03.02.2019: Dekan Prof. Dr. Christoph Strohm über 1Kor 1,4-9

Predigt im Semesterschlussgottesdienst in der Heidelberger Universitätskirche am 3. Februar 2019[1]

 

 

Dekan Prof. Dr. Christoph Strohm

 

 

 

1 Kor 1,4-9

4 Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus,

5 dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in allem Wort und in aller Erkenntnis.

6 Denn die Predigt von Christus ist unter euch kräftig geworden,

7 sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus.

8 Der wird euch auch fest machen bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus.

9 Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

 

 

 

Liebe Gemeinde,

„Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Diese Grundüberzeugung materialistischer oder auch marxistischer Weltsicht hat sich seit dem 19. Jahrhundert in der westlichen Welt verbreitet. In unserer wissenschaftlichen Welt des 21. Jahrhunderts ist der Satz zu einer Art Dogma geworden, das fast einen unausgesprochenen Konsens wiedergibt. Wenn wir die Geheimnisse des Menschseins noch besser verstehen wollen, dann dadurch, dass wir geistige Prozesse aus physischen Abläufen im Gehirn zu erklären versuchen. Immer wieder einmal gibt es gegenteilige Impulse, zum Beispiel in Gestalt der eine Zeitlang viel diskutierten Epigenetik, aber das ändert nichts an der Grundtendenz.

Paulus hat sich natürlich nicht mit diesen Fragen befasst und darauf zu antworten versucht, aber er gibt in unserem Predigttext ebenfalls einen gegenläufigen Impuls, mehr noch er gibt uns einen Hinweis, der den Holzweg einer gar zu simplen „das Sein bestimmt das Bewusstsein“-Lebenshaltung zu vermeiden helfen kann.

„Ich danke meinem Gott allezeit…“ So beginnt der Erste Brief des Paulus an die Korinther nach der Grußformel zum Eingang. Der Brief ist der Brief, in dem Paulus ein Problem des Gemeindelebens nach dem anderen behandelt, beginnend mit den Spaltungen in der Gemeinde. Es ist belastend genug zu erleben, was sich dort alles nach den verheißungsvollen, hoffnungsvollen Anfängen an Problemen angehäuft hat. Aber Paulus jammert nicht und verliert nicht den Blick für das Wesentliche; vielmehr beginnt er seine Ausführungen zu all den Problemen mit dem einen grundlegenden Satz: „Ich danke meinem Gott allezeit…“ Das bestimmt alles Weitere. Nicht das Sein bestimmt das Bewusstsein, sondern, wie ich etwas wahrnehme, bestimmt das Bewusstsein und das hat wiederum einen entscheidenden Einfluss auf die Wirklichkeit.

„Ich danke meinem Gott allezeit…“ Wenn ich heute jemandem zu erklären versuche, was für mich den Unterschied ausmacht zwischen Glauben und Nicht-Glauben, dann geht es zuerst um die Haltung der Dankbarkeit. Auch wer weit weg von aller christlichen Tradition oder Prägung lebt, versteht den Unterschied zwischen einem Lebensgefühl der Dankbarkeit und der Undankbarkeit oder auch nur Indifferenz. Dankbarkeit ermöglicht einen anderen Blick auf die Probleme und Nöte, die zum Leben in dieser Welt gehören. In der Universität gibt es manches, über das ich mich ärgere, von überflüssiger Bürokratie bis hin zu ärgerlicher Angeberei. Aber ich wäre ein Narr, wenn ich darüber vergessen würde, dankbar zu sein dafür, dass ich in einer solchermaßen privilegierten Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden mit anderen über etwas nachdenken kann, das uns alle interessiert; und das dazu noch in immer ganz selbstverständlich wohl geheizten Räumen usw.

Vor kurzem ist wieder ein Buch über die Sünde erschienen. Das Buch trägt den reißerischen Titel „Schluss mit Sünde!“ Der Autor meint, man solle sich in der Theologie dieses Begriffs entledigen. Es ist richtig, dass mit dem Begriff „Sünde“ viel Schaden angerichtet worden ist; aber auf ihn zu verzichten, bedeutet eben auch Realitätsverlust. Statt reißerischen Sprüchen wie „Schluss mit Sünde!“ sollte man sich um eine verständliche und Gegenwarts-relevante Rede von Sünde bemühen.

Ich finde, man kann mit Paulus heute durchaus verständlich sagen: Die Ursünde, der tragische Grundfehler des Menschen, besteht in der Unfähigkeit zu danken. Damit wäre man ganz nahe nicht nur bei Paulus, sondern auch bei Martin Luther. Sünde ist das Immer-nur-„ich, ich, ich“-sagen-müssen, das In-sich-verkrümmt-sein, das Sich-an-die-Stelle-des-Schöpfers-setzen und nicht zuerst All-das-mir-Geschenkte-wahrnehmen: eine Mutter, die mir unendlich viel gegeben hat; den Sachverhalt, dass mein Herz einfach schlägt, ohne dass ich etwas dazu tue, und vieles mehr. Es ist tragisch: Wer nicht im Grundgefühl der Dankbarkeit lebt, sondern nur noch die Probleme und die Defizite sieht, hat schon verloren. Und der oder die, bei dem es immer nur um das „ich, ich, ich“ geht, ist hoch gefährdet.

Wenn wir genauer hinsehen, wofür Paulus dankt, fällt ein Sachverhalt auf. Bei all dem, was hier aufgeführt wird, ist nur ein einziges Mal der Mensch bzw. die Gemeinde das Subjekt des Handelns, sonst immer Gott bzw. Christus. Paulus dankt für die Gnade Gottes, die euch in Jesus Christus gegeben ist, dafür dass ihr reich gemacht seid in allen Stücken, in allem Verstehen. Weiter dankt Paulus dafür, dass Gott euch fest machen wird bis ans Ende, damit ihr untadelig bleibt am Tag des Herrn.

Nur an einer Stelle, dort, wo es um das Warten auf das Offenbar-werden des Herrn geht, kommt der Mensch als Subjekt in den Blick: „dass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus.“ Klarer kann man nicht zum Ausdruck bringen, dass wir das Wesentliche empfangen und erst dann unsere Aktivität in den Blick kommt, und das auch erst einmal nur in Gestalt von Warten auf das Offenbar-werden des Herrn.

Paulus fügt in seinen Dank zweimal erläuternde Begründungen ein. Die erste erläuternde Begründung findet sich am Anfang: „Denn die Predigt von Christus ist unter euch kräftig geworden“. Der Satz bietet nichts weniger als die Begründung für des Paulus Dankbarkeit, für den Satz „Ich danke meinem Gott allezeit…“ Dankbarkeit ist bei Paulus nicht ein diffuses Gefühl, sondern sie hat einen Adressaten und eben auch einen Grund. Was haben wir darunter zu verstehen: „Denn die Predigt von Christus ist unter euch kräftig geworden“?

Zuerst einmal heißt das schlicht, dass uns ein Wort anspricht, anrührt, bewegt oder gar verändert. Martin Luther hat das sehr ernst genommen und das Kommunikationsgeschehen der Verkündigung ins Zentrum der Religion gestellt. Die Kirche ist – so Luther – „ein Mundhaus, nicht ein Federhaus, denn seit Christi Kommen wird das Evangelium mündlich geprediget, das zuvor schriftlich in Büchern verborgen lag. Auch so ist des neuen Testaments und Evangelii Art, daß es mündlich mit lebendiger Stimme soll geprediget und getrieben werden. Auch Christus selbst [hat] nichts geschrieben, auch nicht befohlen […] zu schreiben, sondern mündlich zu predigen.“[2] Wenn das Evangelium glaubend ergriffen wird, wird aus einem verzagten, verzweifelten Herzen ein getröstetes, frohes Herz. Das heißt für Luther, hier geschieht Neuschöpfung und das ist nichts weniger als der Beginn des Reiches Gottes.

Es wird uns Jesus als Urbild vor Augen gestellt, der am Kreuz Gestorbene, der doch die Wahrheit und das Leben ist. Wir können meditierend, nachsinnend unsere eigene Geschichte in ihm wiederfinden, wie aus Trauer Trost wurde, wie aus Angst Gelassenheit und Zuversicht, aus Bedrängnis Freiheit, aus Müdigkeit Mut wurde.

Der Musiker-Theologe Johann Sebastian Bach hat das befreiende Hineingenommen-werden in das Christusgeschehen kraftvoll wie kaum ein anderer gelehrt:

Komm, Jesu, komm, mein Leib ist müde.
Die Kraft verschwind't je mehr und mehr,
ich sehne mich nach deinem Friede;
der saure Weg wird mir zu schwer!
Komm, komm, ich will mich dir ergeben.
Du bist der rechte Weg, die Wahrheit und das Leben.

So werden wir in das Christusgeschehen hineingenommen und so wird die Predigt von Christus unter uns kräftig.

Am Ende seiner Danksagung formuliert Paulus eine zweite erläuternde Begründung für sein unablässiges Danken, seine Haltung der Dankbarkeit: „Denn Gott ist treu“. Wie erkläre ich das jemandem, der vom Leid geschlagen ist? Als ich nach dem Studium in Würzburg in dem Stadtviertel hinter dem Hauptbahnhof mein Vikariat absolvierte, hatte ich einmal auf diese Frage zu antworten. Zur Gemeinde gehörte eine ältere Dame, die in einem der Wohnblocke hinter dem Bahnhof wohnte. Ihr Mann wie auch die beiden Söhne arbeiteten bei der Bundesbahn. Der Vater wie auch die beiden Söhne litten an einer Krankheit, bei der sich Geschwüre bildeten. Der ältere Sohn war daran bereits gestorben, als ich nach Würzburg kam, den Vater habe ich noch schwer krank kennen gelernt. Der jüngere Sohn hatte durch Geschwüre sein Augenlicht verloren und gerade eine Frau geheiratet, die er in der Blindenschrift-Schule kennengelernt hatte. Ich freundete mich mit den beiden an, die beiden übernahmen öfter die Lesung im Gottesdienst. Wenn ich sie zu Hause besuchte, kam es manchmal vor, dass es auf einmal in der Wohnung stockdunkel geworden war, während wir uns unterhielten. Dann ging es meinem Freund schlechter und schließlich starb auch er. Ich war da schon nicht mehr in Würzburg. Später besuchte ich die Mutter, saß in ihrem Wohnzimmer und wusste nicht, was ich auf die Frage, ob Gott treu ist, antworten sollte. Sie hatte einen kleinen Schrebergarten oberhalb des Viertels am Rand der Weinberge und ging dort regelmäßig hin. Das seien die einzigen Momente der Entlastung, wenn sie ihre Blumen blühen und erstrahlen sehe, sagte sie. Und dann sprachen wir über Gott als den großen Gärtner.

Ich wagte nicht zu sagen: „Gott ist treu!“; wo doch eigentlich sie diejenige war, die sich treu um ihren Mann und ihre Söhne gekümmert und treu den Gemeindebrief ausgetragen hat. Es galt einfach, das Unbegreifliche auszuhalten und doch nicht ganz sprachlos zu werden. Im Nachhinein ist die Begegnung mit dieser Familie und ihrem Schicksal und die Situation in diesem Wohnzimmer in einem Wohnblock hinter dem Würzburger Hauptbahnhof und das Nachdenken über Gott als den großen Gärtner mir selbst zu einer Christuspredigt geworden. Das hat mich demütiger und dankbarer werden lassen. Und ich habe gelernt, dass Glauben viel damit zu tun hat, seine Wahrnehmung zu schulen. Wer sensibel für die wunderbare Ordnung der Natur ist, mit dem Wachsen und Blühen der Blumen vertraut ist und im Vorfrühling darauf wartet, der oder die kann den Gedanken an Gott als den großen Gärtner, die Hoffnung auf den treuen Gott leichter bewahren, auch wenn so viel Erfahrung dagegen spricht und eine vernünftige Erschließung unmöglich ist.

Wir hatten gesehen: Paulus nimmt bei all seinem Dank nur einmal die Aktivität des Menschen in den Blick, sein Warten auf das Offenbar-werden des Herrn. Solches Warten besteht zu allererst darin, seine Wahrnehmung zu schulen. Das Singen ist hier ein wichtiges Medium. Man lässt sich ja in irgendeiner Weise auf den besonderen Blickwinkel ein, wenn man zum Beispiel eine Motette Bachs singt. Und das gilt auch für ein schlichtes Lied wie das nach der eingängigen Melodie eines norwegischen Volksliedes zu singende „Vergiß‘ nicht zu danken“. Da heißt es in der dritten Strophe: „Im Danken kommt Neues ins Leben hinein, ein Wünschen, das nie du gekannt…“ Wahrnehmung schafft Wirklichkeit.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

[1] Mit Motette von Johann Sebastian Bach „Komm, Jesu, komm…“ (BWV 229,1) und „Drum schließ ich mich in deine Hände…“ (BWV 229,2), durch das Collegium Musicum der Universität Heidelberg.

[2] M. Luther, Adventspostille, 1522, WA 10 I/2, S. 48,5-10.

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Letzte Änderung: 04.02.2019
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