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03.03.2013: Dr. Fabian Kliesch über Jer 20,7-13

 

Predigt am Sonntag Okuli

3. März 2013, 10 Uhr Peterskirche Heidelberg

Fabian Kliesch (Liturgie: Hans-Georg Ulrichs, esg)

 

Gnade sei mit Euch und Friede von dem der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

 

„Riskier was, Mensch! Sieben Wochen ohne Vorsicht“. - Das ist das Motto der diesjährigen Aktion „7 Wochen ohne“.  In der Passionszeit auf etwas verzichten - in diesem Jahr lautete der Vorschlag auf falsche Vorsicht zu verzichten. „Riskier was, Mensch! Sieben Wochen ohne Vorsicht“. „ ... das klingt wie der Auftrag zu Leichtsinn,“ lesen wir im Aufruf zur Aktion. Weiter heißt es: „Wir wissen uns damit aber in bester Gesellschaft. In der Bibel wimmelt es von unvorsichtigen Männern und Frauen. Menschen, die übers Wasser laufen, Hochschwangeren, die auf Reisen gehen, ohne auch nur ein Hotel zu buchen. Da sind Leute, die von jetzt auf gleich Job, Haus und Hof verlassen, (Anm. FK: so haben wir es in der Lesung gehört, nicht einmal Zeit bleibt, sich von der Familie zu verabschieden) es geht um mittellose Witwen, die mächtigen Richtern auf den Wecker gehen, und ein unstudierter Wanderprediger, der sich es mit Staat und Klerus gleichzeitig verscherzt.“

 

Nun sind wir schon mittendrin in der Passionszeit, und zwar genau der Mitte der. Es nicht zu spät, sich mit dieser besonderen Art des Verzichts auseinander zu setzen. Zumal der heutige Sonntag genau auf einen risikoreichen und unvorsichtigen Lebenswandel gemünzt ist. Es geht um Menschen, die Gottes Ruf konsequent nachfolgen und dabei keine falsche Vorsicht walten lassen, die Klartext reden und kein Blatt vor den Mund nehmen. Es geht um die kleinen und großen Prophetinnen und Propheten: sie prangern Unrecht an, nennen Dinge beim Namen und gehen damit das Risiko ein, dass andere sie auf dem Kieker haben. Das steigert sich bei manchen zu Hohn, Spott und Verfolgung.

 

Ein solcher Mensch war der Prophet Jeremia. Der heutige Predigtext ist seine Klage über den Spott der Leute. Sie verlachten und verfolgten ihn, weil er Klartext redet. Er lebte in einer Zeit politischer Unsicherheit. Israels Könige paktierten mit mächtigen Königreichen, machten Zugeständnisse und verleugneten den Glauben an den einen Gott. Das sprach Jeremia offen aus und wurde dafür verfolgt, eingesperrt, gefoltert und mit dem Tode bedroht. Der heutige Predigttext ist die Klage über die Last seines Prophetenamtes und steht bei Jeremia im 20. Kapitel:

 

„7HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. 8Denn sooft ich rede, muss ich schreien. »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. 9Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. - Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.

10Denn ich höre, wie viele heimlich reden:

Hans: »Schrecken ist um und um!«

»Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!«

Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle:

Hans: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«

11Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden. 12Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen. 13Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!“

 

Ein wahrhaft dramatisches Gebet: Die ganze Geschichte des Propheten steckt darin! Jeremia durchlebt den Kampf mit Gott und den Menschen noch einmal. Er kämpft den Kampf seiner Berufungsgeschichte. Er schreit „Frevel und Gewalt“ gegen die Mächtigen. Er lässt die Feinde noch einmal spotten. Er redet heimlich in Gedanken, seiner Berufung abzuschwören und empfindet den feurigen Schmerz in seinen Gebeinen. Er klagt Gott an und steigert sich in einem Crescendo an Vergeltungswünschen und endet mit einem grandiosen Lob für Gott. Wahrhaft dramatisch und mitreißend!

 

Was sagen die großen und kleinen Prophetinnen und Propheten von heute dazu? Können wir so ein Drama überhaupt nachvollziehen?

 

Berufung

 

Am Anfang der Geschichte von Jeremia steht seine Berufung! Ein Kampf mit Gott wie Jakob am Jabbok – mit dem Unterschied, dass Gott über Jeremia gesiegt hat.

 

„7HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen.“

 

Jeremia im Kampf unterlegen, unter Zwang berufen. Auch Prophetinnen und Propheten von heute können einen mächtigen Ruf verspüren, können es als Zwang empfinden. Vielleicht würden wir heute vom Ruf des Gewissens sprechen, der die Menschen zu prophetischer Verantwortung aufruft. Das Gewissen, das manche Menschen drängt, sich für Tier- und Umweltschutz zu engagieren, das Gewissen, das Menschen veranlasst, sich gegen Unrecht am Arbeitsplatz zu erheben, das Gewissen, das Menschen innehalten lässt, bei dreckigen Witzen nicht mitzulachen. Sich gegen diesen Ruf aufzulehnen, hat schmerzhafte Folgen: bei Jeremia war es wie ein brennendes Feuer im Herzen, heute reden auch wir von unerträglichen Gewissensbissen.

 

Frevel und Gewalt schreien Klartext reden

 

Damals hat Jeremia gerufen: »Frevel und Gewalt!« und hat damit die politischen Verhältnisse angeprangert. Auch heute gibt es viel Gelegenheit so prophetisch zu schreien wie Jeremia:

 

Frevel und Gewalt im System von Nahrungsmittelproduktion und Nahrungskonsum! Wir leben auf Kosten anderer Menschen, anderer Lebewesen, auf Kosten zukünftiger Generationen. Das ist Fakt. Frevel und Gewalt kann man zurecht schreien, wenn weiterhin nur das Billigste gekauft wird. Frevel und Gewalt, wenn man sich nicht mal mehr auf Bio oder Fairtrade verlassen kann.

 

Frevel und Gewalt in der Arbeitswelt! Wenn Menschen wie Sklaven überwacht werden, wenn Menschen zu Billiglöhnen arbeiten müssen, wenn Menschen in den Burnout getrieben werden. Zurecht gibt es Menschen die dann aussteigen, öffentliche Ämter niederlegen und sich für eine transparente Fehlerkultur einsetzen.

 

Frevel und Gewalt in unserem privaten Umfeld, dort, wo auf Kosten anderer gelacht wird. Wo gelästert wird über Abwesende, wo Witze gemacht werden über Homosexuelle, Ausländer und andere Menschengruppen. Zurecht gibt es Menschen, die da nicht mitlachen, Menschen, die dann Klartext reden - oder auch mal eine Party verlassen.

 

 

Täglich Spott ernten

 

„... aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.“

 

So erging es Jeremia damals. So ergeht es auch den kleinen und großen Prophetinnen und Propheten von heute.

 

So hört man: „Bio und Fairtrade. Hm. Naiv und blauäugig wer daran noch glaubt.“ Oder man hört auch: „Ich will gar nicht wissen, was alles im Essen ist! Das ist doch nur was für Leute, die sonst nix zu tun haben, den ganzen Tag nur die Inhaltsstoffe zu studieren.“

 

Auch folgender Spott ist zu hören: „Burnout bekommen doch nur die Weicheier. Wer nicht 80 Stunden die Woche arbeiten kann, soll halt austeigen aus dem Job.“ Und was die Fehlerkultur in Kliniken und anderen großen Betrieben angeht: Nach außen wird die Fehlerkultur hoch gelobt. Nach innen gilt man oft als „Nestbeschmutzer“, wenn man einen Fehler der eigenen Abteilung anzeigt.

 

Weiter hört man: „Witze über Ausländer? Lass mal stecken, ist doch nicht erst gemeint. Dagegen sind doch nur Spielverderber, Leute die halt keinen Spaß verstehen. Und überhaupt in der Kirche sind alle so sensibel.“ Alles schon gehört, liebe Gemeinde.

 

Berufung infrage stellen

 

Dieser Spott und Hohn ist Grund genug zu sagen: „Da dachte ich: Ich will nicht mehr an Gott  denken und nicht mehr in seinem Namen predigen.“

 

So stellen sich auch Prophetinnen und Propheten von heute infrage. Glücklich, wenn die Gewissensbisse stark genug sind, glücklich, wenn wir keine Einzelkämpferinnen sind, glücklich, wenn wir unser Klagen und Bitten vor Gott bringen können. 

 

Klagen und Hoffung, am Ende zu jubeln

 

So rechnet auch Jeremia ab, steigert sich in seinen Vergeltungswünschen und endet überraschend in einem grandiosen Lob Gottes:

 

„11Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden. 12Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen. 13Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!“

 

Die Bitte um Vergeltung ist nachvollziehbar. Der Wunsch, die Vergeltung zu sehen, ist menschlich. In der Klage haben diese martialischen Gefühle Raum. Wir können klagen und beten, dass den Spöttern von heute das Maul gestopft werde. Dass sie fallen und dass wir es sehen. Alles menschliche Rede im Angesicht Gottes. - Aber Rede, die nicht dort aufhört. So kippt das Gebet am Ende in eine andere Perspektive: nicht die Vergeltung, sondern das Lob Gottes hat das letzte Wort. Gott der starke Held wird gerühmt, „der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet“.

 

Der starke Held: das ist schon ein Vorblick auf Ostern. Dort werden wir den Sieger über den todbringenden Spott und den Sieger über Frevel und Gewalt besingen:

 

„Er ward ins Grab gesenket, der Feind trieb groß Geschrei. Eh er’s vermeint und denket, ist Christus wieder frei. Und ruft Viktoria, schwingt fröhlich hier und da, sein Fähnlein als ein Held, der Feld und Mut behält.“ (EG 112,2)

 

Wir sind warhhaft kleine Prophetinnen und Propheten. Mit leeren Händen stehen wir vor Gott und vertrauen auf den wahren „Held , der Feld und Mut behält“.

 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus. Amen.

 

 

 

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Letzte Änderung: 08.10.2018
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