29.03.2009: Dr. Heike Springhart über Mk 10, 35-45

Predigt über Mk 10,35-45 am 29.03.09 (Judika) im Universitätsgottesdienst in der Peterskirche Heidelberg

 

Predigerin: Dr. Heike Springhart (Wiss.-Theol. Seminar)

 

 

Liebe Gemeinde,

Torschlusspanik!

Torschlusspanik packt Menschen, die fürchten, dass ihnen die Zeit davonläuft. Die fürchten, dass die Tore vor ihren Möglichkeiten zufallen, noch ehe sie ihre Lebensziele verwirklicht haben.

Torschlusspanik – wenn die Jahre ins Land gehen, ohne dass der Partner oder die Partnerin fürs Leben gefunden wurde.

Torschlusspanik – wenn die Hoffnung auf Nachwuchs einfach nicht erfüllt wird und die biologische Uhr tickt.

Torschlusspanik – wenn Semester um Semester ins Land zieht, ohne dass das Examen in Sicht kommt.

Torschlusspanik – wenn ein langer Weg in der Wissenschaft nach Promotion und Habilitation nicht im Geringsten die Aussicht auf eine Stelle zu haben scheint.

Wo das Ende eines eingespielten und hoffnungsvollen Weges plötzlich absehbar wird, auch da flammt Torschlusspanik auf. Bei manchen jedenfalls. Bei Johannes und Jakobus ganz bestimmt. Diesen zwei Jüngern, die ein feines Gespür für Karrierechancen und den günstigen Zeitpunkt hatten. Wir haben vorhin schon davon gehört, wie sie – die beiden Söhne des Zebedäus - zu Jesus gingen und sagten: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.

 

Einigermaßen unverfroren erscheinen Johannes und Jakobus. Man stelle sich das vor: sie und die übrigen Jünger sind mit Jesus unterwegs nach Jerusalem. Wieder einmal hatte er die 12 beiseite genommen und ihnen gesagt, was auf ihn und sie alle zukommen würde. Dass er in Jerusalem zum Tod verurteilt würde, dass sie ihn verspotten und foltern würden, dass er getötet und nach drei Tagen auferstehen würde.

 

Entsetzen und Furcht hat die Jünger gepackt bei der Ankündigung seines Leidens und Sterbens. Sprachlos, still und bedrückt sind sie weitergegangen. Sollte alles vorbei sein? All ihre Hoffnungen auf eine neue Welt? Die Jesusbewegung am Ende – und sie auch?

 

Da wittern zwei ihre Chance und ergreifen das Wort. Klar und ohne Umschweife gehen sie auf Jesus zu: „Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.“

Die zugespitzte Situation am Ende, Leben angesichts des Sterbens verträgt kein diplomatisches Herantasten, kein taktierendes Herumreden, keine Höflichkeitsfloskeln, keine Mehrdeutigkeiten. Angesichts der Eindeutigkeit von Leiden und Tod wird auch die Sprache eindeutig. Wo die eigenen Möglichkeiten immer schmaler werden und das Leben sich auf sein Ende hin zuspitzt, da gewinnen die kleinen, alltäglichen Dinge mitunter eine große Bedeutung – noch einmal miteinander ein Frühstück genießen, noch einmal miteinander in der Sonne sitzen, noch einmal die vertrauten Straßen entlang gehen. Ohne Umschweife noch einmal das besprechen, was zu besprechen ist.

Das ist das Ansinnen von Jakobus und Johannes.

 

Wenn schon hier ihr gemeinsamer Weg zu Ende zu gehen droht, wenn schon hier alle Zeichen auf Scheitern stehen, dann wenigstens dies: Gib uns, dass wir sitzen - einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.

Näher als alle anderen. Ganz oben, ganz vorne mit dabei sein – sich sonnen im Glanz des Meisters. Wo es nichts mehr zu verlieren gibt, können sie doch nur noch gewinnen!

 

Johannes und Jakobus stricken ihre Karriere nach allen Regeln der Kunst. Sie wenden sich mit ihrem Anliegen klar und profiliert, initiativ und mit klarem Gespür für den richtigen Moment an ihren Meister. An den, der ihnen das Tor öffnen kann.

Sie ziehen unumwunden und nach allen Regeln der Kunst die Strippen im strategischen Powerplay, betreiben Networking im besten Sinn des Wortes. Zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten reden, stets das eigene Fortkommen im Blick. Und wenn man schon selbst kein allzu großes Licht ist, sich wenigstens sonnen im Glanz der Großen und Klugen, die sich schon einen Namen gemacht haben. Kein Zweifel: Johannes und Jakobus bringen beste Voraussetzungen mit für eine Karriere in den Universitäten und der Wirtschaftswelt des 21. Jahrhunderts.

 

In der Ohnmacht entsteht ein Machtkampf. Die übrigen Jünger werden wütend über ihre karriere- und geschäftstüchtigen Brüder. Ob sie sich mehr darüber empören, dass die beiden diese besondere Situation für ihre eigenen Zwecke ausnutzen oder ob in ihnen Neid und Angst wach werden, dass die beiden am Ende erfolgreich sein könnten mit ihrem Ansinnen, bleibt offen. Aber dass es um Macht geht, darum wer am nächsten an der Brust des Meisters liegt – das ist deutlich.

 

Jakobus und Johannes locken am besonderen Sitzplatz neben Jesus der Glanz und die Herrlichkeit. In der Euphorie des erhofften Sonderplatzes erscheint es ihnen sogar möglich, den Kelch des Leids mit Jesus ebenso zu teilen wie die Taufe, mit der er getauft wird – und die letztlich seinen gewaltsamen Tod bedeutet.

Selbstbewusst antworten sie auf den Einwand Jesu: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? - Ja, das können wir.

 

Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;

zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken,

das steht mir nicht zu, euch zu geben,

sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

 

Letztlich bleibt die Frage, ob es ihnen möglich sein wird, den Kelch Jesu zu trinken und mit seiner Taufe getauft zu werden, offen. Aber in der Rückfrage Jesu und in seinem Einwand, dass sie ja nicht wissen, was sie bitten, wird deutlich, dass jede vorschnelle Vereinnahmung des Gekreuzigten in seine klaren Grenzen gewiesen wird.

 

In der Passionszeit, die mit dem Sonntag Judika ihren traditionell eigentlichen Anfang nimmt, stehen wir gegenüber dem Kreuz, gehen betend, klagend, bittend und fragend den Weg Jesu ans Kreuz mit.

 

Aber wir stehen nicht neben ihm am Kreuz, wir sitzen nicht neben ihm in der Herrlichkeit. Noch nicht. Mit Jesus auf Du und Du – das verbietet sich spätestens auf Golgatha. Es bleibt der Stachel der Fremdheit, der sich im Gesicht des Gekreuzigten spiegelt. Das Kreuz und den Gekreuzigten auszuhalten – darum können wir nur bitten, wie wir es nachher singend tun werden: „Ich will hier bei dir stehen – verachte mich doch nicht!“

 

Macht und Ohnmacht kulminieren am Kreuz. - Ein zweites ist in der Antwort Jesu an Jakobus und Johannes wichtig. Er weist sie nicht zurück, sagt nicht etwa: „Was bildet ihr euch eigentlich ein? Schämt Ihr Euch nicht, unablässig Euren eigenen Vorteil zu suchen?“ Auch nicht: „Die Plätze zu meiner Rechten und Linken vergebe ich an die, die ich will!“ Nein – Jesus antwortet: „Es steht mir nicht zu, diese Plätze zu vergeben!“ Jesu Macht zeigt sich auch hier in seiner Ohnmacht, jedenfalls in einer eingeschränkten Macht. Er riskiert sich unter die Macht anderer und eines anderen – das ist der Kern des Kreuzesgeschehens. Zu seiner Menschwerdung mit allen Konsequenzen gehört auch der Gang nach Golgatha und der einsame, schmähliche und verachtete Tod am Kreuz.

 

Die Macht des Menschensohnes erweist sich in seiner Niedrigkeit. Radikaler könnte die Kritik an unseren mehr oder weniger strategischen Machtspielen und Spielchen nicht sein. Nicht um die permanente Verfolgung der eigenen Ziele geht es, sondern um Hingabe. Selbst der Menschensohn gibt sein Leben als ein Lösegeld für viele, der, in dessen Glanz und Herrlichkeit die ambitionierten Jünger sitzen wollen, ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um selbst zu dienen.

 

Das kehrt die Verhältnisse um. Aber wie so oft ist hier nicht blindem Utopismus das Wort geredet. Sehr nüchtern beschreibt Jesus die Spielregeln der Welt:

Die als Herrscher gelten – ob sie es wirklich und zu Recht sind, ist damit noch nicht gesagt - , halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.

So sind die Spielregeln. Gegen diese Strukturen der großen Politik setzt Jesus die andere Art des Zusammenlebens seiner Gemeinde: So ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.

Das scheint wunderbar einfach und harmonisch – dort draußen die böse, von Machtstrukturen und Machtgefälle bestimmte Welt und hier drinnen, in der Gemeinde, in der Kirche, die andere Wirklichkeit von einander dienenden Gleichgesinnten. Jedoch: täuschen wir uns nicht – und ziehen wir nicht vorschnell den Stachel aus diesen Versen.

Nicht selten ist gerade da die Liebe und die Sehnsucht nach Macht am größten, wo am wenigsten offen über sie geredet wird. Wo Strukturen, auch Machtstrukturen hingegen, klar und transparent benannt sind, da kann man damit umgehen und sich mit ihnen auseinandersetzen.

 

Mehr noch: es gibt nicht nur strategisch gezogene Strippen der Macht – es gibt auch strategische Unterwürfigkeit. Es gibt auch eine knechtische Form des Dienens, wo Menschen Demut ausstrahlen und propagieren und dabei besonders subtil Macht ausüben. Menschen, die so wenig initiativ und offensiv sind, dass sie andere geradezu zwingen, ihren Pfaden zu folgen, aber dafür nicht die Verantwortung übernehmen. Dagegen kann die Klarheit eines Johannes und Jakobus geradezu heilsame Züge haben. Am Kreuz wird unser Leben transparent und kommt klar zur Sprache. Klarheit und Wahrheit sind es, zu der wir angesichts dieses Geschehens herausgefordert sind. Auch die subtilen Machtspiele sind durch den Dienst des Menschensohns in Frage gestellt.

Worum also geht es?

 

Es geht darum, nicht nur um das eigenen Fortkommen bemüht zu sein, sondern die gemeinsame Sache im Blick zu behalten.

 

Es geht darum, nicht immer die Nase vorn haben zu müssen und der oder die Erste zu sein – trotz aller Rede von Exzellenz und Elite – sondern zumindest dann und wann von sich selbst abzusehen.

 

Es geht um Klarheit – nicht nur in den zugespitzten, endgültigen Situationen des Lebens, sondern jeden Tag neu. Darum, mit Macht verantwortlich umzugehen und sie nicht auszuspielen, aber auch: sie nicht zu verschweigen und zu verschleiern.

 

Es geht um den nüchternen Blick auf unsere Verstrickungen in Schuld, so schmerzhaft er auch sein mag, und darum, uns für unsere Erlösungsbedürftigkeit zu öffnen.

 

Lebensmöglichkeiten verschließen sich so nicht.

Vielmehr öffnen sich neue Tore zum Leben.

Keine Panik!

 

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Letzte Änderung: 29.10.2013