25.10.2015: Dr. Heike Springhart über Gen 13,1-18

von unvermeidlichen Trennungen

Predigt über Gen 13,1-18 am 25.10.2015 (21. So. n. Trinitatis)

PD Dr. Heike Springhart

 

Liebe Gemeinde,

Es geschah nach einem Vortrag hier in Heidelberg. Gemeinsam hatten die theologische und die philosophische Fakultät eingeladen. Der aus Nazi-Deutschland geflohene jüdische Philosoph war für ein Sabbatical zurück in dieses Land gekommen. 1960. 15 Jahre nachdem er schon einmal kurz als Soldat wieder hier war. 15 Jahre nachdem er bei der Rückkehr in seine Heimatstadt Mönchengladbach erfahren hatte, dass seine Mutter in Auschwitz ermordet worden war. 15 Jahre nach Kriegsende sprach Hans Jonas an der Heidelberger Universität.

 

Nach dem Vortrag gab es Wiedersehen der einstigen Marburger Studenten Hans Jonas und Günther Bornkamm. Bornkamm, inzwischen Professor für Neues Testament an unserer Universität, hatte einen wichtigen Gruß auszurichten. „Ich muss einen Auftrag ausführen, der mir ans Herz gelegt worden ist. Vor 14 Tagen hielt Martin Heidegger einen Vortrag hier in Heidelberg. [...] Er trug mir auf, Sie herzlich von ihm zu grüßen, und er machte mir klar, dass er großen Wert darauf legt, dass ich das auch nicht vergesse.“[1]

Dieser Gruß machte Hans Jonas sprachlos. Die tiefe Enttäuschung über das Verhalten seines Doktorvaters und des philosophischen Denkers, der ihn einst so beeindruckt hatte, saß tief. Es war eine Enttäuschung, die sich nicht nur auf die Person Heideggers bezog, sondern „auch auf die Kraft der Philosophie, Menschen vor so etwas [wie dem Nationalsozialismus, H.S.] zu bewahren“.[2]

 

Nach einem Moment der Sprachlosigkeit antwortete er dem Grußüberbringer im Heidelberger Vortragssaal ein schlichtes: „Danke.“ Aber es nagte in ihm der Zweifel, ob er nicht doch die ausgestreckte Hand Heideggers hätte ergreifen sollen. Es nagte in ihm der Zweifel, ob der Riss der Trennung zwischen ihnen beiden wirklich unüberwindlich sein sollte.

 

Hans Jonas suchte Rat bei seinem väterlichen Freund Rudolf Bultmann. Und er hörte eine Geschichte, die von der Unvermeidlichkeit der Trennung sprach. Bultmann erzählte ihm davon, dass er Heidegger 1948 in Zürich wiedergetroffen hatte und davon wie er dem einstigen Marburger Freund und Kollegen ins Gewissen geredet hatte. Wie er ihm gesagt hatte, dass er seine Freiburger Rektoratsrede von 1933 er öffentlich widerrufen müsse. Rudolf Bultmann jedoch konnte Hans Jonas nur berichten: „Heidegger versprach mir, das zu tun. Und lieber Herr Jonas, lieber Freund: Inzwischen sind 10 Jahre vergangen, und er hat es nicht getan. Und solange er das nicht getan hat, sich öffentlich zu distanzieren von dem, was er damals gesagt hat, ist Ihre Reaktion die einzig richtige gewesen.“[3]

 

Was nach diesem Nachmittag blieb, war die schmerzliche Erkenntnis: es gibt Wege, die sich trennen müssen. Es gibt Risse, die nicht zu kitten sind. Es gibt Welten, die einander so entgegengesetzt sind, dass nur der verschleiernde Blick darüber hinwegtäuschen könnte.

 

Manchmal bleibt nur die Trennung von einst gemeinsamen Wegen.

Die alte Geschichte einer unvermeidlichen Trennung steht im Zentrum dieser Predigt.

Die Geschichte von Abram und Lot aus dem 13. Kapitel des 1. Buches Mose (Gen 13,1-18; Zürcher Bibel):

 

So zog Abram aus Ägypten hinauf ins Südland, er mit seiner Frau und mit allem, was er hatte, und mit ihm auch Lot.

Abram aber war sehr reich an Vieh, an Silber und an Gold. Und er zog weiter von Lagerplatz zu Lagerplatz, aus dem Südland bis nach Bet-El, bis zu der Stätte, an der zu Anfang sein Zelt gestanden hatte, zwischen Bet-El und Ai, an die Stätte des Altars, den er früher dort errichtet hatte. Und dort rief Abram den Namen des HERRN an. Auch Lot, der mit Abram zog, hatte Schafe, Rinder und Zelte.

Das Land aber ertrug es nicht, dass sie beieinander blieben, denn ihre Habe war so groß geworden, dass sie nicht beieinander bleiben konnten. So kam es zum Streit zwischen den Hirten der Herde Abrams und den Hirten der Herde Lots. Damals wohnten die Kanaaniter und Perissiter im Land.

Da sprach Abram zu Lot: Es soll kein Streit sein zwischen mir und dir, zwischen meinen Hirten und deinen Hirten, denn wir sind Brüder. Steht dir nicht das ganze Land offen? So trenne dich von mir! Gehst du nach links, so will ich nach rechts gehen; gehst du nach rechts, so will ich nach links gehen. Da blickte Lot auf und sah, dass die ganze Jordan-Ebene ein wasserreiches Land war. Bevor der HERR Sodom und Gomorra verdarb, war sie bis nach Zoar hin wie der Garten des HERRN, wie das Land Ägypten. Da wählte sich Lot die ganze Jordan-Ebene, und Lot brach nach Osten auf.

So trennten sie sich: Abram liess sich im Land Kanaan nieder, und Lot ließ sich in den Städten der Ebene nieder und zog mit seinen Zelten bis nach Sodom. Aber die Leute von Sodom waren böse und sündigten schwer gegen den HERRN. Der HERR aber sprach zu Abram, nachdem sich Lot von ihm getrennt hatte: Blicke auf und schau von dem Ort, an dem du bist, nach Norden und nach Süden, nach Osten und nach Westen: Fürwahr, das ganze Land, das du siehst, dir will ich es geben und deinen Nachkommen für immer. Und deine Nachkommen will ich machen wie den Staub der Erde. Nur wenn man den Staub der Erde zählen kann, können auch deine Nachkommen gezählt werden. Mach dich auf, zieh durch das Land in seiner Länge und seiner Breite, denn dir will ich es geben.

Da brach Abram mit seinen Zelten auf, zog weiter und ließ sich nieder bei den Terebinthen von Mamre, die bei Hebron sind, und dort baute er dem HERRN einen Altar.

 

Sie waren eine ganze Weile miteinander unterwegs. Von Lagerplatz zu Lagerplatz. Trieben Schafe und Rinder mit sich, schleppten ihre Habe, ihre Zelte, Silber und Gold mit sich. Zurück an den Ort, an dem sie schon einmal ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Zurück an diesen Ort zwischen Bethel und Ai, wo Abram schon einmal einen Altar errichtet hatte. Der Anfang der Geschichte lässt ein Bild unendlicher Weite vor dem inneren Auge entstehen. Unendlich weites Land, das die große Karawane durchzieht. Unendliche Weiten von unbearbeitetem Land. Sie sind aufgebrochen, Neues zu entdecken und sich an den Anfängen zu orientieren.

 

Unendliche Weiten des noch jungen Semesters. Neue Seminare und Vorlesungen, Forschungsfragen, die noch unbeackert sind, neue Sprachwelten, die sich auftun hinter Vokabelkärtchen.

Unendliche Weiten der Geisteswelt an unserer Universität.

 

Und doch wurde die Weite eng. Das Land ertrug es nicht, dass sie beieinander bleiben. Immer größer war die Habe geworden, immer mehr Ballast erschwerte den gemeinsamen Weg.

Der Streit unter den Hirten den beiden Herden macht die Unerträglichkeit der Lage sichtbar. Hier geht es nicht um kleine Streitereien und Sticheleien, hier geht es auch nicht um wachsenden Druck unter wachsender Verantwortung, der vor lauter Überforderung zu Konflikten führt. Hier geht es um den Abbruch des Gesprächs, der sich selbst hinter der freundlichen Fassade ereignen kann. Wenn schon das Auftreten des Kollegen zu hochgezogenen Augenbrauen führt.

Die Lage ist so unerträglich, dass nicht einmal das Land es tragen kann.

 

Das Land erträgt es nicht – dass die Atmosphäre einem fast den Atem abschnürt. Wenn Neid und Missgunst regieren. Wenn es nicht mehr um das gemeinsame Projekt, das gemeinsame Ziel geht, sondern darum, wer am Ende am besten dasteht. Wenn in der WG-Küche vor lauter Ärger keine Luft zum Atmen bleibt. Wenn Misstrauen und Aggression die Zusammenarbeit prägen.

 

Das Land erträgt es nicht – dass immer neue Brandstifter Angst und Hass schüren und das Bild vom übervollen Boot zeichnen. Das Land erträgt es nicht, dass es für zu eng erklärt wird, obwohl es noch reichlich Weite gibt.

Das Land erträgt es nicht, dass sich die Fronten immer mehr verhärten, dass die Spielräume für echte Auseinandersetzung schwinden.

 

Am allerwenigsten geht es um Raum und Land im eigentlichen Sinn. Nicht bei Abram und Lot und auch nicht bei uns.

 

Die Trennung von Abram und Lot ist nur auf den ersten Blick eine schiedlich-friedliche Aufteilung von Land.

Bei genauerem Hinsehen setzt sich in der Trennung fort, was zur Unerträglichkeit beigetragen hatte. Da ist einer, der die Deutungshoheit hat und das Heft in der Hand behält und ein anderer, der schweigend folgt. Es soll kein Streit sein zwischen den Brüdern – sagt der große Bruder. Angesichts des offenen Landes schickt Abram Lot weg. „Trenne dich von mir.“ Und Lot schweigt. Freilich, Abram überlässt ihm die Wahl des Landes und der Richtung, aber was Lot zu all dem zu sagen hat, erfahren wir nicht. Er geht ins wasserreiche und fruchtbare Land. Nach Osten – bis nach Sodom.

 

Nach der Trennung gibt es Neuland – für beide. Neues wächst, die Zwistigkeiten haben keinen Nährboden mehr. Aber es ist nicht alles gelöst. Lot kommt nach Sodom, in die Stadt, die für die Boshaftigkeit ihrer Bewohner berüchtigt war.

Der Scheinwerfer der Geschichte richtet sich auf Abram. Jetzt erst spricht Gott. Jetzt leuchtet die Verheißung auf. Nach der Trennung, nach dem Ende der nicht mehr zu ertragenden Situation ist die Weite des Landes neu zu entdecken. Abram und die Seinen können weiterziehen, so wie auch Lot mit den Seinen neu aufbrechen konnte. Neu aufbrechen und sich neu ausrichten.

 

Die Verheißung, die an Abram ergeht, kittet den Schmerz der Trennung nicht. Aber die nüchterne Erkenntnis, dass es so nicht mehr gehen konnte, macht das Neue möglich. Abram und Lot nehmen das Scheitern des gemeinsamen Weges mit. Die Erkenntnis, dass es manchmal nicht anders geht als in zwei verschiedene Richtungen zu gehen. Nicht vorschnell, um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Aber als Ausweg aus einer unerträglichen Situation.

Manchmal gilt es sich einzugestehen, dass ein gemeinsamer Weg an ein Ende gekommen ist. Dass sich die Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft nicht erfüllen. Weil die gemeinsame Vision verloren gegangen ist. Weil sich erweist, dass die Erwartungen aneinander Illusionen sind. Weil sich zu sehr eingespielt hat, dass einer das Sagen hat und der andere schweigt. Weil die Situation so unerträglich geworden ist, dass selbst das Land es nicht ertragen kann.

 

Gottes Verheißung liegt auf dem Neuaufbruch. Und auf der Ehrlichkeit, die damit einhergeht.

Ehrlichkeit, die auch um die Grenzen dessen weiß, was zu kitten ist.

Ehrlichkeit, die klar eintritt für die Wahrheit.

Ehrlichkeit, die Grenzen setzt und so neue Weite ermöglicht.

 

Übrigens: Kurz vor dessen 80. Geburtstag sind Hans Jonas und Martin Heidegger sich doch noch einmal begegnet. Die Sehnsucht nach einer Versöhnung mit diesem für ihn so wichtigen Gelehrten war in Hans Jonas trotz allem wachgeblieben.

Aber auch am Ende dieser Geschichte blieb Ernüchterung. Die „Begegnung bestand im wesentlichen aus einem kurzen Austausch von Erinnerungen aus der Marburger Zeit, während die für mich“ – so schreibt Hans Jonas – „entscheidenden Dinge nicht zur Sprache kamen. Sollte ich darauf gehofft haben, es könnte ein Wort fallen über die Geschehnisse nach 1933, über das Ergehen der Juden in Nazideutschland, über das Schicksal meiner Mutter, so wurde ich bitter enttäuscht. [...] Was uns beide auf Dauer trennte, blieb vom Schweigen umhüllt.“[4]

 

Manchmal sind Trennungen nötig, um aufrecht durchs Leben gehen zu können.

Manchmal ist der ehrliche Blick auf Risse heilsamer als vorschnelle Versöhnung.

 

In die Resignation muss und wird das nicht führen – denn auch die bittere Erkenntnis nötiger Trennung steht unter der Verheißung Gottes, dass auf dem Neuanfang Segen liegt.

 

Segen und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft.

Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

 

[1] Hans Jonas, Erinnerungen, hrsg. v. Ch. Wiese, Frankfurt 2005, 301.

[2] A.a.O., 299.

[3] A.a.O., 302.

[4] A.a.O., 309.

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Letzte Änderung: 08.03.2016
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