02.02.2014: Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier über Bachkantate Nr. 100

„Was Gott tut, das ist wohlgetan“

Predigt mit der gleichnamigen Bachkantate Nr. 100 im Semesterschlussgottesdienst

am 2. Februar 2014 in der Peterskirche Heidelberg

 

Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier

 

 

 

 

1. Coro

Was Gott tut, das ist wohlgetan,

es bleibt gerecht sein Wille;

wie er fängt meine Sachen an,

will ich ihm halten stille.

Er ist mein Gott,

der in der Not

mich wohl weiß zu erhalten;

drum lass ich ihn nur walten.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

welch eine Musik! Komplex komponiert, mitreißend musiziert ergreift sie Herzen und Sinne. Da bewegt sie innerlich und äußerlich, berührt mich mit ihren Klängen, ihrem Rhythmus, ihrem Gesang. Hier ist alles stimmig: Zuversicht und Gottvertrauen klingen festlich mit Bläser- und Streicherklang, sind sicher und fest wie die Pauke und im Geflecht der Stimmen und Instrumente unerschütterlich verankert. „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ – so beginnt jede Strophe; und am Ende der ersten und der letzten Strophe heißt es: „Drum lass ich ihn nur walten“. Ein starkes Bekenntnis!

Von außen betrachtet ist solches Gottvertrauen umstritten – vornehm ausgedrückt! Bei youtube habe ich zu unserer Kantate folgenden Kommentar gefunden: „Was Gott tut, das ist wohlgetan? Unsinn! Bach war verrückt. Er hatte zwanzig Kinder. Zehn starben im Kindesalter.“ Der Kommentator bezeichnet sich selbst als „Rationalist“. Er ist in seinen Kommentaren zu dieser wie zur anderen geistlichen Musik nicht gerade zimperlich und verhöhnt christliche Texte. Wie dem auch sei – die harsche Kritik von außen verbündet sich ja auch mit eigenen Anfragen und Zweifeln, wird existentiell. Könnte ich so etwas singen oder sprechen, wenn ich selbst in Not gerate, wenn ich am Abgrund, wenn ich am Grab stehe?

Schnelle Antworten verbieten sich hier, auch für Christenmenschen. Aber da es um mehr geht als um rationalistische Pointen, sollten wir genauer hinschauen und hinhören. Welche Erfahrungen verdichten sich in diesem Lied, welche Deutungen hören wir in Bachs Musik?

Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte! Der Dichter des Liedes ist Samuel Rodigast, schon mit 22 Jahren Magister der Philosophie und Dozent an der Universität Jena. Ihn erreichte die Bitte seines engen Studienfreundes Severus Gastorius, für ihn ein Gedicht zu schreiben. Gastorius war Kantor in Jena. Seine Bitte war keine leichte Bitte, denn es ging nicht einfach um eine kleine Gebrauchsdichtung, die der Chor dann für eine neue Aufführung verwenden würde. Nein – die Bitte war existentiell. Gastorius war schwerkrank und die Ärzte hatten ihn aufgegeben. Er bereitete sich auf sein Sterben vor. Das Gedicht, das er vom Freund erbat, sollte auf seiner Beerdigung erklingen.

Schon hier werde ich sprachlos: welch ein Umgang mit dem eigenen Tod, welch eine Kunst und welch ein Mut, sich auf das Sterben vorzubereiten!

Wie schreibt man für den sterbenden Freund ein Gedicht? Wenn einem selbst die Worte fehlen, vielleicht kann man sie bei anderen finden? Rodigast prüft Texte in seiner Umgebung. Möglicherweise bieten sie Hilfe. Er stößt auf ein etwa 40 Jahre altes Lied mit dem Leitvers „Was Gott tut, das ist wohlgetan“. Der Leitvers scheint brauchbar, doch wie heißen die weiteren Zeilen?

Was Gott tut, das ist wohlgetan,

kein einzig Mensch ihn tadeln kann,

ihn soll man allzeit ehren.

Wir machen mit der Ungeduld

nur immer größer unser Schuld.

dass sich die Strafen mehren.

 

Wenn mir mein Freund solche Zeilen schickte, würde ich ihm die Freundschaft kündigen! Das ist christliche Lehre, wie sie rechtgläubig gemeint, aber häretisch ist. In diesem Lied wird schon das ungeduldige Fragen als Schuld und dann menschliches Leid als gerechte Strafe interpretiert. Von solch einem Gott kann man sich nur verabschieden, selbst wenn man kein Rationalist ist!

Wie anders formuliert nun Rodigast! „Es bleibt gerecht sein Wille, wie er fängt meine Sachen an, will ich ihm halten stille. Er ist mein Gott, der in der Not, mich wohl weiß zu erhalten, drum lass ich ihn nur walten.“ Gott ist „mein Gott“, der erhält mich, der fängt „meine Sachen“ an (erst die neuen Gesangbücher haben daraus „seine Sache“ gemacht). Gott ist zuerst und vor allem ein Verbindungsgott. Er hat und hält Verbindung zu mir, zu allen Menschen, zu seiner ganzen Schöpfung. Gott betrügt mich nicht, er ist mir mehr Freund, als Menschen es vermögen. Gott „führet mich auf rechter Bahn ... Er wird mein Unglück wenden, es steht in seinen Händen“ (Str.2).

Auffällig ist nicht nur das Gottesbild, auffällig ist auch das „Ich“ in dieser Dichtung. Angesichts des Sterbens seines Freundes weicht Rodigast nicht aus auf vermeintliche Richtigkeiten und Formeln. Er bringt sich ein, dichtet in persönlicher Weise für den Freund, spricht für und mit ihm: „will ich ihm halten stille ... drum lass ich ihn nur walten ... so lass ich mich begnügen an seiner Huld und hab Geduld.“ Rodigast ist mit dem Leidenden solidarisch – oder wie man früher sagte: er ist ein Freund und Bruder in Christus, spricht und handelt geschwisterlich.

 

Liebe Geschwister,

in Not und Leiden sind wir aneinander gewiesen und aufeinander angewiesen. Da müssen wir füreinander einstehen und handeln – und auch füreinander glauben und beten.

Ich höre den zweiten Satz der Kantate, dieses wundervolle Duett, mit seinen engen Verflechtungen und rasch aufeinander folgenden Imitationen der Stimmen als solch ein Füreinander-glauben-und-beten. Da singen sie wie zwei Freunde, wie zwei Geschwister und stärken einander: der Gesunde den Kranken, aber immer auch der Kranke den Gesunden; und am Ende sind sie beide Glaubende, unterwegs auf rechter Bahn und vertrauen dem instrumentalen Kontinuum, dem ununterbrochenen Puls des Lebens und dem Gott, der nicht betrügt.

 

 

2. Aria (Duett)

Was Gott tut, das ist wohlgetan,

er wird mich nicht betrügen;

er führet mich auf rechter Bahn,

so lass ich mich begnügen

an seiner Huld

und hab Geduld,

er wird mein Unglück wenden.

Es steht in seinen Händen.

 

3. Aria (Sopran und obligate Flöte)

Was Gott tut, das ist wohlgetan,

er wird mich wohl bedenken;

er, als mein Arzt und Wundermann,

wird mir nicht Gift einschenken

vor Arzenei.

Gott ist getreu,

drum will ich auf ihn bauen

und seiner Gnade trauen.

 

 

Das Duett, liebe Gemeinde: ein Füreinander-singen-und-glauben. Auch der Sopran in der zweiten Arie hat eine Partnerin, die Flöte. In virtuosen Passagen prägt sie das gesamte Stück. Die Stimmung ist durch die Moll-Tonart etwas getrübt, bleibt damit auch der Entstehung des Gedichts verbunden. Die Flötenpassagen reißen kaum ab: 24 Noten pro Takt und kaum eine Pause, und das über mehr als 80 Takte lang!

Ich höre dieses Beieinander von Sopran und Flöte – ein richtiger Dialog ist es gerade nicht – als auch mühevolles Beieinander von Glaubenserfahrung im gesungenen Text und dem Lebenslauf mit seinen wiederkehrenden Situationen, seinen Tücken, seinen Gesetzen und Anforderungen in der instrumentalen Flötenstimme. Angesichts der Eigengesetzlichkeit des Lebens bleibt das Gottvertrauen mühsam – eine sehr realistische Einsicht, finde ich!

Das Bekenntnis zu Gott als „Wundermann“ kann sich auf die vielen Wunder und Heilungen Jesu beziehen – auf die Sturmstillung und Rettung in Not, auf die Heilungen, die Gottes Herrschaft vor Augen stellen. Er ist wie ein Arzt, der Arzneien gibt, die helfen. Seine Medizin enthält kein Gift. Diese Glaubenserfahrung ist aber nicht triumphal. Auch in der Bibel ereignet sie sich nicht flächendeckend und an allen. Die Wunder und Heilungen Jesu bleiben punktuelle Vorschau auf Gottes Herrschaft; aber sie machen deutlich: Die Welt bleibt nicht, wie sie ist, sondern wird verwandelt und geheilt.

In dieser Strophe liegt eine erste theologische Begründung für das Gottvertrauen: „Gott ist getreu“. Gottes Treue schafft Trost – im Leben und im Sterben. Wo immer meine Verbindungsfäden abreißen – mitten im Leben oder im Sterben – von Gott werden sie zusammengehalten, zusammengefügt, zusammengeflochten. Allen Gehetzten und Geschlagenen und Belasteten ruft er zu: Kommt her zu mir, ich will euch erquicken!

Wer durch Gott erquickt ist, durch seine Treue Lebensmut und Trost erfährt, wird lebendig und könnte sogar zur nächsten Arie tanzen.

 

 

4. Arie (Bass und Streichersatz)

Was Gott tut, das ist wohlgetan,

er ist mein Licht, mein Leben,

der mir nichts Böses gönnen kann,

ich will mich ihm ergeben

in Freud und Leid!

Es kommt die Zeit,

da öffentlich erscheinet,

wie treulich er es meinet.

 

 

5. Arie (Alt und obligate Oboe d’amore)

Was Gott tut, das ist wohlgetan,

muss ich den Kelch auch schmecken,

der bitter ist nach meinem Wahn,

lass ich mich doch nicht schrecken,

weil doch zuletzt

ich wird ergötzt

mit süßem Trost im Herzen;

da weichen alle Schmerzen.

 

 

Auch in diesen beiden Arien gibt es je ein musikalisches Gegenüber: der Bass im Gegenüber zum Streichersatz, die Altstimme im Gegenüber zur Oboe d’amore. Das Gegenüber der Bassarie ist ein eng verbundenes Miteinander: ein Tanzrhythmus, der in Bewegung bringt, strahlendes G-Dur, das zur Freude des Lebens und des Glaubens befreit.

Im Text ist die zweite und entscheidende theologische Begründung des Gottvertrauens zu finden: Gott „ist mein Licht, mein Leben“. Der treue Gott ist der Gott, der Leben schenkt und erleuchtet. Gott gebührt Vertrauen, weil er Christus von den Toten auferweckt hat. Seit Ostern ist erkennbar: Der Tod ist besiegt, ein Mal und gültig ein für alle Mal!

Auch wenn ich manchmal in meinem Inneren hoffe, am Tod irgendwie vorbei zu kommen, wissen Vernunft und Erfahrung: Am Tod kommt niemand vorbei. Der Osterglaube fügt jedoch zuversichtlich und gewiss hinzu: Am Tod kommt niemand vorbei, aber jeder kommt hindurch! So wie der Vater den Sohn nicht im Tode ließ, so befreit er alle seine Kinder. Mit Paul Gerhardt: Gott zieht und reißt hindurch, durch Tod, Welt, Sünde, Not und Hölle (vgl. EG 112,6). Das ist wie bei einer Geburt kein sanfter Vorgang, aber eine Verwandlung und Veränderung in neues Leben hinein.

Diese österliche Zuversicht ist nach meinem Verständnis Anfang und Zentrum christlichen Glaubens. Diese Zuversicht führt nicht zur unsolidarischen Weltabkehr oder vermeintlichen Überwindung der Welt. Nein, ich bin als Glaubender und Zweifelnder immer wieder mit Leid und Unrecht konfrontiert – in der Altarie verdichtet als bitterer Kelch, im Schlusschoral als rauhe Bahn, Not, Tod und Elend.

Daher erklingt die Altarie zu Recht wieder in der „schmerzlichen“ Tonart e-Moll. Auch der Osterglaube verlässt die Welt nicht. Die Oboe als Gegenüber der Altstimme ist einerseits motivisch mit dem Gesang verbunden, aber eben nicht verschmolzen. Vor allem die langen Melodielinien der Oboe am Anfang und zum Ende durchbrechen eigentümlich die melodische und rhythmische Erwartung. Die Altstimme nimmt diese Motive im Text der letzten Zeile auf: „da weichen alle Schmerzen“. Betont sind nicht die Schmerzen, sondern ihr Weichen. Betont bleibt nicht Karfreitag, sondern Ostern.

Dazu bemerkt Karl Barth, so treffend wie humorvoll: „Gewiss, es gibt kein Ostern ohne Karfreitag, aber ebenso sicher gibt es keinen Karfreitag ohne Ostern! Es wird leicht zu viel Trübsal und dann auch Muffigkeit ins Christentum hineingearbeitet [...] Wer die Osterbotschaft gehört hat, der kann nicht mehr mit tragischem Gesicht umherlaufen und die humorlose Existenz eines Menschen führen, der keine Hoffnung hat.“ (Grundriß der Dogmatik, S.134.143)

Den muffigen Glauben und die ins Leiden verliebte Trübsal vertreibt die frische Osterluft. „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ erklingt in dieser frischen Luft, in leidenschaftlichem und heiter-humorvollem Gottvertrauen.

 

Und was wurde aus den beiden Freunden Rodigast und Gastorius? Der Kantor erhielt das Trostgedicht seines Freundes und spürte sicher die Verbundenheit mit ihm und mit dem menschenfreundlichen Gott. Er komponierte noch auf dem Krankenlager die Melodie dazu und griff übrigens in der ersten Zeile auf eine bekannte Melodie zurück – beginnend mit dem Intervall einer kraftvollen, zuversichtlichen Quarte. In der Vorlage umschrieb die Quarte die Worte „Frisch auf“, mit dem neuen Text aber betont sie „Gott“: „Was Gott tut ...“. So ist sie auch in allen Sätzen der Kantate hörbar, auch in den Arien, wo die Melodie keine Rolle spielt.

Der Kantor Gastorius wurde schließlich unerwartet gesund. Unerwartet? Vielleicht gerade unterstützt durch die Erfahrung der Solidarität, der Treue seines Freundes, der in Not und Leiden nah war und für ihn sprach, für ihn betete, ja, auch für ihn glaubte – ein Freund, der für ihn die frische Osterluft brachte!

Und Bach? War er wirklich verrückt oder naiv, zu diesem Lied, das er immerhin bereits zweimal in Kantaten vertont hatte, nochmals eine so schöne und klangprächtigere Kantate zu komponieren? Oder hat er in der Altarie gerade die Oboe d'amore bewusst als Gegenüber zur Altstimme gestellt – gegenüber dem „Schmerzlichen“ den Klang der Liebe? Wir wissen: Bach hat oft an Gräbern gestanden, als Kind an den Gräbern seiner Eltern, als Vater an denen seiner Kinder. In seiner Musik höre ich deutlich die Schmerzen, aber darin weiter, wie Gottes Stimme erklingt und seine Liebe schließlich die Schmerzen weichen lässt.

Mit diesem Lied und dieser Kantate sind uns Worte und Töne gegeben, die vielleicht zu einfach klingen, wenn wir gerne „Rationalisten“ sind und bleiben wollen – die wir aber als Freunde in Christus für andere und mit anderen singen und die uns in sinnloser Zeit Hoffnung und neuen Sinn geben können. Ein dankbares Bekenntnis zu Gottes väterlichem Walten, der den Sohn und alle seine Kinder zum Leben erweckt und befreit, der uns in seinen Armen hält!

 

 

6. Coro

Was Gott tut, das ist wohlgetan,

derbei will ich verbleiben.

Es mag mich auf die rauhe Bahn

Not, Tod und Elend treiben,

so wird Gott mich

ganz väterlich

in seinen Armen halten.

Drum lass ich ihn nur walten.

 

 

Lasst uns dieses musizierte Bekenntnis aufnehmen und verbunden mit der Christenheit aller Zeiten und Orte Gott dankbar loben und zuversichtlich in das große Glaubensbekenntnis einstimmen:

 

Wir glauben an den einen Gott:

 

den Vater, den Allmächtigen,

der alles geschaffen hat,

Himmel und Erde,

die sichtbare und die unsichtbare Welt.

 

Und an den einen Herrn Jesus Christus,

Gottes eingeborenen Sohn,

aus dem Vater geboren vor aller Zeit:

Gott von Gott, Licht vom Licht,

wahrer Gott vom wahren Gott,

gezeugt, nicht geschaffen,

eines Wesens mit dem Vater;

durch ihn ist alles geschaffen.

Für uns Menschen und zu unserm Heil

ist er vom Himmel gekommen,

hat Fleisch angenommen

durch den Heiligen Geist

von der Jungfrau Maria

und ist Mensch geworden.

Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,

hat gelitten und ist begraben worden,

ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift

und aufgefahren in den Himmel.

Er sitzt zur Rechten des Vaters

und wird wiederkommen in Herrlichkeit,

zu richten die Lebenden und die Toten;

seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

 

Wir glauben an den Heiligen Geist,

der Herr ist und lebendig macht,

der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,

der mit dem Vater und dem Sohn

angebetet und verherrlicht wird,

der gesprochen hat durch die Propheten,

und die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche.

Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.

Wir erwarten die Auferstehung der Toten

und das Leben der kommenden Welt.

 

 

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Letzte Änderung: 18.11.2014
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