Predigten Wintersemester 2017/18

10.12.2017: PD Dr. Heike Springhart über Jes 63,15-64,3

Liebe Gemeinde, ihre Verzweiflung schrie zum Himmel. Vor genau 75 Jahren beendete Jochen Klepper mit seiner Frau Hanni und der Stieftocher Renate ihr Leben. Die dunklen Wolken der neuen Zeit hatten sich immer mehr über dem Leben des feinsinnigen Theologen und Liederdichters zusammengebraut. Elf Jahre zuvor hatte er seine Hanni geheiratet, eine Witwe mit zwei Töchtern, eine Jüdin, die sich später taufen ließ. Der 28-Jährige heiratete die 41-Jährige. Was den Eltern ein Dorn im Auge war, machte ihn für den Staat untragbar. Wegen seiner Ehe wurde er im 2. Weltkrieg als „wehrunwürdig“ aus der Armee entlassen. Damit nicht genug. Ihm wird mit Zwangsscheidung gedroht, die Deportation von Frau und Stieftochter steht unmittelbar bevor. In ihrer tiefen Verzweiflung wissen sie keinen Ausweg mehr. Am 11. Dezember 1942 schreibt Jochen Klepper ein letztes Mal in sein Tagebuch:
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03.12.2017: Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug über Offb 5,1-9a

Liebe Gemeinde, die Adventszeit ist eine Zeit der Geheimnisse. Geschenke werden besorgt, eingepackt und bis Weihnachten an geheimen Orten im Haus versteckt. Die Adventszeit ist eine Zeit der Sehnsüchte. Ruhe und Geborgenheit stehen auf der Wunschliste. Sie ist auch eine Zeit der Erinnerungen. Kindheitserinnerungen werden wach. Geschichten, Gedichte, Lieder, die das ganze Jahr in Regalen verstaubten, werden mit glänzenden Augen hervorgekramt. Die Adventszeit ist eine Zeit des Nachdenkens. Was ist uns wichtig in unserem Alltag? Wo könnten wir Dinge ändern? Die Adventszeit ist im Kirchenjahr eine Zeit der Buße, der Umkehr. Wo muss ich mit Schuld umgehen? In meinem eigenen Leben, in der Politik, in der Kirche? Die Adventszeit ist auch eine Zeit der Hoffnung und der Erfüllung. Das Licht der ersten Kerze springt auf die anderen Kerzen über. An Weihnachten erstrahlt dann der Christbaum und unsere Welt in neuem Licht.
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26.11.2017: Prof. Dr. Johannes Ehmann über Jes 65,17-25

Liebe Gemeinde, es sind ergreifende Worte, die wir da eben gehört haben. Worte tiefster Sehnsucht, Worte, die mit jedem Satz die Sehnsucht danach atmen, alles, ja wirklich alles, hinter sich zu lassen. Ich kann nicht mehr, und ich mag auch nichts mehr etwas hören von den Kindern, die vor der Zeit sterben. Ich mag die Bilder nicht mehr sehen von toten Babies nach einem Erdbeben, von ertrunkenen Flüchtlingskindern an Urlaubsstränden. Ich mag nicht mehr in die erschreckten und verweinten Augen von Eltern blicken, denen ihr Kind, ihr noch werdendes oder neu geborenes weggerissen wird, einfach so. Ich habe mein Kind sterben sehen, hat mir vor zwei Jahren ein Vater geschrieben. Das unrettbare Kind noch im Leib seiner Mutter, die Apparate machten es möglich, zuzuschauen, wie selbst nur ein Hauch von Leben alles erschütternd verging. Ich kann so etwas nicht mehr hören und ich mag auch nicht mehr.
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19.11.2017: Dekan Prof. Dr. Dirk Hagemann zum Volkstrauertag

Es ist seit vielen Jahren Brauch, dass unsere Universität am Volkstrauertag den Opfern des Nationalsozialismus unter den Angehörigen der Universität gedenkt. Dabei handelt es sich um Mitglieder der Universität, die zwischen 1933 und 1945 entrechtet und vertrieben wurden. Im Gedenkgottesdienst wurden uns kurze Biographien von einigen dieser Opfer vorgetragen. Für alle Besucher des Gottesdienstes, die einen oder mehrere dieser Menschen noch persönlich kannten, ist dieser Gottesdienst sicherlich ein Moment des traurigen Erinnerns. Doch wie geht es all den anderen Besuchern des Gottesdienstes, die keines der Opfer persönlich kannten? Was empfinden sie beim Gottesdienst anlässlich des Volkstrauertages? Ich selbst bin 1966 geboren und ich kenne kein Mitglieder der Universität, das Opfer des Nationalsozialismus geworden ist. Kann ich Volkstrauer empfinden?
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19.11.2017: Prof. Dr. Fritz Lienhard über Lk 16,1-9

In den letzten Tagen war viel die Rede von klugen aber ungerechten Verwalter. Wir haben erfahren wir eine Armee von Anwälten, Steuerberater und Vermögensverwalter Milliarden und Milliarden den unterschiedlichen Staaten entzogen haben. Das geschieht mit großer Kompetenz, und diese Fähigkeit hat im Französischen z.B. einen technischen Namen: optimisation fiscale, wörtlich zu übersetzen mit „steuerlicher Optimierung“. Das ist eine Kunst, es gibt diesbezüglich Doktorarbeiten, und es wurde in diesem Bereich bewundernswerte Klugheit bemüht. So geht das Geld von der steuerlichen Hölle zum steuerlichen Paradies, wobei die steuerliche Hölle darin besteht, die Schulen, die Krankenhäuser und die Sicherheit zu bezahlen. Und so stellt sich für uns die kritische Frage: sollen wir nun wirklich diese Menschen für ihre Klugheit loben?
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12.11.2017: Ann-Kathrin Knittel über Ps 85

Liebe Gemeinde, Schnell hat sie die Stadt durchquert. Groß ist sie ja nicht mehr. Alles sah so gut aus; der große Umbruch, die entscheidende Wende zum Guten. Der gewährte Wiederaufbau, die Wiederkehr Gottes. Der Enthusiasmus ist verflogen; die Resignation lässt den Blick wieder sinken. Freilich, es ist nicht mehr so schlimm, aber gut ist es noch lange nicht. In der Fremde ging es zum Teil sogar besser. Die Illusion, an frühere Zeiten und Zustände anknüpfen zu können, ist geplatzt. Die Schere zwischen arm und reich geht noch weiter auseinander. Die Unsicherheit ist groß. Und sie ist wieder da. Immer noch da. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die Sehnsucht nach Heil-Sein, nach Friede, nach Schalom.
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05.11.2017: Prof. Dr. Martin Hailer über Mt 10,34-39

Liebe Gemeinde, »Weil Eure geheiligte Majestät und eure Herrschaften es verlangen, will ich eine schlichte Antwort geben, die weder Hörner noch Zähne hat: Wenn ich nicht durch das Zeugnis der Heiligen Schrift oder vernünftige Gründe überwunden werde (…), so halte ich mich für überwunden durch die Schriften, die ich angeführt habe, und mein Gewissen ist durch Gottes Worte gefangen. Und darum kann und will ich nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen zu handeln weder sicher noch lauter ist. Gott helfe mir. Amen« So sagte es Martin Luther am 17. April 1521. Das war gar nicht weit von hier, nämlich in Worms. Schon mit dem päpstlichen Bann belegt reiste er von Wittenberg nach Worms.
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29.10.2017: Prof. Dr. Jan Christian Gertz über Pred 12,1-7

Liebe Gemeinde! „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig sind der Menschen Sachen. Alles was wir sehen, das muss fallen und vergehen.“ – Novembertöne von Michael Franck, der zunächst als Bäcker und später als Lehrer im Coburg der Barockzeit wirkte. Das Leben des Dichters war wie das seiner Zeitgenossen geprägt von den Wirren und Schrecken des 30-jährigen Krieges als Deutschland sich politisch, wirtschaftlich und sozial in einem bespiellosen Niedergang befand und zwei Drittel seiner Bevölkerung durch Pest und Krieg ausgelöscht waren. Es muss ein zwiespältiges Lebensgefühl gewesen sein, hin und hergerissen zwischen den Gegensätzen aus Leben und Tod, Spiel und Ernst, Ewigkeit und Vergänglichkeit, Weltflucht und Weltsucht.
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22.10.2017: Landesbischof Prof. Dr. Joachim Cornelius-Bundschuh über Mk 2,1-12

Liebe Universitätsgemeinde, und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür. Das klingt nach einer vollen Vorlesung, wo alles dicht gedrängt sitzt und manchmal auch steht. Wo es von Kommilitonen und Kommilitonen heißt: „Die musst du hören“. Wer sicher rein will und einen guten Platz, kommt früh und fährt auch mal die Ellenbogen aus. Schließlich geht es um etwas: um gute Bildung und damit hoffentlich auch um gute Aussichten für später. I Die Hauskirche von Simon und Andreas in Kapernaum ist voll, weil die Menschen Jesus hören wollen. Sie trauen ihm einiges zu: gute, hilfreiche Worte, Orientierung, Heilung. Sie stehen gedrängt, dicht an dicht. Für die, die zu spät kommen, für die, die keine kräftigen Ellenbogen haben, ist kein Durchkommen mehr. Nicht einmal draußen vor der Tür ist noch Platz. Die Plätze sind knapp; auch das ist eine Botschaft im heimlichen Lehrplan. Das lernt sich und prägt sich ein: „Wir waren immer zu viele.“ „Du musst um deinen Platz kämpfen: Früh aufstehen, dich geschickt einfädeln, auch mal die Ellenbogen ausfahren.“
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Letzte Änderung: 19.09.2017
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