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Mi, 28.06.2017

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Mi, 28.06.2017

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Aktuelles

25.03.2016: PD Dr. Heike Springhart über "Das Kreuz allein ist unsere Theologie" - Auftakt der Predigtreihe des Sommersemesters 2016

Universitätsgottesdienst mit Abendmahl Karfreitag   

25.03.2016 – Das Kreuz allein ist unsere Theologie

Predigtreihe: „Reformation: 2017 und heute“                                  Peterskirche Heidelberg

Heike Springhart

 

 

Predigt

„Kreuz“: „Das Kreuz allein ist unsere Theologie“ (Operationes in Psalmos, 1519-21, WA 5, 176, 32f.)

 

Liebe Gemeinde,

 

ungewohnt transparent nahmen die vertrauten Passionstöne ihren Lauf. Wie jedes Jahr ziehen sie das Publikum in den Bann. Johannes-Passion. Dargeboten von acht Sängerinnen und Sängern und einem kleinen Orchester. Rockefeller-Chapel Chicago vor einer Woche. Mitten im zweiten Teil plötzlich eine Unterbrechung. An ungewohnter Stelle. Aus den wohlsortierten Stimmen wurde ein Stimmengewirr. Stimmungsgewirr genaugenommen. Stimmpause für die Streicher. Der Fluss war unterbrochen. Vermutlich ungeplant. Offenbar nötig. Verunsichernde Verwirrung.

Dann ein kurzer Moment Stille. – Das Rezitativ erklingt: „Allda kreuzigten sie ihn!“  Aus dem Stimmungsgewirr, dem Suchen nach dem Einklang ragt die Kreuzigung heraus. Das Kreuz ist aufgerichtet.

 

Das Kreuz allein ist unsere Theologie. Denkbar knapp fasst Martin Luther in seinen Vorlesungen über die Psalmen zusammen, was ihm schon im Jahr zuvor unweit von hier, bei der Disputation mit Heidelberger Gelehrten, das zentrale Anliegen war. Ein Paukenschlag zum Auftakt unserer Predigtreihe „Reformation: 1517 und heute“. Nicht Spekulationen und verschwurbelte Höhenflüge machen den wahren Theologen und die wahre Theologin aus. Die Dinge beim rechten Namen zu nennen, das ist die Aufgabe des Theologen. Und genau dazu hilft der Blick ans Kreuz.

 

Das Kreuz allein – unsere Theologie.

Das Kreuz allein – der Punkt, von dem aus die Antwort auf die Frage zu bekommen ist: wer ist Gott für uns? Und wie lässt er sich erkennen.

 

Das Kreuz allein. Ist das nicht erst einmal eine trostlose Schreckensvision? Voll Blut und Wunden.

Das Kreuz allein. Schreckensbild, das sich einreiht in die Schreckensbilder unserer Tage.

 

 

Zerborstene Fensterscheiben des Brüsseler Flughafens.

Ein herrenloser Rucksack in der Metrostation.

Verletzte und Tote in der Nähe des Istanbuler Taksim-Platzes.

Der verzweifelt-depressive Pilot, der vor einem Jahr 149 Menschen einer Germanwings-Maschine mit sich in den Tod riss.

8000 Totenschädel in Srebrenica und die regungslose Miene des Architekts dieses Massenmordes bei der Urteilsverkündung gestern.

Vom fanatischen Mob umstellte Busse mit geflohenen Menschen.

Brennende Flüchtlingsheime.

Gestrandete Menschen auf dem matschigen Boden der Zeltstädte an den Grenzen Europas.

Die Röntgenaufnahme des eigenen Kopfes, die von einem Moment auf den anderen alles in Frage stellt. Leben und Tod.

Erschrocken aufgerissene Kinderaugen.

Zum Erstarren gebrachte Seelen.

Verstummte Schreie. 

Das Kreuz allein.

 

Mein Gott, mein Gott, hast Du mich verlassen? Warum?

 

Das Kreuz allein ist erst einmal dies. Schrecken, Dunkelheit und ein gnadenloser Blick in die Abgründe von Mensch und Welt.

 

Kaum vorstellbar – und doch: Dort hin zu blicken, verspricht eine Antwort auf die Frage, wer und wie Gott für uns ist. Das ist Karfreitag. Und es ist der Kern unseres Ringens und Fragens nach Gott. Wenn wir ans Kreuz sehen, wissen wir alles über Gott – „Das Kreuz beweist alles.“, sagt Luther in einem späteren Text.

 

So ganz einfach und so ganz schnell ist das nicht zu fassen. Für fromme Formeln viel zu sperrig. Diese tragen allzu oft den Staub von alter Verherrlichung des Leidens, das am konkreten Leiden vorbeisieht. Tragen die Schatten eines düsteren Christentums, das Opfer von denen fordert, die ohnehin ganz unten stehen – und dabei die übersieht, die Opfer geworden sind.

 

Und doch: Was, wenn wir ihn heute einmal neu wagen – den Blick an das Kreuz? Wagen wir ihn und fragen: was sehen wir dort? Und welche Antworten auf unsere Frage nach Gott bekommen wir?

 

Dort, auf Golgatha, sehen wir Himmel und Erde in ihrer ganzen Dramatik. Bebend und erschaudernd. Wir sehen die Abgründe der Menschheit, die sich dort offenbaren. Und Gott mittendrin.

 

Der Weg auf den Kreuzigungshügel ist gesäumt von der johlenden Masse. Von den Verrätern und den Hetzern. Von denen, deren Hosianna-Rufe in fanatischen Kundgebungen zum Ruf nach dem Ausschluss des Unliebsamen und Unbequemen werden. Die mit verbitterten Mienen und im Bewusstsein, ewig benachteiligt zu sein, Hassparolen auf Schildern tragen, die anderen den Tod wünschen und sich zu Kämpfern für Werte machen, denen sie selbst nicht folgen. Die in ungeduldiger Wut nach einfachen Lösungen rufen, die dem eigenen Rock am nächsten sind und blind sind für die zerfledderte Jacke des anderen. Die denen nachlaufen, die sich als Folie für Protest und Unzufriedenheit anbieten und gefährlich zündeln.

 

Auch sie stehen am Wegesrand bergan nach Golgatha: die Rechthaber und Besserwisser im Kampf um die Wahrheit. Besessen von den eigenen Ideen und Theorien. Blind für das, was den anderen bewegt. Taub für das, was aus den Erfahrungen der anderen spricht. Die sich zu Wächtern über den religiösen Kult aufschwingen, der zum Selbstzweck wird. Die sich als einzig wahre Ausleger der heiligen Schriften verstehen und die, die mit strategisch klugen Schachzügen die Geschicke der öffentlichen Institutionen lenken. Dass bloß kein Raum für Widerspruch und Fragen bleibt. Am Wegesrand zur Schädelstätte vergessen sie alle Demut und Selbstkritik. Verbeißen sich im Kampf um die Wahrheit und sind bereit, dafür alles und jeden zu beseitigen, der im Weg steht.

 

Und dann – oben auf dem Berg, unter dem Kreuz sind die zu sehen, die aus der Not des einen ihren eigenen Vorteil schlagen. Die um Rock und Kleid losen, noch ehe der Gekreuzigte den letzten Atemzug getan hat. Die den Verzweifelten an den Küsten Afrikas das Letzte abpressen für einen Platz auf einem kaum fahrtüchtigen Schlauchboot. Die ihr eigenes, kleines Selbstbewusstsein groß machen, indem sie den Gedemütigten verspotten.

 

Der Blick an das Kreuz schärft den Blick auf den schmalen Grat, auf dem aus der Liebe zur Wahrheit zerstörerische Rechthaberei wird. Dem Grat, auf dem religiöse Leidenschaft zum selbstherrlichen Hochmut wird. Dem schmalen Grat, auf dem kreativer Unternehmergeist zur Vorteilsnahme wird.

 

Das Kreuz ist jedoch mehr als Anklage, mehr als Enthüllung von Abgründen. Unter dem Kreuz stehen und kauern auch die, die trotz allem da bleiben und den unsagbaren Schmerz mit aushalten. Die Frauen, die sich nicht abwenden, denen die Trauer schier das Herz zerreißt und die hilflos mit ansehen müssen, wie ihnen das Liebste genommen wird.

Die an den Sterbebetten mit ausharren, unzählige Stunden liebevoll die Stirn vom Angstschweiß befreien, die stumm die Hand halten, die das altvertraute Lied immer und immer wieder singen, obwohl außer einem leichten Wimpernschlag schon lange keine Antwort mehr kommt. Die sich die immer gleiche Geschichte geduldig immer wieder anhören und die unerfüllte Sehnsucht aushalten. Auch dies offenbart der Blick an das Kreuz: zu welch großer Liebe selbst im unsäglichen Schmerz Menschen in der Lage sind. Und dass selbst in der größten Verzweiflung eine Tiefe liegen kann, die eine ganz eigene Gemeinschaft der Heiligen schafft. Karfreitagsgemeinschaft. Wenn aus dem Kar-Tag – dem Trauer-Tag – ein Care-Tag – ein Tag der Sorge füreinander wird.

Unter dem Kreuz auch die, die ihre Ohren nicht verschließen gegenüber dem verzweifelten Schrei des Sterbenden: Mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Die ihn nicht frömmelnd zukleistern, sondern da sind, mit aushalten und sich selbst dafür verletzlich machen.

 

Auch das sehen wir beim Blick auf das Kreuz: Das Sterben des Gottessohnes ist nicht gelassenes Dahinscheiden, es ist bitteres, leidvolles und um Leben ringendes Sterben. Allem Auftrag zum Trotz. In der Einsamkeit des Gedemütigten.

 

Und am Ende – am Ende ist es ausgerechnet der Besatzer, der Heide, der Mörder, der der aus der Ferne das Ganze beobachtet hat, der in alle dem Gott entdeckt. Der Hauptmann, von dem es niemand erwartet hätte, sagt es als erstes: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

 

Wo die Rechtgläubigen und Ordnungsliebenden auf Beweise und Zeichen der göttlichen Macht gehofft hatten, wo sie spöttisch die Gottheit in Frage gestellt haben und gefangen waren in ihrer Verwaltung der Wahrheit, da lässt sich dieser Außenseiter berühren vom Leiden und vom Schmerz.

Lässt sich ein auf das, was sich ihm ganz unmittelbar und schmerzhaft aufdrängt, lässt sich ein auf jene erleidende Erfahrung, die über aller spekulativen und hochherrlichen Theologie steht.

 

Von ihm her öffnet sich auch ein neuer Blick auf die Frage, was wir sehen, wenn wir allein aufs Kreuz sehen. Dort auf dem Hügel, hier an Karfreitag erschließt sich Gott als der verwundbare Gott. Eingegangen in das volle Risiko der Menschlichkeit, das wahrlich auch noch andere Facetten hatte als das Kreuz.

Tränen im Garten Gethsemane, Nähe zu Kindern und Frauen, zu Gast bei unliebsamen Zöllnern und in heftiger Auseinandersetzung mit den Ungeduldigen, die endlich, endlich eine Änderung der Verhältnisse wollten. Das volle Leben mit lauten und leisen Tönen, von Anfang an begonnen in Armut und Gefahr, alles andere als ein Vorzeigelebenslauf. Und in alledem: verwundbar. Offen und berührbar für das, was diese Welt und wir Menschen an Wunden zufügen können.

 

Seine Wunden weisen am Ende über sich hinaus. Und wir tragen sie allezeit an unserem Leib. Geteilte Wundmale, die von der unendlichen Kostbarkeit und Verletzlichkeit dieses Lebens zeugen.

Der Blick an das Kreuz genügt, um das Entscheidende über Gott zu wissen: Dass er nicht oben in den Himmeln blieb, sondern sich mit dieser Welt verschrieben hat. Dass er Mensch wurde und so unser Menschsein für immer verändert hat.

 

Das Kreuz ist das Brennglas, in dem wir all das sehen, was über Gottes Geschichte mit uns und seiner Welt zu sagen und zu wissen ist.

Kein ferner Gott, der sich die Welt nichts angehen lässt, sondern einer, der das Leiden auf sich nimmt, ja, der das, was auf meinen Schultern und auf meiner Seele lastet, mitträgt.

 

Wir sehen auf das Kreuz in seinem weiteren Horizont. Wir sehen von der Überwindung des Todes her auf die Kreuze und das Leiden. Nur so können wir den Blick überhaupt wagen.

 

So lässt sich dem Satz Martin Luthers schließlich doch mehr als düsterer Zynismus abgewinnen. Das Kreuz allein ist unsere Theologie. Es ist der Ort, an dem der verwundbare Gott der Welt offenbar wird und ihr zum Opfer fällt.

Vom Kreuz aus sind wir gerufen, die Dinge als das, was sie sind, zu benennen.

Nüchtern und klar.

Die Schmerzen und die Abgründe.

Die Fülle und das Aufleuchten des Lebens gegen den Tod.

 

Wo wir uns neben den Hauptmann stellen und uns vom Leiden und der konkreten, mitunter beinharten Erfahrung berühren lassen, verstummen unsere Spekulationen. Aber der Himmel dessen, was Gott für diese Welt ist, öffnet sich.

 

Das Stimmengewirr der Nachrichten und Erwartungen,

der Ängste und Befürchtungen,

der Sehnsüchte und Wünsche bekommt eine Richtung.

 

Die Welt hält den Atem an.

Gott selbst trägt unsere Wunden.

 

Und so bleibt der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

 

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Letzte Änderung: 29.03.2016
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