stämme Israels regieren werden. Sie sollten die neuen Führer Israels sein als kleine Leute aus dem Volk: Fischern und Bauern. Wenn die alten Führer Israels versagen, dann soll der Weinberg an das Volk und seine Repräsentanten gegeben werden. Als Zeichen dafür hatte Jesus zwölf Jünger berufen. Ihnen hat er zugerufen: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.“ Sie sollen den anderen Weg gehen.

Was Jesus damals den politischen und religiösen Führern Israels zurief, sagt das Winzergleichnis allen: Es deckt die Gewaltbereitschaft in uns auf! Es gibt hier eine erschreckende Asymmetrie: Wir können mit Gewalt viel mehr erreichen als mit Sanftmut. Wir können unser eigenes Leben zerstören, aber wir können es uns nicht geben. Wir können schnell ein Land zerstören, aber nur schwer wieder aufbauen. Wir können eine Beziehung in die Brüche gehen lassen, aber sie nicht auf moralischen Befehl hin neu schaffen. Wir erleben uns im Zerstören effektiver als im konstruktiven Verhalten. Daher diese Neigung zur Gewalt. Hier lebt ein Stück Ursünde in jedem von uns. Der Erfolg im Bösen ist uns lieber als die Erfolgsschwäche im Guten. Das alles wird daran offenbar, dass wir das Höchste zerstören können und wollen: Gottes Boten selbst.  

Auf das Gleichnis folgt aber eine Schriftwort aus Psalm 118. Es wurde im Lichte von Ostern angehängt.

„Der Stein, den die Bauleute verworfen haben.     

der ist zum Eckstein geworden.

Vom Herrn ist das geschehen

Und ist ein Wunder vor unsern Augen“

Dieses Schriftwort sagt: Der Mensch ist mächtig im Zerstören, Gott aber darin, Leben zu geben. Der Mensch verwirft den Stein. Gott aber macht ihn zum Eckstein. Der Mensch zerstört, Gott aber schafft aus dem Nichts. Menschen können Jesus töten. Aber Gott gibt ihm Leben.

Mit diesem Wort vom Eckstein wird die Bildwelt des Gleichnisses verlassen. Dort haben wir ein landwirtschaftliches Bild. Der Weinberg wird von Gärtnern gepflegt. Jetzt folgt ein architektonisches Bild: Der Bau wird von Bauleuten errichtet. Das Gleichnis endet mit der Frage: Wird der Besitzer den Weinberg anderen geben? Das Bildwort vom Bau aber droht den Bauleuten nicht, dass sie gegen andere ausgetauscht werden. Sie dürfen weiter bauen. Als böse Winzer wurden sie verworfen, als gute Bauleute neu eingestellt. Ihre kriminelle Energie zum Mord wurde in konstruktive Energie des Bauens verwandelt. Was aber haben sie dabei als „Erbe“ erhalten?

Als sie den Sohn beseitigen wollten, wollten sie freie Verfügung über das Erbe haben. Sie wollten nicht mehr an einen anderen gebunden sein. Jetzt aber haben sie eine Macht erfahren, die ihnen ihre Grenze vor Augen führt – aber nicht als Scheitern, sondern als Gewinn. Keiner kann aus dem Nichts etwas schaffen. Keiner kann etwas bewirken, das dem Tod standhält. Wir geraten damit an jene Grenze, an die wir schon einmal gestoßen waren. Das Bild vom Weinberg als Erbe setzt eigentlich den Tod des Besitzers voraus, damit sein Erbe frei wird. Aber nicht Gott stirbt, sondern sein Sohn – und der überwindet den Tod durch Gottes aus dem Nichts schaffender Macht.

Die Menschen haben dadurch ein reiches Erbe erhalten. Aber ganz anders als sie dachten. Sie wollten einen Besitz, über den sie frei verfügen. Anstatt dessen wurden sie mit einem Leben konfrontiert, das sie sich selbst nicht geben können. Sie können dieses neue Leben nicht mit Gewalt an sich reißen. Sie können es nur empfangen. Ihr Erbe ist letztlich Gott selbst als aus dem Nichts schaffende Macht, die uns jeden Augenblick umgibt, umhüllt, in der wir leben, weben und sind. „Der Herr ist mein Erbe und mein Teil“ – so heißt es in Psalm 16. Diesen Gott aber erfährt man nur, wenn man auch seine Abwesenheit erfährt: Eine aus dem Nichts schaffende Macht kann man nur spüren, wenn man mit dem Nichts konfrontiert wird. Nur so verwandelt sich der abwesende Gott in einen Gott, der überall nahe ist. Wenn Gott selbst das Erbe ist, dann zwingt uns auch keine Bildlogik mehr, den Tod Gottes zu postulieren, damit wir seine Erben werden. Er, der Erblasser, ist selbst das Erbe.  

Hier darf ich eine zweite Aussage im Neuen Testament über das Erbe einbringen. Paulus sagt: Durch Gottes Geist werden Menschen Söhne Gottes. Sie folgen nicht nur dem Sohn Gottes nach (wie im Matthäusevangelium), sondern werden selbst zu Söhnen Gottes:

„Weil ihr nun Söhne seid,

hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt

in unsere Herzen.

Der da ruft: Abba. Lieber Vater!

So bis du nicht mehr Sohn, sondern Sklave, 
wenn aber Sohn, dann auch Erbe durch Gott.“ (Gal 4,6f)

Dieses Gleichwerden mit dem Gottessohn bedeutet Mit-Leiden mit ihm:

„Wenn wir Kinder Gottes sind, so sind wir auch Erben,

nämlich Gottes Erben und Miterben,

wenn wir denn mit ihm leiden,
damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.“

„Erbe“ wird man nach Paulus, indem man mit Christus leidet und mit ihm aufersteht: mit Christus niederfährt zur Hölle des Nichts und mit ihm zu einem neuen Leben auferweckt wird, mit Christus Gottes Abwesenheit erträgt und erleidet und mit ihm in Gottes ewige Gegenwart aufgenommen wird. Und das alles schon hier und jetzt. 

Unser Text sagt durch seine beiden Bilder: Als böse Winzer wurden wir verworfen, als Bauleute wieder eingestellt. Wir bauen den Tempel, in dem Gott selbst wohnt. Dieser Bau ist sein Erbe – und Gott selbst ist in ihm gegenwärtig. Aber woran sollen wir nun bauen? Was ist unsere Aufgabe bei der Pflege dieses Erbes? Auf dem Weg in die säkularisierte moderne Welt, wählten Theologen zwei Wege:Der Weg des Todes sah so aus: Gott offenbart sich in dieser Welt in der Schöpfung im Kampf der Völker, Rassen und Staaten. Er wurde in einer Bewegung am Werk gesehen, die diesen Kampf in ihre eigene Hände nahm, um eine Minderheit zu entrechten und schließlich fabrikmäßig umzubringen, nur um die reine Rasse zu schaffen. Den Anfang dieses Wegs haben viele Christen als Offenbarung Gottes in der Geschichte begrüßt – obwohl die Absage an Mitleid und Mitmenschlichkeit von Anfang an offen propagiert wurde.

Der Weg des Lebens aber sah so aus: Dass Menschen neu auf das Wort hörten, das ihnen ein unverdientes Leben zusprach. Dieses Leben ist nicht aus den harten Gesetzen dieser Welt ablesbar, sondern weist über diese Welt hinaus und kommt auch nicht aus dieser Welt. Es widerspricht ihren Gesetzen. Es ist ein Protest gegen alle, die meinen, Leben auf Kosten anderen Lebens mit Gewalt schaffen zu können.

Diese beiden Wege sind aber nicht einfach Kontraste. Die verworfenen Winzer wurden als Bauleute neu eingestellt. Viele, die im Dritten Reich gesündigt haben, haben als Bauleute nach dem Krieg eine zivile Gesellschaft aufgebaut. Und dieses Wunder geschieht immer wieder: Kriminelle Energie wird in konstruktive verwandelt.

Die ökonomische Gier, die unsere Welt zur Zeit an den Rand des Abgrunds getrieben hat und weiter treibt, kann in konstruktive Energie verwandelt werden. Aber dazu muss sie schonungslos aufgedeckt werden. Die terroristische Wut, die noch viele Opfer fordern wird, kann zur Aufbauenergie werden. Aber dazu muss der Terror sein Scheitern drastisch erfahren. Die politische Arroganz, die mit Gewalteinsatz meint, nachhaltig Probleme zu lösen, kann zur politischen Weisheit werden. Aber dazu müssen ihr ihre Grenzen schmerzlich bewusst werden. Die korrupte Mentalität, die Betrug für Cleverness hält, bei Prüfungen pfuscht, Steuern hinterzieht, auch sie kann zu Anstand und Ehrlichkeit werden. Aber dazu muss es kleine Katastrophen im Alltag geben. 

 

Böse Winzer können zu guten Bauleuten werden – aber nicht, indem man ihnen sagt: sie seien im Grunde gut, sondern nur, wenn man ihre Bosheit scheitern lässt, sie offen legt und aus dem Scheitern Konsequenzen zieht. Viele kritisieren das ungeheure Sündenbewusstsein, das mit dem Christentum in die Welt kam. Doch ich stehe dazu. Denn ich bin überzeugt: Auch der beste Mensch ist von Sünde nicht frei. Aber lesen wir diese Wahrheit einmal anders herum, so wird daraus ein Trost: Auch der größte Sünder kann etwas Gutes tun. Böse Winzer können gute Bauleuten werden. Wo dieses Wunder geschieht, ist Gottes schöpferische Energie am Werk. Das ist unser Erbe. 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen. 


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Letzte Änderung: 20.03.2009
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