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04.04.2010: Prof. Dr. Theo Sundermeier über 1 Kor 15,1-11

 

Osterpredigt. Peterskirche Heidelberg. 4. April 2010.

Predigttext: 1. Kor. 15, 1- 11

 

Prediger: Prof. Dr. Theo Sundermeier

 

Ostern ist eigentlich das fröhlichste Fest der Christenheit. Der Ruf „Christus ist auferstanden“ ist ein Jubelruf. Die Mönche klapperten mit den Löffeln auf den Tisch, wenn es nach der Fastenzeit zu Ostern wieder ein richtiges Mahl gab. Davon ist bei uns ja nur noch das Klopfen mit den Fingerknöcheln auf das Tischpult geblieben, wenn die Studenten eine gute Vorlesung vorgesetzt bekommen haben.

Es gab im Mittelalter den „risus paschalis“, das Osterlachen. Aber das Lachen, das freie, offene Lachen galt schon sehr früh in der Kirche als heidnisch. Und frommen Christen war im Schwäbischen das Lachen allemal suspekt.

Anders in der englischen Tradition. Da wird nicht nur erwartet, daß man auch einen akademischen Vortrag mit einem Witz oder einer Bemerkung beginnt, die zum Schmunzeln Anlaß gibt, sondern auch Predigten beginnen oft mit einem Scherz – Christen haben doch etwas zum Lachen.

Nun also so auch heute: Ein einmotoriges Flugzeug stürzt irgendwo in Afrika ab. Der Pilot kann sich mit einem Fallschirm retten und landet auf einem Baum. Da sieht er, daß unten ein Mann vorbeigeht. Er ruft ihn an und fragt: Sagen Sie, wo bin ich hier eigentlich? Der Mann antwortet: Auf einem Baum. Darauf der Pilot: Sagen Sie, sind Sie Theologe? Der andere erstaunt: Ja, aber wie kommen Sie darauf? Der Pilot: Nun, was Sie sagen ist richtig, es hilft aber nicht weiter!

Wenn man Jesusbücher von deutschen Theologieprofessoren liest oder auch manche Dogmatiken und es kommt zum Thema Ostern, dann wird man arg an den letzten Satz des Piloten erinnert: Es scheint vieles so richtig, was geschrieben wird, aber es hilft nicht weiter. Wie wenig wird davon deutlich, daß wir es hier mit dem Zentrum unsers Glaubens zu tun haben. Wie wenig wird gesagt, was uns weiterhilft in unserm Glauben oder unsern Zweifeln und uns hilft für unser Leben. Und wenn dann noch das leere Grab erwähnt wird: Rette sich wer kann! Man könne die Auferstehung Jesu auch glauben, wenn das Grab nicht leer war, heißt es. Es waren ja zunächst auch nur Frauen, die das bezeugt haben. Allein zu denken, daß Gott den Leib seines Sohnes im Tode läßt und damit dem Tod Macht über ihn gibt und ihn wie die Menschen seiner Sterblichkeit überläßt, sollte das nicht zu denken geben? Wir haben doch nicht nur einen Leib, wir sind Leib. Der geht Gott nichts an?

Warum tun wir uns so schwer mit dieser Vorstellung von Auferstehung und leerem Grab? Ist es unser längst überholtes Weltbild, das uns im Wege steht, dem zufolge ein toter Körper nicht neu geschaffen und transformiert werden kann, weil tote Materie schlichtweg tot ist? Aber eben diese Vorstellung ist physikalisch falsch, wie uns im Zusammenhang mit dem Experiment in Cern gerade wieder vor Augen geführt wurde, und wir erneut lernten, daß der Atomkern aus zwei Quarks und einem Elektron besteht. Materie ist also nichts ist als hoch verdichtete Schwingungen. Nehmen wir das ernst, dann stellt sich alles ganz anders aus.

Der große Sinologe Richard Wilhelm, der Schwiegersohn Christoph Blumhardts, der als Missionar nach China kam, hat das früh wahrgenommen (möglicherweise auch aus der Begegnung mit dem Buddhismus gelernt), was in der Physik heute Allgemeingut ist: Unsere sichtbare Welt, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen, schreibt er in seinem Jesusbuch, das er für Auslandsdeutsche in China geschrieben hat, ist „bloßer Schein,“ denn unser Dasein beruht nur auf Schwingungen und Energien. „So ist unser sichtbarer Leib keineswegs etwas Festes, sondern nur ... ein Wirbel von Bewegungen bestimmter Ordnung… Wir wechseln fortdauernd die Elemente unseres körperlichen Daseins, und nur weil die neu eintretenden dieselben Bewegungen haben wie die alten, scheint der Körper beständig zu sein“. „Eine kleine Änderungen im Rhythmus der Schwingungen, und der Körper wird für unsere gewöhnlichen Sinne unsichtbar“, schreibt er und beruft sich dabei auf die Erkenntnisse der Physik (R. Wilhelm, Jesus. Züge aus seinem Leben. Zürich 1953,183f).

Von diesem Standpunkt aus sollte die Möglichkeit der Auferstehung nicht mehr so undenkbar sein. Ja, auch die Geschichte der wundersamen Verklärung Jesu vor den drei Jüngern, Petrus, Johannes und Jakobus, wird von daher verständlicher und bereitet gleichsam die Jünger auf das sonst unvorstellbare Ereignis der Auferstehung vor. Absolut Neues kann niemand verstehen. Man wird es einfach ableugnen. Die Jünger jedoch werden durch die Verklärung Jesu darauf vorbereitet, das Wunder der Auferstehung erahnen und begreifen zu können, als es denn geschah.

Mit diesem Hinweis auf die physikalische Wirklichkeit der Welt ist das Geheimnis der Auferstehung Jesus gewiß nicht entschleiert, aber man muß nicht ein sacrificium intellectus begehen, wenn man die Auferstehung glaubt. Man muß nicht seinen Verstand beiseite legen. Er darf einbezogen werden, wenn wir glauben und uns auf die Auferstehung Jesu einlassen. Aber der Kopf ist nur ein Teil von uns. Der Auferstehungsglaube will uns ganz und gar beleben und beseelen. Er will uns herausreißen aus unserm Elend, aus unserem oft so hoffnungslosen Dasein. Er will uns mit Leib und Seele herausreißen aus der Sphäre des Todes und uns erfüllen mit dem Auferstehungsglanz, der unser Leben licht macht.

Johannes Schreiter hat etwas davon verstanden. Schauen wir uns das Auferstehungsbild, das mittlere in der Universitätskapelle an. Das dunkle Grab des Todes wird aufgerissen. In einem fulminanten Aufstieg dringt das Licht nach oben. Wenn das Sonnenlicht auf das Fenster fällt, kann man sehen, wie von unten das Todesbraun, in dem unten stets das Liebesrot Gottes brennt, langsam in ein Orange und dann in ein gleißendes Weiß übergeht, das etwas von dem unvergleichlichen Licht des Ostergeschehens erahnen läßt. Ich weiß nicht, wie der Künstler dieses blendende Weiß erstellen konnte, das ich in dieser Intensität nirgends auf Fenstern entdeckt habe. Schreiter selbst sagte mir, ohne aber ein Geheimnis preiszugeben, daß er eben diesen Osterglanz sichtbar machen wollte.

Ostern ist die Überwindung des Todes. Etwas von dem uns unzugänglichen Licht Gottes, das jeden blenden wird, der sich ihm nähert, dringt durch die Auferstehung Jesu in unser Leben ein. Es öffnet die Gräber und läßt auch den Auferstehungsleib der vom Tode Erweckten (rechts im Bild) in eben diesem Licht leuchten. Dieses Licht ist so stark, daß es auch die noch vom Todesgrau bedeckten Gräber öffnen und die Verstorbenen ins Licht bringen wird, sagen die Fenster, auch das rechte Fenster. „Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell.“ Paul Gerhardts Osterglaube – hier in diesem Fenster wird er für uns sichtbar.

Leibliche Auferstehung, leeres Grab. Warum wird darauf solch ein Gewicht gelegt? Reicht es nicht von geistlicher Auferstehung zu sprechen? Können wir nicht das ganze Geschehen symbolisch und als psychologische Trostprojektion zu verstehen oder, wie in den 70er Jahren, Auferstehung als Aufstand gegen soziale Unterdrückung begreifen? Beugen wir uns der grassierenden Körperkultur unserer Zeit, wenn so stark auf die Leiblichkeit gewiesen wird? Das wäre der letzte Grund. Nein, Gott selbst nimmt uns in unserer Körperlichkeit ernst. Er hat uns geschaffen. Er hat jedem von uns wie dem ersten Menschen Adam seinen Odem eingeblasen und damit uns unser Leben, unsere ureigenste Lebendigkeit gegeben.

Er nimmt uns in unserer Leiblichkeit so ernst, daß sein Sohn unser Fleisch und Blut angenommen hat. Unsere irdische Leiblichkeit ist keine „quantité négligeable“. Wir dürfen keinem Dualismus von Körper und Geist, von Leib und Seele das Wort reden. Gott will diesem, dem Tode verfallenen Leib neues Leben geben. Das zeigt er uns durch Jesu Auferstehung. Er ist der Erste, wir werden ihm folgen. Er hat nach seiner Auferstehung den Trauenden, den Lebensmüden und Zweifelnden neuen Mut gegeben, den Schuldigen Vergebung zugesprochen und ihnen allen, die hinter verschlossenen Türen lebten, die Tür zur Welt geöffnet und ihnen einen die ganze Welt angehenden Auftrag gegeben.

Das alles ist kein aus der Luft gegriffenes Sprachspiel, sondern bezeugte Wirklichkeit. Darum zählt Paulus so ausführlich die Zeugen des Osterereignisses auf. (Daß er dabei die Frauen ausläßt, ist in unseren Augen, mehr als bedauerlich. Das zeigt aber nur, daß damals Frauen als Zeugen einer Traditionskette nicht aufgeführt werden konnten)[1]. Sollen wir die Zeugen als unglaubwürdig hinstellen und uns damit des Fundaments unseres Glaubens berauben?! Paulus wird geradezu leidenschaftlich: „Ist Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube vergeblich. Wir würden als falsche Zeugen Gottes erfunden…“ (V 14f.).

Wir würden uns nicht nur des Glaubens, sondern auch unserer Hoffnung berauben. Nicht der Tod ist das Ziel, sondern das neue Leben durch die Auferstehung. Das waren die letzten Worte Dietrich Bonhoeffers, bevor er erschossen wurde: „Für Euch ist es das Ende, für mich der Beginn“!

Das ist doch auch unsre große Hoffnung am Grabe. Die Brüdergemeine Zinzendorfs wußte es in Worte zu fassen, wenn einer aus der Gemeinde gestorben war: Wir entlassen ihn in den „höheren Chor“! Nun dürfen sie im himmlischen Reigen und Chor Gott loben. Wir wissen und glauben, Christus läßt die Seinen nicht im Stich. Er nimmt sie mit hinein in seine Auferstehung: Denn „wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt es mich auch mit“ (Paul Gerhardt, EKG 112). Aber wie werden wir dieser herrlichen Zusage gewiß?

Ostern ist in vielen Kirchen Tauftag. Schade, daß wir noch nicht das neue Schreiterfenster beim Taufstein haben, das Tauffenster. Im Entwurf ist im unteren Feld ein Grab zu sehen. Es korrespondiert mit dem Grab des Auferstehungsfensters, nur daß hier das Grab von einem lebendigen Wasserstrom umgeben ist. So wird die Verbindung von Taufe und Auferstehung unmittelbar deutlich. Taufe ist ein Sterben. Wir werden, sagt Paulus, „in den Tod Christi getauft“ (Röm. 6,3f). Aber dadurch werden wir zugleich mit seiner Auferstehung unlösbar verbunden. „So wir sind mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf daß, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln…Wir werden seiner Auferstehung gleich sein“! Das ist der Christen wunderbare Hoffnung.

 Nicht eine unsterbliche Seele wird der Auferstehung teilhaftig, sondern Gott nimmt uns in unserer ganzen Leiblichkeit ernst. Unser ganzes Leben, wir in unserer ganzen Existenz werden vor ihm erscheinen. Gewiß, das Weizenkorn erstirbt. Aber das neue Leben hat etwas mit unserer irdischen Existenz zu tun. Das uns von Gott geschenkte Leben, die Seele, ist das Kontinuum zu unserem irdischen Dasein. Christus hat unsere „sarx“, unser Fleisch, angenommen und in der Auferstehung der Herrlichkeit entgegengeführt. So wird auch unsere Sterblichkeit, sagt Paulus, die „Unsterblichkeit“ anziehen.

Als vor Jahren der Hamburger Missionswissenschaftler Walter Freytag auf einer Reise Christen in Papua Neuguinea fragte, warum sie Christen geworden waren, bekam er zur Antwort: Weil die Christen hinter den Horizont geschaut haben.

Ja, das ist es, Christus hat für uns den Horizont durchbrochen. Die Barriere des Todes ist nicht endgültig. Wir haben nicht nur den Tod vor Augen, sondern durch den Tod hindurch das Leben. Darum können und sollen wir uns freuen, lachen und in den Osterjubel ausbrechen: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ (1. Kor. 15, 55ff).

Die Frage aber bleibt: Kann das alles nicht etwas konkreter gesagt werden? Wie werden wir sein? Was haben wir Christen hinter dem Horizont unseres sterblichen Lebens gesehen? Unter dem Vorbehalt, daß alles – wie es in der Mönchslegende heißt – ganz anders, „totaliter aliter“ sein wird, haben wir dennoch den festen Maßstab, das unerschütterliche Beispiel der Auferstehung Jesu. Wie er – so auch wir. „Wir werden seiner Auferstehung gleich sein“. Die Identität des irdischen und auferstandenen Christus bleibt bewahrt. Die Jünger erkennen ihn, auch als verherrlichten. So wird auch unsere Identität bewahrt werden in der Auferstehung, aber nun in verherrlichter Gestalt. Alle Entstellungen, Krankheiten, Verkrüppelungen sind überwunden und geheilt. Nun werden wir sein, wie uns Gott ursprünglich gewollt hat. „Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden“ (2. Kor. 5, 17) Sie werden sein „den Engeln gleich“, sagt Jesus „ und Gottes Kinder, dieweil sie Kinder sind der Auferstehung“ (Luk. 20, 36).

Werden wir unsere Lieben wiedersehen? Wie oft wird diese Frage im Trauerhause und am Grabe gestellt. Die Antwort darf nach allem war wir gehört und gelernt haben ein eindeutiges „Ja“ sein. Da unsere Identität durch die Auferstehung bewahrt, gleichsam „aufgehoben“ ist, werden wir uns erkennen und gemeinsam in das herrliche Gotteslob einstimmen.

„Ja“, sagte Karl Barth auf die Frage einer Frau, ob sie ihre Lieben wiedersehen werde, und er fügte ein wenig spitzbübisch, aber der Sache nach wichtig und richtig hinzu: „Aber die anderen auch“.

Aber die anderen auch--. Von dem im Mittelalter lebenden islamischen Mystiker Rumi, den viele Christen auch als christlichen Propheten verehren, wird das Folgende überliefert: Bei der Auferstehung am Ende der Tage, sagte er, wird es zweimal ein großes Lachen geben: Wenn wir merken, daß alle die gleichen Sünden begangen haben. Und wenn wir sehen, wie Gott allen gnädig ist.

Ja, aber das Osterlachen darf schon jetzt beginnen!

                                                                            Theo Sundermeier

                                                                                                 

 

 

 



[1] Noch heute hängt die Verläßlichkeit einer Geschichte oder einer Aussage über Mohammeds Leben daran, wie glaubhaft die Traditionskette der Überlieferung ist.

Die Nennung einer oder mehrerer Frauen hätte die Glaubwürdigkeit der von Paulus zitierten Traditionskette weniger glaubhaft erscheinen lassen.

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Letzte Änderung: 23.05.2018