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Proseminar-Ankündigung
Das Proseminar (KG und ST) "German language Theology for English speakers" bei Herrn Peterson findet immer Freitags, 14-16 Uhr, im WTS ÜR II, Kisselgasse 1 statt.
Info-Veranstaltung für StudienortwechslerInnen
Die Theologische Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg lädt ein zum Informationsnachmittag für Studienortwechslerinnen und Studienortwechsler am Donnerstag, 09. Oktober 2014, 14 s.t. (!) im Theologischen Seminar (Karlstr. 16) in Übungsraum 3.
IWH Symposium
Vom 06.-07.10.2014 findet im IWH ein Symposium zum Thema "BOOK TITLES AND OTHER PARATEXTS IN ANCIENT LITERATURE" statt.
Zum Tod von Dr. Dr. h.c. Edzard Rohland
Die Theologische Fakultät gibt mit Bedauern den Tod von Pfarrer i.R. Dr. Dr. h.c. Edzard Rohland am 31.08.2014 bekannt. Er war ein besonderer Freund und Förderer der Universität und der theologischen Wissenschaft.
Orientierungseinheit WS 2014-15
Herzliche Einladung zur Orientierungseinheit für StudienanfängerInnen im Theologischen Seminar (Karlstr. 16) in Übungsraum 3 am Mittwoch, 08. Oktober 2014 - 10 s.t.(!), Donnerstag, 09. Oktober 2014 - 9.30 Uhr und Freitag, 10. Oktober 2014 - 11 s.t.(!)

22.04.2012: Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über HK 1+2

 

Predigt über Frage 1+2 des Heidelberger Katechismus im Semestereröffnungsgottesdienst am 22. April 2012 in der Peterskirche Heidelberg

 

Prediger: Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

 

 

Heidelberger Katechismus, Fragen 1+2

Vom Elend des Menschen              1. Was ist dein einziger Trost im Leben
                                                         und im Sterben?

                                                         2. Wieviel Stücke sind dir nötig zu wissen, dass du in
                                                         diesem Trost selig leben und sterben kannst?

                                                         Drei Stücke: erstlich, wie groß meine Sünde und
                                                         mein Elend ist;

 

Von der Erlösung des Menschen    1. Dass ich mit Leib und Seele im Leben und
                                                         im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen
                                                         Heiland Jesus Christus zu eigen bin. Er hat mit seinem
                                                        teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt
                                                         und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst.

                                                         Und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines
                                                         Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen
                                                         kann, ja dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.

                                                         Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist
                                                         des ewigen Lebens gewiss

                                                         2. zum andern, wie ich von allen meinen Sünden und
                                                        Elend erlöst werde;

 

Von der Dankbarkeit des             1. und von Herzen willig und bereit,
Menschen                                       forthin ihm zu leben. Amen.

                                                       2. und zum dritten, wie ich Gott für solche Erlösung
                                                       soll dankbar sein.

 

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Und manchmal ist es schön, unter solchen Schatten zu verweilen. So auch heute bei diesem Gottesdienst zur Eröffnung des neuen Semesters und zu Beginn einer Predigtreihe über den Heidelberger Katechismus. Das große Ereignis, in dessen Schatten wir diesen Gottesdienst feiern, ist der 450. Geburtstag des „Heidelbergers“, dessen wir im kommenden Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen und Ausstellungen hier in Heidelberg gedenken werden. Vor fast genau 450 Jahren erhielten die Heidelberger Theologen Zacharias Ursinus und Kaspar Olevian von ihrem Kurfürsten Friedrich III den Auftrag, einen Katechismus für die evangelischen Gläubigen in der Kurpfalz zu verfassen. Dieser Katechismus sollte auch dem Zweck dienen, den Protestantismus in seiner reformierten Prägung in der Kurpfalz zur Geltung zu bringen.

Die Autoren des Katechismus gaben dem „Heidelberger“ eine klare Gliederung. In seinen 129 Fragen handelt er zunächst vom Elend des Menschen (Frage 3-11), dann von seiner Erlösung (Frage 12-85), schließlich von seiner Dankbarkeit (Frage 86-129). Auf jeweils eine Frage erfolgt eine kurze Antwort, die leicht auswendig zu lernen ist. So entstand mit dem Heidelberger Katechismus das heute am weitesten verbreitete, in 40 Sprachen übersetzte Lehr- und Lernbuch des Protestantismus. Ein Trost- und Gebetsbuch, ein Erbauungs- und Andachtsbuch sowie ein Unterrichtsbuch für Schule und Kirche, das bis heute in vielen reformierten Kirchen der Welt Sonntag für Sonntag ausgelegt und memoriert wird. Der Heidelberger Katechismus gehört zu den wichtigsten Bekenntnisschriften des Protestantismus so auch unserer Evangelischen Landeskirche in Baden.

Mit einer geradezu aufregenden und höchst aktuellen Frage beginnt dieser Katechismus: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“, so lautet die 1. Frage in jener Fassung, die wir heute in unserem Evangelischen Gesangbuch finden. Schon da muss ich innehalten, denn genauer heißt es eigentlich: „Was ist dein einiger Trost?“, und durch die Weglassung dieses einen Buchstabens wird schon deutlich: Nicht um Exklusivität geht es in dieser Frage, sondern um Inklusivität: Was ist dein allumfassender, völliger, ganzer Trost im Leben und im Sterben?

Wem fielen bei dieser Frage nicht sofort Situationen ein, in denen er oder sie des Trostes bedürftig war? Situationen im eigenen Leben wie auch Situationen des Sterbens, die wir miterleben mussten. Und wer von uns hätte sich nicht schon die Frage gestellt, was ihn oder sie einmal trösten wird, wenn es ans eigene Sterben geht? Wer hätte nicht schon erlebt, dass in solchen Situationen des Lebens und des Sterbens oft Trost versprochen, aber nur billige Vertröstung gewährt wurde? Vertröstung auf ein Später, auf ein Irgendwann, aufs Jenseits. Vertröstung, die das Bedrückende einer Situation klein redete oder verharmloste. Mit der dem Schmerz ausgewichen und Trostlosigkeit nicht ernst genommen wurde. Wer von uns hätte nicht schon erlebt, dass Menschen zwar des Trostes bedürftig, einem Trostwort aber nicht zugänglich waren, weil sie meinten, sich selbst trösten zu können? Weil sie hofften, sich selbst Brücken aus der Trostlosigkeit hin zu neuer Zuversicht bauen zu müssen.

Was ist mein Trost im Leben und im Sterben? Das ist eine wichtige, wenn nicht die zentrale Frage meines, unseres Lebens. Und bei der Beantwortung dieser Frage wird der Heidelberger Katechismus ganz grundsätzlich. In seiner 1. Frage und Antwort sagt er bereits „das Ganze des Christseins“ (W.Herrenbrück) aus, und er tut dies, indem er seine Antwort gemäß dem Gliederungsschema des gesamten Katechismus abfasst (Hinweis auf das Liedblatt, auf dem diese Gliederung der Antwort wiedergegeben ist). Im Grunde ist alles, was dann in weiteren 127 Fragen und Antworten folgt, nur Entfaltung der 1. und der damit zusammenhängenden 2. Frage „Wieviel Stücke sind dir nötig zu wissen, dass du in diesem Trost selig leben und sterben kannst?“  

Ja, was tröstet mich wirklich und umfassend im Leben und im Sterben? Welches Glaubenswissen brauche ich, um sinnvoll leben und einst getrost sterben zu können? Was hilft mir, mich nicht in falscher Weise vertrösten zu lassen? Wie kann ich in schwierigen Situationen meines Lebens so ermutigt werden, dass sich Lebenszuversicht einstellt? Und wie kann ich im Sterben so getröstet werden, dass ich ein Ja zu meinem Sterben und Hoffnung auf ewiges Leben finde? Was ist mein umfassender Trost im Leben und im Sterben? Was muss ich wissen, um als getrösteter Mensch leben und sterben zu können?

Wenn ich mich so frage, dann wird mir mein eigenes Elend bewusst, nämlich dass ich ein zutiefst trostbedürftiger Mensch bin. Ich kann mich nicht allein - wie Münchhausen - aus den Trostlosigkeiten meines Lebens herausziehen. Ich bin darauf angewiesen, dass sich mir jemand zuwendet mit Worten, mit Gesten, mit Berührungen. Indem mich jemand tröstet, werde ich getrost. Indem jemand mir treu ist, das meint das Wort „Trost“ im Deutschen ursprünglich, indem mir jemand treu ist, gewinne ich jene innere Festigkeit, die mich getrost leben und auch einmal sterben lässt. Wer kann mir einen solchen Trost zusprechen und mir so zum Trost im Leben und Sterben werden?

Der Heidelberger Katechismus gibt unter Rückbezug auf die Botschaft der Bibel eine klare Antwort. „Trost“, das ist in der Bibel ein Name Gottes. Der Prophet kann davon reden, dass Gott uns wie eine Mutter tröstet, und Paulus bezeichnet Gott als „Gott allen Trostes“. Jesus hat Menschen immer wieder getröstet, so vor allem seine Jünger in der großen Rede, die er nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums im Abschiednehmen an sie richtete. Und den Heiligen Geist verheißt er den Seinen als den Tröster, der eben nicht vertrösten, sondern in alle Wahrheit führen wird. Der dreieinige Gott also, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist ist der Erlöser, der mein einziger Trost im Leben und im Sterben ist. Schon in dieser Antwort wird der ganze trinitätstheologische Ansatz des Heidelberger Katechismus offenkundig: Alles, was er über den christlichen Glauben aussagt, geschieht unter ständiger Berücksichtigung des von der Trinitätslehre her Angebotenen und Gebotenen.

Demgemäß beschreibt der Heidelberger Katechismus in der Beantwortung der 1. Frage die Erlösung des Menschen als meine Erlösung durch den dreieinigen Gott: Trost im Leben und im Sterben gewinne ich durch das Erlösungshandeln des dreieinigen Gottes: In seinem stellvertretenden Leiden und Sterben hat Jesus Christus am Kreuz von Golgatha für meine Sünden bezahlt und mich dadurch erlöst von allem Elend, von der Macht der Sünde, von der Gewalt des Teufels. Ich lebe aus dem, was er für mich getan hat, lebe aus seiner Gnade. Im Angesicht seiner Gnade werde ich mir der Größe meiner Sünden und des Trostes der Erlösung gewiss. Und ich erkenne: In meinem Sterben stirbt Jesus Christus meinen Tod mit mir. Er bleibt mir treu - im Leben und im Sterben. Weil er gelitten hat und gestorben ist, kann er mich trösten in meinem Leiden und mir beistehen in meinem Sterben.

Die Erlösung geschieht ferner durch das bewahrende Handeln Gottes, meines Vaters, der dafür sorgt, dass ohne seinen Willen in meinem Leben nichts geschieht, und der mir hilft, alles in meinem Leben so zu verstehen, dass es mir zum Guten dient. Sogleich aber kommt meine Gegenfrage: Dient wirklich alles in meinem Leben zu meiner Seligkeit? Auch eine Krankheit, die ich nicht akzeptieren kann? Auch ein schweres Leid, das mir zugefügt wird? Wo hat das schwer zu Akzeptierende seinen Ort im Erlösungsplan Gottes für mein Leben? Niemand hat das Recht, diese Frage für mich zu beantworten. Das wäre zynisch. Aber ich darf sie für mich so beantworten wie der Heidelberger Katechismus es tut. Wenn ich mir gewiss bin, dass Gott mir treu ist, dann darf ich darauf vertrauen, dass er als mein Tröster mir wirklich alles in meinem Leben zum Besten dienen lassen will.

Und schließlich geschieht meine Erlösung durch den Heiligen Geist, der mich zuversichtlich leben lässt, in der Hoffnung auf das ewige Leben. Er ist eine tröstende Kraft in meinem Leben, die mich hinausschauen lehrt über meine begrenzten Horizonte. Die mich hinein stellt in die Gemeinschaft der mit mir Glaubenden. Die mir hilft, der Wahrheit nicht auszuweichen. Und die mich etwas ahnen lässt vom ewigen Leben bei Gott.

Nach dieser Darstellung des tröstenden Erlösungshandelns des dreieinigen Gottes schließt der Heidelberger Katechismus seine Antwort auf die Frage nach dem einigen Trost im Leben und im Sterben mit einem kurzen Ausblick. Er deutet an, wie aus dem Erlösungshandeln Gottes als Antwort des Menschen Dankbarkeit resultiert, meine Dankbarkeit, meine Dankbarkeit für das erlösende Handeln des dreieinigen Gottes an mir. Um meine Trostbedürftigkeit wissend, auf das Erlösungshandeln Gottes vertrauend und damit göttlichen Trostes gewiss bin ich fortan von Herzen bereit und willig, ihm zu leben, dem Gott, der mein einiger Trost ist im Leben und im Sterben.

„Was ist mein einiger Trost im Leben und im Sterben?“ und „Was muss ich wissen, um in dem Trost des dreieinigen Gottes selig leben und sterben zu können?“ Diesen Fragen kann ich nicht ausweichen, wenn ich nicht trostlos leben und noch trostloser sterben will. Und die Beantwortung dieser Frage hat im Letzten damit zu tun, ob ich weiß, zu wem ich im Leben und im Sterben gehöre. Nicht umsonst beginnt der Heidelberger Katechismus seine Antwort auf diese Frage mit dem Satz „dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus zu eigen bin.“ Jesus Christus hat mir ein Trostangebot gemacht, indem er mein Leben und mein Sterben mit mir geteilt hat. Zu ihm gehöre ich, sein eigen bin ich. Seine Treue tröstet mich. Deshalb können weder Engel noch Gewalten, weder geistliche oder weltliche Herren noch Mächte irgendwelche Ansprüche auf mich erheben. Christus allein, solus Christus - das ist evangelische Trostbotschaft pur.

Diese Trostbotschaft bildet so etwas wie die summa des Heidelberger Katechismus. Alles in diesem Katechismus, alles, was in den kommenden Wochen in der Predigtreihe an dieser Universitätskirche gepredigt wird, alles, was im kommenden Jahr in den Jubiläumsveranstaltungen bedacht wird, dies alles ist Entfaltung dieser evangelischen Trostbotschaft: Ich muss nicht mir selbst ein Tröster sein. Ich weiß, dass ich zu dem gehöre, der mir treu ist im Leben und im Sterben: mein getreuer Heiland Jesus Christus. Amen.

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Letzte Änderung: 24.04.2012
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