02.06.2013: Prof. Dr. Michael Welker über Gal 3,15-29

 

Predigt über Galater 3,15-29 in der Peterskirche zu Heidelberg am 2. Juni 2013 (1. Sonntag nach Trinitatis)

 

Michael Welker

 

15: Brüder (liebe Geschwister), ich nehme einen Vergleich aus dem menschlichen Leben: Niemand setzt das rechtsgültig festgelegte Testament eines Menschen außer Kraft oder versieht es mit einem Zusatz.

16: Abraham und seinen Nachkommen wurden die Verheißungen zugesprochen. Es heißt nicht: Und den Nachkommen, als wären viele gemeint, sondern es wird nur von einem gesprochen: und deinem Nachkommen: Das aber ist Christus. (Vgl. Genesis 22,17 und Exodus 12,40)

17: Damit meine ich: Das Testament, dem Gott einst Gültigkeit verliehen hat, wird durch das 430 Jahre später erlassene Gesetz nicht ungültig, so dass die Verheißung aufgehoben wäre.

18: Würde sich das Erbe nämlich aus dem Gesetz herleiten, dann eben nicht mehr aus der Verheißung. Gott hat aber durch die Verheißung Abraham Gnade erwiesen.

19: Warum gibt es dann das Gesetz? Wegen der Übertretungen wurde es hinzugefügt, bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gilt. Es wurde durch Engel erlassen und durch einen Mittler bekannt gegeben.

20: Einen Mittler gibt es jedoch nicht, wo nur einer handelt; Gott aber ist „der Eine“.

21: Hebt also das Gesetz die Verheißungen auf? Keineswegs! Wäre ein Gesetz gegeben worden, das die Kraft hat, lebendig zu machen, dann käme in der Tat die Gerechtigkeit aus dem Gesetz.

22: Stattdessen hat die Schrift alles der Sünde unterworfen, damit durch den Glauben an Jesus Christus die Verheißung sich an denen erfüllt, die glauben.

23: Ehe der Glaube kam, waren wir im Gefängnis des Gesetzes festgehalten bis zu der Zeit, da der Glaube offenbart werden sollte.

24: So hat das Gesetz uns in Zucht gehalten bis zum Kommen Christi, damit wir durch den Glauben gerecht gemacht werden.

25: Nachdem aber der Glaube gekommen ist, stehen wir nicht mehr unter dieser Zucht.

26: Ihr seid alle durch den Glauben Söhne (Kinder) Gottes in Christus Jesus.

27: Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt.

28: Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.

29: Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung.

 

 

Hattest Du schon einmal ein Offenbarungserlebnis? Wurde Ihnen eine Offenbarung zuteil? Eine solche Fragen, liebe Gemeinde, berührt viele von uns heute eher peinlich. Was genau will diese Frage von uns erfahren, was will sie wissen? Natürlich erinnern wir uns alle an überraschende, völlig überwältigende Erlebnisse. Ein sternenklarer Nachthimmel, ein tief beglückendes Frühlingserwachen, erhebende Landschaftserlebnisse, spektakuläre Reiseerfahrungen kommen vielleicht in uns auf. Aber auch eine große Liebe unseres Lebens, den Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die Geburt eines Kindes und viele andere Erfahrungen von Überraschung, Durchbruch, Wende und Glück können wir durchaus mit dem großen Namen Offenbarung verbinden. Bisher Verborgenes wurde uns erschlossen. Eine Macht oder Mächte jenseits aller unserer Vorstellungen gaben sich zu erkennen, ließen sich jedenfalls erahnen und spüren. Doch reicht dies alles schon an eine Erfahrung der Offenbarung - Gottes heran?

 

Hier unterscheiden und trennen sich die Gemüter. Manche unter uns tun sich leichter, in großen Erfahrungen der Natur, des Kosmos und des zwischenmenschlichen Lebens Verweise auf die Macht des Göttlichen zu sehen. In fundamentalistischen Kirchen, unter Menschen, die sich stolz „reborn Christians“ nennen, in Zeiten und Gegenden, in denen man sich traut, von „Vollmacht über die unreinen Geister“ zu sprechen, da mag die Rede von Offenbarungserfahrungen mit Gott leichter über die Lippen gehen. In unseren aufgeklärten Lebenskontexten gehen viele Menschen dazu eher auf Distanz - oder aber sie halten sich an anerkannte und bewährte Offenbarungszeugen, sozusagen an Klassiker der Offenbarungserlebnisse. Und ein solcher Klassiker ist der Apostel Paulus.

 

Das Erste, was wir vom Apostel Paulus lernen können, ist: Eine Offenbarungssehnsucht oder gar eine Sucht nach Offenbarungserfahrungen sollten wir wirklich nicht anstreben. Der Glaube an Gott und an Jesus Christus kann sich durchaus auf die Zeugnisse anderer verlassen, von ihnen lernend und auf  ihnen aufbauend seine eigene Erfahrungen und Erkenntnisse sammeln. Er muss nicht auf spektakuläre unmittelbare Gottesoffenbarungen warten.

Zweitens: Die unmittelbare Offenbarungserfahrung ist für Paulus jedenfalls alles andere als harmlos-beglückend. Im so genannten Damaskus-Erlebnis stürzt Saulus zu Boden, er erblindet für drei Tage. Sein Leben wird radikal gewendet. Er muss mit einer Umwertung vieler Werte fertig werden. Er verliert das absolute Vertrauen in eine Tradition, für die er sich bisher mit ganzer Kraft eingesetzt hat. Nicht ein klares und einfaches Verhältnis zu Gott, sondern ein weitaus komplizierteres Verhältnis ist die Folge der Offenbarung. Und unser heutiger schwieriger Predigttext gibt Zeugnis von diesem neuen komplexen Gottesverhältnis.

 

Die Offenbarung an Paulus, von der Lukas in der Apostelgeschichte Kapitel 9 berichtet, besteht in einer Lichterscheinung des erhöhten Jesus Christus. Sie besteht zunächst in der schlichten Frage: „Saulus, warum verfolgst du mich?“ und in der Aufforderung, nach Damaskus zu gehen: „Dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst!“ Der erblindete Paulus geht nach Damaskus, er wird dort von seiner Erblindung geheilt. Und dann - verwirrt er, wie es heißt, seine Umgebung mit der Verkündigung, dass Jesus der Messias ist.

 

Die ganz entscheidende Offenbarungserkenntnis des Paulus, von der auch wir und alle Zeiten lernen können, ist ernüchternd und erschreckend. Sie lautet: Dass Religion und Politik, Recht und Moral national und international gemeinsam irren können. Zentral für Paulus wird nämlich die Erkenntnis des Kreuzes Christi. Am Kreuz erfolgte nicht eine gerechte Hinrichtung, sondern hier offenbart Gott den Missbrauch des Gesetzes, das unter der Macht der Sünde steht. Diese Offenbarungserkenntnis hat viele Folgen. Sie nötigt immer wieder dazu, die Macht und den Willen Gottes und die Macht und den Willen der Mächte dieser Welt zu unterscheiden.

 

Paulus muss nun ein differenziertes Verhältnis zum Gesetz und zur Religion entwickeln. Einerseits ist das Gesetz, wie er sagen kann, „heilig, gerecht und gut“ (Röm 7,12). Es bietet „die Wahrheit in fester Gestalt“ (Röm 2,20). Andererseits kann das Gesetz zu einem Gefängnis werden. Die Offenbarung konfrontiert uns mit der erschreckenden Irrtumsfähigkeit und Vorläufigkeit aller unserer religiösen, rechtlichen und politischen Ordnungen. Paulus muss nun aber auch erklären, warum Gott das missbrauchbare Gesetz gegeben hat. Und mit diesen Erklärungen verwirrt er bis heute jüdisches und christliches Denken immer wieder neu. Einerseits sieht er beide Glaubensrichtungen als Erben Abrahams und seiner Verheißung. Später werden sich auch Anhänger des Islam den „abrahamitischen“ Religionen zurechnen. Andererseits wird es in der irdischen Menschheitsgeschichte immer strittig bleiben, ob es in der von Paulus zitierten Verheißung an Abraham um die Erben Abrahams oder um den Erben Abrahams geht, und natürlich ganz besonders strittig bleibt es, ob dieser Erbe Jesus Christus ist, wie Christen bekennen.

 

Wir hören heute gern die Botschaft von der Relativierung der Grenzen und Differenzen zwischen Juden und Heiden, Männern und Frauen, Sklaven und Freien. Viele stellen sich gern unter den großen Bogen der Abrahams-Verheißung. Aber viele Menschen, auch innerhalb des Christentums, haben Schwierigkeiten, alle diese Verheißungen in Jesus Christus münden zu sehen. Die Offenbarungserkenntnis, von der Paulus Zeugnis gibt, nötigt uns deshalb zu Aufbruch und Bewegung. Sie nötigt uns zum selbstkritischen Umgang mit unseren Ordnungen und unseren Gesetzen, unseren Traditionen und Institutionen. Sie nötigt uns zum Dialog und zur Auseinandersetzung mit anderen religiösen und säkularen Traditionen. Und solche Dialoge und Auseinandersetzungen sind oft schwierig und manchmal konfliktträchtig. Die Offenbarungserkenntnis ruft uns hinein in Wahrheit und Gerechtigkeit suchende Gemeinschaften. Sie stiftet lebendige christliche und nicht-christliche Gemeinschaften, die sich immer wieder neu der Offenbarung Gottes zuwenden, der Offenbarung seiner Gerechtigkeit und seines Erlösungswillens.

Amen.

 

 

 

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Letzte Änderung: 08.07.2013
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