Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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Aktuelles
Ferien-Intensivkurs Latein I
Vom 30.07. bis 31.08.2012 wird ein Ferien-Intensivkurs Latein I für Theologiestudierende angeboten.
Symposion vom 17.05. bis 20.05.2012
Die Theologische Fakultät lädt herzlich ein zum Symposion vom 17.05. bis 20.05. mit dem Thema "Anthropologie und Ethik im Frühjudentum und im Neuen Testament - Wechselseitige Wahrnehmungen".
Veranstaltungshinweis
Die Theologische Fakultät lädt ein zu einem Interdisziplinären Seminar zum Thema "Wie gut ist unser Wissen?". Die Veranstaltung findet immer mittwochs von 18-20 Uhr im Astronomischen Recheninstitut, Mönchhofstraße (Eingang Werderstraße) im Seminarraum 2 (Keller) statt.
Terminänderung AnfängerInnenprojekt Theologie
Der Termin für das AnfängerInnenprojekt hat sich geändert. Es findet nun dienstags, 18-20 Uhr, im Hörsaal 007 (Karlstraße 16) statt. Die Veranstaltung beginnt am 17.4.

21.06.09: Predigt Pfr. Walter Boës

Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis, den 21. Juni 2009 in der Peterskirche Heidelberg

Predigttext: Lk 14,16-24

Prediger: Pfarrer Walter Boës (Theologisches Studienhaus)

Rauch steigt auf
zieht seine wirbelnden Kreise
in einer stillen Ecke sitzt er und schweigt
raucht und schweigt auf seine Weise

Während Menschen eilend streben
danach Dinge zu verrichten
bedacht darauf verlangtes stets zu geben

Rauch steigt auf
zieht seine wirbelnden Kreise
in einer stillen Ecke sitzt er und schweigt
raucht und schweigt auf seine Weise

Drüben spielt ein Liedermacher
die Musik quält sich durch die Stimme der Stadt
welche sich hebt eint Stimm und Lieder

Rauch steigt auf
zieht seine wirbelnden Kreise
in einer Stillen Ecke sitzt er und schweigt
raucht und schweigt auf seine eigene Weise
beobachtet und verneint
und stopft sich eine neue Pfeife

Matthias Schmidt

 

Liebe Gemeinde,

Ich sehe ihn regelrecht vor mir, diesen Menschen, den Matthias Schmidt in seinem Gedicht beschreibt, das wir eben in einer Vertonung von Mirco Oswald vom Kammermusikkreis der ESG gehört haben. Er könnte hier in Heidelberg auf dem Marktplatz sitzen. Sympathisch wirkt er auf mich. Entspannt. Beruhigend in seinem Gegensatz zum Treiben der Stadt, zu den eilenden Menschen, die ihren Aufgaben nachkommen, die das versuchen zu erledigen, was sie meinen erledigen zu müssen, die eilend dabei sind Notwendiges zu verrichten, wer auch immer die Notwendigkeit definiert.

Und das Konzert der Aufgaben und Notwendigkeiten ist vielfältig und wird immer umfangreicher - so vielfältig und umfangreich wie das Stimmengewirr auf der Hauptstraße; so vielfältig wie die konkurrierenden Melodien der verschiedenen, immer zahlreicher werdenden Musiker in der Fußgängerzone.

in einer stillen Ecke sitzt er und schweigt
raucht und schweigt auf seine Weise

während Menschen eilend streben
danach Dinge zu verrichten
bedacht darauf verlangtes stets zu geben

Wo sind Sie gerade, während der Mensch raucht?

Sitzt Ihnen auch eine Aufgabe im Nacken, während Sie durch die Fußgängerzone eilen: noch schnell den Einkauf erledigen für die Gäste am Abend? Oder die Steaks besorgen für den Grill? das Buch aus der Bibliothek abholen? oder - wie es mir ungleich studentischer gelegentlich passiert-: die Bücher in der Bibliothek abgeben, bevor die Mahnfrist abläuft? Den Aufsatz zu Ende denkend beim Laufen? Sich die Erklärung für das Zuspätkommen zurechtlegend beim Hasten?

Oder hetzen Sie am Schreibtisch? Den Vortrag, der noch fertig werden muss, bastelnd? Den Drittmittelantrag formulierend? Sehen Sie vielleicht im Vorbeigehen den Menschen sitzen, - und seufzen, würden sich selbst gern setzen - können es aber nicht. Meinen, es nicht zu können?

Oder eilen Sie gar nicht? Sitzen neben dem Menschen mit der Pfeife? Auf dem Marktplatz? Im Cafe? Im Wohnzimmer? - und schütteln den Kopf? Genießen Sie - bei einer Tasse Cafe oder Tee - oder sagt Ihr Kopfschütteln anderes? Wären Sie gern drin im Strom des Lebens. Im Puls der Stadt - statt draußen. Lieber atemlos als ohne Aufgabe?

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext heute erzählt uns von beidem: Von Menschen, die mitten am Puls des Lebens sind, sehr beschäftigt, anerkannt, im Zentrum der Stadt. Und von Menschen, an denen der Strom des Lebens vorbeizuziehen scheint: ohne Beschäftigung, mitten in der Stadt, zugleich am Rande der Stadt.

Ich lese aus dem Lukasevangelium, dem 14. Kapitel:

Jesus, selbst zum Essen eingeladen und zu Gast, erzählt: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: „Kommt, denn es ist alles bereit!“ Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen: Der erste sprach zu ihm: „Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.“ Und der zweite sprach: „Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.“ Und der dritte sprach: „Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.“

Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: „Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.“ Und der Knecht sprach: „Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.“Und der Herr sprach zu dem Knecht: „Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, daß mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, daß keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.“

Lk 14,16-24

Ähnlich wie in dem Gedicht von Matthias Schmidt wird hier ein Gegenbild zur geschäftigen Stadt gezeichnet. Aber es ist hier nicht an das Bild eines Einzelnen gedacht, der als Eiland im ewig schwappenden Ozean, in den ewig anrollenden Wellen der Stadt liegt. Auf diesem Bild sind viele zu sehen. Eine Gemeinschaft, die aus den Geschäften des Alltages, aus dem Treiben der Stadt herausgerufen wird, zu einem gemeinsamen Fest am Abend. Ein großes, - und aus den wohlhabenden Eingeladenen geschlossen - ein festliches, ein luxuriöses Gastmahl wird skizziert.

Je nach dem, mit welchem Personenkreis im Gleichnis wir uns identifizieren, wird sich der Charakter des Gleichnisses verwandeln. Je nach Perspektive ist das Gleichnis besorgniserregend, mahnend, in höchstem Maße anstößig oder sogar tröstlich. Es lohnt sich, für sich selbst zu klären, welche Perspektive wir übernehmen!

Identifizieren wir uns mit denen, die zuerst eingeladen waren, mit den wohlhabenden Menschen (fünf Ochsengespanne sind keine Pappenstiel), gefordert im Beruf, gefragt im gesellschaftlichen Leben. Wer viel zu Festen eingeladen wird - sei es privat, sei es aufgrund seines Amtes - der weiß, dass so eine Festeinladung auch eine Belastung sein kann. Natürlich freut man sich über sie. Und aus der Freude des Moments sagt man auch gern zu. Wenn es dann aber so weit ist, dann überwiegt die Überlastung: Noch ein Abend fern von der Familie. Noch ein Nachmittag, der mir für meine übrigen Aufgaben fehlt.

Be-unruhigend, diese Perspektive! Hätte ich dieses Fest, von dem Christus spricht, auch abgesagt? Sage ich es gerade ab? Weil ich gerade einen Acker kaufe, fünf Gespanne Ochsen - oder einen Opel mit „Umweltprämie“? Weil ich Verantwortung übernehme? Weil ich mich für ein besseres Bildungsangebot einsetze? Oder der Frau meines Herzens so viel Zeit schenke, wie sie es verdient hat?

Während Menschen eilend streben
danach Dinge zu verrichten
bedacht darauf verlangtes stets zu geben

Beunruhigend, die Perspektive derer, die zuerst eingeladen waren.

Aber vielleicht denken Sie auch (und das ist ungleich beruhigender): Ja, ich gehöre zu diesem Kreis. Aber ich bin doch jetzt hier. Bin doch der Einladung gefolgt. Freue mich auf den Gottesdienst, auf das Abendmahl, auf unser gemeinsames Feiern. Und haben jedenfalls keine Lust auf ein schlechtes Gewissen! Recht so! Wenn wir schon feiern, sollten wir uns das Feiern nicht verderben lassen.

Es könnte auch die Perspektive des Knechtes sein, die Sie einnehmen. Die Perspektive dessen, der nicht müde wird, mitten in seinem geschäftigen Umfeld zu werben für dieses Festmahl, einzuladen in die Gemeinschaft, von der Christus spricht.

Müde, deprimiert wirkt seine Feststellung, dass auch nach der zweiten Einladung immer noch Raum da ist. Siehe, alles ist bereit. Aber niemand erklärt sich bereit zu kommen. Was sollen wir noch tun, damit wir unser Fest nicht allein feiern müssen. Wie viele Leuchtfeuer werden umsonst in Gemeinden angezündet, die Menschen aus allen Milieus einladen sollen. Oft hörte ich schon von Kontaktpfarrern und -pfarrerinnen im Morata-Haus, dass sie sich nicht nur um das übliche Milieu der Kerngemeinde kümmern, sondern sich besonders um Randgruppen bemühen: Aussiedler, Asylbewerber, Harz IV-Empfänger. Und immer noch ist Raum da.

Rauch steigt auf
zieht seine wirbelnden Kreise
in einer Stillen Ecke sitzt er und schweigt
raucht und schweigt auf seine eigene Weise
beobachtet und verneint
und stopft sich eine neue Pfeife

Ja, vielleicht ist das die bessere Alternative. Wird doch mein rastloses Einladen, mein ewiges Werben, mein gebetmühlenartiges Beknien der Menschen womöglich selbst zu einer dieser rastlos machenden Verpflichtungen, die mich zum Getriebenen machen!

Aber vielleicht denken Sie auch: Drei Mal musste der Knecht gehen. Zu jeder Gruppe aber nur ein einziges Mal! Anbiedern muss ich mich also nicht. Entlastend, wenn ich es so betrachte.

Schließlich könnte es auch die Perspektive derer sein, die zuletzt eingeladen werden: die Perspektive der Armen, der Verkrüppelten, der Lahmen und der Blinden. Die Perspektive derer, die am Rand stehen. Die Ohren derer, die allzu oft gesagt kriegen: „Wir brauchen euch nicht.“ Die Gaumen derer, die ein Festmahl nicht gewohnt sind.  Wie ist das, als zweites eingeladen zu werden? Und was heißt hier „eingeladen“? Die zweite Gruppe wird zum Fest „geführt“, die dritte gar „genötigt“, „gezwungen“. Ist das nicht demütigend? Ich glaube fast, das sagen mir meine verwöhnten Empfindlichkeiten! Mir scheint, das Gleichnis zeigt das Gegenteil: Wer existenziell Not leidet, arm ist, krank ist, vereinsamt, dem scheint der Blick weniger verstellt zu sein als denen, die an versteckten Nöten leiden: Zeitnot, Bedeutungssucht, Geschäftszwänge.

Mir persönlich fiel diese Perspektive als letzte für mich selbst ein. Habe ich doch genug zu essen, genug zu tun, und mehr als genug zu feiern. Anmaßend, mich selbst zu den Armen zu rechnen, die wirklich um ihre Existenz kämpfen. Und doch beschleicht mir der Gedanke, gerade diese Perspektive könnte für mich auch wichtig sein - gerade weil ich nicht sehe, wo ich verarmt, blind, lahm oder taub bin. Macht mich meine Fixierung auf meine Aufgaben und Verantwortungen nicht auch blind? Ist der ständige Mangel an Zeit nicht auch eine Form der Armut, eine Form der Lähmung?

Alle drei Perspektiven sind anstößig. Mit keiner will man sich gern identifizieren. Für welche der drei Perspektiven entscheiden Sie sich? Für die Augen der zuerst Eingeladenen? Für die Ohren der Armen? Für das Erleben des Knechtes?

Ich habe den Eindruck es gehören alle drei Perspektiven zusammen - und gerade in diesem Zusammenspiel ist dieses Gleichnis heilsam. Simul Justus et peccator sagt Luther dazu: Wir sind immer beides zugleich: gerechtfertigt und doch immer auch noch Sünder. Wir sind Feiernde am Gastmahl, herausgehoben aus unserem Alltag, aus unserem geschäftigen Leben, aus unserer Armut; und zugleich aber auch der, der das Gastmahl verpasst, die Einladung, den Ruf überhört, hinten anstellt. Wir sind zugleich Herausgerufene wie Eilende.

Und bei alledem haben wir - sozusagen als usus legis in renatis - auch die Perspektive des Knechtes, der um die Bedeutung des Festes für unser Leben weiß. Der - selbst nur Knecht, arm und beschenkt zugleich - jetzt und heute alle einlädt, sich auf dieses Fest einzulassen. Der in die Hektik unserer Stadt, aber auch in die Armut unserer Stadt hinein zum Fest lädt. Reiche und Arme. Eilende und Lahme.

Auch wenn noch Raum da ist, vertraut der Knecht darauf, dass das Fest ein Fest wird und muss nicht unendlich oft nachbohren. Ein Fest mit Menschen aus allen Milieus. Ein Fest, vielleicht auch mit unserem Raucher vom Marktplatz, der hoffentlich bei dieser Einladung nicht verneint - sich doch für Gemeinschaft, sich doch für den Strom des Lebens auf diesem Fest entscheidet. Oder sitzt unser Raucher gar nicht im Café, sondern auf einer Decke an der Rathausmauer, zwischen seinen Hunden, und erinnert uns, wer auch (zwingend, nötig) zum Fest geladen ist - sprich: von uns geladen sein will? Und fragt uns, ob wir damit Ernst machen. Oder ist unser Raucher vielleicht sogar selbst der Knecht, der uns Vorbeieilende mahnt und ans Fest erinnert? - Vertrauend darauf, dass trotz aller Geschäfte und Absagen das Fest ein Fest wird. Und nicht erst am Ende der Tage! Sondern mitten in unserem Alltag! Heilsame Unterbrechung! Schon durch die Einladung, wo sie gehört wird. Erst recht durch das Fest, wo es gefeiert wird. Auch heute, wenn wir Gottesdienst feiern und Heiliges Abendmahl.

Amen.

 

 

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Letzte Änderung: 23.06.2009
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