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Aktuelles

02.12.2018: Prof. Dr. Helmut Schwier über Mt 21,1-11

Predigt zur Einführung der neuen Lesetextordnung, der neuen Abendmahlskelche und -teller und zu Mt 21,1-11

1. Advent 2018 Peterskirche Heidelberg

 

Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier

 

 

Gnade und Friede von dem der da ist, der da war und der da kommt – Jesus Christus.

Liebe Adventsgemeinde,

seit Jahrzehnten, gefühlt seit Jahrhunderten erhält die immer weniger staunende Gemeinde in der Predigt zum 1. Advent die Erläuterung: Advent heißt auf deutsch „Ankunft“. Mit sprachlichen Herleitungen ist das immer so eine Sache. Manchmal stimmt’s, manchmal nicht so ganz. Hier stimmt’s zwar, dennoch möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen sprachlichen Zusammenhang richten: adventus, adventurus, adventure ist, was auf uns zukommt – und das nennt man im Englischen und Französischen ein Abenteuer. Advent ist Abenteuer! Das Christenleben eine Abenteuerreise!

Wer sich auf eine Abenteuerreise begibt, weiß das meist nicht. Sicher kann man Abenteuer suchen, aber in der Regel finden die Abenteuer uns, mitunter unerwartet und an unerwarteten Stellen.

Das erste Christenabenteuer ist die Taufe.

Ob als Säugling, Kind, Jugendlicher oder Erwachsene getauft – hier kommt eine abenteuerliche Zusage auf uns zu. Du, Mensch bist vom Schöpfer allen Lebens gewollt und geliebt! Gott ist kein Gedanke von dir, sondern Du bist ein Gedanke von Gott. Bist kein Zellklumpen oder Krustenphänomen am Rande des Universums, sondern Gottes Kind. Darum geh auf Abenteuerreise und werde, was du schon bist! Siehst aus wie ein normaler Muggel, bist aber in Wahrheit ein zauberhafter Auserwählter. Alle halten dich für das Dienstmädchen, das jeden Dreck wegmacht, bist aber in Wahrheit die geliebte Tochter des größten Königs und Vaters. Als Gottes Kind auf die Reise zu gehen, heißt, diese Zusage im Gepäck zu haben: ein Auserwählter, eine geliebte Tochter zu sein.

Wer auf einer abenteuerlichen Lebensreise ist, braucht Mut. Die Zukunft, meine Zukunft ist nie offensichtlich. Niemand weiß, was im nächsten Augenblick passiert, was mir im neuen Kirchenjahr passiert an Gutem, an Aufregendem, an Leid. Mut und Tapferkeit sind Haltungen, die auch uns Christenmenschen gut anstehen. „Tut um Gottes Willen etwas Tapferes“, so schrieb Ulrich Zwingli an zögerliche Politiker, und so ist es als sein Lebensmotto noch heute in der Sakristei des Zürcher Großmünsters zu lesen.

In unseren Zeiten, in denen die Tugendethik vielfach einen schlechten Ruf genießt, erinnere ich daran, dass Tapferkeit zu den Kardinaltugenden gezählt wird. Vielleicht sind nur die wenigsten von Natur aus tapfer. Aber als Getaufte hören wir diese ungeheuerliche Zusage der Kindschaft Gottes. Aus der Hand des Vaters kann mich niemand reißen – egal, was passiert! Wer immer mir droht und mich einschüchtern will – als Gottes Kind bleibe ich zuversichtlich und bewahrt. Das kann Haltungen prägen und Tugenden stärken.

Tapfer und mutig ist nicht der, dem alles gelingt. Mutig ist vielmehr die, die mit Niederlagen und Lebensbrüchen umzugehen lernt, die nicht aufgibt, auch wenn es schwer wird.

Wer auf einer abenteuerlichen Lebensreise ist, braucht Mut und braucht Hoffnung. Ich kann nie sicher wissen, wie hoch das Risiko ist und ob es den Einsatz wirklich lohnt. Aber ich kann es hoffen. Ohne Hoffnung bleibe ich wie ein Hobbit auf dem Sofa und will es vor allem gemütlich haben. Als Hoffender aber mache ich mich auf, lebe und liebe, weil es das Risiko wert ist.

Woher stammt die Hoffnung und ist sie begründet? Wir wissen nicht, welche Hoffnung Jesus hatte, als er in Jerusalem einzog, warum er den Esel wählte. Aber Matthäus verdeutlicht, dass dies durch und durch biblische Hoffnung ist. Der Esel ist das Reittier des Messias. Und der Messias ist arm, sanftmütig, ein Gerechter und Helfer, ein Mensch des Friedens. Vom Propheten Sacharja verheißen, in Jesus wahr geworden.

Ähnlich wie Matthäus lese ich die Bibel als ein Hoffnungsbuch. Ein Buch voller Geschichten vom Leben und seinen Konflikten, von der Sehnsucht, von Klage und Todesangst; ein Buch voller Weisheit und kluger Einsichten, voller Argumentationen darüber, wie der Mensch vor Gott recht ist, seine Freiheit findet und nach welchen Maßstäben ein Christ in der Welt lebt; ein Buch voller Zukunft, das nicht nur die Zeit deutet, sondern bis in die Ewigkeit hineinreicht; ein Buch, in dem Gott im Wort begegnet.

Wie gut, dass ab heute mehr von der Fülle der Bibel in den Gottesdiensten zu hören sein wird! Wer es im Alltag nicht schafft, in der Bibel zu lesen, bekommt sie sonntags sogar vorgelesen. Gottesdienst als Service!

Die Bibel begründet meine Hoffnung zum Leben und Glauben. Und diese Hoffnung reicht tiefer als der bloße Augenschein.

Nach menschlichen Maßstäben ist Jesus in Jerusalem gescheitert: von den Theologen und Aristokraten angezeigt, von einem Freund verraten, von den eigenen Leuten im Stich gelassen, von den Römern verurteilt, von orientalischen Hilfstruppen hingerichtet, vom Volk verhöhnt. Ist das der Held, den wir in Abenteuergeschichten erwarten? Ist das das happy end, das doch jedes Abenteuer braucht?

Jesus ist kein typischer Held. Eher ein Antiheld, der gewohnte Erwartungen und Maßstäbe  durchbricht. Das erkenne ich an seinem Einzug auf dem Esel, an seiner Zuwendung zu den Menschen am Rande, an seiner Botschaft vom Reich Gottes, das die Verhältnisse umkehrt.

Und sein Ende? Wie immer es seine Jüngerinnen und Jünger zunächst als Desaster und völliges Scheitern erlebt haben mögen – die christliche Hoffnungsbotschaft erreicht sie zu Ostern und seither bleibt sie unüberhörbar. Gottes Deutung der Passion Jesu ist die Auferweckung zu unzerstörbarem Leben und das Herr-Sein zu seiner Rechten.

Das ist noch etwas anderes als ein happy end in Abenteuerromanen. Es ist das Versprechen, dass mein Lebensabenteuer zu einem guten Ende führt. Zu einem Ende, in dem die Fragmente meines Lebens und Wollens vollendet und zum Guten verwandelt werden.

Wer auf einer abenteuerlichen Lebensreise ist, braucht Mut und Hoffnung und braucht Geduld. Das Leben besteht nicht aus einem Höhepunkt nach dem anderen. Vielmehr gibt es Durststrecken, Zweifel, Erfahrungen von tiefer Sinnlosigkeit. Geduld ist nötig, um warten zu lernen und auszuhalten.

Der auferweckte Christus ist der Herr allen Lebens – in der poetisch-dogmatischen Sprache des Glaubensbekenntnisses: „er sitzt zur Rechten Gottes“. Karl Barth, dessen Todestag sich in diesen Tagen zum 50. Mal jährt, hat in seiner Auslegung des Glaubensbekenntnisses hervorgehoben, dass dieser unscheinbare Satz der einzige im Präsens ist. Nach all den Perfektformen erreichen wir nun die Gegenwart. Jesus sitzt zur Rechten des Vaters: das ist die theologische Bestimmung der Gegenwart. Das ist die Wahrheit der Gegenwart, die Wahrheit meines persönlichen Lebens, die Wahrheit der Kirche und immer auch gegen allen Augenschein die Wahrheit und Bestimmung der Weltgeschichte.

Mit den Worten Karl Barths kurz nach Ende des 2. Weltkriegs gesagt: „Was auch geschehen mag in unserem Raum an Aufstieg und Niederlage, was da werden und vergehen mag, da ist eine Konstante, ein Bleibendes und Durchgängiges: dieses sein Sitzen zur Rechten Gottes des Vaters. Es gibt keine geschichtliche Wendung, die an diese Sache heranreicht“ (S.148).

Wenn es Ihnen mal so geht, wie mir hin und wieder, dass ich das Glaubensbekenntnis formelhaft herunterspreche, dann können wir uns jetzt bewusst erinnern: Jesus sitzt zur Rechten Gottes – hier ist meine Gegenwart in Wahrheit formuliert. Der in Jerusalem war, der ist jetzt wirksam. Meine Durststrecken und Zweifel, meine Freude und Dankbarkeit sind bei ihm gut aufgehoben.

Geduld zu haben lohnt. Denn der, der war und ist, ist auch der, der da kommt. Das gute Ende will Gott nicht nur für einzelne, sondern für alle Welt. Auf Christus zu warten, ist das adventliche Abenteuer. Also das eigentliche Abenteuer, dass er auf uns zukommt – schon jetzt und am Ende der Zeit.

Damit diese Wartezeit nicht zu lang oder gar leer ausfällt, hat uns Gott zur tätigen Nachfolge bestimmt. Und er hat uns eine Stärkung geschenkt: Brot und Wein, in der Gemeinde empfangen, Wegzehrung in der Erwartung, dass Gott kommt.

Unsere neuen Kelche und Teller zeigen beides: unsere Welt und unsere Erwartung des kommenden Gottes. Im unteren Teil Silber, aber bearbeitet, verätzt, aufgerissen. Die Brüchigkeit des Lebens, die Brutalität der Welt, die Abbrüche und Abgründe trotz aller Hoffnungen. Jesus Christus, der Gekreuzigte, verkörpert diese Wirklichkeit des Leidens, der Gewalt und des Unrechts. Und er stiftet das Mahl in der Nacht des Verrats. Der Künstler erzählte mir gestern Abend, dass er beim Entwurf stark an das Bild eines Schreis gedacht habe. Ein Schrei nach leben angesichts von Gewalt, Verrat, Angst!

Dann das Gold: Im oberen Teil der Schale und des Kelches ist es Vorausblick auf Gottes Herrlichkeit. Der zur Rechten des Vaters sitzt, ist für uns immer der Gekreuzigte, durch seine Wunden mit Mensch und Welt verbunden. Aber er hat überwunden. Daher sind die Risse in Kelchen und Tellern von innen vergoldet, gerade nicht unsichtbar gemacht, sondern veredelt. Gott kommt auf uns zu, überwindet Schuld und Unrecht, heilt und verwandelt die Wunden. Österliche Tischgemeinschaft seit Emmaus.

Allen, die Wunden tragen an Leib und Seele, gilt: Gott heilt und verwandelt.

Allen, die voll Freude und Tatkraft leb, gilt: zu glauben braucht Mut, Hoffnung und Geduld; es ist ein Weg, der in Gott beginnt und in Ihm seine Vollendung findet.

Allen, die Durststrecken und Zweifel kennen, gilt: Orientierung schenkt Gottes Wort, Wegzehrung sein Sakrament.

Advent ist ein Abenteuer. Denn Christus, der war und ist, kommt auf uns zu. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!

Literatur:

Karl Barth: Dogmatik im Grundriß, Zürich (1947) 201110.

Verena Schlarb: Abenteuer Seelsorge. Wieso Abenteurer in der Seelsorge genau richtig sind, in: D. Kreitzscheck/H. Springhart (Hg.): Geschichten vom Leben. Zugänge zur Theologie der Seelsorge, FS Wolfgang Drechsel, Leipzig 2018, 398-397.

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Letzte Änderung: 03.12.2018
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