06.04.2012: Prof. Dr. Manfred Oeming über Mt 27,24-50 (Hd Katechismus 37-44)

 

Christus leidet und stirbt – für uns?

Karfreitagspredigt

in der Predigtreihe über den Heidelberger Katechismus

hier zu Frage 37-44

 

Von Manfred Oeming

 

Textgrundlage Mt 27,24-50

(im Rahmen der Liturgie verlesen)

24 Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu! 25 Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! 26 Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde. 27 Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium und sammelten die ganze Abteilung um ihn. 28 Und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an 29 und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König! 30 und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt. 31 Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen. 32 Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug.

33 Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte,

34 gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken.

35 Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum.

36 Und sie saßen da und bewachten ihn.

37 Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.

38 Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.

39 Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe

40 und sprachen: „Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!“

41 Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen:

42 „Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben.

43 Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.“

44 Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.

45 Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Ps 22)

47 Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia.

48 Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken.

49 Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe!

50 Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.

51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.

52 Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf

53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.

54 Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

 

(Textabschnitt des Heidelberger Katechismus mit Frage und Antwort 39-43 lag der Gemeinde als „Handout“ vor)

 

1.    Karfreitag ist ein Tag des Nicht-Verstehens und Verhöhnens und so ein Tag der Selbstbesinnung

 

Liebe Brüder und Schwestern,

viele Menschen tun sich schwer mit Karfreitag. Es ist so ein Kreuz mit dem Kreuz. Mir ist ein Text des Moslems Navid Kermani aus der Neuen Zürcher Zeitung im Ohr, in welchem er seine Gefühle als Moslem beim Betrachten eines Kruzifixes beschreibt:

„Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir genießen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen. Ich kann im Herzen verstehen, warum Judentum und Islam die Kreuzigung ablehnen.“ (NZZ vom 14. März 2009)[1]

Diese kritischen Anfragen treffen vielleicht auch uns ins Herz und wir kommen in Verlegenheit: Warum wählten die Christen ausgerechnet das Folter- und Hinrichtungswerkzeug Kreuz als zentrales Symbol unseres Glaubens? Warum nicht z.B. einen Kussmund als Zeichen der Liebe oder ein offenes Grab als Zeichen der Überwindung des Todes? Dieser Gekreuzigte entspricht so gar nicht unseren Wünschen – darin sind wir uns mit Moslems und Juden sicher einig. Der Gekreuzigte fordert – so erzählen es alle Evangelisten – in seiner schweigenden Schwäche geradezu zum Spott heraus:

Auch der Heidelberger Katechismus fragt explizit: Frage 40: Warum hat Christus den Tod erleiden müssen? Und Frage 43: Welchen weiteren Nutzen haben wir aus Opfer und Tod Christi am Kreuz?

In der Erzählung des Matthäus, die wir eben von Frau Dr. Gabriele Soyka so eindrucksvoll verlesen bekommen haben, nehmen Figuren, die diesen verständnislosen Spott repräsentieren,  den größten Raum ein. Matthäus entfaltet narrativ breit eine Kaskade des Hohns: die Soldaten, die Passanten, die Schriftgelehrten und sogar die mitgehängten Mörder - sie alle spotten und lästern. Karfreitag ist der Tag des großen Ablästerns und Auslachens.

Zunächst die Soldaten. Sie stehen stellvertretend für alle, die ihre Stärke gerne an Schwächeren demonstrieren. Jesu Wehrlosigkeit lockt ihre Machtgelüste heraus: „Und noch eins drauf. Kräftig nachtreten und draufhauen!“ Es ist so leicht, ins allgemeine Lästern einzustimmen. Es entlastet doch ganz ungemein, wenn man sich abreagieren kann. Es macht ich mich groß, wenn ich die anderen klein mache. Es macht Spaß, so einen richtig fertig zu machen.

Und dann sind da noch die Vorübergehenden, die ihren Spott treiben, die alles ins Lächerliche ziehen, Verhöhnen ist eine tödliche Waffe. „Er hat doch Gott vertraut; der soll ihm jetzt helfen.“ Wie kann ein Mensch so naiv sein, sein Leben aus der Hand zu geben. Wie dumm von ihm, ohne Gegenleistung zu helfen. Wo sind sie denn jetzt seine Jünger? Weg! - Natürlich. Selber schuld. Völlig naiv zu vertrauen. Keine Ahnung von der Realität. Selber schuld, dass er da hängt. So kommt’s, wenn man an die Liebe glaubt. Gott hat er gepredigt, aber der lässt ihn jetzt hängen.“ So spotten sie und erkennen die Wahrheit, die direkt vor ihren Augen liegt, nicht.

 

Liebe Gemeinde, all diese höhnenden Spötter sind nicht die fernen bösen Randfiguren. Das ist der Mensch in seiner ganzen Selbstgerechtigkeit. Das sind wir selbst. Wir kreuzigen mit, täglich, mit unserem Zynismus, mit unserer Feigheit, mit unserem Unglauben und unserem angeblich realistischen Spott über die Macht der Liebe. Wir haben oft selbst keine hermeneutischen Schlüssel, um die Symbolkraft des Kreuzesgeschehens aufzuschließen. Diese Unfähigkeit, dieser theologisch dunkle Fleck macht mir deutlich, dass Karfreitag zunächst eine gute Gelegenheit ist, über unsere eigenen Sünden nachzudenken. Es geht heute primär um unsere Schuld. Um die Folgen der eigenen Schwächen. Es geht um die vielleicht zentnerschweren Lasten, die auf uns liegen.

Nur da, wo Menschen in der Lage sind, ihr eigenes Elend und ihre eigene Erlösungsbedürftigkeit zu erkennen, nur da, wo mir bewusst wird, dass ich aus eigener Kraft die Geschichte der Schuld, die sich durch die Geschichte der Menschheit und durch mein eigene Lebens zieht, nicht von alleine herauskomme, sondern auf Hilfe von außen angewiesen bin, nur da kann es Karfreitag werden.

 

2.    Karfreitag ist der Tag der dynamischen Umwandlung!

 

Solche Einsicht ist nicht selbstverständlich. Selbst Jesus schreit verzweifelt:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Bis man zu der Einsicht gelangt, dass sich am Kreuz von Golgatha etwas Großes, Wunderbares und Heilsames ereignet, kann es dauern. Lassen Sie es mich autobiographisch sagen: In meiner Heimatgemeinde in Schwalbach/Saar gab es in einem ehemaligen Stall die evangelische Kirche, die wahrlich sehr schlicht war. Ihr einziger Schmuck war nur ein Bibelwort, das in großen braunen Lettern an der weißen Sturmwand des Raumes geschrieben stand:

 

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden;

uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft. (1 Kor 1,18)

Ich habe meine ganze Kindheit und Jugend immer auf dieses Wort geblickt und immer wieder darüber nachgedacht. „Das Wort vom Kreuz ist eine Gotteskraft“? Wieso nur? Auch bei mir hat es gedauert, bis der Groschen gefallen ist. Warum haben wir das Kreuz als Symbol des Christentums? Warum feiern wir Karfreitag? Weil Jesu Tod nicht irgendein Tod ist! Die Römer haben gewiss viele Menschen gekreuzigt. Jesus erscheint oberflächlich nur wie einer mehr, wie einer von den vielen „Verbrechern“. Aber das täuscht. In diesem einmaligen, unwiederholbaren, völlig außerordentlichen Tod wird Gott Mensch, ganz Mensch. Gott erlebt in Christus Schmerzen und Einsamkeit und er erleidet den Tod. Wenn schon die Weihnachtsgeschichte mit den Windeln, in die Jesus gewickelt war, seine Menschlichkeit massiv verdeutlicht, um wie viel mehr macht die Karfreitag-Geschichte deutlich, dass Gott wirklich Mensch geworden ist. Karfreitag ist der Tag der grenzenlosen Solidarisierung Gottes mit den Menschen.

Dieser Einbruch der Transzendenz in die Immanenz, dieser Tod wird enorme Folgen haben, Folgen die die Welt grundlegend verändern.  Der Evangelist Matthäus drückt diese Wandlung der Welt narrativ auf ebenso vielfache Art aus wie den Spott. Er bedient sich mehrerer apokalyptischer Bilder zur Veranschaulichung: Zwar steigt kein Racheengel hernieder. Kein Feuerregen straft die jämmerliche Erde und keine Pestepidemie stopft den Spöttern das Maul. Nein: Die Symbole des grundlegenden Wandels sind ganz andere:

Der Vorhang im Tempel zerreißt, so wie sich Trauernde ihre Kleidung zerreißen. Ein Gestus der Trauer Gottes. Aber diese Trauergeste enthüllt zugleich die bislang verborgene Wirklichkeit Gottes im Tempel. Das Allerheiligste wird frei sichtbar. Im Kreuz wird Gott unverhüllt sichtbar. Was Gott und Menschen bisher voneinander trennte, ist nun hinfällig.

Die Erde bebt. Wer religiöse Symbole lesen kann, kann leicht entschlüsseln, was das bedeutet. Die Grundfesten des Kosmos werden neu geordnet.

Die Gräber tun sich auf. Was für ein herrliches Bild für die Überwindung des Todes! Im Karfreitagsgeschehen ereignet sich das Ostergeschehen sozusagen mit. Die herumwandelnden Heiligen antizipieren das, was drei Tage später passiert.

Die Soldaten wandeln sich: Der brutale Hohn der Folterknechte wird zum tief bewegten Bekenntnis: „Wahrlich, dieser war Gottes Sohn.“ Wenn schon die Soldaten der Besatzungsmacht begreifen, um wie viel mehr sollten es die Kenner der religiösen Überlieferung des Judentums.

Gottes Weg nach unten vollendet sich im Tod. „Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und war gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz“ (Phil 2,6). Jesu Leben, das uns vorgelebt hat, was Liebe und Hingabe an den Nächsten bedeuten, vollendet sich in seinem Tod. Es gibt keine größere Liebe als sein Leben hinzugeben für seine Freunde.

Genau dieser Tod ist dynamischer Umschlagspunkt – an Karfreitag legt Gott den Hebel um: weg von Unverständnis, Folter und Verleumdung hin zum erschütternden Aufbrechen, Öffnen, Bewegung. Gottes Solidarität kommt zum Sieg: Gott wird Mensch, freiwillig.

 

3.    Das Kreuz ist Grund der Hoffnung und der Freude

 

Vielleicht verstehen wir jetzt, warum das Kreuz im Zentrum der Kirche steht? Weil das Kreuz ist dichteste Form für die Botschaft Jesus und des Sinn seines Lebens ist. Jesu Leben war ein Zeugnis des liebenden Einsatzes für Schwache, Blinde und Lahme, für Sünder und Verbrecher; er hat sein Leben total den anderen gewidmet und hingegeben. Karfreitag ist ein unfassbares Geschenk Gottes an den Menschen. Im scheinbar tiefsten Dunkel begegnet uns der liebende Christus – nichts kann uns scheiden von dieser Liebe, die Gott in ihm offenbart.

„Ich bin bei euch alle Tage“ (deines Lebens und am Tage des Sterbens. Es gibt jetzt keinen Ort der Gottesferne mehr).“

Einen Gedanken hat Matthäus in seinem Bericht gar nicht eingebaut: den des stellvertretenden Opfers. Er ist für Protestanten schwer zu vermitteln, selbst viele Theologieprofessoren haben große Schwierigkeiten, diese Tiefendimensionen des Heils im Kreuzesopfer Jeus zu verstehen. Manche machen diese Unfähigkeit sogar zu ihrem Lebensthema.[2]

Aber der Heidelberger Katechismus rückt diesen Gedanken bibelgemäß durchaus ins Zentrum:

Frage 39
Bedeutet sein Tod am Kreuz mehr, als wenn er eines anderen Todes gestorben wäre?

Ja,
denn dadurch bin ich gewiß,
daß er den Fluch, der auf mir lag,
auf sich genommen hat, [Gal 3, 13-14]
weil der Tod am Kreuz on Gott verflucht war. [5. Mose 21, 23]

Frage 40
Warum hat Christus den Tod erleiden müssen?

Um der Gerechtigkeit [1. Mose 2, 17]
und Wahrheit Gottes willen
konnte für unsere Sünde
nicht anders bezahlt werden
als durch den Tod des Sohnes Gottes. [Hebr 2, 9.14-15]

Frage 43

Welchen weiteren Nutzen haben wir aus Opfer und Tod Christi am Kreuz?

Durch die Kraft Christi wird unser alter Mensch
mit ihm gekreuzigt, getötet und begraben,
damit die Sünde uns nicht mehr beherrscht (Kol 2, 12 / Röm 6, 6-8.11.12 / Röm 6, 12),
sondern wir uns ihm
zu einem lebendigen Dankopfer hingeben.

 

Den Fluch auf sich nehmen, die Sünde bezahlen, aus der Macht der Sünde loskaufen, um uns selbst als Dankopfer hingeben – das sind wichtige Gedanken. Warum sie heute nicht unmittelbar verstanden werden, weiß ich eigentlich nicht. Aber angesichts des scheinbar weit verbreiteten völligen Unverständnisses will ich jetzt nicht versuchen, die differenzierte Logik des stellvertretenden Sühnetodes breiter zu entfalten,[3] obgleich sie sich mir als Alttestamentler durchaus erschließt. Wie jeder Jude damals sollte auch jeder Christ heute Exodus 12, das rettende Blut des Passalammes, Leviticus 16, das Ritual des Großen Versöhnungstages mit den beiden Sündenböcken, Jesaja 53, den leidenden Gottesknecht, oder Psalm 22, den Klagepsalm, den wir eben ausschnittsweise gebetet haben und der in Erlösungsjubel endet, am Karfreitag vor Augen haben, um zu verstehen, was auf Golgatha alles passiert. Ich möchte nur so viel sagen: Die beiden Grundängste des Menschen, die Angst vor dem Zorn Gottes und die Angst vor dem ewigen Tod, werden durch diese Opfervorstellungen weggenommen. Blut und Opfer befreien aus der Angst und sagen mir: „Du bekommst einen gnädigen Gott.“ Angemessene Opfer stärken die Gewissheit: Das Leben geht trotz des Sterbens, ja wegen des Sterbens weiter; es gibt einen Neuanfang des Lebens. Und der Heidelberger Katechismus zitiert Hebräer 2,14f.:“Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er's gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel, 15 und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten.“ So verdichtet sich im Kreuz auch die gesamte Opfertheologie der Bibel. In der diesbezüglichen Verehrung des Kreuzes können wir Protestanten von unseren katholischen Mitchristen einiges lernen: Das „Paschamysterium“ – wie man hier sagt, wird in der reichen katholischen Liturgie am Karfreitag mit ungeheurer Wertschätzung entfaltet: z.B. wird das Altarkreuz, das in der Karwoche violett verhüllt war, durch die Kirche getragen und dabei schrittweise enthüllt; vor dem Kreuz werden Blumen niedergelegt; das Kreuz wird geküsst und kniend angebetet. Das alles versinnbildlicht: Im Kreuz ist Heil. Im Kreuz ist Hoffnung, im Kreuz ist die Dynamik des Lebens. Jetzt wissen wir: Wir werden geboren, um zu sterben, aber wir sterben, um zu leben.

Ja, der Tod Jesu bewirkt auch eine ungeheure Dynamik in Gott selbst. Gott selbst versöhnt sich mit der sündigen Welt und vergibt uns um Christi willen all unsere Schuld. Wenn wir gleich das Abendmahl miteinander feiern, dann soll es uns diese doppelte Dynamik verdeutlichen: durch Jesu Tod an Karfreitag wird der Mensch zum Gefäß Gottes, die Gnade Gottes vollendet sich, indem Gott ins Menschsein herabsteigt. Auch wenn dies das Judentum, der Islam und die „christliche“ Gnosis verkennen, im Leiden und Sterben und nur durch den Tod für uns geschieht das Wunder der Gnade Gottes! Und auf der anderen Seite verändert sich Gott zutiefst: Er wird durch den Tod Jesu versöhnt und er zieht jetzt alle, die dies erkennen, zu sich hinauf, hindurch zum Anfang des neuen Lebens. In Manchen gotischen Kirchen gibt es daher grünende Kreuze, wo aus dem nackten Holz frische Blätter sprossen.[4]

In der Betrachtung der Erzählung von Karfreitag führt uns der Evangelist einen Spannungsbogen vom vorösterlichen Jesus als Mensch zum nachösterlichen Christus. Soldaten waren es, die es als erste erkannten: „Wahrhaftig, er war Gottes Sohn.“ Ich wünsche uns allen, dass wir so sind wie diese Soldaten und uns heute von Spöttern zu Anbetern verwandeln. „Wort vom Kreuz ist eine Gotteskraft.“ Deswegen schaue ich froh ‑ und voller Stolz und Dankbarkeit ‑ auf das Symbol der Christenheit: das Kreuz.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne im Kreuz Jesu Christi. Amen!

 

[1] Dieser Text sorgte 2009 bei der Verleihung des Hessischen Kulturpreises für Furore: Wegen dieser Äußerungen, die in dem Gedanken gipfelten, die exzessive Zurschaustellung des Kreuzes mit dem halbnackten Corpus Christi habe etwas „Pornographisches“, protestierten zwei weitere vorgesehenen Preisträger, Bischof Lehmann und der Kirchenpräsident Steinacker, gegen die Preisverleihung an Kermani. Nach einigem Hin und Her bekam Navid Kermani (geb. 1967) den Kulturpreis dann doch noch; 2011 wurde ihm sogar die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen, damit ging die Auszeichnung erstmals an einen Islamwissenschaftler und Muslim. Mit seinen Büchern über Gott ist schön: Das ästhetische Erleben des Koran (1999) und Der Schrecken Gottes: Attar, Hiob und die metaphysische Revolte (2005) hat er sich als sensiblen und tiefsinnigen Religionsphilosophen ausgewiesen.

[2] Klaus Peter Jörns z.B. feiert seit über fünfundzwanzig Jahren unermüdlich Abschiede von der Sühneopfervorstellung, vgl. z.B. Der Sühnetod Jesu Christi in Frömmigkeit und Predigt, ZThK. B 8, Tübingen 1990, 70-93; ders., Notwendige Abschiede: Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum, Gütersloh 2004; ders., Lebensgaben Gottes feiern. Abschied vom Sühneopfermahl: eine neue Liturgie, Gütersloh 2007.

 

[3] Vgl. M. Oeming, "Fürwahr, er trug unsere Schuld". Die Bedeutung der alttestamentlichen Vorstellungen von Sünde und Sündenvergebung für das Verständnis der neutestamentlichen Abendmahlstraditionen, in: A. Wagner (Hrsg.), Sühne - Opfer - Abendmahl. Vier Zugänge zum Verständnis des Abendmahls, Neukirchen-Vluyn 1999, 1-36.

 

[4] Z.B. in der Kirche, in der ich getauft wurde, im Münster von Bad Doberan: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bad_Doberan_-_Kreuz_im_Bad_Doberaner_M%C3%BCnster_%28Christusseite%29.jpg

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Letzte Änderung: 09.10.2018
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