05.05.2013: Prof. Dr. Fritz Lienhard über Gal 1,13-24

 

Der Verfolger wird berufen - Predigt zu Galater 1,13-24

Peterskirche Heidelberg, 05. Mai 2013

Prof. Dr. Fritz Lienhard

Predigt Gal 1, 13-24

Liebe Brüder und Schwestern, Sie kennen vielleicht die Geschichte von dem alten Pfarrer, der in den Ruhestand gehen wollte. Er war mit seinem Ältestenkreis auf der Suche nach einem Nachfolger. Damals war es nicht der Oberkirchenrat, der sich darum kümmerte, sondern das mussten die Ältesten mit dem scheidenden Pfarrer selbst machen. Und der alte Pfarrer war müde und sauer: Die Ältesten haben einen Kandidaten nach dem anderen abgeschmettert. Schließlich sagte der alte Pfarrer: »Hier habe ich noch eine Kandidatur. Der Mensch ist krank, vermutlich an den Augen, er stottert und hätte wahrscheinlich die Examenseinheit „freie Ansprache“ nicht bestanden. Dafür schreibt er nicht schlecht und hätte bei einer Übung »literarisches Schreiben« die Prüfung sicher gut bestanden. Er hat es nie geschafft, länger als drei Jahre in einer Gemeinde zu bleiben, ohne rausgeworfen zu werden. Zeitweise geschah es sogar mit Gewalt. Er ist nicht verheiratet, und die Gemeinde wird also nicht die Gunst einer Pfarrfrau genießen können. Und auch Kinder werden nicht dem heiligen Pfarramt geopfert. Dazu übt er eine Nebentätigkeit aus, auf die er nicht verzichten will.« Die Ältesten entrüsteten sich, wie so ein Versager sich für eine Gemeinde der Kategorie A wie sie überhaupt aufstellen konnte. Der Pfarrer schmunzelte und sagte: »Ich gratuliere, liebe Brüder und Schwestern, Sie haben gerade die Kandidatur des Apostels Paulus abgelehnt.«

Liebe Brüdern und Schwestern, wir müssen damit auskommen, Paulus ist ein gebrochener Mensch. Er ist gebrochen nicht nur, weil er nun seine Fehler hat, wie jeder von uns. Er ist es auch, weil er im Laufe seines Lebens entdecken musste, dass er auf dem falschen Dampfer war. Er muss nun damit leben, dass er sich jahrelang geirrt hat.

Er kann nicht einmal sagen, dass er ein unschuldiges Opfer eines ungerechten Schicksals war. Er hat sich selbst schuldig gemacht. Er hat die Christen verfolgt. Details wissen wir besser nicht, aber können sie vermuten: Solche Sachen beginnen mit Schikanieren, Beleidigen, und gehen zeitweise bis zu Einsperren, Berufsverbot, Steinigen… Wie soll man den Menschen dann noch in die Augen schauen können? Und mit sich selbst leben können?

Er ist aber in dieser Gebrochenheit nicht allein. Worte in unserem Text wie Syrien und Damaskus verweisen uns auf einen weiteren Sachverhalt: Auch unsere Welt ist gebrochen. Wir wissen nicht, wie es mit der Gewalt in diesem Land und in vielen anderen Ländern weitergehen soll. Im Moment ist es doch so, dass die Gewalt in diesem Land seine Opfer durch das Fernsehen in unsere Wohnzimmer hineingeschüttet werden. Blut, Leiden, und wieder Hass zerreißen das Leben von Menschen. Auch das Leben, das wir ganz besonders schützen möchten, das von Kindern, wird hier gnadenlos zerstört.

Woher kommen dieser Hass und diese Gewalt? Paulus bietet eine Antwort an, die uns zunächst schockieren kann, weil wir sie immer wieder aus dem Mund von Antisemiten hören. Er spricht vom Judentum. Er tut das mehrfach, wenn er von seiner Bekehrung spricht. Warum hatte Saulus dieses extreme Bedürfnis, die Kirche zu verfolgen?

Manche reden von einer Art Christuskomplex, als psychologisches Problem des Menschen Paulus. Warum nicht? Paulus selbst geht jedoch davon aus, dass sein Fall nicht sonderbar ist. Es handelt sich um mehr als seine eigene, geistliche und damit verbunden auch psychologische Biographie. Es gibt noch mehrere seinesgleichen. Es geht um eine Struktur, die er Gesetz nennt, und die für ihn vom Judentum nicht zu trennen ist.

Hier ließe sich übrigens mit Paulus streiten. Innerhalb des Judentums gibt es viele Strömungen, und die pharisäische ist nur eine. Und auch das Gesetz muss nicht als erzieherischer Kerker verstanden werden. Es gibt auch Freude am Gesetz. Niemand im Judentum behauptet übrigens, außer Paulus, dass, wenn man den Weg des Gesetzes geht, alles bis zum I-Tüpfelchen ausgeführt werden muss. Ein stetes sich Bemühen ist auch nicht schlecht!

Aber Paulus geht es um mehr als das Gesetz als solches. Alles kommt auf den Gebrauch des Gesetzes an. Das Gesetz kann als Anklage gebraucht werden, gewiss, aber auch als Weg, miteinander vor Gott leben zu können.

Paulus spricht von einer zerstörerischen Struktur, die das Gesetz als Anlass nehmen kann. Sie kann das Gesetz gebrauchen, aber auch ähnliche Systeme. Das gleiche Problem zeigt ja Paulus selbst mit der griechischen Weisheit. Es geht um diese Systeme, die den Menschen eine selbsterschaffene Identität geben. Durch ihre Leistungen, durch ihr Besser-sein, durch ihren sozialen Status, durch ihre bessere Noten, durch viele geschriebene und reichlich verkaufte Bücher, durch die eingeworbenen Drittmittel, oder durch Erfolg bei den Studierenden geben wir uns eine Identität, wollen wir gelten vor Gott, vor uns selbst und vor den Menschen. Wir können auch nicht anders, einfach weil wir diese Geltung brauchen, um zu leben.

Es gibt aber auch subtilere Systeme. Es gibt Studierende, die sehr stolz darüber sind, nicht zu arbeiten. Sie sind cool, und zeigen es auch. Und wenn Sie sich für eine Sache interessieren und sogar leidenschaftlich mit ihr beschäftigen, machen sie das nachts, um es nicht zu zeigen. Genauso gibt es Kollegen, die mit ihrem Nicht-zu-sehr–ernst-nehmen mit der Arbeit kokettieren. Auch hier gibt es Arten, sich vor Gott und den Menschen zur Geltung zu bringen. Bonhoeffer sprach von dem schlimmsten aller Pharisäismen, von dem des Zöllners. „Seht, ich gehe gerechtfertigt nach Hause, denn ich bin nicht so selbstgerecht, wie diese unerträglichen Pharisäer!“ Genauso gibt es den Stolz über die eigene Demut, eine besonders gewürdigte Tugend.

Nun führen diese Systeme vom Hochmut zur Ausgrenzung. Um sich seine eigene Identität als „winner“ zu konstituieren, brauche ich einen “loser“. Der Pharisäer braucht einen Zöllner, um seine Gerechtigkeit zur Geltung zu bringen. Der Weise braucht den Tor, der glänzende Student die mittelmäßigen, und der Star in der Theologie die versagenden Kollegen. So führt diese Art, sich eine Identität zu geben zum Verachten, und so manchmal zur Verfolgung. Das Gesetz, in diesem Gebrauch, führt dazu, die Andersdenkenden zu zerstören.

Meinen wir aber nicht, Brüder und Schwestern, dass die Kirche selbst davor geschützt ist, solch ein System der Ausgrenzung zu werden. Es gibt genug Beispiele, wie die Kirche zu neuer Gesetzlichkeit führen kann; so dass Mitglieder und vorzüglich Pfarrer, die dem „normalen“ Bild der konventionellen Lebensweise nicht entsprechen, in der Kirche nicht ihren Platz finden. Zu dieser Normalisierung gibt es Pfarrdienstgesetz. Deswegen muss Paulus auch mit der Kirche brechen. Paulus versteht sich nicht selbst als der Untertan und Gesandte der Gemeinde von Jerusalem. Sein Auftrag kommt direkt von dem auferstandenen Christus. Zwar hört er auf die Vorgänger, die Kollegen aus Jerusalem. Nach einer gewissen Zeit der selbstständigen Arbeit empfindet er sogar das Bedürfnis, Petrus kennenzulernen. Aber er absolviert bei ihm kein Praktikum. Es handelt sich hier um eine Art gegenseitige Visitation. Auch die Kirche ist Fleisch und Blut, mit der entsprechenden Gebrechlichkeit, mit der Sünde, die darin besteht, die Gebrechlichkeit abzulehnen, mit verkrusteten Strukturen, und mit einem Ausgrenzungssystem, das sich damals dadurch zeigte, dass man die Heiden nicht integrieren wollte.

Brüder und Schwestern, wie werden wir frei? Wie entgehen wir diesen Systemen des Hochmuts und der Ausgrenzung? Es ist wie ein Netz, in dem wir uns noch mehr verfangen, wenn wir versuchen, uns zu wehren. Wir entgehen ihm eigentlich nicht. Wir werden frei, wenn wir lernen, damit zu leben. Paulus verweist uns auf zwei Wege.

Erstens geht es um das Lob Gottes. Wer sich rühmen will, rühme sich des Herrn. Das Lob an Paulus ist weiterzuleiten auf Gott selbst. Sie preisen durch mich Gott. Gott steht am Ende. Ihm gebührt das Lob. Wer sich rühmen will, rühme sich im Herrn. Paulus verbietet uns den Ruhm nicht, er weiß, wie wir angewiesen sind auf Geltung. Aber es gilt, diesen Ruhm weiter zu leiten.

Zweitens geht es darum, in Christus die eigene Gebrochenheit anzunehmen. Ich lasse mir meine Identität von Gott in Christus geben, und das ist nicht die Identität eines perfekten Menschen. Es ist eine Taufidentität, wo der Tod von vornherein schon dazu gehört, und wo man mit allen Wassern gewaschen ist. Diese Identität schließt meine Schwächen, mein Sündersein, meine verworrenen Wege ein. Das Kreuz führt Saulus dazu, sich Paulus nennen zu können. Er entdeckt seine eigenen Schwächen als die Gelegenheit, in der sich die Kraft Gottes erweist. Er lernt die Fruchtbarkeit der eigenen Schwächen kennen.

Der Mensch ist die Krone der Schöpfung; damit müssen wir leben. In seiner großen Güte hat Gott uns Menschen dazu eine große Hilfe gegeben, das ist der Humor. Irgendwann beanspruche ich von irgendeiner hochqualifizierten Institution einen Doktor humoris causa.

Beim Schriftsteller Albert Camus haben wir so ein heilsames, aber auch zerstörerisches Gelächter. Im Buch „Der Fall“ wird von einem Alleskönner gesprochen, der viel Erfolg hat sowohl im Beruf wie bei den Frauen. Alles geht gut, bis er irgendein Gelächter vernimmt, das er für sich nimmt, und das ihn nicht mehr loslässt. So wird ihm die Absurdität der eigenen Existenz plötzlich bewusst, und er kann das Spiel nicht mehr mitspielen. Er wird davon zerstört.

Das Gelächter muss aber nicht das der Absurdität sein, es kann auch mit Gottes Gnade verbunden sein, der uns liebevoll auf den Arm nimmt. So dass wir immer noch nach Geltung, Ehre und Ruhm trachten, aber wissen, dass diese ganzen Dinge unsere letzte Identität nicht ausmachen. Unsere letzte Identität spielt sich woanders ab, wie es Bonhoeffer wohl verstanden hatte:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich trete aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

wie einer, der siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe?

Wer bin ich? Der oder jener?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! Amen.

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Letzte Änderung: 08.07.2013
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