Bereichsbild
Veranstaltungen

So, 25.08.2019

10:00 Uhr

Universitätsgottesdienst

Dr. Friederike Schücking-Jungblut

Mi, 28.08.2019

07:00 Uhr

Abendmahlsgottesdienst, anschl. Frühstück

So, 01.09.2019

10:00 Uhr

Universitätsgottesdienst

PD Dr. Doris Hiller

Mi, 04.09.2019

07:00 Uhr

Abendmahlsgottesdienst, anschl. Frühstück

So, 08.09.2019

10:00 Uhr

Universitätsgottesdienst

Prof. em. Dr. Adolf-Martin Ritter

Alle Termine & Veranstaltungen

Aktuelles

04.12.2016: Oberkirchenrat Dr. Matthias Kreplin über Jak 5,7-11

Predigt am zweiten Advent, 04.12.2016,

im Universitätsgottesdienst in der Peterskirche

Das Kommen des Herrn ist nahe …

 

Predigt: Oberkirchenrat Dr. Matthias Kreplin

 

 

Liebe Gemeinde,

in jedem Gottesdienst, in dem wie heute das Glaubensbekenntnis gesprochen wird, bekennen wir über Jesus Christus: Er sitzt zur rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Wir bekennen also: Eines Tages wird Jesus Christus wiederkommen und diese Welt grundlegend verwandeln.

Wenn ich uns im Oberkirchenrat in Planungsprozessen erlebe, bei denen wir Pläne machen für Kampagnen und komplexe Prozesse, in denen wir Strategien ausdenken, wie wir dieses Problem bearbeiten und jenes Ziel erreichen wollen - alles, um verantwortlich Kirche zu leiten - dann sage ich manchmal in die Runde: „Wenn morgen der Jüngste Tag anbricht, dann brauchen wir noch mindestens bis zum Mittag, um alle unsere Termine im Terminkalender zu löschen, um alle unsere Strategie-Papiere einzustampefn und unsere To-Do-Listen abzuhaken." Und hinter dieser Selbstironie kommt zum Vorschein, dass wir planen und Konzepte entwickeln, als ginge alles immer so weiter; als wäre die Geschichte ohne Ende. Unser Planungshorizont im Oberkirchenrat reicht bis zum Jahr 2050; und wir diskutieren gegenwärtig über den Veranstaltungsort des Kirchentages im Jahr 2027. Wir denken und handeln so, als rechneten wir nicht mit einer grundlegenden Veränderung der Weltgeschichte. Und die einzigste Idee, die unser Planen anficht, ist der Gedanke, dass wir persönlich nicht mehr dabei sein könnten, wenn diese Planungen umgesetzt werden - weil wir vorher durch Krankheit oder Unfall aus dem Leben scheiden.

Wenn ich einen Blick in die Naturwissenschaften werfe, die unser Weltbild prägen, dann erfahre ich, dass das Universum vor knapp 14 Milliarden Jahren durch den Urknall entstanden ist, dass sich unsere Erde vor gut 4 Milliarden Jahren entwickelt hat und dass sie noch gut drei Milliarden Jahre um die Sonne kreisen wird, bevor diese sich immer mehr aufblähen und die Erde verschlucken wird. Und gegenwärtig ungewiss ist eigentlich nur, ob das Universum sich immer weiter ausdehnen wird, bis es überall absolut kalt und dunkel sein wird, oder ob es sich irgendwann einmal wieder zusammenzieht und sich alles wieder in einen Punkt verdichtet - nur um dann bei der nächsten Gelegenheit in einem neuen Urknall wieder ein neus Universum entstehen zu lassen. Das Ganze wird aber ein Prozess gedacht, der noch unvorstellbare Zeiträume ablaufen wird. In dieser Vorstellung über die Welt ist kein Platz für die Wiederkunft Jesu Christi. Und die einzigste Idee, die die Betrachtung dieses endlosen Prozesses ein bischen in Frage stellt, ist die Vorstellung, dass es zu einer irdischen oder kosmischen Katastrophe kommen könnte - weil wir als Menschheit durch Klimawandel, Umweltzerstörung und Krieg die Lebensgrundlagen selbst zerstören oder weil ein großer Meteorit auf der Erde einschlägt und diese danach kein Leben mehr zulassen könnte.

Gibt es in unserem Denken, in unserer Weltsicht, in den Einstellungen, die unser Handeln prägen, überhaupt einen Raum für die Wiederkunft Jesu Christi? Hat unser Bekenntnis zur Wiederkunft Jesu Christi wirklich Kraft oder ist es nur noch ein Lippenbekenntnis?

Die Erwartung, dass Jesus wiederkommen würde, und zwar bald wiederkommen würde, war in der ersten Generation der Christen sehr lebendig. Man hatte das Jesuswort im Ohr, das wir vorhin auch in der Lesung gehört haben: „Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht - gemeint ist: diese Generation - wird nicht vergehen, bis es alles geschieht" (Lk.21,32), bis also Jesus wiederkommen und die Gottesherrschaft vollkommen aufrichten würde. Aber diese Erwartung gerät Ende des ersten Jahrhunderts bei den christlichen Gemeinden in die Krise. Es sind nun schon mehrere Generationen vergangen, von den Christen der ersten Stunde ist kaum einer am Leben. Ist noch damit zu rechnen, dass Jesus bald wiederkommt, dass er überhaupt wiederkommt?

In dieser Zeit wird der Jakobusbrief verfasst, aus dem uns heute ein Abschnitt als Predigttext vorgegeben ist. Er steht dort im 5. Kapitel und lautet in der seit dem 1.Advent in Gebrauch befindlichen neu durchgesehenen Lutherübersetzung:

So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe. (Jak.5,7f)

Ist das einfach eine Durchhalteparole? Etwa in diesem Sinn: Haltet fest, an der Erwartung von der Wiederkunft Christi! Auch wenn es sich ein bisschen verzögert haben mag, aber bald ist es so weit! Eine Durchhalteparole, die heute, 1900 Jahre später, ihre letzte Kraft verloren haben dürfte. Denn zweitausend Jahre lang zu sagen: Bald ist es so weit! - das verliert doch jede Glaubwürdigkeit. Oder könnte das auch heute noch Sinn machen, diesem Aufruf zu folgen: Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, die mich - als einen, der sich für Mathematik und Zahlentheorie interessiert - schon seit Jahren fasziniert.

Im 17. Jahrhundert lebte im Süden Frankreichs der Jurist Pierre de Fermat; er hatte eine große Leidenschaft: die Mathematik. Mit vielen großen Mathematikern und Philosophen seiner Zeit stand er in brieflichem Kontakt und entwickelte viele wichtige mathematische Ansätze - im Briefwechsel mit dem Philosophen Blaise Pascal zum Beispiel die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Er besaß ein mathematisches Lehrbuch der Spätantike, das er über und über mit Kommentaren versah. Nach seinem Tod gab sein Sohn dieses Lehrbuch zusammen mit den Kommentaren seines Vaters heraus. Und da stand neben dem Satz des Pythagoras, der ja lautet a2 + b2 = c2 sinngemäß: „Man kann diesen Satz auch verallgemeinern zu an + bn = cn und dann gibt es für n>2 keine ganzzahligen Lösungen mehr. Ich habe einen schönen Beweis gefunden, aber hier ist leider zu wenig Platz, um ihn aufzuschreiben." Leider war in Fermats Nachlass nirgendwo dieser Beweis zu finden - er hatte auch sonst manche seiner Einsichten nicht dokumentiert. Aber die Behauptung, dass es einen Beweis gäbe, hat die Mathematikerwelt die nächsten Jahrhunderte gefesselt. Fast alle Größen der Mathematik versuchten sich an diesem Beweis, der als Fermats letzter Satz in die Mathematik-Geschichte einging. Alle paar Jahrzehnte wurden für einen neuen Spezialfall von n ein Beweis vorgelegt; aber der allgemeine Beweis für alle natürlichen Zahlen n>2 gelang nicht. Bei den Versuchen, diesen Beweis zu führen, wurden viele wichtige Methoden der Mathematik entwickelt und viele wichtige Erkenntnisse gewonnen. Aber der Beweis gelang nicht - obwohl zwischenzeitlich einmal 100.000 Goldmark als Preis für eine gelungene Beweisführung ausgesetzt worden waren. Dann im Jahr 1993 hielt der aus England stammende Mathematiker Andrew Wiles eine Vorlesung, in der er zwei Tage lang einem teilweise überforderten mathematischen Fachpublikum einen Beweis der Taniyama-Shimura-Vermutung vortrug, aus der sich in der Konsequenz der Beweis von Fermats letztem Satz ergab. Sieben Jahre lang hatte er zuvor in einsamer Grübelei über diesem Beweis gebrütet. Die Kollegenschaft prüfte die Beweisführung und entdeckte eine Lücke. Daraufhin arbeitete Wiles noch einmal zwei Jahre mit einem Schüler daran, diese Lücke zu schließen, was schließlich auch gelang. Seit 1995 gilt nun Fermats letzter Satz als bewiesen und Wiles wurde dafür mit den höchsten Auszeichnungen der Mathematik honoriert. Aber Fermat hatte schon im 17. Jahrhundert behauptet, hierfür einen Beweis zu kennen - der, wenn die Behauptung stimmt, sicher viel einfacher gewesen sein muss als die Beweisführung von Andrew Wiles.

Diese Geschichte verstehe ich als Gleichnis für den Aufruf aus dem Jakobus-Brief: Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Zunächst einmal: Die Mathematik macht uns deutlich, dass es Realitäten gibt, die jenseits unserer Welt von Raum und Zeit liegen. Fermats letzter Satz galt schon, bevor noch ein erster Mensch zählen konnte. Und er gilt auch noch in den Tiefen des Universums, wo nie ein Mensch hinkommen wird, um ihn auszusprechen. Sicher, es braucht die Sprache der Mathematik, um ihn ausdrücken zu können. Aber diese Sprache erschafft ihn nicht erst. Seine Wirklichkeit liegt schon vor dieser Sprache. Und Andrew Wiles, der seit seiner Jugend von Fermats letztem Satz fasziniert war, glaubte, dass dieser Beweis möglich sei, dass er sich quasi in unsere Welt holen lasse.

Für mich ist diese Wirklichkeit mathematischer Sätze ein Bild für die Wirklichkeit Gottes. Die Wirklichkeit Gottes ist sicher von ganz anderer Art ist als die Wirklichkeit eines mathematischen Satzes, aber sie ist auch eine Wirklichkeit, die jenseits unserer erfassbaren Welt aus Raum und Zeit besteht. Im nicänischen Glaubensbekenntnis, das fast die ganze Christenheit eint, heißt es dementsprechend: „Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt." An Gott glauben heißt also: Damit rechnen, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt als unsere. Und dass diese Wirklichkeit unsere vorfindliche Wirklichkeit durchdringen, beeinflussen, verändern kann. An Gott glauben heißt: Damit rechnen, dass von Gott her all das, was wir planen und uns ausrechnen, was wir gestalten und erwarten, noch einmal durchkreuzt werden kann, noch einmal überraschend eine andere Wendung nehmen kann. Weil eben diese sichtbare Welt, die wir sehen und begreifen, die wir berechnen und manipulieren, noch nicht die ganze Welt ist. Und anders als ein mathematischer Satz, der in sich ruht, ist diese Wirklichkeit Gottes von einer Dynamik geprägt: Gott will diese Welt verändern, zurechtbringen, heilen. Gott will kommen. An Gott glauben heißt darum: Glauben, dass Gott im Kommen ist, mit Gott rechnen.

Zum zweiten: Das Kommen des Herrn ist nahe. Wie oft wird Andrew Wiles in den langen Jahren seines Grübelns gedacht haben: „Jetzt habe ich den Durchbruch gefunden"? Und wie oft wird er dann bei genauerer Prüfung festgestellt haben, dass der Beweis nun doch noch nicht gelungen ist. Wer sich einmal an das Lösen mathematischer Probleme begeben hat, der kennt vielleicht diese Erfahrung: Es gibt Momente, da habe ich das Gefühl, des Rätsels Lösung ganz nahe zu sein, aber ich sehe es noch nicht ganz, ich kann es noch nicht in Sprache fassen, aber ich ahne schon: hier gibt es einen Zusammenhang, hier gibt es eine Regelmäßgkeit, ich verstehe sie nur noch nicht wirklich. Und manchmal verflüchtigt sich dieser Eindruck dann wieder, manchmal löst er sich wieder auf wie ein Nebel in der Morgensonne und alles wird wieder fremd und undeutlich. Und doch bleibt die Erinnerung: Ich war nah dran. Ich habe etwas aufleuchten sehen von einem großen Zusammenhang, auch wenn ich ihn nicht festhalten konnte.

Auch das ist mir ein Gleichnis für das Kommen Gottes in diese Welt. Gott kommt nicht nur in die Welt in einem alles verwandelnden Prozess am Ende der Zeiten, wenn also der Beweis endlich gelungen ist, sondern auch schon vorher in den Momenten, in denen etwas aufleuchtet von der Lösung, in denen sich etwas zeigt von dem großen Zusammenhang, wo die Lösung des Rätsels schon einmal aufblitzt. Gott kommt bereits jetzt in die Welt, wo wir erfüllt werden von dem Zutrauen, dass seine Wirklichkeit diese Welt bestimmt und trägt, wo uns das Vertrauen leitet, dass wir und diese ganze Welt gehalten sind in ihm - was auch mit uns persönlich und dieser Welt geschehen mag. Gott kommt bereits jetzt in die Welt, wo ein Mensch in seiner Verzweiflung eine Kerze anzündet und ein Gebet spricht und dann das Wort eines anderen ihm aufhilft und er von einem Glauben erfüllt wird, dass Gott den schweren Weg mitgeht. Gott kommt bereits jetzt in die Welt, in den Menschen, die sich trotz aller Anfeindungen nicht verunsichern lassen und sich tatkräftig dafür einsetzen, dass Flüchtlinge sich hier bei uns willkommen fühlen. Gott kommt in die Welt auch in der ganz nüchternen Arbeit, in der wir uns tagaus tagein darum bemühen, unseren Beitrag zu leisten, dass Menschen gut und vertrauensvoll zusammenleben können. Wenn es heißt: „Das Kommen des Herrn ist nahe", dann ist nicht nur an eine zeitliche Nähe gedacht - vielleicht sogar nicht einmal als erstes, - sondern daran, dass uns Gott auch nahe sein kann, wenn sein Geist und durchdringt, wenn er uns prägt, wenn er unser Denken, Fühlen und Handeln erfüllt. Und dass es manchmal nicht viel braucht, damit dies geschieht. Denn das Kommen des Herrn ist nahe. Schon lange vor dem Ende aller Zeiten.

Zum Dritten: Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen. Andrew Wiles, der sieben Jahre lang einsam gebrütet hat, ist mir ein Beispiel für solche Geduld, für solche Ausdauer. Es waren sicher solche Erfahrungen, dass schon etwas aufleuchtet von der großen Lösung, die Andrew Wiles die Kraft gaben, sieben einsame Jahre lang durchzuhalten und immer weiter nach einer Lösung zu suchen. Solche Erfahrungen brauchen wir. Sie geben uns Kraft. Aber es braucht eben auch die Beharrlichkeit, das Nachhaken, das systematische Durchprobieren der verschiedenen Möglichkeiten, den Neuanfang, wenn sich ein Weg als Irrtum erwiesen hat.

Gottes Kommen in die Welt braucht auch Menschen, die mit Geduld und Ausdauer ans Werk gehen, die mit Architekten verhandeln, ob nicht doch die alternative Lösung die bessere Lösung wäre, die Handwerkern hinterher telefonieren, die dem Oberkirchenrat in den Ohren liegen, dass das geplante Geld nicht für die Möbel reicht und es noch einen Extrazuschuss braucht - nur um einmal Beispiele zu nennen, die heute, am Tag der Wiedereinweihung des Karl-Jaspers-Hauses ganz nahe liegen. Gott kommt manchmal ganz unangekündigt und am jüngsten Tag dann auch ganz unerwartet und unvermittelt in diese Welt. Aber meistens will er doch eingeladen sein, sucht er Menschen, die den Weg bereiten, die geduldig arbeiten, sich nicht entmutigen lasse, sondern ihre Herzen immer wieder stärken. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen.

Und schließlich: Was Fermat vor mehr als dreihundert Jahren entweder schon geahnt oder vielleicht auch wirklich gewusst hatte: „Es gibt einen Beweis", wonach dann Matheamatiker jahrhundertelang vergeblich gesucht hatten und man schon aufgegeben hatte, am Ende kam es doch noch dazu: Der Beweis wurde gefunden. Das sollte uns vielleicht vorsichtiger werden lassen bei Stimmen, die uns sagen: Es gibt nichts Neues mehr unter der Sonne. Alles bleibt für immer so, wie es ist. Mit Gott ist nicht mehr zu rechnen.

Unserem Weltbild mag es schwer denkbar sein, dass Gott in die Welt kommt; in unserer Geschäftigkeit mögen wir so handeln, als ob alles an uns hinge und an unseren Strategien. Der zweite Advent erinnert uns daran, dass es da noch etwas anderes gibt, womit wir rechnen sollten, was wir auf dem Schirm haben sollten: Gott ist im Kommen. So seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

 

 

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 05.12.2016
zum Seitenanfang/up