06.07.2014: Prof. Dr. Helmut Schwier über "Singet dem Herrn ein neues Lied" (BWV 225)

„Neuer Atem – neues Lied“

Predigt zur Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ (BWV 225) von J. S. Bach

(Musikalischer Universitätsgottesdienst am 6. Juli 2014 in der Peterskirche)

 

Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier

 

 

 

Singet dem Herrn ein neues Lied; die Gemeine der Heiligen sollen ihn loben. Israel freue sich des, der ihn gemacht hat. Die Kinder Zion sei'n fröhlich über ihrem Könige, sie sollen loben seinen Namen im Reihen [Reigen]; mit Pauken und mit Harfen sollen sie ihm spielen. (Ps 149, 1-3)

 

 

Leipzig, April 1789. Reges Treiben herrscht in der Messestadt, ein Kommen und Gehen, Ankommen und Abfahren. Eine fürstliche Kutsche hat gerade die Innenstadt durchquert. Mit ihr reist Karl Fürst Lichnowsky aus Wien. Aus Prag und Dresden kommend erreicht er nun Leipzig. Nur ein kurzer Aufenthalt, vielleicht ein bis zwei Tage, bevor es weiter geht zum Hof nach Potsdam und Berlin. Lichnowsky ist ein bekannter Kunstliebhaber und Mäzen. Natürlich reist er nicht allein. In seiner Kutsche begleitet ihn der größte Musiker und Komponist seiner Zeit, Wolfgang Amadeus Mozart. Der ist sicher nicht wenig erschöpft nach der Fahrt: Die damaligen Straßen waren reichlich uneben, die Kutschen wenig komfortabel, und zurück lagen einige Konzerte in Dresden, das übliche, zudem ein Virtuosenwettstreit auf dem Klavier und der Orgel mit einem mäßig begabten Kontrahenten, alles nur zum üblichen Plaisir des höfischen Publikums.

Hier in Leipzig gibt es keinen Hof, aber eine traditionsreiche bürgerlich-kirchliche Musikkultur. Trotz der Reisestrapazen macht Mozart dem städtischen Musikdirektor und Thomaskantor Friedrich Doles seine Aufwartung, Doles, seit mehr als 30 Jahren Thomaskantor ist ein gebildeter Mann und erfahrener Musiker, mit dem man trefflich auch über die neueste Musik sprechen kann. Doch als Mozart ankommt, lädt Doles ihn nicht zur Konversation ein, sondern er hat vielmehr ein kleines Überraschungskonzert für den Gast vorbereitet. Die Thomaner beginnen: „Singet dem Herrn ein neues Lied“. Schon nach den ersten Takten stutzt Mozart, noch einige Takte, da ruft er laut: Was ist das? Nun scheint, wie ein Augenzeuge berichtet, seine ganze Seele in seinen Ohren zu sein. Er hört wie gebannt, erfährt dann, dass es eine Motette von Sebastian Bach sei. Nach dem Konzert lässt er sich alle Noten geben. Eine Partitur gibt es allerdings nicht. Inmitten der Notenblätter mit den Einzelstimmen studiert er dann alles von Anfang bis Ende – und bittet dringend um eine Abschrift dieser Musik. „Endlich etwas, aus dem sich was lernen lässt“, soll er noch gesagt haben.

Was hat Mozart gehört, schon in den ersten Takten? Ungehörte, für ihn neue Musik! Unerhörte Musik! Der Anfang der Motette ist nämlich Musik über Musik, Singen über das Singen. Der eine Chor fordert auf: Singet, singet! Der andere Chor folgt gleich der Aufforderung, singt in begeisternden virtuosen Rhythmen und Bewegungen. Beides ist unterschiedlich komponiert und zeigt zwei unterschiedliche Beziehungen zwischen Musik und Sprache.

In einem Chor: Singet, singet! Da entsprechen Silben und Noten einander, die Worte sind klar verständlich. Die gesprochene Sprache bestimmt die Musik. Die Musik bringt den Inhalt zur Geltung, dient dem Wort. Was das Wort sagt, singt der Gesang – natürlich musikalisch intensiviert und etwas eindrücklicher, als wenn es nur gesprochen wäre. Das klingt wie eine theologische Sicht auf Musik oder spezieller: auf evangelische, also auf das Evangelium bezogene Kirchenmusik. Das Evangelium ist die frohe Botschaft, die klar und verständlich weiterzugeben ist. Die Botschaft, davon ich singen und sagen will. Die Botschaft, die gehört werden soll, denn der Glaube kommt aus dem Hören.

In der Motette sind die ersten drei Verse aus Ps 149 die inhaltliche Botschaft. Warum wird hier zum Singen und Loben aufgefordert? Das neue Lied soll erklingen, die Gemeinde soll loben und fröhlich sein, weil Gott handelt. Er hat Israel gemacht. In diesem kleinen Allerweltswörtchen „machen“ stecken die beiden großen Erfahrungen und Glaubenstraditionen der Schöpfung und der Erwählung. Gott hat die Welt erschaffen, den gesamten Kosmos so geordnet, dass Leben möglich wird. Er hat’s gemacht!

Gott hat Israel erwählt, das Sklavenvolk aus Ägypten befreit, sie zu Botschaftern des Glaubens gemacht. Wie alle Völker hat auch Israel in seiner Geschichte bitter erfahren, wie Herrschaft und Unterdrückung durch Religion legitimiert wird. Herrscher nannten sich Söhne Gottes, auserwählt, sein Werk zu tun – und damit waren dann immer die eigenen Interessen, die eigene Macht, die eigenen Wünsche gemeint und verschleiert. Das ist heute nicht viel anders. Der König, über den im Psalm die Kinder Zions fröhlich sein sollen, ist aber Gott selbst. Er ist Kritik und Grenze menschlicher Herrschaft. Er schafft Recht und Freiheit den Unterdrückten. Am Ende der Zeit wird er als Gott von allen erkannt. Gottes Handeln, sein Machen, verändert die Welt. Dem Gott, der Israel befreit und Christus auferweckt hat, gilt schon jetzt unser Singen und Loben.

Solche Botschaft sagt und hört sich leicht – zu leicht? Wir kennen wohl alle die vielen Gründe, die gegen Gottes Handeln in der heutigen Welt und in meinem Leben zu sprechen scheinen und solche Botschaft als Zumutung erleben lassen.

In Ps 149 und in der Motette wird uns aber anderes zugemutet – die Perspektive, dass die Botschaft wahr ist, durch Gott gewiss verbürgt. Stellen Sie sich bitte, meinetwegen als Gedankenexperiment, einen Augenblick vor, dass das wirklich wahr ist: Gott handelt, befreiend und gerecht! Was sind dann die Konsequenzen? Die Konsequenzen für das eigene Leben muss jede und jeder selbst ziehen. Der Psalm nennt darüber hinaus die Konsequenz: Dieser Gott ist zu loben, und zwar leidenschaftlich und überschwänglich, mit allen Instrumenten, mit Reigentanz und Spiel, mit Stimme und Gesang.

Dies komponiert Bach nun auf die andere Weise. Zu den verständlichen Worten tritt der Chor mit den vielen Noten auf einer Silbe bzw. im Bass mit einer einzigen langen Note über 8 Takte auf einer Silbe. Hier löst sich also die Musik vom Text, von der Sprache, vom Wortsinn. Kaum etwas ist präzise zu hören; am Anfang wird ja auch nur die eine Silbe „si“ gesungen. Kein Wunder, dass Richard Wagner über diese seine Lieblingsmotette augenzwinkernd schrieb, sie sei voller „Mückengeschwirre“.

Als Theologe deute ich anders: Dies ist reiner Jubel, Lobpreis des Einen und Höchsten. Solchen Jubel kennen wir aus fast allen Musikkulturen der Welt, aus nahezu allen Zeiten. Was für viele so einmalig scheint, seien es Lobpreisgottesdienste, Rockkonzerte oder manchmal WM-Gesänge, ist Ausprägung und Beispiel solcher vom Text sich lösender Musik.

Schon Augustinus kannte solchen Jubel aus den Gottesdiensten seiner Zeit und nannte ihn die wortlose Musik, die aus dem Herzen kommt. Sie drückt aus, was mit Worten nicht gesagt werden kann. In der Gregorianik wird dieser Jubilus kunstvoll ausgestaltet, meist auf die letzte Silbe von „Halleluja“.

Bachs Motette verdeutlicht die Botschaft durch klares Singen und Sagen, aber sie jubelt gleichzeitig überschwänglich. Beides geschieht in- und miteinander: immer wieder die klare Aufforderung „singet“ zu Beginn und als Motto im gesamten 1. Satz, immer wieder der leidenschaftliche Jubel; und beides wechselt zwischen den Chören und Stimmen hin und her! Wer in Bachs Musik ausschließlich Klarheit und Rationalität sucht, hört zu wenig.

Sicher hat Mozart die gesamte Komplexität gehört, das Ineinander von Klarheit und Emotionen, vernünftiger Rede und überschwänglicher Leidenschaft, biblischer Theologie und menschlichen Gefühlen. In den anschließenden Gesprächen beim Thomaskantor Doles dreht sich manches um neue und misslungene Kirchenmusik. Als sich einer der Gesprächspartner über die sog. geisttötenden Sujets der alten Kirchentexte beschwert, bekennt sich Mozart zu der Leidenschaft und den starken Gefühlen in der Liturgie und fügt sinngemäß hinzu: „Ihr Protestanten fühlt gar nicht, was das will.“

Hier bei Bach ist es auch zu fühlen und zu spüren. Auch wenn ich nichts vom Text weiß, spüre ich Freude, Fröhlichkeit, Tanz und Bewegung. Darin stimmt die gesamte Schöpfung ein (einschließlich der Mücken), schäumt über vor wortlosem Jubel und Ausgelassenheit. Wer aber den Text mitliest, kennt oder hört, begegnet dem Glauben an Gottes Handeln. Wenn das wahr ist, kann nur gejubelt werden! Verständig und leidenschaftlich!

 

 

Wie sich ein Vater erbarmet

Gott, nimm dich ferner unser an,

Über seine junge Kinderlein,
So tut der Herr uns allen,
So wir ihn kindlich fürchten rein. Er kennt das arm Gemächte, Gott weiß, wir sind nur Staub,

Denn ohne dich ist nichts getan mit allen unsern Sachen.

Gleichwie das Gras vom Rechen, Ein Blum und fallend Laub.
Der Wind nur drüber wehet,
So ist es nicht mehr da.

Drum sei du unser Schirm und Licht, und trügt uns unsre Hoffnung nicht, so wirst du's ferner machen.

Also der Mensch vergeht, Sein End, das ist ihm nah.

Wohl dem, der sich nur steif und fest Auf dich und seine Huld verläßt.
 

 

Eine andere Musiksprache und Atmosphäre: verhaltener und ruhiger, nicht überschwänglich jubelnd, dafür inständig bittend. In poetischer Sprache begegnen die Kirchenliedstrophe von 1530 und eine zeitgenössische Dichtung. Wahrscheinlich hat Bach selbst beides einander zugeordnet.

Wir hören den Choral, der den Glauben der Kirche ausspricht, fest, sicher, unerschütterlich. Wir hören die Aria als Stimmen der gegenwärtig Glaubenden, die sich der Tradition zuordnen. Die Worte des Chorals benennen Gottes väterliches Erbarmen und die Vergänglichkeit unseres Lebens. Zur Schöpfung gehört das Sterben. Was ich am vergänglichen Gras, an verblühenden Blumen wahrnehme, gilt für mich: Der Mensch vergeht, sein End, das ist ihm nah.

Gottes Handeln in meinem Leben bewahrt mich nicht vor dem Sterben. Der reine, überschwängliche Jubel entlässt mich nicht aus dem Hier und Jetzt, aus meinen Aufgaben, aus meiner Vergänglichkeit, die das Hier und Jetzt ja auch kostbar macht. Wie und was kann ich hier hoffen? Nicht zu vollmundig, aber auch nicht ängstlich höre ich als Botschaft des Chorals: Gott erbarmt sich seiner Geschöpfe. Kleine Kinder („junge Kinderlein“) lassen uns lächeln und immer wieder auch staunen. Sie wecken in vielen die selbstverständliche Bereitschaft zu Schutz und Fürsorge. So tut Gott an uns allen, versichert der Choral.

Die Tradition, gerade auch die Tradition des Glaubens, braucht die Reaktion der Einzelnen. In der Motette führt dies zur Reaktion des Betens. Als vergänglicher Mensch höre ich von Gottes Erbarmen und bitte daher: Nimm dich unser an, sei du unser Schirm und Licht. Über Gott kann kein Mensch verfügen, nicht über den allmächtigen Schöpfer, nicht über den barmherzigen Vater. Daher ist das Beten die angemessene Reaktion. Aber angesichts meiner Vergänglichkeit bin ich kein Glaubensheld. Daher bleibt auch Raum für den Vorbehalt einer trügerischen Hoffnung. Falsche Sicherheit wird also nicht vorgegaukelt; aber Gewissheit, die in Gott gründet, soll herrschen.

Ich höre dies auch in Bachs Vertonung. Das Gebet der Einzelnen findet frei gestaltete Melodien aus drei kleinen Motiven. Sie werden immer neu variiert. Eindringlich und oft wiederholt bleibt die ständige Bitte um Gottes Nähe und Annahme: „Gott, nimm dich ferner unser an.“ Doch zum Ende, bei den Worten „sei du unser Schirm und Licht“ und „wohl dem, der sich nur steif und fest“ komponiert Bach eine damals sehr bekannte Choralzeile in die Stimmen der Einzelnen hinein. Sie ist dort hörbar, manchmal in einer Stimme, manchmal in zwei Stimmen. Und ich kann in sie einstimmen; aber sie dominiert nicht mein Beten. Für mich die Botschaft: Ich kann zur Gewissheit gelangen, die in Gott gründet und die die Kirche bekennt. Das geschieht nicht plötzlich, sondern ist ein Weg. Manchmal scheint die Hoffnung zu trügen, aber ich bleibe dennoch auf dem Weg. Manchmal vertraue ich mich der Stimme der Tradition an, aber dies entpflichtet mich nicht von eigener Stellungnahme und Verantwortung.

Glücklich der Mensch, der sich auf Gottes Huld verlässt! Denn er wird neu zum Jubeln und Loben geführt.

 

 

Lobet den Herrn in seinen Taten, lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!

Alles, was Odem hat, lobe den Herrn, halleluja! (Ps 150, 2+6)

 

 

Glücklich der Mensch, der sich auf Gottes Huld verlässt! Er wird neu zum Jubeln und Loben geführt. Zunächst ist die Motette hier klassisch doppelchörig. Mit Rufen und Gegenrufen treten die beiden Chöre zueinander in Beziehung. Ein Stück alter venezianischer Musiktradition mitten in Leipzig und mitten in Heidelberg! Die Chöre vereinen sich schließlich im großen Klang der Achtstimmigkeit, bevor sie dann in die überschwängliche Fuge einstimmen: alles, was Odem hat, lobe den Herrn.

„Aller Atem lobe Gott“ – heißt es wörtlich in Ps 150. In universaler Ausdehnung ist an die ganze Schöpfung zu denken. Alles Leben lobe Gott. Alle Geschöpfe sollen den Herrn preisen. Thomas Weiß, Badischer Pfarrer und Lyriker, hat in Variation von Brechts Kalendergeschichten vom Herrn K. Geschichten von Herrn G. geschrieben. Eine geht so:

„Ganz besonders liebte Herr G. die Musik. Darum versammelte er in gewisser Regelmäßigkeit das Orchester dieser Welt und probte seine Symphonien. Dann sangen die Buckelwale, die Fliegen surrten, [die Mücken schwirrten], Tiger grollten mit ihrem ganz unvergleichlichen Bass, die Büffel stampften im Takt und zwischenein sang ein Pirol ein Piccolo. Sehr, sehr ärgerlich konnte Herr G. werden, wenn die Töne nicht zusammenklangen. Das war, wenn der Menschenpuls fehlte.“ (Th. Weiß, Geschichten vom Herrn G., 2013, 128)

Bei der Symphonie der Schöpfung ist der Mensch weder ein strahlender Virtuose noch gar der Dirigent. Aber sein Puls darf nicht fehlen, schreibt Thomas Weiß. Sein Impuls ist nötig, ein Impuls zu Fürsorge und Schutz, zum Vertrauen und zum Lob. Das Lob basiert auf Sprache: auf der Sprache der Psalmen, auf der Sprache der Tradition und der Gegenwart, auf der Sprache der Musik.

Bach gestaltet diesen Impuls zum Lob mit großem Atem. Aus seinem Originalmanuskript ist übrigens noch rekonstruierbar, dass er das Schlussmotiv zunächst einfacher und kürzer entworfen hatte. Dann wurde das Fugenthema länger und dadurch vor allem dem Jubel des Anfangs und der Reigentanzfuge vergleichbar. Verständlich wird aufgefordert, diesen Gott, der handelt, zu loben. Der Jubel ist gleichzeitig leidenschaftlich und überschwänglich. Die Fuge durchbricht immer wieder die Kompositionsregeln und überschreitet im drittletzten Takt mit dem unerhört hohen Spitzenton des Soprans den bisherigen Tonraum dieser Motette und nahezu aller bis dahin komponierten Chormusik. Im Lob Gottes werden die Grenzen durchbrochen. Aller Atem lobt Gott.

 

Und Mozart? Die in Leipzig erbetene Abschrift der Bachmotette hat er erhalten. Noch heute wird die Partitur in Wien aufbewahrt. Mozart notierte darauf: „Müßte ein ganzes Orchestre dazugesetzt werden!“ Kongenial erkennt er die klanglichen und rhythmischen Dimensionen dieser Motette, ihre Beziehung zum italienischen Concerto, aber vor allem ihr Durchbrechen bisheriger Formen, Strukturen und Grenzen. Menschliche Stimmen und Instrumente klingen hier zusammen. Das Orchester der Welt besitzt den Puls, jubelt mit und ohne Worte: Halleluja!

 

 

 

Verwendete Literatur: R. Emans/S. Heimke (Hg.), Bachs Passionen, Oratorien und Motetten, Bach-Handbuch Bd.3, 2009; M. Geck, Bach - Leben und Werk, 2000; ders., Mozart. Eine Biographie, 2006; K. Hofmann, Johann Sebastian Bach. Die Motetten, 2003.

 

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Letzte Änderung: 30.07.2014
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