01.07.2012: Prorektorin Prof. Dr. Friederike Nüssel über HK 35 + 36

 

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 1. Juli 2012, über das Magnifikat und Fr.35+36 des Heidelberger Katechismus

 

Predigerin: Prorektorin Prof. Dr. Friederike Nüssel

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

wie immer man die moderne Ökumenische Bewegung, ihre Ziele und Errungenschaften, bewerten mag: sie hat ohne Frage zur Aufklärung über tatsächliche und vermeintliche konfessionelle Unterschiede zwischen Katholizismus und Protestantismus beigetragen. Im Umfeld der Kirchentage, seien sie nun evangelisch, katholisch oder ökumenisch, wird über Gemeinsamkeiten und vor allem die entscheidenden Unterschiede in den Medien jedes Mal gründlich informiert, und zwar bis in die Nachrichten hinein. Engagierte Christen beider Konfessionen wissen, dass sie in den zentralen Themen des christlichen Glaubens weit mehr verbindet als trennt und dass es vor allem die Frage des kirchlichen Amtes ist, die die von vielen erstrebte gemeinsame Feier des Herrenmahls hindert.

 

Etwas anders liegen die Dinge, wenn es um die Rolle der Maria geht. Dass Maria eine wichtige Rolle in der katholischen Frömmigkeit spielt, darauf verweisen für Protestanten unübersehbar die Namen vieler Kirchen, Wallfahrtsorte und nicht zuletzt die Marienfeste. Aber welche Rolle spielt eigentlich Maria für evangelische Christen? Hierüber herrscht vielfach Unsicherheit, und zwar nicht nur unter Katholiken, sondern auch unter Evangelischen selbst. Der Vormarsch naturwissenschaftlicher Welterklärung hat zu dieser Unsicherheit in nicht geringem Maße beigetragen. Kann man unter diesen Bedingungen noch den Satz aus dem Glaubensbekenntnis „geboren aus der Jungfrau Maria“ mitsprechen? Gebührt es nicht protestantischer Nüchternheit und Mündigkeit, sich von solchem dogmatischen Ballast zu befreien? In meiner Studienzeit wurde diese Frage vielfach zur Gretchenfrage für einen aufgeklärten Umgang mit den christlichen Glaubensbekenntnissen und dem biblischen Zeugnis stilisiert. Gleichzeitig bahnten Befreiungstheologie und feministische Theologie neue Zugänge zur Bedeutung der Maria, vorbei am Thema der Jungfrauengeburt.

 

In der Reformationszeit war die Diskussionslage noch recht anders. Die besondere heilsgeschichtliche Rolle der Jungfrau und Gottesmutter Maria wurde von den Reformatoren nicht nur nicht in Frage gestellt, sondern ausdrücklich herausgehoben. Sie machten nur geltend, dass man Maria nicht um Hilfe anrufen solle, denn alle Hilfe im Leben und im Sterben komme von Jesus Christus. An der zeitgenössischen liturgischen Verehrung der Maria wurde erst einmal wenig geändert. In vielen der frühen reformatorischen Kirchenordnungen finden sich zunächst noch die Feste der Geburt, der Reinigung, der Verkündigung, der Heimsuchung und der Himmelfahrt der Maria. In den frühen 1520er Jahren hat Luther noch zu allen diesen Festen gepredigt. In den 1540er Jahren hingegen predigte er nur noch zu den Festen der Verkündigung, der Heimsuchung und der Reinigung Marias. Und dies waren dann auch die Feste, die in den liturgischen Festkalender im Luthertum eingingen, der auch für Johann Sebastian Bach maßgeblich war. Aus seiner Feder stammen mehrere Kantaten zu den Marienfesten, darunter die Kantate „Meine Seele erhebt den Herrn“, deren ersten Teil wir eben hören durften. Sie wurde 1724 komponiert und am 4. Sonntag nach Trinitatis erstmals aufgeführt zum Fest Mariae Heimsuchung, das am 2. Juli gefeiert wurde. So fügt es sich schön, dass wir heute am 4. Sonntag nach Trinitatis und einen Tag vor dem Festtag die Kantate zu Gehör bekommen. Als Text liegt ihr eine erweiterte Umdichtung des Magnifikat der Maria zugrunde, das wir in der Übersetzung Martin Luthers eben in der Lesung gehört haben. Wer den erweiterten Text gedichtet hat, konnte bisher nicht herausgefunden werden.

 

Der erste Satz der Kantate bringt den Eingangsvers des Magnifikat in strahlender Besetzung zu Gehör: „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes“ – so singen Sopran, Alt und Tenor, umwoben von stark bewegten Oboenstimmen und Violinstimmen sowie Viola und Basso Continuo. Die Trompete verstärkt hingegen exakt die Melodie der Sopranstimme. Das ist bei Bach nicht ungewöhnlich, doch bedenkt man den Text, dann scheint es, dass die Verdoppelung der Sopranstimme den ganz besonderen Charakter dieses Lobpreises ausmalen soll, wie ihn Martin Luther feinsinnig in seiner Auslegung des ersten Magnifikat-Verses beobachtet hat. „Das Wort (der Maria) geht … aus großer Inbrunst und überschwänglicher Freude, in der sich ihr Gemüt und Leben ganz erhebt von innen heraus im Geist. Darum spricht sie nicht: ‚Ich erhebe Gott‘, sondern: ‚meine Seele‘. Als wollte sie sagen: Es schwebt mein Leben und all mein Sinn in Gottes Liebe, Lob und hoher Freude, so daß ich, meiner selbst nicht mächtig, mehr erhoben werde, als daß ich mich selbst erhebe zu Gottes Lob“. Genau dies gießt Bach in Musik: die Trompete legt sich über die Sopranstimme und lässt ihre Melodie kraftvoll erschallen zu Gottes Lob. Wenn die Stimme schweigt, schweigt auch die Trompete, und sobald sie zum Lob einsetzt, strahlt sie mit ihr und bringt ihre überschwengliche Freude zum Ausdruck, erhebt ihre Melodie zu einem Klangvolumen, das über sie selbst hinausreicht und bringt darin die ekstatische Form des Lobes zum Ausdruck.

 

Wie kommt es zu dieser ganz außergewöhnlichen, ja ekstatischen Freude der Maria? Das hat ganz wesentlich mit dem Besuch bei Elisabeth zu tun, auf den sich das besagte Marienfest bezieht. Zu diesem Besuch macht sich Maria auf, nachdem ihr der Engel Gabriel die Geburt eines außergewöhnlichen Sohnes verheißen hat, ein Sohn, der Sohn des Höchsten genannt werden wird, dem Gott den Thron Davids geben und dessen Königsherrschaft kein Ende haben wird (Lk 1,32f). Auf diese Ankündigung reagiert Maria zunächst einmal nicht mit einem Lobpreis, sondern gehorsam und zurückhaltend: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast“ (Lk 1,38). Dann macht sie sich auf den Weg zu Elisabeth ins Bergland Judas. Auf Elisabeth und ihr besonderes, von Gott gelenktes Geschick hatte der Engel Gabriel Maria verwiesen, um ihr Gottes Macht und Herrschaft zu demonstrieren. Mit Elisabeth und Maria begegnen sich zwei Frauen, die ein ähnliches Geschick ereilt: beide werden unerwartet und unter höchst ungewöhnlichen Umständen schwanger, beiden wird offenbart, dass sich mit und durch ihre Kinder Gottes Geschichte mit dem Menschen entscheiden wird. Man kann durchaus verstehen, dass Maria die Gemeinschaft der Elisabeth sucht und Elisabeth sich über ihren Besuch freut. Wie sollte jede für sich die Ankündigung ihres Geschicks verkraften? Dass sie einander brauchen, davon sagt Lukas allerdings nichts. Lukas, der Historiker unter den Evangelisten, schaut nicht in das Seelenleben der Frauen, sondern lenkt den Blick auf das Wesentliche ihrer Begegnung und ihres Gesprächs. Und das besteht darin, dass Elisabeth Maria preist – nicht aus eigenen Stücken, sondern weil das Kind in ihrem Leib hüpft und der Geist sie überkommt. So spricht sie zu Maria: „Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!“ Und fügt hinzu: „selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.“ Und erst aufgrund dieses Lobpreises der Elisabeth stimmt Maria ihren Lobpreis an.

 

Die Komposition dieser Geschehensabfolge ist typisch für Lukas. Er legt in seinem Evangelium und auch in der Apostelgeschichte größten Wert auf das Zusammenspiel zwischen göttlicher Offenbarung und menschlichem Zeugnis. Der von Gott gesandte Engel Gabriel hatte Maria bereits die gesamte Verheißung mitgeteilt. Aber erst die Seligpreisung der Elisabeth veranlasst Maria zu dem ekstatischen Lobpreis, den sie im Magnifikat artikuliert. Elisabeth wird zum Sprachrohr des Geistes. Sie erzählt der Maria vom Hüpfen des Kindes in ihrem Leib, als dieses die Stimme der Maria hörte. Und sie preist sie als Glaubende – und erst dies entlockt der bis dahin gehorsam-zurückhaltenden Maria den ekstatischen Lobpreis des Herrn. Erst durch die Seligpreisung der Elisabeth realisiert Maria, dass sie aus ihrer unbedeutenden, ärmlichen Stellung herausgehoben werden wird und eine ganz neue Bedeutung gewinnt. Sie singt: „denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich seligpreisen die Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.“ (Lk 1,48). Ihr Lobpreis reflektiert sodann das Wesen Gottes, wie es sich in der Heilsgeschichte manifestiert hat und manifestieren wird. Sie preist Gott für seine Barmherzigkeit denen gegenüber, die ihn fürchten, und insbesondere gegenüber Israel; sie preist ihn für seine Macht, die Verhältnisse umkehren zu können, die Gewaltigen vom Thron zu stoßen und die Niedrigen zu erheben; und sie lobt Gottes Gerechtigkeit, in der er Hungrige mit Gütern erfüllt und Reiche leer ausgehen lässt. Maria preist den Gott, der sich in ihrem Sohn als der liebende Vater offenbar machen wird. Sie bringt in diesem neuen Lied ihren Glauben an Gott zum Ausdruck, der sich auf die Verheißung des Engels und die Seligpreisung der Elisabeth stützt. Sie ist so Glaubenszeugin vom Wunder der Inkarnation und – wie Karl Barth sagte – der erste neutestamentliche Mensch. Dieser Glaube wird auf eine harte Probe gestellt.

 

Gebührt Maria als Vorreiterin im Glauben dann nicht doch eine besondere Verehrung? Kann man sie nicht um Beistand im Glauben anrufen? Mit dieser Frage wenden wir uns an den Heidelberger Katechismus, aus dem die Fragen 35 und 36 heute besonders in den Blick gerückt werden. Sie lauten: „Was bedeutet: ‚Empfangen durch den heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria?‘“ Und: „Was nützt es dir, dass er durch den Heiligen Geist empfangen und von der Jungfrau Maria geboren ist?“ Schon die selbst Fragen machen deutlich, dass es dem Katechismus in seiner Auslegung des Glaubensbekenntnisses nicht um die besondere Rolle der Maria als Glaubenszeugin geht. Vielmehr steht die Geburt Jesu Christi aus der Jungfrau Maria ganz im Zentrum. Warum ist diese so wichtig? Der Katechismus erklärt dies in seiner Antwort damit, dass der ewige Sohn Gottes, der wirklicher, ewiger Gott ist und bleibt, durch die Wirkung des Heiligen Geistes wirkliche menschliche Natur aus dem Fleisch und Blut der Jungfrau Maria angenommen hat, damit er auch wirklich der Nachkomme Davids sein, seinen Schwestern und Brüdern in allem gleich, doch ohne Sünde. Es geht also um das wirkliche und volle Menschsein Jesu Christi. Ohne die leibliche Geburt aus der Maria hätte der ewige Sohn nicht wirklich und glaubhaft Mensch werden können wie alle anderen Menschen. Aber was nützt das? So wird gleich hinterher gefragt. Und die Antwort auf diese Frage lautet: „Er ist unser Mittler, und er bedeckt vor Gottes Angesicht mit seiner Unschuld und vollkommenen Heiligkeit meine Sünde, in der ich immer schon lebe“. Diese Antwort ist in keiner Weise spezifisch reformatorisch, sondern deckt sich mit der älteren kirchlichen Lehrtradition. Nur wenn Jesus Christus dem Sündenzusammenhang entnommen ist, so der Gedanke, bedarf er selbst nicht der Erlösung und kann andere erlösen. Im Hintergrund stand in der Entstehungszeit des Katechismus die Vorstellung von der Vererbung der Sünde, die in der Aufklärungszeit massiv kritisiert worden und deren biblische Basis mehr als fraglich ist. Sieht man auf die Geschichte von der Verkündigung und Heimsuchung der Maria, dann kommt es auf diese Erklärungsleistung gar nicht an. Es geht um die wundersame Macht Gottes, die bei Elisabeth und Maria jeweils auf unterschiedliche Weise das Leben eines Kindes bewirkt und darin eine Verheißung begründet. Diese Macht Gottes besingt Maria und bringt darin zum Ausdruck, wie wenig sie selbst sich in diesem Geschehen etwas zuschreiben kann. Maria befreit sich nicht selbst aus ihrer Niedrigkeit, sie sucht nicht in ihren eigenen Kräften Trost, ihre Seele erhebt den Herrn, weil er sie dazu mit seiner Verheißung bewegt und erwählt. Die Seligpreisung der Elisabeth ist das erste Anzeichen, in der Maria die befreiende Macht Gottes wahrnimmt. Sie spricht ihr den Glauben zu, in dem der Heiland ihr einziger Trost im Leben und im Sterben wird – ein für allemal. Und gerade dies bringt auch der Katechismus zum Ausdruck, in dem er zwar die besondere Geburt Jesu hervorhebt, aber an dieser Stelle Maria nicht als Glaubenszeugin aufruft. Ihr Beispiel zu erwähnen ist nicht Aufgabe, der knappen, summarischen Unterweisung über das in Christus von Gott geschenkte Heil, die der Katechismus bieten will. Der Katechismus überlässt es vielmehr unserer Bibellektüre, Maria als Glaubenszeugin zu entdecken. Nehmen wir uns diese Freiheit und nützen wir sie auch für den Versuch, den vielen Formen des Gedenkens an Maria in der Ökumene offen zu begegnen und sie genauer zu verstehen.

 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Verstand, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 16.07.2012
zum Seitenanfang/up