06.10.2013: Pfarrer Dr. Fabian Kliesch über Mt 6,19-23

Predigt am 6.10.2013, Erntedank

Peterskirche Heidelberg

Pfarrer Dr. Fabian Kliesch

 

Gnade und Friede sei mit euch von dem, der da ist, der da war und der da kommt.

 

„Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder und der Herbst beginnt“. Das Lied sang sie mit den Kindern auf dem Weg durch den Herbstwald. Eine ganze Horde von Kindern begleitete sie. Es war der Kindergeburtstag ihres Sohnes. Sie spielten Schatzsuche, und ihr Mann war mit der älteren Schwerster vorausgelaufen, um Pfeile aus Stöcken auf dem Waldboden auszulegen. An der Lichtung mit dem Spielplatz wollte er den Schatz verstecken.

„Da ist der nächste Pfeil. Da lang!“ schrie eines der Kinder. Und die Horde rannte los. Während die Kinder vorausliefen wurden in ihr Erinnerungen wach, an ihren Sommerurlaub am Meer.

 

Einen Abend hatte sie sich da mal Zeit für sich alleine genommen und war in den Gottesdienst im Ferienort gegangen. Der Pfarrer hatte eine alte, verschlossene Schatztruhe vor den Altar gestellt. Das hätte auch ihren Kindern gefallen. „Schätze im Himmel sammeln.“ Das war das Motto gewesen. „Was ist Ihr himmlischer Schatz?“, hatte der Pfarrer am Anfang gefragt. Sie hatte ihre Gedanken schweifen lassen, ohne sich festzulegen, was denn ihr Schatz sei, hatte es genossen, den Gebeten und der Musik zu lauschen. Als es dann zum Abendmahl kam, wurde die Truhe geöffnet: darin waren ein Kelch mit Wein und ein Fladenbrot. Ein schöner Schatz. Aber irgendwie nicht das, was sie erwartet hatte. Ein himmlischer Schatz – der war doch nicht etwas zum Anfassen!? In schöner Erinnerung war ihr dann noch geblieben, wie dann das Fladenbrot geteilt wurde. Jeder sollte ein Stück abbrechen und es seinem Nachbarn geben. „Chrisi Leib, für dich gegeben,“ hatte der ältere Mann neben ihr gesagt und mit zittriger Hand ihr ein Stück Brot abgebrochen. Im Anschluss an den Gottesdienst war sie mit dem älteren Herrn noch ins Gespräch gekommen. Viele Jahre war er mit seiner Frau in die Ferien in diesem Ort am Meer gefahren. Nun war seine Frau vor 2 Jahren verstorben. In diesem Jahr war er das erste mal wieder alleine hergekommen. Zum Ende hatte er gesagt: „Danke, dass sie sich Zeit für mich genommen haben. Einen schönen Urlaub noch.“

 

Das war jetzt ein paar Monate her. Wie es ihm wohl jetzt gehen mochte? Sie dachte an das Fladenbrot, das sie jetzt in ihrem Rucksack dabei hatte. Das war für das Picknick mit dem Kindergeburtstag gedacht. Sie hörte die Gruppe der Kinder in der Ferne laut jubeln. Sicher hatten sie gerade das Schatz-Versteck gefunden.

 

Mit schnellen Schritten ging sie weiter und erreichte die Lichtung mit dem Spielplatz. Einige der Kinder tobten schon auf den Spielgeräten, andere packten noch die kleinen Tüten mit Süßigkeiten aus, die in der Schatzkiste gewesen waren. Für jedes Kind hatten sie und ihr Mann eine bunte Tüte gepackt: mit Gummibärchen, Seifenblasen und einem Lutscher.

Sie ging zu dem hölzernen Picknicktisch an, dem ihr Mann und ihre große Tochter saßen. Sie hatten schon angefangen die Esssachen auszupacken. Sie gab ihrem Mann und ihrer Tochter einen Kuss und fragte: „Na ihr zwei. Wo war der Schatz denn versteckt?“ Ihre Tochter zeigte in die Richtung der jubelnden Kinder: „Im hohlen Baum. Aber Mama schau mal, da sind noch zwei Tüten übrig.“

 

„Ach ja. Zwei Kinder konnten doch nicht kommen, weil sie krank geworden sind. Mal sehen, wem wir die geben können.“

 

Nach einer Weile riefen sie die tobenden Kinder an den reich gedeckten Picknicktisch. Das Fladenbrot wurde in Stücke gebrochen, Obst und Würstchen an die Kinder verteilt. „Papa,“ sagte das Geburtstagskind, „das ist doch jetzt unser Abendessen. Da müssen wir doch jetzt beten.“ „Na, wenn ihr Lust habt. Vielleicht das Gebet, das ihr alle aus dem Kindergarten kennt?“ Und da fingen die Kinder an: „Lieber Gott, wir bitten dich, eh’ wir essen inniglich: Mach doch alle Menschen satt! Gib, dass niemand Hunger hat.“ Und dann hauten alle rein. Von der frischen Luft hatten alle mächtigen Hunger.

Irgendwann sagte der Geburtstagsjunge: „Mama, schau mal. Die kenn ich aus dem Kindergarten. Die sind ganz neu.“ Sie drehte sich um und sah eine junge Mutter mit zwei Kindern auf der anderen Seite des Spielplatzes auf einer Bank sitzen. „Du, dürfen die auch mitessen?“ „Ja klar, wenn du willst. Ist ja dein Geburtstag. Frag sie doch.“ Ihr Sohn stürmte los. Mit ihm ein paar andere Kinder.

Mit den beiden Jungs und deren Mutter im Schlepptau kamen sie zurück.

„Guten Tag. Unser Sohn kennt wohl ihre Jungs aus dem Kindergarten. Wollen Sie sich zu uns setzen?“

„Ach. Ich will wirklich nicht stören. Danke.“

Da hatten sich die Jungen der Frau schon dazugesetzt und griffen zu. Andere Kinder waren schon wieder aufgesprungen und kletterten oder schaukelten.

Die Frau setzte sich dazu und nahm ein paar Weintrauben. Sie erzählte, dass sie neu in der Stadt waren. Kürzlich habe sie sich von ihrem Mann getrennt und musste wegen eines neuen Jobs mit den Kindern umziehen. Für die Kinder sei das alles noch schwerer als für sie gewesen.

 

Langsam wurde es dämmrig. Sie trommelten die Kinder zusammen. Einige wurden direkt vom Spielplatz von ihren Eltern abgeholt. Die Frau mit den beiden Söhnen erhob sich: „Vielen Dank für die nette Begegnung! Gerne lade ich Sie mal zu uns nach Hause ein.“

„Gerngeschehen. Wir sehen uns ja sicher mal beim Abholen im Kindergarten. Da können wir was ausmachen.“ Sie schüttelten sich die Hände und winkten den beiden Jungs.

 

„Papa,“ sagte die ältere Tochter, „wir haben doch noch zwei kleine Tüten mit Süßigkeiten in der Schatzkiste. Sollen wir die nicht den beiden neuen Jungs schenken?“ „Gute Idee. Dann musst Du ihnen aber noch schnell hinterherrennen!“ sagte der Vater.

 

Als die ältere Tochter ganz außer Atem zurückkehrte, sagte sie: „Die haben sich total gefreut und ich soll danke von ihrer Mutter sagen.“

 

Abends, als alles aufgeräumt war und die Kinder eingeschlafen waren, lagen die Eltern des Geburtstagskindes nebeneinander im Bett. Ihr gingen die Eindrücke des Tages durch den Kopf, die Gesichter der Kinder, die Begegnung mit der Frau aus dem Kindergarten, die Schatzsuche. Eigentlich könnte sie ja den Text mit dem Schatz mal in der Bibel nachschlagen. Sie griff nach dem Buch auf ihrem Nachtschrank und schlug dort auf, wo sie nach dem Urlaub das Liedblatt des Gottesdienstes reingelegt hatte. Matthäus-Evangelium Kap. 6.

 

Sie drehte sich halb zu ihrem Mann und sagte: „Du Schatz, soll ich Dir mal vorlesen, was gut zu unser Schatzsuche heute passt?“

 

„Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“

 

Der Mann lachte und sagte: „Irdische Schätze hatten wir ja heute genug gehabt, die Süßigkeiten, das Essen – aber angehäuft haben wir sie nicht, sondern geteilt und komplett aufgegessen. Da hätten Motten und Diebe gar keine Möglichkeit gehabt was davon abzubekommen.“

 

„Ja genau“ sagte sie, „und die himmlischen Schätze? Die himmlischen Schätze entstehen dann vielleicht da, wo alles geteilt wurde, und alles aufgegessen ist.“

 

„Amen“, sagte er und knipste das Licht aus.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedanken zur Andacht am 3.10.2103 zu Mt 6,19-21:

 

Vers 19 + 21

 

  • Irdische Schätze
  • Beim Einzug und Auszug  sichtbar, was habe ich ...
  • Mit wenigen Koffern manche von euch ...
  • Manche mit vielen Kisten. Last auf jeden Fall. Belastung vielleicht auch.
  • Wenn etwas kaputt geht, geklaut wird merken wir, wie sehr wir an manchen Gegenständen hängen.
  • Aber auch andere Schätze: Fit bleiben, Leistungen im Studium, ...
  • Vorsicht, sagt der Evangelist Matthäus. Wo Dein Schatz ist, ist auch Dein Herz. Wenn Du es verlierst tut es weh. Und Dein Herz zerbricht

 

Vers 20 + 21

 

  • Schätze im Himmel sammeln. Wo ist der Himmel? Mitten unter uns.
  • Himmlische Schätze. Unsichtbar. Im Zwischenraum. ...
  • Evangelist Matthäus: Feinde lieben, Anderen Menschen helfen/Almosen geben, Beten.
  • Begegnungen sind Schätze, die wir sammeln sollen. Begegnungen mit Fremden, mit Menschen, die unsere Hilfe brauchen und Begegnung mit Gott im Gebet.
  • Das passt zum ÖK. Die Begegnungen, die viele Generationen hier gemacht werden, sind ein Schatz, der unvergänglich ist. Die Begegnungen, die ihr machen werdet, werden ein Schatz sein.
  • Fremd zu Freunden. Oder Fremd und den anderen so lassen, wie er ist.
  • Helfen, mit dem, was wir anzubieten haben.
  • Gebet mit Gott. Unterschiedliche Gebetstraditionen.
  • Daran lasst uns in diesem Semester unser Herz hängen. Denn wo unser Schatz ist, da ist auch unser Herz.
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Letzte Änderung: 23.10.2013
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