05.08.2012: Prof. Dr. Gerhard Rau über Jeremia 1,4-10

Prof. Dr. Gerhard Rau

 

PREDIGT  IN  DER  PETERSKIRCHE  IN  HEIDELBERG

9. Sonntag nach Trinitatis,  5. 8. 2012,  Jeremia 1, 4 – 10

 

 

„Und des Herrn Wort geschah zu mir:

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Ich aber sprach: Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.

Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: „ich bin zu jung“,  sondern du sollst  gehen, wohin ich dich sende, und predige alles, was ich dir gebiete.

Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr.

Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören  und verderben sollst und bauen und pflanzen.“

Herr, segne Reden und Hören!

 

Die kurzfristige Zusage, in der Peterskirche am heutigen Sonntag den Gottesdienst zu halten, ohne vorher den vorgeschlagenen Text wahrgenommen zu haben, erbrachte die Erfahrung, bereits beim Aufschlagen des Predigttextes  von dessen Wucht beinahe  erdrückt zu werden. Es ist die Berufungsgeschichte des Jeremia, die wohl  zu den erstaunlichsten Dokumenten der religiösen Weltliteratur zu zählen ist.

Jeremia war ein Prophet in einer besonders prekären Phase der Geschichte Israels. Der Norden des Landes, das sog. Nordreich, ist bereits von den Assyrern  zu einem Vasallenstaat erniedrigt; das Südreich, also Judäa mit Jerusalem, in einer ersten Eroberungswelle von den Neubabyloniern, den Machterben der Assyrer, ebenfalls seiner Eigenständigkeit beraubt, wenn auch noch mit einem eigenen, dem willfährigen  König Zedekia gleichsam als schein-selbständig geduldet.

Durch die Aufstandsgelüste einiger Nationalisten, die mit Hilfe Ägyptens dem gleichen Schicksal wie dem der ersten Jerusalemer Deportiertengruppe nach Babylon entgehen wollten, kommt Jeremia in arge Bedrängnis, denn er hat im Namen Gottes vor dieser ägyptischen Koalition zu warnen.

Die Folgen einer solchen Unglücksprophetie sind bekannt: er wird in eine Zisterne geworfen; sein endgültiges Ende, vielleicht in Ägypten,  bleibt schließlich im Dunkel.

Würde der Alttestamentler Claus Westermann noch leben, ich hätte ihn umgehend angerufen und ihn daran erinnert, er habe einmal geäußert, nicht alle alttestamentlichen Texte, die in der Perikopen-Ordnung aufgeführt seien, taugten zu Predigttexten auf einer christlichen Kanzel. Meine Hoffnung dabei, er  als exegetischer Fachmann hätte mich umgehend dispensieren können davon, über diesen gewaltigen  Text eine christliche Sonntagspredigt halten zu sollen. 

Wer kann sich denn erdreisten, eine solche singuläre Berufungsgeschichte auf sich selbst oder auf irgendeine heutige religiöse Instanz zu  beziehen? Umgehend würde er des religiösen Größenwahns verdächtigt.

Eine gewisse Entlastung stellt sich merkwürdigerweise dadurch ein, dass die neueren Kommentatoren  darauf verweisen, dieser Text sei wohl wie bei der Ouvertüre einer Oper des 19. Jahrhunderts nachträglich, und zwar so bewusst komponiert,  dass  die Motive der ganzen späteren Jeremia-Dokumentation  vorweg  anklingen.  Die  Streitdebatten des Propheten mit Gott, sich vor der Unglücksprophetie drücken zu wollen,  bleiben somit  von Gottes verheißener Präsenz  umfangen und verlieren dadurch ihren tödlichen Schrecken. Bis in die Wortwahl  hinein will Gott helfend präsent bleiben. Das Wirken des Jeremia soll und kann unter der Ermutigung stehen: Fürchte dich  nicht!

Wenn ich sage, dass diese  nachträgliche Redaktion der Geschichte von der Ursprungsberufung für unsere Predigt eine tröstliche Entlastung darstelle, so deshalb, weil der Text somit sorgfältig theologisch redigiert und bewusst gestaltet ist als eine allgemeine und realistische Erfahrung mit Gott, die eben nicht auf  Jeremia beschränkt bleiben muss.

Ein Prophet im Streitdialog mit einem Gott, der ihn überfordert und dadurch mehrfach in Lebensgefahr bringt, weil er  verkünden muss, wie Gottes Güte durch Gottes Strafe hindurch  zum Zuge kommt.

Wie harmlos  klingt im Vergleich  zu dieser Gottes-Intonation die Rede vom bürgerlichen  „lieben Gott“. Am Ende des Ersten Weltkriegs hatten die Theologen der Dialektischen Theologie ähnliche Gotteserfahrungen gemacht wie Jeremia, und auch sie ahnten, dass die Merkmale des „Tremendum wie des Fascinosum“, des Schreckens wie des Entzückens, gleichermaßen zu einer echten Gottes-Begegnung gehören.

Dass die sog. Klagelieder des Jeremia ein wichtiger Bestandteil der Texttradition sind und dass wie bei keinem anderen der Propheten so sehr  auch psychologische Kategorien des Schmerzes  und der Überforderung die Überlieferung prägen, das alles klingt bereits in der sog. Ouvertüre dieses Prophetenschicksals an, in der Berufungsgeschichte. Das „Glück der Erwählung“  zeigt sich dadurch von Anfang an in seiner ganzen Ambivalenz.

Eine Prophetie im Widerspruch, im Versuch der Verweigerung des äußeren Misserfolgs und der Selbstgefährdung: ist das etwa ein Echtheitszeichen, eine Art von religiöser Garantie für eine wahre Gottespräsenz? Doch selbst diese negativ eingefärbte Paradoxie wäre eine fatale Vereinfachung der Frage, wie Gottes Gegenwart in unserem Dasein, in unserer Welt empirisch nachgewiesen werden könnte.

Modern philosophisch ausgedrückt: Gott ist eben nicht nur im Nein, sondern gewiss auch im Ja. Diese Erkenntnis macht unseren christlichen Glauben aus!

Eines ist zumindest klar: in der Rolle von Heilspropheten, die fortwährend nur ein Füllhorn der „billigen Gnade“ über die Menschen ausschütten, ist Gottes Gegenwart mit Gewissheit nicht  bewiesen.

Was die Gestalt des Jeremia im Verlaufe seines prophetischen Daseins so singulär macht, ist, dass er der erste der Großen Propheten war, bei dem die Botschaft  auch in einem psychischen Notstand ihren Ausdruck suchte, in Konfessionen und Klageliedern, die von seiner persönliche Belastung zeugen.

Ein erster Trost für uns mag darin liegen, dass wir von einer solchen Art von Unheils-Prophetie im religiösen Alltag nahezu verschont bleiben. Die tapferen Zeugen der „Zeugen Jehovas“ am Bahnhof mit ihren apokalyptischen Blättern erschrecken uns Kirchenchristen so gut wie nicht.

Dass eine Apokalyptik in Form von ökonomischen und ökologischen Katastrophen  uns ins Haus stehen könnte, dazu finden sich allerdings reichlich Andeutungen in nahezu jeder Ausgabe einer Tageszeitung.

Das Auffällige daran ist die scheinbar effektive Entkoppelung von Gottesglauben, sprich von jeglicher Religion und politischem Alltagsgeschehen. Gerade das war aber dem Volke Gottes zu Jeremias Zeiten verwehrt.

Erschrocken fragen wir daher: wohin ist das prophetische Amt denn verschwunden?  

Die sehr menschlichen Züge an der Gestalt des Jeremia, sind es, die uns Mut machen, gerade von ihm etwas zu erfahren, was uns hilft in unserer Anfechtung, von Gott allein gelassen zu sein in einer überkomplexen Weltsituation.

Das prophetische Amt existiert bei uns Protestanten eigentlich nur noch in einer zunächst  scheinbar zahmen Modifikation fort: in der dogmatischen Ämterlehre, wo es zunächst von Christus selbst besetzt ist als „königliches, als priesterliches und eben auch als prophetisches Amt“.

Vor allem das spezifische Predigtverständnis im Luthertum hat dann aber im Christuszeugnis auf der Kanzel, bei der Schriftauslegung, das prophetische Element in Form von Zeitdeutung reaktiviert.

Aber genau mit dieser Art von politisierender Kanzelpredigt sind wir oft sehr unglücklich. Die Gefahr einer Reklerikalisierung  des Evangeliums  ist dabei nicht gebannt. So als hätten die kirchlichen Amtsträger nun doch wieder die höhere Wahrheitserkenntnis in Sachen politischer Weltdeutung.

Der spezifisch evangelische  Weg einer Aktualisierung des Prophetenamtes war und ist jedoch ein anderer: nicht zufällig wurde der Begriff der Berufung von der außergewöhnlichen Berufung eines Propheten oder der kirchenrechtlichen Ordination in ein Amt gleichsam profanisiert  und für jeden Christen, der getauft ist, in Anspruch genommen.

Die Berufung geschieht nun  im wesentlichen in einen weltlichen Beruf hinein. Der Mensch darf an dem Ort, an den Gott ihn gestellt hat, darauf vertrauen, dass er dort den wahren Gottesdienst in der Gottes- und Nächstenliebe vollzieht.

Man kann  nun in das Jammern verfallen, dass aus dieser großartigen theologischen Einsicht in die Welthaftigkeit des Gottesdienstes, in die Säkularität von Gottes Wirken, leider ein Säkularismus geworden ist, eine Verweltlichung, die jegliche Lebenspraxis unter vernünftig-pragmatische Zwänge stellt, statt sie mit den Tiefen  der eigenen Existenz verbunden sein zu lassen.

Ein trauriger Beweis dafür ist die Verflüchtigung der Bezeichnung „Beruf“ für unseren Weltdienst. Inzwischen sprechen sogar Lehrer, Ärzte, und - man wagt es kaum auszusprechen -  Mütter und Väter von ihrem Job, von der Sache, die sie gut „machen“, die sie erledigen. Eine Berufung durch Gott auf diese Stelle getrauen die meisten sich gar nicht mehr vorzustellen.

Und dabei klingt in dieser Berufungsgeschichte des Jeremia sogar die allertiefste Sehnsucht der meisten von uns Heutigen an: von Mutterleibe an dafür bestimmt zu sein für sein ganz spezielles Leben, das schwer genug jedem zu leben aufgegeben ist.

Dass mit der Vereinigung von mütterlicher und väterlicher Zelle bei der Zeugung das biologische Schicksal und bedingt auch schon das biographische  weithin festgelegt sind, davon lesen wir derzeit als erneut  gefestigter naturwissenschaftlicher Erkenntnis.

Das Bild vom Mutterleib steht  als Symbol für eine solche Individualität schlechthin. Aber genau diese Individualität wird in ihrer Übertreibung, ja Übersteigerung, kurz in ihrer Inflation gegenwärtig von vielen Menschen als schwere Last empfunden. Vermutlich ist sie nur im Zusammenhang mit einem persönlichen Gottesglauben überhaupt zu ertragen.

 

Jeremias Art einer Prophetenexistenz, mit Gott zu streiten, im Widersprechen die Wahrheit zu erforschen: diese Art einer Prophetenberufung  kommt uns näher als jene andere, die als zweiter Typus  einer biblischen Prophetenberufung beschrieben wird. Sie ist von Himmelsszenarien erfüllt wie z.B. bei Jesaja oder auch bei der Christus-Erscheinung des Paulus vor Damaskus.

Jeremias Prophetenexistenz als Dialog mit Gott ist auch eher anschlussfähig für das Selbstverständnis von evangelischen Christen.

Weit über die christlichen Kirchen hinaus  haben solche Berufungsgeschichten  der Bibel gewirkt: letztlich ist der Begriff der unveräußerlichen Würde des einzelnen Menschen geistes- und kulturgeschichtlich  mitbegründet in solchen Geschichten, weil damit die einzelne Existenz  in ihrer Einmaligkeit eben diese Würde erfährt. Nicht nur für die christlich-ökumenische Situation, nein auch im interreligiösen Dialog sind daher solche biblischen Berufungsgeschichten von einer hohen Relevanz.

Um noch  einmal mit philosophischen Begriffen sich dem Verständnis der Bedeutung solcher Berufungsgeschichten  zu nähern: der Mensch kann ohne Seinsgewissheit nicht menschlich existieren!

Natürlich mag das als eine unerlaubte Veralltäglichung von Sondererfahrungen  erscheinen, als eine gefährliche Simplifizierung, die dem derzeit allgemeinen Drang nach Egalisierung geschuldet ist.

Unter dem Dogma der Gleichheit aller im Sinne einer falsch verstandenen neuen demokratischen Gerechtigkeit, die zur politischen Correctness hochstilisiert wurde, könnte die verallgemeinernde Auslegung biblischer Berufungsgeschichten allerdings auch in die Irre führen. Immerhin zeigt jedes Beispiel von Säkularisierung immer auch einen Verlust an religiöser Substanz.

Wir können so zum Schluss nur dankbar sein dafür, dass uns die biblischen Geschichten in ihrer Ursprungsgestalt erhalten bleiben; ihre Bedeutung hätten sie durch eine übertriebene Aktualisierung schon längst  eingebüßt.

Wir dürfen die Zusage Gottes an Jeremia dann auch auf uns beziehen, wenn wir  ernsthaft  nach dem spezifischen Auftrag  Gottes in unserem Leben fragen: „Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir und will dich erretten.“  Wie das dann im einzelnen aussieht, das bleibt meistens eine innere Sinn-Erfahrung, die sich einer öffentlichen Darstellung  versperrt und wie bei Jeremia am Ende  in einem dunklen Geheimnis geborgen bleibt.

.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre  unser Herzen und Sinne in Christus Jesus , Amen.

  

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 13.04.2021
zum Seitenanfang/up