02.12.2012: Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug über Lk 1,68-79

 

Predigt in der Heidelberger Peterskirche

am Sonntag, den 02. Dezember 2012

Lk 1,68-79

 

Predigerin: Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug

 

 

Jedes Jahr beginnt der Advent früher. Schon im September liegt Weihnachtsgebäck in den Auslagen der Geschäfte. Seit September bereiten wir uns also schon auf Weihnachten vor. Soll das so sein? Auf was für ein Weihnachten bereiten wir uns vor? Nützt es, wenn wir als Kirchen nur immer Kritik an dem Verfall der Sitten üben, unsere Stimme mahnend erheben, wenn den kirchlichen Jahreszeiten und Festen keine Aufmerksamkeit mehr gezollt wird? Viel habe ich in den vergangenen Wochen darüber nachgedacht. Die unglückliche Eröffnung des Heidelberger Weihnachtsmarktes am Buß- und Bettag hat uns im Dekanat sehr beschäftigt und viel Kraft gekostet. Es ging nur noch um Konsum und nicht mehr um Sensibilitäten. Übrigens wird der Weihnachtsmarkt zukünftig vor dem Ewigkeitssonntag nicht mehr eröffnet. Der Protest hat hier tatsächlich gewirkt.

 Allgemein scheint sich die Hektik der Vorweihnachtszeit so ausgebreitet zu haben, dass sich Menschen gar nicht mehr auf die Adventszeit freuen können. Es ist oftmals keine besinnliche und ruhige Zeit. Geschenke müssen besorgt werden, Weihnachtsfeiern in Betrieben, in Clubs, bei Freunden, in kirchlichen Kreisen abgearbeitet werden.

 Adventszeit, das heißt ursprünglich Warten auf die Ankunft, die Geburt Jesu an Weihnachten. Zu dem Warten gehörte eine innere Vorbereitung. Nicht umsonst zeigt die liturgische Farbe für die Adventszeit violett an, die Farbe der Buße, des Nachdenkens, der Besinnung. Aber wer weiß das eigentlich noch oder spürt es? Selbst uns als Christenmenschen geht dieser Inhalt über all dem Trubel, in den wir bewusst oder unbewusst mit hineingerissen werden, verloren oder er wird zumindest überdeckt. Sind wir dabei schon wieder bei einer Kulturkritik? Sind wir damit schon wieder bei der Beschwörung des Untergangs des christlichen Abendlands? Immer meckern ist doch langweilig und bringt uns schlechte Reklame. Wie also sollen wir uns als Christen verhalten?

Der Königsweg liegt wahrscheinlich, wie so oft, in der guten Mischung.  Auf der einen Seite bereiten wir uns nachdenklich, ruhig vor auf Weihnachten, auf die Geburt des Christkindes, auf Jesus, auf der anderen sind wir eben nicht nur in uns gekehrt und bußfertig, sondern wir wollen uns in dieser Advents- und Vorweihnachtszeit freuen dürfen, feiern, singen und lachen. Wir bewegen uns zwischen Mahnen und Freude, zwischen Donnern und Barmherzigkeit, zwischen Warten und Gewissheit, zwischen Anecken und Erlösung. Kompliziert ist das. Aber wer hat denn gesagt, dass Christsein einfach ist?

An den Predigttexten in der Adventszeit erkennen wir diese Spannung übrigens auch ganz deutlich. Mahnen, Schimpfen, Anecken stehen dem Ruf „Freuet euch“ gegenüber.

Wie also gehen wir mit der Adventszeit um? Wenn uns der christliche Inhalt dieser Zeit und von Weihnachten wichtig ist, dann dürfen wir nicht schweigen und voller Gleichgültigkeit alles Treiben um uns herum einfach hinnehmen. Wenn uns die christlichen Feste etwas bedeuten, dann müssen wir dafür werben, dass Menschen sehen, dass das Einhalten von Traditionen, die Besinnung auf Ruhe vorteilhaft und hilfreich sind.

Advent ist eine schöne Zeit. Das wollen und dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Dafür sollten wir doch auch werben, positive Aufmerksamkeit erregen.

Der Predigttext für den heutigen 1. Advent beschäftigt sich auch mit Warten, mit Warten und mit Freude, mit Vorbereiten und Gesang. All das sind Inhalte der Adventszeit. Das zeigt der heutige Predigttext beispielhaft.  Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer, singt.

Predigttext Lk 1, 68-79

 Zacharias war Priester. Er und seine Frau Elisabeth waren, so die Bibel, fromm. Ihr Glaube hatte Auswirkungen auf ihr Leben. Sie fühlten sich von dem Glauben an den Gott Abrahams getragen und fanden Orientierung durch ihn. Beide waren schon in fortgeschrittenem Alter. Sie hatten keine Kinder. Für ein jüdisches Ehepaar zu der Zeit ein ganz großer Kummer. Dann, so die Geschichte im Lukasevangelium, kam der Tag, als Zacharias im Allerheiligsten des Tempels  das Räucheropfer darbringen sollte. Eine der ehrenvollsten Aufgaben, die sich ein Priester vorstellen konnte. Während er ganz allein im Allerheiligsten war, warteten draußen viele Menschen, sie beteten für den Priester und zu Gott. Lange blieb Zacharias aus, erstaunlich lange für die Menge, und als er endlich erschien, war er stumm. Ihm hatte es die Stimme verschlagen. Was war passiert? Als Zacharias sein Opfer darbringen wollte, hatte er eine Erscheinung von einem Boten Gottes, der ihm sagte, dass seine Frau schwanger werden würde und dass das Kind, das sie gebären würde ein Prophet des Messias sein sollte. Das Kind sollte Johannes genannt werden. Er würde Menschen auf die Ankunft des Gottessohnes vorbereiten. Zacharias konnte diese Botschaft nicht glauben. Wie sollte das möglich sein? Er und seine Frau waren doch viel zu alt für Kinder? Er, der fromme Mensch, hatte Zweifel, berechtigte Zweifel würden wir sagen, an der Botschaft des Engels. Diese Zweifel ließen ihn verstummen. Elisabeth wurde dann tatsächlich schwanger und sie gebar einen Sohn, den die Eltern, ganz gegen die Tradition, Johannes nannten. Eigentlich bekam der Sohn den Namen des Vaters. Nachdem Zacharias den Namen Johannes, so wie der Engel es gefordert hatte, auf eine Tafel geschrieben hatte, gewann er seine Sprache wieder und sang diesen wunderschönen Lobgesang.

Die Worte, die sich mir beim ersten Lesen am meisten eingeprägt haben sind Erlösung, Weg bereiten und Barmherzigkeit Gottes.

Zacharias singt und weissagt. Sein Sohn wird das Volk Israel auf den vorbereiten, der Israel von seinen Feinden erlöst, der die Barmherzigkeit Gottes leben wird, der wie die Morgenröte nach finsterer Nacht Licht verheißt. Was für wunderbare und schöne, herzerwärmende Worte.

Johannes wird reden von dem, der verwundete Seelen heilen kann, der ein warmes Licht bringt, der Feinde vertreibt. Eines der für mich schönsten Worte ist das Wort Barmherzigkeit. Es klingt schon nach Freundlichkeit. Es hat eine Ähnlichkeit zu warm und das Herz spielt eine große Rolle. Auf diesen Messias kann man sich freuen. Hier kann ich die Erleichterung eines Vaters hören, der glücklich ist über die Geburt eines gesunden Kindes, der gleichzeitig dankbar ist für das Geschenk eines Kindes, mit dem er gar nicht mehr gerechnet hatte. Glück, Freude, Dankbarkeit sind richtig spürbar. Es ist aber nicht nur die Freude über das Kind, sondern auch über dessen Auftrag, den Weg für den Messias zu bereiten.

Adventliche Stimmung im besten Sinn kommt auf. Vorbereitung, Freude, Dankbarkeit. Damit kann man werben. Das ist ansteckend.

Ja, ich weiß, dass Johannes später als Prophet auch ganz schön gewetttert und gepoltert hat. Er hat geschimpft, gedroht, gemahnt. Das passiert, wenn einem eine Sache oder eine Person oder ein Inhalt wichtig ist. Da kann man oft nicht mehr besonders diplomatisch agieren. Lauwarm konnte Johannes nicht sein. Er war begeistert und erfüllt von dem Kommen des Messias. Leisetreten war nicht sein Ding. Johannes war, wenn wir es ganz positiv ausdrücken, eine schillernde Persönlichkeit. Ein Prophet, dem sein Glaube ungemein am Herzen lag, aber eben nicht nur sein Glaube, sondern auch die Menschen. Wenn mir alles und jeder gleichgültig ist, kann ich auch immer freundlich oder vermeintlich freundlich lächeln und mich eigentlich über nichts aufregen. Wenn ich aber engagiert bin, bin ich doch als ganze Person engagiert und dann fallen auch mal klare Worte, die verstören oder aufrütteln. Genau das wollte Johannes. Er wollte deutlich machen, Gottes Barmherzigkeit ist Mensch geworden, er wollte mahnen, aufrütteln, dies zu erkennen. Wer einsieht, dass er sich auf einem falschen Weg befindet, kann mit Barmherzigkeit Gottes rechnen. Wie aber sieht man was falsch ist? Indem man mit klaren Worten darauf hingewiesen wird. So geht es uns doch im Umgang miteinander auch. Manchmal sind klare Worte nötig. Vom Temperament her ist nicht jeder Christ ein donnernder Johannes, zum Glück. Klare Worte können heftig, aber auch werbend vorgebracht werden. Mir ist das Werbende lieber, aber ich weiß auch, dass selbst Jesus heftig werden konnte, wenn es nötig war. Der Heiland, auf den Johannes hinweisen sollte, ist Jesus Christus. Er ist es, der uns von unseren Feinden errettet, von den inneren Feinden der Angst, der Mutlosigkeit, der Müdigkeit, der Verzweiflung ebenso wie vor den Menschen, die uns Böses wollen. Wenn wir auf Jesus, seine Worte und sein Handeln schauen, können wir, so die Überzeugung des Johannes, es schaffen, dass diese Feinde keine Macht über uns haben. Und das ist dann wie eine Erlösung. Frei von Fesseln werden. Das ist doch großartig.

 So viel können wir über die Freude des Wartens, die Vorfreude sagen in der Adventszeit. Lassen Sie uns dafür werben. Wir werden nicht alle erreichen, das ist die Realität, aber die wir erreichen, sollen wissen, dass wir mit Freude warten, dass wir in den Lichtern am Adventskranz und an den Bäumen draußen das Licht sehen, das aus der Höhe in unsere Herzen und Wohnungen kommt. Lassen Sie uns werben für Ruhe und für einen guten Ton untereinander. Denn der, auf den wir warten, hat uns das vorgelebt.

Zacharias ist glücklich und dankbar, er hat gelernt, dass Warten in Ruhe, auch wenn es noch so schwer fällt, gut tut.

Ich möchte dafür werben, dass wir klar sagen, was für uns die Adventszeit bedeutet, dass wir sie uns durch die nicht verderben lassen, die sie anders oder gar nicht feiern.

Wir warten dein oh Gottessohn und lieben dein Erscheinen, wir wissen Dich auf deinem Thron und nennen uns die Deinen. Wer an Dich glaubt, erhebt sein Haupt. Du kommst uns ja zum Segen.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen und uns allen eine gesegnete Adventszeit.

Amen

 

 

 

 

 

 

 

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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