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04.11.2012: Universitätspfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs über Römer 7,14-25a

22. Sonntag nach Trinitatis,

4. November 2012

Universitätsgemeinde Peterskirche

Predigt über Römer 7,14-25a

Dr. Hans-Georg Ulrichs

 

Liebe Gemeinde,

 

gefreut, ja innerlich gejubelt habe ich seinerzeit, als ich den Bescheid bekam: Für ein Jahr durfte ich als Erasmus-Student nach Dänemark gehen. Herrlich! Nicht nur wegen der netten Skandinavier und das durchaus etwas entspanntere Leben dort. Ich malte mir aus, wie gut es wäre, nochmals woanders ganz neu anfangen zu können, wo mich niemand kennt, also so ein wenig biographisch die reset-Taste drücken zu dürfen. Vielleicht kennen Sie diese Sehnsucht auch: Selbst wenn man mit vielem im eigenen Leben zufrieden sein kann, immer wieder ertappt man sich dabei, etwas Dummes gemacht zu haben, entgegen der eigenen Intention gehandelt oder gewirkt zu haben, und im Rückblick erscheint das, was man tat, als falsch. Was für ein Glück, alles hinter sich lassen und neu und unbeschwert anfangen zu können.

 

Mein Auslandsstudium war wunderbar und auf die ein oder andere Art sogar ertragreich, nur: Ich musste gerade auch im Rückblick feststellen, dass man nicht ein komplett neuer Mensch wird, bloß weil man in neuen Umgebungen oder Bezügen lebt. Ich merkte, wie ich trotz vieler Änderungen in meinem Leben doch ein „alter Adam“, eben „mein“ alter Adam blieb. Aus dieser Nummer, wie man heute so sagt, kommen wir nicht raus, wir steigen aus unserem konkreten Menschsein mit seinen Weltverhältnissen nicht aus. Ich werde mich selbst nicht los.

 

Wie kaum ein anderer hat Paulus die verändernde Kraft des Evangeliums erfahren. Aus einem Christenfresser wurde ein Christusliebhaber, aus einem Verfolger ein Verteidiger und – wie man sprichwörtlich sagt – aus Saulus Paulus. Paulus hatte die Verwandlung unseres Lebens durch den Glauben biographisch erfahren und dann auch viel dafür getan, diese Veränderung durch den Glauben theologisch zu durchdringen. In seinem reifsten Werk, dem Römerbrief, beschreitet er diesen theologischen Weg, geht aus vom neuen Glauben, sieht im Rückblick die grundsätzliche Verlorenheit von Mensch und Welt, zeichnet Gottes Erlösung nach, in dem er die Bedeutung von Jesus Christus darstellt. Der Mensch ist erlöst, durch die Taufe hinein genommen in den Heilsraum des Namens Jesu. Was für eine Veränderung! Was für eine Befreiung! Aus den unguten Verstrickungen dieser Welt herausgenommen zu einem neuen Leben – dagegen ist der Wechsel zu einem Erasmus-Studium nach Dänemark wirklich ein Klacks.

 

Doch für Paulus und eben für uns alle gilt, dass wir bei allem, was uns verändert oder gar verwandelt, Menschen dieser Welt bleiben. Wir steigen auch aus dieser Nummer nicht aus. Wir tragen mit am verhängnisvollen Charakter dieser Welt – auch an ihrer Gottferne und der letzten Konsequenz des biologischen Lebens, dem Tod. Gerade der große Theologe der Erlösung, der Paulus ist, der die Welt und die Menschen im neuen Licht sehen zu lehren beabsichtigt, gerade er muss darüber einigermaßen erschrocken sein:

 

14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. 15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. 16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist. 17 So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 18 Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. 19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 21 So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. 22 Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. 23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? 25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

Paulus hat erfahren, dass gerade auch diejenigen, die im Glauben stehen, vom Menschen nicht negativ, sondern realistisch denken. Unsere Zerrissenheit ist nicht temporär, so dass wir irgendwann aussteigen könnten, ganz heil werden, irgendwann, etwa nach einem Prozess der Reife, gar der geistlich-spirituellen Reife; unsere Zerrissenheit ist nicht chronologisch, sondern chronisch. Wir lassen das, was als in Hoffnung und Verheißung überwunden ist, nicht zurück. Vielmehr schärft der Glauben erst noch den Blick auf das Menschensein. Man kann das an diesem alten Wort „Sünde“, an dem, was damit beschrieben werden soll, verdeutlichen. Niemand leidet an der Sünde, der sie nicht als solche wahrnimmt, aber man kann sie erst wahrnehmen in ihrer Überwindung. Dass wir von uns aus ein Leben von Gott abgesondert leben und dass dieses Leben sehr wirkmächtig ist, dass ahnen und erfahren wir erst im Glauben, wenn wir Gottes Gutes Gesetz erkennen und es mit ganzem Verstand bejahen. Nicht die Sünde führt zum Glauben, sondern umgekehrt der Glaube, der Gottes gutes Gesetz sich zu Herzen nimmt, zur Sündenerkenntnis. Aber deshalb ist der Glaube nicht ursächlich und verantwortlich für die Sünde. Schön den Mund halten und nicht zu genau hingucken, damit mögen viele so im Alltagsleben durchkommen, aber im Glauben kann das keine gute Strategie sein.

 

Wer glaubt, glaubt daran, dass Gott von sich aus die Trennung zu uns aufgehoben hat, dass die letzte Konsequenz eines gottfernen Lebens, der Tod, nicht mehr das letzte Wort über unser Leben hat. Wer so glaubt, kann sicher auch nicht anders als begeistert zu jubeln. Es ist echt super, um Gottes Nähe zu wissen. Aber wer glaubt kann auch nicht so verblendet sein, das Leben und diese Welt nicht so wahrzunehmen, wie sie sind. Und wir, alle Menschen, aber auch wir Gläubigen, sind im Leben Teil dieser Weltverhältnisse. Und diese Weltverhältnisse geben nicht uns recht, sondern Gott. Das erkennt der Glaube.

 

Nochmals: Nicht der Glaube begründet damit unsere Zerrissenheit, sondern lehrt sie realistisch sehen. Begründet ist unsere Zerrissenheit in dieser noch nicht erlösten Welt. Was für ein Kasperletheater, mögen da Kritiker sagen, aber erstaunlicherweise haben gerade auch die Weltkinder von ihnen wahrgenommene, durchaus vergleichbare Phänomene beschrieben:

a) Politisch, ökonomisch und sozial konnte von der Entfremdung des Menschen gesprochen werden. Ins Elend, also in einen abgetrennten, vom Eigentlichen abgeschiedenen Raum geriet man durch die Entfremdung, der Mensch konnte nicht so Mensch sein, wie es eigentlich im ihm angelegt war. Erst die Idee, dass diese Entfremdung aufgehoben werden muss, also ein neues Bewusstsein ließ die Entfremdung überhaupt ansichtig und dann auch bekämpfen.

b) Oder es wurde psychologisch gefragt, ob wir überhaupt Herr im eigenen Haus sind. Steuern wir unser Denken und Handeln, unser Leben, unser Tun und Lassen eigentlich ausschließlich vernünftig? Nein, neben dem „ich“ sitzt ja auch noch ein „es“ auf der mentalen Regierungsbank. Man hebt das zwar nicht auf, wenn man es weiß, kann aber damit besser umgehen.

c) Seit einigen Jahren wird von verschiedenen, v.a. von den Neuro-Wissenschaften die Frage nach dem freien Willen erwogen; früher war dies nur als theologisch-philosophische Frage bekannt. Entscheiden wir selbst oder sind unsere Entscheidungen vorrational? Agieren und reagieren wir schneller, als wir bewusst denken können? Manche meinen, dass nicht wir entscheiden, sondern dass wir entschieden werden. Was bedeutet das aber für unser Wollen, für unsere Handlungsabsichten, ja für unser ganzes Menschenbild? Kann man da noch von gut und böse sprechen, wenn es keine personale Verantwortlichkeit mehr gibt, sondern wir schalten, ohne zu wollen?

d) Vor einiger Zeit ist ein Begriff geradezu wiederentdeckt worden, der vielleicht weltlich wiedergibt, was man geistlich mit Sündenerkenntnis ausdrücken würde: Scham. Auch Scham ist ja grundsätzlich retrospektiv. Man schämt sich für etwas, was bereits da ist, was vorgefallen ist, was man vielleicht selbst getan hat. In der Scham wird erfahrbar, dass man das, wofür man sich schämt, jetzt als falsch und belastend empfindet; eigentlich wollte man dies gar nicht, aber es ist doch geschehen.

 

Liebe Gemeinde, diese vier Beispiele sollen nicht zeigen, dass die Rede von der Macht der Sünde auch weltlich geradezu bewiesen wäre. Sie sollen nur zeigen, dass dahinter ein Existenzverständnis steckt, dass so völlig abstrus nicht ist, sondern dass sich vielfältig in unseren Lebensvollzügen auffinden lässt. Die Unerlöstheit der Welt wird abgeschattet in den wahrnehmbaren Verhältnissen. Alle diese genannten Ideen sollen dem Leben dienen, sollen weiter führend sein: die Entfremdung soll durch Kampf aufgehoben und die Menschen aus dem Elend befreit werden; die psychologischen Verhältnisse sollen aufgedeckt werden, damit man sich besser versteht und sein Leben regulierter leben kann; ohne freien Willen müsste man den Menschen nachsichtiger beurteilen – er kann ja nichts dafür; und die Scham ist ein untrügliches Lackmus für gut und nicht gut, so dass wir in Zukunft anders handeln. Denn darauf kommt es doch wohl an, die Dinge nicht nur anders zu interpretieren, sondern es tatsächlich zu einer tatsächlichen Veränderung kommen zu lassen. Wer bei einer Regelüberschreitung, etwa im Verkehr, erwischt worden ist, wird sich nicht nur ärgern, sondern auch schämen – und wieder aufmerksamer Auto fahren. Wer seinem Partner einmal gestehen musste, das Vertrauen gebrochen zu haben, wird sich im Nachhinein wohl auch für das vielleicht beste Erlebnis schämen – und in Zukunft achtsamer das versprochene Vertrauen bewahren. An vielen weiteren Beispielen könnte man ausführen, warum Paulus die Wirkung der Sünde vor allem im Begehren sieht, nicht in dem wunderbaren Begehren zweier sich in Freiheit gegenseitig Liebender, sondern im übergriffigen Begehren, das auf das Leben der anderen keine Rücksicht nimmt, sondern sich nimmt und auf Kosten anderer lebt: des Partners, der Kinder und Eltern, der Mitmenschen, der Mitkreatur und der Umwelt. Die Sünde, die mir im Glauben bewusst wird, wirkt, indem sie meine sozialen Verhältnisse destruiert. Und da Gott den Menschen ja nicht grundsätzlich doof, sondern einsichtsfähig geschaffen hat, will das glaubenden Ich sich an Gottes Gesetz orientieren, denn das ist und das tut gut, mir und allen.

 

Und dennoch gilt fortlaufend: Wir können an unserer Einsicht, an unserem Wollen, an unserem für Gut-Halten auch scheitern. Das gehört zu unserem Menschsein dazu. Nur törichte Leute werden sagen, dass dies ja ein Freifahrtschein für ein laxes Leben ist. Ich kenne niemand, der das Gute erkannt hat und dennoch willentlich das Böse tut.

 

Wenn Sie den Text noch im Ohr haben, oder durch frühere Beschäftigungen mit der Bibel gar im Herzen, dann mag Ihnen aufgefallen sein, dass hier viele Gegenüberstellungen vorgenommen werden:

geistlich – fleischlich

Gesetz – ich

Wollen – tun

Gutes – böses

Ich – Sünde

Innerer Mensch – meine Glieder

Gesetz meines Verstandes – Gesetz der Sünde

 

Wir denken heute weder über Welt noch über den Menschen nicht mehr so dualistisch, aber in diesen Gegenüberstellungen spiegelt sich die menschliche Zerrissenheit wider, auch die der Glaubenden.

Paulus hat innerhalb seiner tiefen theologischen Deutungen der Heilsgeschichte hier die bleibende Existenzweise von uns Menschen beschrieben. Er wird noch weiter gehen und auch wieder andere Töne anschlagen, von der Freiheit der Kinder Gottes reden etwa und davon, wie wir auch in den Verwirrungen dieser Welt von Gott herrlich bewahrt bleiben, Paulus wird noch deuten, wie unerschütterlich Gottes Treue zu Israel ist und welche Chancen wir Christen im Leben haben, in der Welt und in der Kirche. Nicht resignieren, sondern realisieren wäre das Motto des Paulus an dieser Stelle des Römerbriefes: Realisieren, dass Gott in den grundsätzlichen Zerrissenheiten unseres Lebens allein heilen kann, aber auch die Chancen realisieren, die in Gottes Gebot und Gesetz liegen, nämlich im Rahmen unserer Existenzbedingungen Gott gemäß zu leben, uns und den anderen zu gut. Man könnte auch die Wochensprüche der beiden zurückliegenden Wochen heranziehen: Es ist Dir gesagt, Mensch, was gut ist und der Herr von Dir fordert: Gottes Gebot halten, Liebe üben und demütig sein vor Deinem Gott. Realistische Glaubensperspektive auf Welt und Mensch verhindert deshalb nicht, sondern motiviert, sich nicht vom Bösen überwinden zu lassen, sondern das Böse mit Gutem zu überwinden. Amen.

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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