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Veranstaltungen

Di, 21.05.2019

16:00 Uhr

Orientierungstage Rhein-Neckar

Mi, 22.05.2019

07:00 Uhr

Abendmahlsgottesdienst mit anschl. Frühstück

So, 26.05.2019

10:00 Uhr

Universitätsgottesdienst mit Verabschiedung von Hochschulpfarrer PD Dr. Hans-Georg Ulrichs

Predigt: PD Dr. Hans-Georg Ulrichs; Liturgie: Prof. Dr. Helmut Schwier; Entpflichtung: Pfarrer Gregor Bergdolt (Ev. Oberkirchenrat)

Di, 28.05.2019

18:15 Uhr

Mehr als Bücher am Bildschirm – Publizieren und Edieren mit der UB Heidelberg

Dr. Maria Effinger, Universitätsbibliothek Heidelberg

Mi, 29.05.2019

07:00 Uhr

Abendmahlsgottesdienst mit anschl. Frühstück

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Aktuelles

05.03.2017: Prof. Dr. Johannes Ehmann über Joh 13,21-30

Predigt am 5. März 2017 (Invokavit)

in der Peterskirche über Joh 13, 21-30

 

Prof. Dr. Johannes Ehmann

 

 

Liebe Gemeinde,

wenn wir gehört haben, was wir gehört haben, dann wissen wir um den Ernst der Situation. Die Geschichte um Jesus spitzt sich zu. Eben hat er seinen Jüngern die Füße gewaschen; die Stimmung ist beklommen. Nicht nur wegen der Ungehörigkeit dieses Dienstes, die der Meister seinen Schülern tut. Sondern wegen der merkwürdigen Feststellung: Ihr seid nicht alle rein, ihr, denen ich doch zu Diensten war. Und dann noch das nicht minder merkwürdige Wort: Wer mein Brot ist, tritt mich mit Füßen. Was redet der Meister da Dunkles vor sich hin. Und auch beim Essen wird die Stimmung nicht besser. Es bleibt eingetrübt. Von Verrat gar ist die Rede, einer ist illoyal. Wer mag das sein?

Das ist ja doch eine neue Dimension. Entbehrungen hat man gemeinsam auf sich genommen, gemeinsam von der Hand in den Mund gelebt, jetzt gemeinsam sich zum Passahfest droben in Jerusalem versammelt – alles gemeinsam, sich irgendwie zusammengerauft und als Gruppe sich bewährt, auch gegen die, die einem nachstellten. Und jetzt soll diese Gemeinschaft gefährdet sein, noch dazu durch einen von uns? Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Doch was macht uns da bange: der drohende Verrat, der Verdacht, wer es ist, oder eine Ahnung, dass ich selbst es sein könnte?

Treten wir ein wenig von dieser Szene zurück, dann begegnet uns eine Gruppe, die aufs erste gesehen wie eine Wandergesellschaft wirkt. Da ist der Wanderführer, der den Weg weiß. Da ist der oft selbsternannte Vizehäuptling, der auch manches, und vor allem alles besser weiß; in unserer Wandergruppe ist das Petrus. Und da gibt es auch das Nesthäkchen, den, den alle mögen, der sich sogar als Liebling beim Essen an den Reiseführer kuscheln darf. Und damit Organisation und Finanzen stimmen, hat man einen ausgesucht, den man nach deutschem Vereinswesen den Kassier, also den, der die Gruppenkasse hat, dass man überhaupt wandern kann. Am Ende des Wandertages kehrt man ein, vielleicht in einer Berghütte. Da ist man gemeinsam müde und einander besonders nahe. Die Abende am Ende eines mühseligen Tages haben es in sich. Beim gemeinsamen Abend und beim gemeinsamen Essen, da lebt die Erinnerung und da lebt die Gruppe. Und da lebt die Gruppendynamik.

Petrus ist klug, er weiß, was zu tun ist. Klare Verhältnisse schaffen. Zuerst muss mal geklärt werden, wer der Verräter ist. Aber das macht man vertraulich. Klarheit beginnt mit der vertraulichen Erkundigung bei dem, der dem Reiseführer emotional am nächsten steht. Und das Nesthäkchen lässt sich einspannen. Das kuschelt sich besonders eng an den Herrn: Mir kannst du’s doch sagen, wer es ist, der dich verrät.

Vom Fortgang der Erzählung muss man vermuten, dass die Antwort Jesu keine lautstarke Antwort gewesen ist. Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein, und gab ihn dem Judas.

Eben schien alles so dramatisch. Wer ist der Verräter? Doch scheinen die Jünger längst wieder bei anderen Themen angekommen zu sein. Hätte Jesus den Judas klar als Verräter markiert, sie hätten ihn doch alle zur Rede gestellt, vielleicht hätten sie ihn gepackt und rausgeworfen, aus dem Haus und aus der Gruppe.

Doch es bleibt im Zwielicht. Klarheit und Verdunkelung liegen so nahe beieinander, so nahe, wie die intime Geste der Gabe des Bissens dem Verrat steht. Die nächste intime Geste, von der wir hören, wird dann der Kuss des Judas sein, der Kuss als Waffe, der Anfang vom Ende, der Anfang der VollENDung.

Doch die Jünger, redselig, vielleicht auch schon weinselig, hören nur die Aufforderung Jesu an Judas. Was du tust, das tue bald. Und meinen, es gäbe vielleicht noch etwas zu kaufen, oder gar noch – welche Ironie – noch etwas Gutes zu tun für die Armen!

Der Weg (denken die Jünger) soll ja weitergehen, muss weitergehen, wird weitergehen, irgendwie. Auch wenn heute gedrückte Stimmung herrscht, morgen ist auch noch und wieder ein Tag. Nur Judas hat eben schnell noch etwas zu erledigen. Als er den Bissen genommen hatte, ging er hinaus. Und dann folgt der scheinbar so banale Satz, so banal wie folgenschwer: Und es war Nacht. Judas wird nicht zurückkehren. Die Nacht hat ihn ver-schlungen. Noch hört man vielleicht seine Schritte, doch auch diese bald nicht mehr. Irgendetwas ist geschehen…

Die Klärung der Gruppenprozesse ist gescheitert. Judas verlässt die Gruppe. Das Nesthäkchen ist vielleicht längst eingeschlafen; nur Petrus grübelt noch vor sich hin. Er ist unzufrieden mit diesem Abend, keine Klärung, kein Abend für Stimmungskanonen. Einer fehlt. Und es war Nacht. Es ist Nacht. Etwas ist zerbrochen. Nicht nur die Gemeinschaft, sondern auch in mir. Dass Judas fehlt (merke ich), ist nicht die Lösung des Gruppenproblems; es ist offenbar, dass die ganze Gruppe verstrickt ist in diese Nacht, die sich nicht bergend, sondern lähmend über alle legt. Es klingen die Worte, die wir zum Eingang gesungen haben, wie Worte, die sich dem Petrus aufgedrängt haben mögen: Lass‘ die Nacht auch meiner Sünden, jetzt mit dieser Nacht vergehn. Möglichst schnell! Der Frage: Herr bin ich‘s? folgt zu schnell die Antwort: Gott sei Dank, ich bin‘s nicht. Ich gehöre zu den Guten. Die Antwort: Wir sind die Guten, entspannt den Gruppenabend nicht, und auch nicht den heutigen Morgen. -

Ich kann mir, liebe Gemeinde, gut vorstellen, dass sich bei vielen unter uns während der Abendmahlsszene die große Darstellung des Leonardo da Vinci Raum geschaffen hat. Eine meisterliche Darstellung der Perspektive des Raumes mit Christus als Zentrum. Es scheint, als blicke man in einen Guckkasten oder den Bühnenraum eines Theaters. Die Szene ist taghell bei Leonardo; aus dem Dunkel des Raumes betrachtet beinahe überscharf.

Und wir sehen sie alle: Christus, und die Jünger noch in wilder Gestikulation und aufgeregtem Gespräch. Wir sehen alles und wir sehen - nichts. Denn die Intimität der Gabe des Brots an Judas zeigt nicht, dass längst der Satan zum Intimus des Judas geworden ist.

Mit welchen Gefühlen mag Judas hinausgegangen sein? Wir brauchen dazu kein kleines Teufelchen oder wilde Satansspekulationen. Wir müssen uns nur erinnern an die Situationen in unserem Leben, in denen wir genau wussten, dass falsch ist, was wir tun – und wir haben es dennoch getan, wie fremdgesteuert und doch wir selbst. Das ist das Werk des Satans, dass er das Gutgemeinte und das Schlechtgetane so wunderbar durcheinanderbringt, dass wir selber nicht wissen, was, ja wer wir eigentlich sind.

Es ist Invokavit. Anfang der Passionszeit, für manche Anfang der Fastenzeit: Zeit der genaueren Betrachtung unseres Lebens, Zeit des Abstandnehmens für uns selbst und von uns selbst, um besser zu erkennen, wer wir sind. Wer wir sind, das hat unvergleichlich Martin Luther herausgestellt in der ersten seiner Invokavitpredigten vom 9. März des Jahres 1522. Die Gemeinschaft der Wittenberger Gemeinde war gefährdet. Doch Luther appelliert nicht an die Gemeinschaft, sondern sagt, wer ich bin. Und wer ich bin, wird klar durch die Beziehungen, in denen ich stehe. Ich allein und unvertretbar, wenngleich in Gemeinschaft mit allen Kreaturen – und das vor Gott. Wir sind allesamt zum Tode gefordert und wir keiner für den anderen Sterben, sondern wird jeder für sich mit dem Tod kämpfen. Ich werde dann nicht bei dir sein und du nicht bei mir. So die Worte Luthers.

Die Einsamkeit des Sterbens ist die Einsamkeit der Nacht, die jetzt den Judas umfängt. Keine gute Perspektive, weder für mich, noch für die Gemeinschaft, noch für unsere Gemeinde an diesem Morgen. Nicht gut, und doch heilsam?

Die Erzählung des Johannes konfrontiert uns mit der Nacht, die uns allen blüht. Ja, diese Nacht kann blühen. Denn auch Finsternis ist finster nicht bei dir und die Nacht leuchtet wie der Tag.

Doch sind wir soweit noch nicht. Die Erzählung wirft Schatten auf den Glanz Jesu, ein Glanz, der immer mehr zu vergehen scheint und doch gerade in den Passionserzählungen des Johannes verwoben ist in die Rede von der Herrlichkeit, d.i. des Glanzes Gottes im Geschick Christi.

Noch ist Nacht. Die Gemeinschaft ist zerstört und wir stecken mitten drin. Das halten wir nicht aus. Doch Jesus begründet neue Gemeinschaft, er kittet nicht einfach das alte; nur froh, dass der Verräter weg ist. Nach dem Motto: Das Spiel geht fröhlich weiter, nachdem der Spielverderber weg ist. Wir stecken mitten drin und können nur Jesus folgen auf dem Weg, der heute beginnt. Können wir das? Wir können es nicht. Und können es doch als Gast des Mahles, das uns bereitet ist. Nach Passion und Ostern vor zweitausend Jahren müssen wir

nicht kuscheln wie Johannes,

nicht grübeln wie Petrus,

nicht weggehen aus der Gruppe um Jesus, wie einst Judas.

Christus reicht im Abendmahl auch uns den entlarvenden Bissen des Unheils und reicht uns zugleich den Kelch des Heils. Kein Bissen, der uns in eine ewige Nacht zwingt, sondern zum Bleiben bei ihm einlädt. Zum Bleiben in seiner Passion, die als geschenkte Zeit vor uns liegt.

So fürchte dich nicht und sei getröstet. Sei getrost und fürchte dich nicht! –

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen uns Sinne in Christus Jesus. Amen.

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Letzte Änderung: 05.06.2018
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