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06.11.2016: Prof. Dr. Martin Hailer über Mi 4,1-5

Peterskirche Heidelberg

Gottesdienst am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 6.11.2016

 

Predigt über Mi 4,1-5

 

 

Prof. Dr. Martin Hailer

 

 

Liebe Gemeinde,

 

wir leben unser Leben nicht allein. Wir leben nicht nur je für uns selbst so vor uns hin. Wir leben mit unseren Mitmenschen und für sie. Und, das ist heute vor allem das Thema, wir leben unser Leben im Angesicht Gottes und auf ihn zu. Eingangs dieses Gottesdienstes haben wir gebetet: »1000 Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Lehre uns bedenken dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.« Da haben wir es schon: wir leben unser Leben nicht allein, weil wir wissen dass es endlich ist. Wir leben unser Leben nicht allein, weil wir wissen: Es geht auf Gottes definitives Leben, auf seine Wirklichkeit zu. Es ist eines zu sagen, dass das Leben so und so lange dauert. Wohl ein anderes ist es, zu sagen, dass unser Leben auf Gottes definitives Leben zu strebt. Er, Gott, setzt unserem Leben die Grenze. Genauso aber gibt er unserem Leben die Richtung. Das was von Gott her gilt, gilt auch schon jetzt und scheint in unser Leben hinein. Das was Gottes endgültige Zukunft einst bestimmen wird, bestimmt uns bereits jetzt. Hören wir in diesem Sinne einige Verse aus dem Buch Micha.

 

In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat's geredet. Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewiglich! (Mi 4,1-5)

 

In den letzten Tagen soll das geschehen, sagt der Prophet. So sei es und lassen wir es gänzlich Gott anheimgestellt, wo, wann und wie das stattfindet. Entscheidend ist: wir hören es hier und heute. Dieses Licht, von dem letzten Tag Gottes, scheint bereits jetzt herüber zu uns. Es beleuchtet unser jetziges Leben. Daraufhin gehen wir zu. Hören und sehen wir, wie unser jetziges Leben in diesem Licht aussehen mag.

Und dann hören wir zuerst: Der Berg auf dem des Herrn Haus ist, fest steht fest und ist höher als alle Berge und ist über alle Hügel erhaben. Die im Alten Testament bewanderten wissen es: Damit ist der Berg Gottes in Jerusalem, der Zion gemeint. Auf dem Berg Zion stand der Tempel des jüdischen Volkes. Heute ist er, Gott sei’s geklagt, zwischen mehreren Religionen umstritten, die den Frieden untereinander wahrlich noch nicht gelernt haben. Gleichviel: Der Zion ist der Ort der Gegenwart Gottes unter Weltbedingungen. Hier zeigt sich Gott. Hier begegnet er, hier können Menschen in Austausch mit ihm treten. Das war immer der Sinn des alttestamentlichen Tempelkultes. Und wenn Menschen jüdischen Glaubens einander zurufen: »übers Jahr in Jerusalem!«, dann meinen sie genau dies. Mögen wir doch dort sein, wo Gott mitten unter Menschen präsent ist. Von diesem Berg, auf dem der Herr präsent ist, wird nun gesagt: Er ist höher als alle anderen und er ist über die Hügel erhaben. Die logische Folge ist dann: von überall her wird er gesehen. Und die Völker werden herzulaufen und viele Heiden werden hingehen und sagen: kommt lasst uns zum Berg Gottes gehen. Die Fachleute wissen es: Das ist die sogenannte Wallfahrt der Völker zum Zion. So soll es sein, am letzten definitiven Tage Gottes. Und heute? Ich höre das Wort von der Wallfahrt der Völker zum Zion vor allem als Aufforderung und als Ermutigung an uns. Seit so, lebt so, dass andere herzukommen wollen und auch teilhaben. Eine Kirche, eine Gemeinde ist ein kleiner Zion. Sie sie lebt am besten im Licht des letzten Tages Gottes, wenn sie so lebt: Andere mögen herzukommen, es ist attraktiv für sie. Strahlen wir das aus? Leben wir so? Ich weiß es nicht und es steht mir nicht zu, dies hoch von der Kanzel herab zu beurteilen. Aber ich will es mir und uns allen gesagt sein lassen. Der große indische Pazifist und Politiker Mahatma Gandhi hat das einmal trefflich ausgedrückt. Er war im Gespräch mit christlichen Missionaren. Den Herren wird womöglich nicht ganz wohl gewesen sein in ihrer Haut, hatten sie es doch mit einem praktizierenden Hindu zu tun, einem weltberühmten dazu. Gandhi begegnete ihnen aber mit entwaffnend Offenheit. Er sagte sinngemäß: »Es ist recht dass Sie hier sind. Und wenn sie missionarische Tätigkeit entfalten wollen, so tun Sie dies bitte. Es ist wie mit einer Blüte. Wenn sie Bienen anziehen möchte, dann muss sie duften. Also meine Herren: duften Sie!«

So etwa ist das mit dem Gottesberg Zion. Es wird so sein an Gottes letzten Tag. Was zu uns herüber scheint, ist dies: Leben wir so, dass andere gern herzukommen mögen. Oder mit den Worten Mahatma Gandhis: duften wir. Um angestrengte Programme geht es also nicht. Und schon gar nicht um Missionsprogramme, bei denen mit Zahlen belegt wird, wer der beste Missionar sei. Vielmehr: tut, wozu ihr berufen seid. Die Attraktivität wird sich von selbst einstellen.

Ein Schritt weiter. Worin besteht eigentlich diese Attraktivität? Hier ist die Botschaft des Propheten ganz eindeutig: von Zion wird Weisung ausgehen. Und diese Weisung führt dazu, dass Menschen den Krieg verlernen. Die Völker werden wider einander das Schwert nicht mehr erheben. Und sie werden, dies Bild hat Schule gemacht, ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden. Das ist die große, die pazifistische Vision des Propheten Micha. Die etwas Älteren von uns mögen vielleicht an die Friedensbewegung der 1980er Jahre denken, wenn sie dies hören. Noch wichtiger vielleicht: Die Friedensbewegung in der ehemaligen DDR hat sich dies Wort aus dem Buch des Propheten Micha zu Eigen gemacht. Dort hieß es wirklich etwas, sich der Militarisierung des Lebens entgegenzustellen. Offiziell nannte sich die DDR einen Friedensstaat. Das Motto hatte sie sich zu eigen gemacht, eine bekannt gewordene Skulptur gab es auch; ein Geschenk der Sowjetunion. Aber sie war es gewiss nicht. Mutige Männer und Frauen aus der Kirche der DDR aber erinnerten daran: Die Gesellschaft war vielmehr auf dem Wege einer immer weitergehenden Militarisierung. Der Dienst in der NVA, der sogenannte Wehrkundeunterricht in den Schulen und vieles andere mehr sprach deutliche Zeichen. Als dann bei einem Kirchentag in Wittenberg im Jahre 1983 tatsächlich eine Aktion stattfand, bei der ein Schwert zu einer Pflugschar ungeschmiedet wurde, da riskierten diejenigen etwas, die es taten. Der später bekannt gewordene Pfarrer Friedrich Schorlemmer war unter ihnen.

Ein mutiger symbolischer Akt? Sicher auch. Aber ich denke, es geht darüber hinaus. Dieser mutige symbolische Akt lehrt uns etwas. Der Prophet nennt es: Dass die Völker nicht mehr lernen, Krieg gegeneinander zu führen. Das ist es. Ein Mensch des Friedens wird man nicht an einem Tag. Zu tief ist in uns ein geimpft, dass Gewalt ein Lösungsmittel sei. Zu selbstverständlich haben wir gelernt, dass Kriege Lösungen bringen könnten. Im Licht des letzten Tages Gottes geht es um einen Lernprozess. Um eine Einübung in das neue, das gewaltlose Leben vor ihm. Das ist eine deutliche, eine überaus wichtige Zeitansage für unsere Gegenwart. Denn, ich kann mir nicht helfen: Wir lernen eher, den Krieg zu führen, als dass wir es verlernen würden. In fataler Weise wird uns selbstverständlich, dass militärische Auseinandersetzungen stattfinden. Selbst die Bundeskanzlerin, die ihre Worte stets sorgfältig wählt, zeigt dies in ihrem Wortgebrauch. Im Juli sagte sie vor der Bundespressekonferenz: »Ich glaube, dass wir in einem Kampf oder meinetwegen auch in einem Krieg gegen den IS sind.« Kann das sein? Es erinnert mich zu sehr an die fatale Idee von Claus von Clausewitz. Er hatte behauptet: Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Nein, das ist er nicht. Der Krieg ist Ausweis des Versagens von Politik. Und wenn wir nicht mehr lernen wollen, Krieg zu führen, dann gilt als erstes: Gewöhnen wir uns nicht daran. Sehen wir das Schreckliche, das aller Normalität Hohn sprechende am Krieg. Man muss kein strikter Pazifist sein, um das zu wissen. Der vor fast einem Jahr verstorbene Helmut Schmidt sagte es einmal so. Selbstverständlich mit einer Zigarette in der Hand: »Eine militärische Aktion zu beginnen, ist leicht. Aber wer weiß, wie er da wieder herauskommt?« Ich meine, da hatte er recht. Und es ist schon ein Stück davon, den Krieg nicht mehr zu lernen. Viele weitere solcher Schritte werden nötig sein.

Der Prophet ist hier ein Realist, kein seichter Träumer. Im letzten Satz des Predigttextes heißt es: Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des Herrn unseres Gottes immer und ewiglich. Dass jedes Volk im Namen seines Gottes wandelt, klingt seltsam. Aber es ist alles andere als seltsam. Es beginnt doch beim ehrfürchtigen Schauen auf die Nationalfarben. Bei der Hand auf dem Herzen, wenn die Nationalhymne gespielt wird. Dabei, dem eigenen Land viel oder gar alles zu opfern. Ich kann mir nicht helfen:
Wer als Präsidentschaftskandidat mit »make America great again« das eigene Land wieder groß machen will, der läuft dem Gott seines Volkes bereits hinterher. Und wir müssen nicht auf ferne Kontinente sehen. Auch in verschiedenen europäischen Ländern wird es ja wieder Mode, die eigene Nation in den Vordergrund zu schieben. Sei es durch den geplanten Austritt aus der Europäischen Union, sei es durch nachhaltige Beschädigung des Rechtssystems und der freien Presse in Ländern, die auch der Europäischen Union angehören. Völker wandeln im Namen ihrer Götter, gerade jetzt, gerade in der Gegenwart. Wer wären wir, unser eigenes davon auszunehmen? Und so höre ich das endzeitliche Wort des Propheten vor allem als Appell, als Aufruf, als Ermöglichung: Ein jedes Volk und auch meines wandelt im Namen seines Gottes. Ihr aber habt ist nicht nötig diesen Göttern der Völker hinterher zu laufen. Ihr dürft, ihr sollt es anders machen. Ihr gehört zu dem Gott, der am Ende alles in allem sein wird. Schon jetzt scheint von seinem Tag das Licht zu euch herüber. Deswegen habt ihr es nicht nötig, den Göttern der Völker hinterher zu laufen. Ihr müsst schon jetzt nicht mehr lernen, den Krieg zu führen. Ihr könnt schon jetzt Schwerter zu Pflugscharen schmieden.

Wir leben, sagte ich eingangs, unser Leben nicht allein, sondern auf Gott zu. Und das heißt: dem gerade jetzt üblichen müssen wir nicht hinterher laufen. Wir wissen: von Zion geht Weisung aus. Wir wissen: Gottes Wirklichkeit ist so, dass die anderen, dass alle und damit auch wir dazu laufen werden. Und deswegen können wir uns oft Gottes neue Wege wagen. Singen wir es mit Worten, die entstanden, als Mauern fielen und nicht mehr der Krieg gelernt wurde:

 

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,

Weil Leben heißt: sich regen, weil Leben Wandern heißt. (EG 395,1)

 

Amen.

 

 

 

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel vor der Bundespressekonferenz, 28.7.2016.

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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