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Aktuelles

04.08.2013: Pfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs über Joh 4,19-26

Israelsonntag 4. August 2013, Peterskirche (Klomp/Ulrichs)

11. August 2013, Heiliggeistkirche Heidelberg

Johannes 4,19-26

 

Hans-Georg Ulrichs

 

 

Liebe Gemeinde!

 

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen? Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Frage steht […]“

 

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.“ Sie haben diese Worte vielleicht erkannt. Sie stehen nicht in der Bibel, kommen aber von ihr her. Thomas Mann lässt seinen großen Joseph-Roman mit diesen Worten beginnen.

 

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Mit der Vergangenheit lässt sich vieles erklären, und umgekehrt, wenn Verhältnisse erklärt werden müssen, dann greift man gerne auf die Vergangenheit zurück. Brunnen sind Orte des Lebens. Brunnen sind Symbolorte, auch wenn es ganz handfest zur Sache geht. Auch in der Bibel. Da wird um den Zugang zum Brunnen gestritten und gekämpft, da wird um Frauen gebuhlt, da werden Brunnen zu herausgehobenen Orten der Geschichte, mit der man sein Sein und Wesen begründet. Am Brunnen kommen Menschen zusammen. Man muss sich kennen lernen. Aus Fremde können Freunde werden.

 

Am heutigen Israel-Sonntag trifft es sich gut, dass wir es mit einer Brunnen-Geschichte zu tun bekommen. Auch der Brunnen der jüdisch-christlichen Geschichte ist tief, leider allerdings vor allem auch sehr dunkel. Lange war gar nicht klar, dass wir bei bleibenden Unterschieden doch eine Quelle haben, eine gemeinsame Geschichte des von uns so genannten Alten Testaments und seiner Verheißungen und auch gemeinsame Hoffnungen. Trotz der Gemeinsamkeiten sind wir uns fremd geworden – mit grauhaften historischen Folgen.

 

Leben heißt Begegnung, Begegnung heißt auch immer Begegnung mit Fremdem. Wie geht man damit um? Fremdes kann auch Angst machen. Fremde Folklore kann anziehend sein, fremde Sitten und Gebräuche aber auch abschrecken.

 

Trotz der Gemeinsamkeiten waren sie sich fremd geworden, die Bewohner von Judäa und die von Samaria. Groß war das jüdische Reich unter David und Salomo, dann aber zerbrach es. Zwischen Großreich und dem babylonischen Exil wurde der mittlere Teil Israels syrisch besetzt, so daß dort – aus der Sicht der Judäer – eine Mischbevölkerung entstand. Als dann später nach dem Exil der Tempel in Jerusalem wieder aufgebaut wurde, fühlten sich die Samaritaner oder deren politische und religiöse Eliten hintangesetzt. Sie etablierten daraufhin an alten religiösen Erinnerungsorten und unter Rückgriff auf die gemeinsame Religionsgeschichte einen von Jerusalem unabhängigen Kult.

 

Man wurde einander fremd. Aber vielleicht war man sich eigentlich immer schon fremd gewesen und suchte dafür die Gründe in der religiösen Geschichte. Der Brunnen der Vergangenheit ist nicht nur tief, auch unergründlich, sondern wurde wohl auch immer einmal wieder als „blackbox“ instrumentalisiert – um sich selbst zu qualifizieren und um die anderen zu disqualifizieren.

 

Das vierte Evangelium berichtet davon, wie Jesus auf dem Weg von Judäa nach Galiläa eben durch Samaria kommt. Irgendwie war das fremdes Land mit fremdem Kult, und doch gemeinsam geschichtsträchtig: Jakob hatte dort seinem Sohn Josef ein besonderes Erbteil Land gegeben. Dort in der Nähe befand sich ein besonderer Brunnen der Vergangenheit, nämlich eine Wasserstelle, die als „Brunnen Jakobs“ bekannt war. Hier fand der Gottesstreiter Israel, wie Jakob genannt wurde, Wasser zum Leben. Genau hier nun trifft Jesus auf eine Frau, die offenbar auf Grund ihres Lebensgeschick Außenseiterin war und nicht mit den anderen Frauen frühmorgens, sondern lieber zwar zur Mittagshitze, dafür aber allein Wasser holte. Und obwohl es sich bei dieser eher sonderlichen Frau um eine Fremde handelt, beschreibt Johannes Jesus als zugewandt, belehrend, ja geradezu missionarisch.

 

Er bittet sie um Wasser aus dem tiefen Brunnen (v. 11) und bietet sich in symbolischer Rede selbst als „lebendiges Wasser“ an. Missverständlich und geheimnisvoll geht’s zu – wie so oft im Johannesevangelium. Jesus weiß um den krummen Lebenslauf seiner Gesprächspartnerin, von ihrem „Vorleben“. Darauf

19 „spricht [die Frau] zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. 21 Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. 23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. 24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. 25 Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen. 26 Jesus spricht zu ihr: Ich bin's, der mit dir redet.

 

Fremdes trifft sich am tiefen Brunnen. Wer hat recht? Diejenigen, die auf dem Garizim beten oder diejenigen, die in Jerusalem beten? Kann der Brunnen, kann die sowohl verbindende als auch trennende Vergangenheit diese Streitfrage klären? Zu allen Zeiten und auch heute ist die Versuchung groß, Jesus als den auftreten zu lassen, den man selbst für nötig hält oder der man selber gerne wäre. Aber Jesus tritt hier gerade nicht als empathischer Religionstheologe auf oder als jemand, der im Projekt „Weltethos“ die globale Versöhnung herbeiführen zu können meint. Hier bekommt Jesus eine kläre Identität, er spricht von „wir“, dem dann nun einmal auch ein „ihr“ gegenübersteht. Wir, sagt Jesus, wir wissen Bescheid in Sachen Religion, ihr nicht. Es geht nicht um den Ort des Anbetens, sondern um den, der angebetet wird. Und die Begründung, die Jesus verwendet, ist denkbar schlicht, aber eben auch jeglicher Diskussion entzogen, einfach unhintergehbar: „Das Heil kommt von den Juden.“ So haben wir diesen Satz wohl auch im Ohr, aber er ist noch prägnanter und unmissverständlicher formuliert. Das Wort „kommen“ findet sich dort nämlich nicht. Wenn etwas von irgendwoher kommt, dann ist es dort ja auch fortgegangen. So wurde dieser Satz dann auch gerne gelesen: Naja, zugegeben, das Heil, natürlich auch Jesus, kommt von den Juden, ist dort aber nicht mehr. Das Heil ist dort ausgewandert. Bei Johannes steht das aber nicht, sondern vielmehr: Das Heil ist (!!!) von den Juden. Liebe christliche Gemeinde, wir sind es ja gewohnt zu meinen, dass irgendwie alles auch zur Disposition steht – es könnte ja alles auch anders sein. Aber dieser Satz ist – ich muss es trotz der auch mir lieben modernen Pluralität sagen – nicht mehr deutbar, nicht zu relativieren, steht nicht zur Disposition. Jesus ist Jude und sagt der religiösen Fremden, sagt uns und der ganzen Welt: Das Heil ist von den Juden. Wir ahnen, welch unendliche Sünde wider den Heiligen Geist namentlich unser Volk auf sich geladen hat, als nicht nur frech, sondern vernichtend das schiere Gegenteil behauptet wurde.

 

In der Begegnung mit dem Fremden, mit der Fremden hält Jesus seine Identität nicht verborgen, sondern spricht vielmehr ein klares Bekenntnis. Das Verhalten Jesu, wie Johannes es schildert, mag uns ja durchaus zunächst befremden. Gerade in Sachen Religion sind uns klare Ansagen ja eher peinlich – und wir wollen ja auch niemand zu nahe treten oder jemand verletzen. Es kommt nur nicht wirklich zu einer gelingenden Kommunikation und einer wirklichen Begegnung von Personen, wenn die eigene Identität verborgen bleibt. Deshalb lese ich diese Geschichte auch als eine Mutmachgeschichte, nicht zu verzagt mit dem Eigenen zu sein.

 

Aber wie geht es weiter? Wie soll es werden mit der noch zu schreibenden gemeinsamen Geschichte, wenn sich dann Fremdes begegnet ist? Jesus bringt hier einen überraschenden Lösungsansatz: Nicht der Blick nach hinten, nicht der Blick in den tiefen Brunnen führt zusammen – zusammen zum richtigen Gebet, also zur gemeinsamen Gottesverehrung, sondern die Zukunft wird es erweisen: Die Stunde wird kommen, die richtige Zeit dafür kommt noch. Geschichte ist nicht ein Kleben am Alten und ein Suchen nach Selbstrechtfertigung aus früheren Tagen, sondern Geschichte – kommende Geschichte – macht Hoffnung. Die jetzt noch fehlende Gemeinsamkeit von Judäern und Samaritanern ist ein Zukunftsprojekt, sie wird sich von Gott her noch durchsetzen. Hier spielt Jesus aus der Sicht des Johannes und des christlichen Glaubens die zentrale Rolle: Die Zukunft prägt schon die Gegenwart, die Zukunft ist aber mit und in Jesus Christus bereits präsent. Die Zukunft wird für uns und für diese Welt nichts anderes bringen können, als was im Zentrum unseres Glaubens steht: Jesus als Heiland dieser Welt. Aber nicht wir mit unserer relativen Erkenntnis und anderen Unzulänglichkeiten, sondern Christus wird diese Zukunft bestimmen. Nicht wir werden in der Zukunft recht behalten – und womöglich recht bekommen gegen die anderen -, sondern Christus wird alles ins Rechte setzen und zu recht bringen. So können wir also an unserem Bekenntnis festhalten, ohne rechthaberisch oder imperialistisch oder fundamentalistisch zu sein.

 

Damals begegneten sich der Jude Jesus und die Frau aus Samarien. Heute am Israel-Sonntag bedenken wir trotz der gewordenen Fremdheitsgeschichte das Gemeinsame von Judentum und Christentum und lassen uns von Johannes belehren, dass das Heil von den Juden ist. Das Gemeinsame wird die Zukunft bringen – um Jesu Christi willen.

 

Heute werden wir neben Judentum und Christentum darauf gewiesen, dass wir dem Fremden vor allem im Islam begegnen. Manche schauen tief in den Brunnen der Vergangenheit und sprechen davon, dass doch alle abrahamitischen Religionen eine gemeinsame Quelle haben: Judentum, Christentum und Islam anerkennen doch Abraham als den Stammvater der göttlichen Verheißungen. Der Brunnen der Vergangenheit ist aber tief und oft dunkel. Mir scheint es deshalb besser, wie Jesus die Blickrichtung geradezu umzudrehen: Nicht die Vergangenheit legt die Grundlage für’s Gemeinsame, sondern die Zukunft. Hier werden Geist und Wahrheit wirken, und hier werden aus Fremde Freunde werden.

 

Die samaritanische Frau wird von Jesus in ihr Dorf geschickt. Sie holt die Menschen, die dann Jesus begegnen und von seinem Wort angesprochen werden. Später sagen sie zu dieser Frau: „Wir haben selber gehört und erkannt: Dieser Jesus ist wahrlich der Welt Heiland.“

 

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit, liebe Gemeinde, aber hell ist das Licht der Zukunft, denn diese Zukunft hat einen Namen: Jesus Christus. Amen.

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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