26.06.2011: Bischof i.R. Prof. Dr. Wolfgang Huber und Erzbischof Dr. Robert Zollitsch im Uni-Jubiläumsgottesdienst
Wolfgang Huber
Predigt im Ökumenischen Festgottesdienst
zu „625 Jahre Ruperto Carola“
am 26. Juni 2011 in der Peterskirche zu Heidelberg
Die Bergpredigt und das Hohe Lied der Liebe, die Weisheit Salomos und die Torheit des Kreuzes, Hiobs Weisheit im Leiden und die spielende Weisheit: alles schon besetzt. Das stellte ich resigniert fest, als mich die Aufforderung erreichte, den heutigen Festgottesdienst in die Reihe der Universitätsgottesdienste dieses Sommersemesters einzufügen, die alle dem Thema der Weisheit gewidmet sind. Dafür sollte ich einen Predigttext auswählen, auf den sich nicht bereits einer der Prediger dieser Universität gestürzt hatte. Sie hatten das Recht des ersten Zugriffs, ich das Nachsehen.
Einen Augenblick überlegte ich, ob ich das sportliche Prinzip der Fairness geltend machen solle. An dem Tag, an dem nicht nur 625 Jahre Ruperto Carola gottesdienstlich zu feiern sind, sondern auch die Fußballweltmeisterschaft der Frauen eröffnet wird, liegt das nahe. Aber ich besann mich eines Anderen. Die biblische Weisheitsliteratur ist zu reich, als dass man sich wegen fehlender Auswahlmöglichkeiten beschweren könnte.
Ich hatte also das Nachsehen in einem ganz anderen Sinn und sah in den Sprüchen und dem Prediger Salomo nach, endete dann aber bei einem eher unbekannten Weisheitslehrer des Alten Testaments, bei Jesus Sirach. So unbekannt ist er, dass eine Verlagsanzeige unlängst ein Buch ankündigte, das sich mit einem Jesus von Sirach beschäftige. Da war wohl die Erinnerung an den einstigen Reichsjugendführer Baldur von Schirach dazwischen gekommen. Mit dem aber hat Jesus Sirach, manchmal auch Ben Sira genannt, nichts zu tun. Vom Jahrhundert der Weltkriege und Diktaturen ist er weit entfernt. Ob er uns helfen kann, wenn wir dieses Jahrhundert nicht nur politisch, sondern auch geistig hinter uns lassen wollen?
Sein Buch steht am Rande des Alten Testaments. Man kann es zu den Orchideenbüchern der Heiligen Schrift rechnen. Es ist vielleicht nicht exzellenztauglich, aber es stellt uns wunderbare Blumen vor Augen. Im 1. Kapitel des Buches Jesus Sirach heißt es:
Alle Weisheit kommt von Gott dem Herrn und ist bei ihm in Ewigkeit. Wer kann sagen, wie viel Sand das Meer, wie viel Tropfen der Regen und wie viel Tage die Welt hat? Wer kann erforschen, wie hoch der Himmel, wie breit die Erde, wie tief das Meer ist? Wer kann Gottes Weisheit ergründen, die doch allem voraufgeht? Denn seine Weisheit ist vor allem geschaffen; sein Verstand und seine Einsicht sind von Ewigkeit her. Das Wort Gottes in der Höhe ist die Quelle der Weisheit, und sie verzweigt sich in die ewigen Gebote. Wem sonst wäre die Wurzel der Weisheit aufgedeckt, und wer könnte ihre geheimen Gedanken erkennen?
Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit, und wer sie erblickt, der liebt sie; denn er sieht, welch große Wunder sie tut. Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang, und seinen Getreuen ist sie ins Herz gelegt. Sie geht einher mit den auserwählten Frauen, und man findet sie bei den Gerechten und Gläubigen. Die Furcht des Herrn ist der rechte Gottesdienst; der behütet und macht das Herz fromm und gibt Freude und Wonne. Wer den Herrn fürchtet, dem wird's gut gehen; und am Ende seines Lebens wird er gesegnet sein.
In einprägsamen Bildern, in geschlechtergerechter Sprache (denken Sie an die „auserwählten Frauen“, in überschwänglicher Freude lädt dieser Abschnitt zur Weisheit ein. Er sieht ihren Kern in der Furcht Gottes. Er ermutigt deshalb zu einer Heuristik der Furcht, zu einer Findelehre der Gottesfurcht. Das sind drei höchst befremdliche Ideen, befremdlich zumal für ein Universitätsjubiläum.
Zunächst das Lob der Weisheit. Auf der Fahrt von Berlin nach Heidelberg half die Deutsche Bahn den Fahrgästen über ihre gegenwärtige Verspätungsneigung mit Lektüregeschenken hinweg. „Lesen verkürzt die Fahrzeit“ heißt die aufmunternde Parole. Zwischen Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ und den Gedichten Robert Gernhardts durfte ich wählen. Ich folge dem Vorbild eines jungen Mannes, der mit mir im Abteil saß, konnte mich wie er nicht entscheiden und erhielt beide Bücher. Für das Thema der Weisheit war die Lektüre untauglich. Von Gernhardts Hadern mit Gott will ich in dieser Predigt schweigen; aber auch was man bei Wilhelm Busch über die Weisheit liest, ist nicht erbaulich. Heißt es doch bei Wilhelm Busch über Max und Moritz, dass sie „anstatt durch weise Lehren / sich zum Guten zu bekehren, / oftmals noch darüber lachten / und sich heimlich lustig machten.“ Inzwischen macht man sich über die Weisheit nicht mehr heimlich lustig; es geschieht vielmehr in aller Öffentlichkeit. Wissen ist Macht, Weisheit ohnmächtig. Dabei verhilft doch erst die Weisheit dazu, mit erworbenem Wissen angemessen umzugehen. Denn als Weisheit lässt sich die „auf Erfahrung beruhende Fähigkeit“ bezeichnen, „erworbenes Wissen richtig anzuwenden“ (Otto Kaiser). Die Einsicht, dass solche Weisheit notwendig ist, klingt in modernen Theorien des Wissens nur dann und wann zaghaft an – etwa, wenn neben dem Verfügungswissen, das im Zentrum der zeitgenössischen Wissenschaft und Bildung steht, ein „Orientierungswissen“ gefordert wird, das dazu hilft, sich in der Welt zurechtzufinden, über die man kraft seines Wissens verfügen möchte.
Jesus Sirach, zu Beginn des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts schreibend, möchte das Wissen seiner Zeit mit der Weisheit verbinden. Stärker als anderswo dringt bei ihm die griechisch geprägte Wissenschaftskultur in einen biblischen Text ein. Er fühlt sich den zeitgenössischen Vorstellungen von einer die ganze Welt durchdringenden Vernunft nahe; doch er lobt zugleich den Schöpfer für die Weisheit, die von ihm kommt und bei ihm bleibt. Er weist dem menschlichen Erkenntnisstreben einen hohen Rang zu. Aber er unterscheidet dieses Erkenntnisstreben von der Weisheit, die bei Gott ihren Ursprung hat und an der wir Menschen dank der göttlichen Gebote Anteil haben können. Wenn wir uns solcher Weisheit öffnen, achten wir wissenschaftliches Erkenntnisstreben als eine vorzügliche Weise dafür, sich seines Verstandes zu bedienen. Aber auch die Wissenschaft wird von fehlergeneigten Menschen betrieben. Wer – und sei es in einem Jubiläumsjahr – die Geschichte einer Universität an sich vorbeiziehen lässt, bekommt es nicht nur mit wissenschaftlichen Höchstleistungen, sondern auch mit Irrtümern, ja sogar mit Taten der Verblendung zu tun. Wir alle sind auf Weisheit angewiesen, auf die aus Erfahrung gespeiste Fähigkeit, mit erworbenem Wissen angemessen umzugehen.
Doch was ist die Quelle solcher Weisheit? Jesus Sirach sieht diese Quelle in der Gottesfurcht. Das ist erneut eine sperrige Auskunft. Denn die Gottesfurcht wird an der Börse des Wissens keineswegs als Wertpapier gehandelt. Für den Umgang mit erworbenem Wissen auf die Gottesfurcht zu verweisen, heißt doch, den forschenden Menschen erneut einer anderen Macht als dem eigenen Verstand zu unterwerfen. Ist nicht genau deshalb der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, also Aufklärung, gefordert worden? Was kann eine Universität, die sich dem Leitwort „Semper apertus“ verschreibt, mit Gottesfurcht anfangen? Die Bereitschaft, „immer offen“ zu sein, meint doch die Absage an jede Voreingenommenheit, auch die durch die Gottesfurcht. Alles ist vorurteilsfrei zu prüfen, um der Wahrheit näher zu kommen!
Der Geist, aus dem heraus Jesus Sirach spricht, wird mit einem solchen Einwand nicht getroffen. Was er meint, bezeichnen wir vielleicht besser und deutlicher als Ehrfurcht. Es geht um eine Haltung, die Gott die Ehre gibt. Was könnte heute dringlicher sein als dies? Trotz neuer Religionsdebatten ist unsere Gegenwart noch immer von einer weitgehenden Gottvergessenheit geprägt. Sie aber taugt nicht als Axiom einer zukunftsfähigen Wissenschaftskultur. Wohin es führen kann, wenn die Unterscheidung zwischen dem ewigen Gott und dem endlichen Menschen vergessen wird, zeigt sich beispielhaft in der Unbefangenheit, in der manche Wissenschaftler von Unsterblichkeitsenzymen oder Ewigkeitsgarantien reden. Gottvergessenheit verhilft nicht unbedingt zu einer präzisen Wissenschaftssprache.
Wer sich der Gottvergessenheit nicht ausliefern will, wird sich freilich auch davor hüten, Gott auf menschliches Maß zurechtzustutzen. Er wird sich dem Erschütternden der Gottesbegegnung und der Verwunderung über den Lebensraum stellen, in den Gott uns weist. „Je genauer wir verstehen, desto größer soll das Staunen sein“, hat der Pianist Alfred Brendel gesagt. Solches Staunen kann man auch von Wissenschaftlern lernen. Hinter jeder Antwort, die wir finden – so hat es der Astrophysiker Günther Hasinger ausgedrückt – warten fünf neue Fragen, deren Antworten wir nicht kennen.
So hat es doch einen Sinn, dass die Wissenschaft sich an einer Heuristik der Furcht, an einer Findelehre der Gottesfurcht orientiert? Der jüdische Philosoph Hans Jonas hat diesen Vorschlag gemacht. Sein Vorschlag stößt auf viel Gegenwehr. Man hält ihm vor, damit schüre er das Vorurteil, dass die Dinge sich immer eher zum Schlechten als zum Guten entwickeln. Die Heuristik der Furcht wird in aktuellen Debatten abgelehnt, weil sie vermeintlich stets mit dem Argument des Dammbruchs verbunden sei, wonach jede Entscheidung dazu, von neuen Möglichkeiten – beispielsweise in der Reproduktionsmedizin – Gebrauch zu machen, eine Flut zur Folge hat, deren man nicht mehr Herr werden kann.
Doch der Vorschlag von Hans Jonas ist nicht eine Einladung zur „German Angst“, zu einer unbestimmten Abwehr des Neuen. Vielmehr lässt er die Furcht nur als begründete Furcht gelten und rät dazu, ihr eher früher als später Raum zu geben – aber nicht in passivem Nichtstun, sondern in bewusstem, zukunftsorientiertem Handeln. Lehrt Fukushima nicht, dass eine solche Heuristik der Furcht durchaus zu umsichtigem und weitsichtigem Handeln helfen kann – vielleicht sogar zeitiger, als es dieses Mal geschieht?
Der Philosoph Hans Jonas ist der Findelehre der Gottesfurcht viel näher, als seine Kritiker meinen. Nur mit der Kategorie des Heiligen lässt sich nach seiner Überzeugung eine Ethik entwickeln, die die extremen Kräfte zu zügeln vermag, über die wir heute verfügen. Im wissenschaftlich-technischen Zeitalter wieder vom Heiligen zu reden: das ist der wahre Kern einer Heuristik der Ehrfurcht. Wissenschaftliche Wahrheitssuche wird durch eine solche Heuristik nicht gebremst; sie wird motiviert und anerkannt. Aber ihr wird eine Demut mitgegeben, in der menschlichem Wissen nicht länger göttliche Allmacht zuerkannt wird.
Je mehr wir wissen, desto mehr Weisheit brauchen wir, um mit diesem Wissen umzugehen. Je mehr wir können, desto mehr sind wir auf Gottesfurcht angewiesen, um dieses Können angemessen zu gebrauchen. In einer Zeit, in der die Wissenschaft zur wichtigsten Produktivkraft geworden ist, ist die Gottesfurcht der Anfang der Weisheit.
Amen.
Grußwort
im Ökumenischen Gottesdienst
zum 625-jährigen Jubiläum
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Sonntag, 26. Juni 2011
Magnifizenz, sehr geehrter Herr Rektor,
verehrte Professorinnen und Professoren,
Schwestern und Brüder,
dass die Ruperto Carola die Feier ihres 625-jährigen Bestehens neben vielzähligen akademischen Veranstaltungen auch im Rahmen eines Gottesdienstes begeht, hat einen tiefen Sinn. Dieser Sinn liegt nicht allein in der Bedeutung, die das christliche Streben nach Wahrheit historisch für die Entwicklung der Universitätsidee besitzt, sondern hat eine sehr aktuelle Dimension.
Die Universität ist eine Institution, in der es zentral um Erkenntnis, genauer: um die Realisierung der wissenschaftlichen Vernunft, geht. Unzweifelhaft kann die wissenschaftliche Vernunft auf eine beeindruckende Fortschrittsgeschichte zurückblicken und für sich reklamieren, nicht nur in der Erkenntnis der vielfältigen Wissensgebiete große Erfolge erzielt, sondern auch der Menschlichkeit des Menschen gedient zu haben.
Gleichwohl bedrängt uns heute das Problem, dass die Vernunft in der Ausprägung, die sie in der Moderne gewonnen hat, auch durch tiefgreifende Ambivalenzen charakterisiert ist. Zu diesen Ambivalenzen zählt wesentlich ihre Neigung, sich auf einen bestimmten Rationalitätstyp zu verengen. Als Vernünftig gilt in dieser Reduktion nur das Berechenbare, das Mess- und Machbare. Anders formuliert: Die Mathematik und die Naturwissenschaften werden zum Maß des Rationalen überhaupt. Zwar steht diese Reduktion der Vernunft während der gesamten Geschichte der Moderne immer in der Kritik. Es ist aber kaum zu leugnen, dass, unbeschadet dieser Kritik, die szientistische Verengung des Vernunftverständnisses bis in die Gegenwart hinein ausgesprochen dominant geworden ist und auch weithin die Universitäten prägt.
Der Widerstand gegen eine derart enggeführte Vernunft erwächst vor allem aus der Erfahrung, dass der Mensch seine Menschlichkeit in einer solchen Welt letztlich nicht mehr unterbringen kann. Das, was ihm einerseits hilft, wendet sich andererseits doch wieder gegen ihn. Bereits die Romantik hat die von der szientistischen Vernunft beherrschte Welt als „kalt“ bezeichnet und damit zum Ausdruck gebracht, dass der Mensch einer Vernunft bedürftig ist, die das Nicht-Verrechenbare und Zweckfreie, das eigentlich Geistige, bedenkt und gegenwärtig hält. Die reduktionistische Vernunft wird unbekömmlich, sie wird gewalttätig und trotz ihrer pragmatischen Triumpfe selber unvernünftig. Schließlich verliert sie ihren Bezug zur Natur der Dinge; sie wird in einem eigentümlichen Sinne weltlos.
Einen Menschen, der darum bemüht ist, die ganze Weite und Berufung seiner Vernunft zu realisieren, nennen wir weise. Die Weisheit weiß um das Geheimnis und den inneren Zusammenhang der Dinge, die nicht bloßes Material für unsere Zwecke sind. Allein eine zur Weisheit gereifte Erkenntnis ist wirklichkeitsgerecht. Sie ist demütig, weil sie sich vor dem Wunder des Seins beugt. Auch die weise gewordene Vernunft ist eminent praktisch: Sie fragt nämlich nach dem „guten Leben“ und sucht nach dessen Bedingungen. Nach Augustinus liegt daher in der Weisheit das Glück des Menschen: „Die Weisheit“, so Augustinus, „ist letztlich nichts anderes als das Maß unseres Geistes, wodurch dieser im Gleichgewicht gehalten wird, damit er weder ins Übermaß ausschweife, noch in die Unzulänglichkeit falle. Verschwendung, Machtgier, Hochmut und Ähnliches, womit ungefestigte und hilflose Menschen glauben, sich Lust und Macht verschaffen zu können, lassen ihn maßlos aufblähen. Habgier, Furcht, Trauer, Neid und anderes, was ins Unglück führt – wie die Unglücklichen selbst gestehen –, engen ihn ein. Hat der Geist jedoch Weisheit gefunden, hält dann den Blick fest auf sie gerichtet … dann brauche er weder Unmaß, noch Mangel, noch Unglück zu fürchten. Dann hat er sein Maß, nämlich die Weisheit, und ist immer glücklich“ (Augustinus: Über das Glück 4,35).
Für die biblische Tradition ist die Weisheit ein Gottesgeschenk, ja sie ist selber von göttlicher Art. (Bischof Huber hat das in seiner Predigt zu dem wundervollen Text im Buch Jesus Sirach für uns eindrucksvoll entfaltet). Christlich gesprochen ist die Weisheit deshalb göttlich, weil sie der Logos Gottes ist. Gott legt die ganze Fülle seiner selbst in sein Wort, der sein Sohn ist. In diesem ewigen Wort Gottes erkennt Gott sich selbst und damit überhaupt jegliches Sein. Auch die Welt, auch wir, jede und jeder einzelne von uns, ist von Ewigkeit her in diesem Wort erkannt – und geliebt. Der geistige Sinn aller Dinge liegt hier begründet. Hier besitzt die innere Einheit, die Wahrheit und Schönheit der Schöpfung ihren tragenden Ursprung.
Vor diesem Hintergrund wird die ganze Bestimmung unserer Vernunft sichtbar. Unsere Vernunft ist immer schon eine Teilhabe an Gottes Logos, sie ist die Fähigkeit, den geistigen Sinn, die Einheit, Wahrheit und Schönheit der Dinge zu erkennen. Derjenige, der uns diese Teilhabe am Logos Gottes gewährt, nennen wir den Heiligen Geist. Er ist der Schöpfergeist, der uns zu vernünftigen Kreaturen macht. Er zieht unseren geistigen Blick hin auf das göttliche Geheimnis der Wirklichkeit. Er erschließt uns sogar die Tiefen der Gottheit selbst (vgl. 1 Kor 2,10), er will uns „in alle Wahrheit einführen“ (Joh 16,13). Diese Erkenntnis ist nichts bloß Akademisches und Äußerliches; sie ist die Einigung mit dem lebendigen Gott. Sie ist die Vollendung der Vernunft; sie ist die wahre Weisheit, die große Gabe des Gottesgeistes. Erkenntnis und Liebe fallen wie in Gott selber so auch bei uns schließlich ineins.
Ich sagte eingangs, unser Gottesdienst zum 625-jährigen Jubiläum der Universität Heidelberg besitze eine sehr aktuelle Dimension. Diese Dimension besteht im leidenschaftlichen Plädoyer für die Vernünftigkeit der Vernunft. Die ganze Weite und Größe des Geistes, der für die Weite und Größe der Wirklichkeit geöffnet ist, dürfen wir um unserer selbst willen nicht verlieren. Auch die Bedeutung der Universität bemisst sich letztlich am Respekt, der in diesem Sinne dem Geist entgegengebracht wird. Die Vernunft muss tatsächlich, wie Platon so entschieden betonte, überall herrschen – die wahre, die unverkürzte Vernunft. Wo die Vernunft geachtet und die Wahrheit gesucht wird, da wirkt bereits der Heilige Geist. So gratuliere ich der Ruperto Carola von Herzen zu ihrem Jubiläum und verbinde mit meinem Respekt für die hier geleistete wissenschaftliche Arbeit meinen Wunsch, dass Gott die Arbeit der Heidelberger Universität mit seinem Segen begleite und sie auch zukünftig ein so hervorragender Ort des Geistes und der Wahrheitssuche sein möge.
Dr. Robert Zollitsch
Erzbischof von Freiburg
Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz