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02.04.2017: Dr. Friederike Schücking-Jungblut über Hiob 19,21-27

Predigt über Hiob 19,21-27 am 02. April 2017 (Judika)

in der Peterskirche, Heidelberg

(Dr. Friederike Schücking-Jungblut)

 

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,

die Passionszeit biegt jetzt auf die Zielgerade ein. Es ist die Zeit, in der der Rhythmus des Kirchenjahres uns dazu einlädt, über das Leid und das Leiden nachzudenken. Allem voran das Leiden Christi. Aber auch das Leiden von Menschen und das Leid der Welt kommen in dieser Zeit verstärkt in den Blick. Jedenfalls könnte, ja sollte das so sein. Anlass dafür gibt es schließlich genug. – Wenn wir selbst gerade glücklicherweise verschont sind, dann vielleicht in unserem näheren oder weiteren Umfeld. Und sonst reicht spätestens ein Blick in die Krisen-, Kriegs- und Hungergebiete der Welt, um uns vor Augen zu führen, wie dramatisch, wie drängend das Leiden in der Welt ist.

Und trotzdem: Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Mir fällt es jedenfalls nicht leicht, gerade zu dieser Zeit des Jahres, in diesen immer heller, länger und wärmer werdenden Frühlingstagen, in denen die Natur und die Welt um uns herum zu erwachen beginnt, in denen die Farben zurückkommen, das Jubilieren der Vögel, die Kinder auf die Spielplätze – mir fällt es nicht leicht, gerade in diesen Tagen Verstand, Herz und Geist auf das Leiden auszurichten.

Und doch ist das Leid da, in diesen Tagen nicht weni-ger als an einem grauen Herbsttag, in unserer Zeit nicht weniger als zu biblischen Zeiten. Unser heutiger Predigttext wirft uns mitten hinein in das Leid und das Nachdenken darüber. Er entstammt dem Munde eines Mannes, der besonders drastisch erfahren hat, was Leiden heißt. Ich lese aus dem Buch Hiob im 19. Kapitel die Verse 21 bis 27:

21Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! 22Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

23Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, 24mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen!

25Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. 26Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. 27Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Eine gewaltige Rede. Sie beginnt mit einer drastischen Klage. Hiobs ganzes Elend spricht aus ihr. Denn Hiob ist Schlimmes widerfahren. Er war reich an Gütern und Leben, gesegnet von Gott an Leib und Seele. Aber vor allem war er ein frommer Mann. Er hatte eine lebendige und tragfähige Gottesbeziehung, die – so schien es – nichts erschüttern konnte. Doch von einem Tag auf den anderen ist nichts, wie es war: Die Rinder und Eselinnen geraubt, die Schafe verbrannt, die Kamele gestohlen, die Knechte erschlagen, die Söhne und Töchter unter einem eingestürzten Dach begraben. Und – als sei der Verlust seiner Habe und seiner Liebsten noch nicht genug – er selbst geschlagen mit schwerer Krankheit, bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Hiob, zurückgeworfen auf seine nackte Existenz.

Was passiert da – mit ihm, mit seiner Frömmigkeit, mit seinem Glauben? Müsste Gott ihm jetzt nicht zur Seite springen? Hiob hatte doch stets treu an ihm festgehalten. Wie kann es da sein, dass ihn solche grausamen Schläge treffen? Geht es den Frommen denn nicht besser als den Ungläubigen?

Da kommen Hiobs Freunde. Zuerst verhalten sie sich vorbildlich. Sie schweigen und halten mit Hiob sein Leiden, seinen Schmerz aus. Jeder und jede wünscht sich wohl solche Freunde, die in Zeiten der Not zu einem halten. Auch wenn sie scheinbar nichts tun, nicht selbst trauern, Hiob nicht aufmuntern, ihn nicht trösten, tun sie doch so viel. Sie sind da. Sie harren aus. Sie zeigen sich als Mitmenschen. Das machen sie gut. Am besten wären sie dabei geblieben.

Doch dann, als Hiob selbst die erste Lähmung überwunden hat und zu reden, nein zu klagen beginnt. Dann fühlen sich auch die Freunde genötigt, zu sprechen. Jetzt erst wird deutlich, wie sehr Hiobs Schicksal auch ihr Welt- und Gottesbild in Frage stellt. Sie wissen um seine Frömmigkeit. Vielleicht hat er selbst ihnen in einer früheren Zeit die Größe und Gerechtigkeit Gottes vor Augen gestellt. Und umso mehr trifft sie nun sein Leiden. Vor allem dessen scheinbare Grundlosigkeit stellt sie vor große Herausforderungen, emotional wie intellektuell. Sie suchen nach Antworten. Drei Möglichkeiten spielen sie durch:

1.         Will Gott Hiob prüfen?

Es ist nicht schwer, an die Güte und Gerechtigkeit Gottes zu glauben, so lange es mir gut geht. Natürlich gilt es, sich bewusst zu machen, dass nicht alles Gute, was ich habe, mein Verdienst ist. Natürlich ist Dankbarkeit gegen Gott ein wertvoller Teil des Glaubens. Ein Teil, der ein wenig Besinnung verlangt, aber nicht eigentlich schwerfällt. Denn wirklich herausgefordert wird die treue Orientierung an Gott ja erst in der Not. War Hiob also nur deswegen so ein frommer Mann, weil Gott ihn reich beschenkt hat? Was ist jetzt mit seinem Glauben? Bricht er einfach in sich zusammen angesichts der harten Schicksalsschläge?

Nein, Hiob hält stand. Er klagt. Er klagt an. Er wünscht sich ein Ende seiner Leiden, um jeden Preis. Und sei es der Tod. Aber – er stellt seine Hinwendung zu Gott nicht in Frage. Gott bleibt der, an den er sich wendet. Gott bleibt der, bei dem Hiob Hilfe sucht.

Soll das also eine Prüfung sein, könnte Gott sie jetzt beenden. Hiob hat bestanden. „Schaffe mir Recht, Gott!“ (Ps 43,1a) Doch das Leiden nimmt kein Ende. Also ein zweiter Versuch:

2.         Ist Hiob überheblich?

Hiob ging es gut. Er führte all seinen Wohlstand, sein ganzes Glück auf Gott zurück. Er erzählte allen, ob sie es hören wollten oder nicht, von Gottes grenzenloser Gerechtigkeit und Güte. Er wusste auf alles eine Antwort und die lautete – fast immer – „Gott!“. Aber ist nicht auch Hiob nur ein Mensch? Was bildet er sich ein, das Wesen Gottes zu kennen? Muss Gott Hiob nicht geradezu vom Pfad des Wohlergehens herunterstoßen, der ihm so vertraut war? Vielleicht ist das ja der einzige Weg, Hiob zu zeigen, dass es ganz schön anmaßend von ihm ist, Gott kennen zu wollen. Gott ist eben unfassbar. In jeder Hinsicht.

Aber auch so tickt Hiob nicht. Ihm ist wohl bewusst, im Guten wie im Schlechten, wie viel größer Gott ist als er selbst. Er weiß, dass er ein wenig Einsicht in den Lauf der Welt und in das Wesen Gottes hat. Aber doch lange nicht genug, um Gott begreifen zu können. „Du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen?“ (Ps 43,2) Das Leiden eröffnet Hiob also auch in dieser Hinsicht keine neue Perspektive. Es ist nicht Hybris, um die es geht. Auch dieser Erklärungsversuch läuft ins Leere. Also starten die Freunde einen dritten Anlauf:

3.         Ist das Leiden eine Strafe Gottes?

Das kann ja nicht sein. Es gibt keinen Grund, Hiob zu bestrafen. Die Freunde wissen, dass Hiob geradezu ein Idealbild des Gläubigen ist: „fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse“ (Hiob 1,8) – so charakterisiert Gott selbst ihn am Anfang des Buches. Aber – so scheint es den Freunden jetzt – bei so viel Glanz muss ja etwas faul sein. Hiobs jetziges Leiden zeigt es schließlich. Bestimmt hat Hiob – ganz im Geheimen – ein furchtbares Verbrechen begangen. Kein Mensch weiß davon. Aber Gott eben doch. Und nun straft er ihn, ganz wie es ein Verbrecher verdient hat.

Sogar Hiob selbst zermartert sich das Hirn. Könnte er wirklich etwas falsch gemacht haben. Der Gedanke ist ihm nicht fremd. Auch früher hatte er immer schon lieber einmal zu oft ein Brandopfer dargebracht, weil ja er oder einer seiner Kinder doch irgendwie Gott gegen sich aufgebracht haben könnten. Aber so sehr er auch nachdenkt, ihm fällt nichts ein. Dafür passiert etwas Anderes: Er sucht die Schuld bei sich selbst. Kein anderer scheint ja für sein Schicksal verantwortlich zu sein. Die Dunkelheit in ihm verfinstert sich weiter. Das Paket, das auf seinen Schultern lastet, wird immer schwerer.

Leiden als Strafe Gottes? – Nein, bei Hiob geht das nicht auf. Allein der Gedanke daran quält ihn, drückt ihn nieder. Die Idee, dass auf Wohlverhalten Glück, auf Fehlverhalten Leid folgt, mag ja der allgemeinen Erfahrung entsprechen. Aber für Hiob geht diese Gleichung nicht auf. Und anders als Hiobs Freunde glaube ich: Auch bei Gott geht sie nicht auf. Im Gegenteil: Bei Hiob zeigt sich, wie falsch, wie verletzend, wie quälend die Anwendung allgemeiner Erfahrung auf das Einzelschicksal sein kann.[1] Auch dieser Versuch, eine Begründung für Hiobs Leiden zu finden, scheitert. Die Freunde scheitern. Weder ist es ihnen gelungen, für sich selbst eine befriedigende Antwort zu finden auf die so drängende Frage nach dem „Warum?“. Noch haben ihre Überlegungen, Spekulationen und eindringlichen Reden es vermocht, Hiob zu trösten. „Schaffe mir Recht, Gott, und führe meine Sache wider das treulose Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!“ (Ps 43,1)

Die Freunde helfen nicht, sie machen für Hiob alles nur noch schlimmer. Das zeigt seine Klage am Beginn unseres Predigttexts: „Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?“ (Hiob 19,21-22). Hiob fleht um Erbarmen. Aber – und das ist das Besondere hier – nicht Gott ist der Adressat seines Bittens, nicht die Leiderfahrung durch feindlich gesinnte Menschen der Grund der Klage. Es ist genau umgekehrt. Hiob ist nun überzeugt, dass niemand – nicht er selbst oder ein ungesühntes Verbrechen, kein anderer Mensch, keine sonstige Macht – ja niemand anderes als Gott es sein kann, von dem sein Elend herrührt. Der Gott, von dem er zuvor alles Gute erfahren hatte, der muss nun auch für all das Übel verantwortlich sein, das ihn getroffen hat. Er erlebt Gott als seinen Feind. –  –  – Selbst für Hiob ist das schwer auszuhalten. Und gerade jetzt bräuchte er den Beistand seiner Nächsten, mitmenschliches Erbarmen. Doch die Antwort- und Trostversuche seiner Freunde erlebt er nur als Verschlimmerung seiner Situation.

Enttäuscht von dem erhofften Rettungsring, der statt mit Luft mit Blei gefüllt war und ihn nur noch weiter in die Tiefe reißt, kehrt Hiob zurück zu der einzigen Hoffnung, die ihm bleibt. Und das ist – so erstaunlich das klingt aus dem Munde eines Mannes, der gerade erst über seine Verfolgung und Misshandlung durch Gott geklagt hatte – das ist niemand anderes als Gott. „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“ (Ps 43,5)

Bewundernswert! In allem Leiden, durch alles Leiden hindurch und auch mit der Aussicht auf noch weiteres Leiden bis an die Schwelle des Todes behält Hiob das Vertrauen und die Gewissheit, dass es einen Gott gibt, der ihn einmal aus all dem befreien wird. Er ist überzeugt, dass dann etwas Großartiges geschieht. Er legt viel Wert darauf, dass seine Worte festgehalten werden. Die Tiefe des Elends, die Brutalität des Leidens, die Verzweiflung des Klagenden müssen in Erinnerung bleiben, um die Rettung, auf die Hiob fest vertraut, in ihrer ganzen Eindrücklichkeit sichtbar zu machen.

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über den Staub sich erheben.“ (Hiob 19,25).

„I know that my Redeemer liveth, and that He shall stand at the latter day upon the earth.” – Glockenhell erhebt sich der Sopran aus der Stille der Nacht in das Morgengrauen hinein. Die kleine Kirche ist erfüllt von den hellen Akkorden der Arie aus Händels Messias. Die Osterkerze wird hereingetragen. Die Zeit des Leidens ist beendet. Freude kommt auf, österlicher Jubelgesang. Neue Hoffnung, neues Leben. Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!

Doch halt – ist es dafür nicht zu früh? Wir sind ja noch mitten in der Passionszeit. Noch ist es nicht Ostern. Dürfen wir wirklich schon vorausschielen, was da kommt? – Ja, wir dürfen. Vielleicht müssen wir es sogar. Das gerade zeigt uns Hiob. Wenn das Elend am größten ist, ist der richtige Zeitpunkt, auf sein Ende zu hoffen. Hiob erfährt unsägliches Leid. Er ist sich sicher, er erfährt es von Gott. Und trotzdem hält er fest an diesem Gott. Er vertraut darauf, dass er ihn wieder ins rechte Licht rücken, ihm wieder zu seinem Recht verhelfen, ihn erlösen wird. Ein Hoffnungsschimmer mitten im Leiden. Er hilft, das Leiden aus-zuhalten. Ein Funken Hoffnung bewahrt vor der Verzweiflung. Damals bei Hiob – und heute in allem Leiden, das uns persönlich widerfährt, und in allem Leid, das die Welt und uns mit ihr erschüttert.

Darum sollen wir es auch heute schon hören: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Hiob richtete seine Hoffnung auf Gott, als er diese Worte sprach. Wir können sie mit der Tradition, die schon in frühchristliche Zeit zurückgeht, ganz konkret auf Christus beziehen. Auf Christus, der gestorben und am dritten Tage auferstanden ist. Auf Christus, der wiederkommen wird am Ende der Zeiten und „als der Letzte aus dem Staub sich erheben“ wird. In diesem Sinne feiern wir nachher auch gemeinsam das Abendmahl. Jesus selbst hat es eingesetzt am Beginn seines letzten Ta-ges. Es erinnert an seinen Weg ans Kreuz. Und doch hat es für uns Bedeutung vor allem von Ostern her. Die Gewissheit, dass es nicht beim Leiden, ja nicht einmal beim Tod bleiben wird, schenkt uns Gott. Mit seinem Wort und in seinem Mahl.

So findet zwar die Frage nach dem „Warum?“ keine Antwort – nicht bei Hiob, nicht bei seinen Freunden, auch nicht bei uns. Und trotzdem behält das Leiden nicht das letzte Wort. Gott sei Dank!

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen!

 

[1] Vgl. H. Strauß, Hiob. 2. Teilband, 19,1–42,17 (BK.AT 16/2), Neukirchen-Vluyn 2000, S. 8.

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Letzte Änderung: 06.04.2017
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