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07.02.2010: Pfarrer Albrecht Herrmann über Hebr 4, 12-13

Predigt über Hebr 4,12-13 im Universitatsgottesdienst am Sonntag Sexagesimae, 7.2.2010, in der Peterskirche Heidelberg

 

Prediger: Pfarrer Albrecht Herrmann (ESG)

 

 

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

 

Liebe Gemeinde,

wie kommt der Hebr zu dieser bedrohlich scharfen Charakteristik des Wortes Gottes?

Im Wochenspruch, der auch aus dem Herbr stammt, hören wir: „Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.“ (3,7=Ps 95,7) Im Psalm 36 entdeckt ein Mensch voller Freude: „Bei dir, Gott, ist die Quelle des Lebens.“(Ps 36,10) Und vorhin haben wir gesungen aus Psalm 69: „Die Gott suchen, denen wird das Herz aufleben.“ Also: Gott spricht zu mir, und ich lebe auf.

Wenn das so ist, wie kommt es dann zur Verstockung meines Herzens? Warum sträube ich mich dann überhaupt gegen Gottes Stimme? Warum verschließe ich meine Ohren, warum lese ich nicht in der Bibel, warum weiche ich Gottes Stimme aus und gehe nicht zum Gottesdienst, vernachlässige das Gebet und übersehe Gottes Gegenwart in meinem Leben?

Der Grund dafür ist die Versuchung. Als Beispiel führt uns der Hebr die Geschichte des Volkes Israel vor Augen „bei der Verbitterung am Tage der Versuchung in der Wüste, wo mich eure Väter versuchten und prüften und hatten doch meine Werke gesehen 40 Jahre lang.“(3,8-9)

Versuchung ist ein höchst dynamisches Geschehen: Das Volk war in der Wüste, sie hatten Durst; und nun wuchs nicht etwa das Vertrauen: 'Gott wird uns beistehen, wie er es immer getan hat. Er wird uns nicht im Stich lassen. Er wird uns auch in dieser Gefahr retten.' Nein, sondern der Missmut holte das Misstrauen hervor: 'Wir werden verdursten mitten in der Wüste, warum hat Gott uns überhaupt aus Ägypten herausgeholt, um uns hier in der Wüste verdursten zu lassen.' Und die Angst und die Wut und das Misstrauen steigerten sich gegenseitig und verschlangen alles, was da von Gott schon an Rettung und Wundern geschehen war. Und Mose kriegte die geballte Wut des Volkes ab und musste um sein Leben bangen.(2. Mose 17) Die Versuchung verwandelt das Vertrauen in Misstrauen.

Was ist das, wenn in der Ehe in einer angespannten Situation die Stimmung umkippt und die Atmosphäre giftig wird, wenn Vorwürfe und Vorhaltungen hin und her fliegen, wenn die vielen gemeinsamen Jahre, das Vertrauen zueinander in einem Augenblick verschlungen werden und nur noch Unverständnis, Enttäuschung und Wut das Feld beherrschen. Wenn Gedanken Raum greifen: 'Ich weiß es doch schon lange, wir passen ja gar nicht zusammen.“ und dann auch noch ausgesprochen werden. Wenn also die Versuchung uns aufs Glatteis geführt hat und zu Fall bringen will.

Das genau wünschen wir uns nicht. Deshalb beten wir inständig im Vater unser „und führe uns nicht in Versuchung“ Aber wir beten es täglich, weil wir immer wieder solchen Versuchungen ausgesetzt sind und uns reizen lassen, uns hinreißen lassen.

Wir sagen: 'Der Gaul ist mit mir durchgegangen.' Wir sprechen davon, als wäre es eine fremde Macht, die von uns Besitz ergriff und uns in ihre Gewalt brachte.

Was ist das? Ist es mein Temperament? Ist es mein Schatten? Ist es meine Schwäche? Ist es gar der Versucher? Also tatsächlich eine fremde Macht, die über mich kommt und mich beherrscht?

Ausgangspunkt für diesen Exkurs über die Versuchung ist im Hebr der Vers 17 im 2. Kapitel „Denn worin Christus selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er denen helfen, die versucht werden.“

Das ist Weihnachten im Hebr: Jesus Christus ist unser Bruder geworden, damit er genau diese ekligen Momente unsres Lebens am eigenen Leib kennen lernt. Er kann uns also verstehen, wenn wir versucht werden und wenn wir in der Versuchung erliegen und hinterher uns selber nicht mehr kennen und uns entsetzlich schämen für das, was wir getan oder gesagt haben. Wichtig ist, er hört dann nicht auf, unser Bruder zu sein, sondern gerade dazu ist er unser Bruder geworden, um uns dann verstehen zu können.

Aber Verstehen reicht nicht, ich brauche Hilfe.

Diesen Aspekt des Helfens entfaltet der Hebr im Motiv des Hohenpriesters: Das ist das Ostergeschehen in der Sprache des Hebr.

Was nützt mir das für die Versuchung? Oft ist es so, dass die Dynamik der Versuchung so stark ist, dass ich nicht mehr hinaus finde, sondern ihr erliege, und dann fühle ich mich hinterher elend und schuldig und ekle mich vor mir selbst. Jetzt nützt mir der Glaube an Jesus Christus, dass er trotzdem noch mein Bruder ist und bleibt, obwohl er mich jetzt so darnieder liegen sieht. Das ist mein Trost. Daran kann ich mich wieder aufrichten.

Aber nun erschöpft sich der Glaube ja nicht darin, nur die Wunden zu verbinden, sondern es geht auch darum, die Wunden zu vermeiden. Und das deckt sich mit meiner eigenen tiefsten Sehnsucht, wenn ich gerade darniederliege. „Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“, seufzt Paulus in Römer 7.

Der Hebr verweist auf die schlimmen Folgen, auf das böse Ende: das ständige Murren des Volkes Israel in der Wüste führte dazu, dass Gott sie nicht zu seiner Ruhe brachte, sondern sie mussten alle schließlich in der Wüste sterben und erst die Kinder durften ins gelobte Land.

Bei einem Alkoholiker führt die Sucht, wenn er ihr erliegt, in ein Chaos der Beziehungen und schließlich in den Tod.

In der Ehe führt der fortgesetzte stolze Streit ohne Versöhnung in eine Zermürbung der Liebe und schließlich zum Ende der Ehe.

Wenn ich einem Raucher oder einer Raucherin das Bild einer Raucherlunge zeige und klar und deutlich sage, so sieht es in deiner Lunge aus. Ist das eine wirksame Methode, die Abschreckung?

Jesus hat diese Methode auch angewandt. Besonders ausgeprägt im Matthäusevangelium: „Da wird sein Heulen und Zähneklappern.“(Mt 8,12) Das kommt dort sechsmal vor. (Und heute das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld hat es auch in sich. Nur ein Viertel sind es, die das Wort Gottes wirklich hören und bewahren. Lk 8,4-15)

Klar ist, Gott kann und will es nicht mitansehen, wie wir Menschen vor die Hunde gehen. Er tut alles, um uns zur Besinnung zu bringen. So wie Eltern das bei ihren Kindern auch tun. Grundlage der Beziehung zwischen Gott und uns ist seine väterliche Güte.

Aber um unsretwillen versucht er es auch mit Strenge, indem er uns die Konsequenzen unseres Handelns drastisch vor Augen führt. Ziel ist es, dass wir in der ständigen Verbindung mit ihm bleiben, dass wir „hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ Hebr 4,16

Können wir aus der Gnade Gottes herausfallen? Endgültig? Der Hebr ist dieser Meinung. (6,3-6; 10,26-30) Ich vermute aus pädagogischen Gründen, damit wir aus dem Erschrecken vor der endgültigen Trennung von Gott doch lieber Zuflucht suchen bei der unergründlichen Barmherzigkeit Gottes.

Luther ist anderer Meinung, nämlich dass ich, auch wenn ich gesündigt habe, umkehren kann zu Gott und Gott mir Sünder gnädig ist, auch wenn dieser Vorgang mehrfach passiert.

Aber der Hebr und Luther sind beide der Meinung, dass es für mich selbst nicht gut ist, wenn ich sündige, dass ich mir und anderen schweren Schaden zufüge, wenn ich der Versuchung nachgebe. Sünde bedeutet ja nicht etwa, einem Vergnügen nachzugehen, das Gott mir nicht gönnt, sondern Sünde ist das, was mein Leben zerstört und das Leben der anderen und das Leben auf dieser Erde.  

Wie hilft mir nun mein Glaube an Christus, in der Versuchung standhaft zu bleiben?

In der Sprache des Hebr: „Christus ist der Mittler des neuen Bundes“.(9,15) Der neue Bund besteht darin, dass Gottes Gesetz in mein Herz geschrieben ist, dass ich also gerne und freiwillig und ohne Anstrengung Gottes Willen tue. (8,10f) Das genau ist es, was Jesus getan hat. Er hat also den neuen Bund erfüllt.

Aber wie kommt das mir zu gute? Wie bekomme ich daran Anteil?

Jesus Christus ist der Mittler des neuen Bundes, das heißt doch: Er stellt die Verbindung her zwischen mir und dem neuen Bund. Jesus Christus nimmt mich bei der Hand und in der Verbindung mit Jesus Christus bin ich auch verbunden mit dem neuen Bund.

In der Verbindung mit Jesus Christus wirkt der neue Bund in mich hinein. In der Verbindung mit Jesus Christus lerne ich den Willen Gottes kennen als Liebe, die mich gewinnt und von der ich mich gewinnen lasse. Ich werde also in der Verbindung mit Jesus Christus in die Liebe Gottes hineingezogen.

Allein auf mich gestellt bin ich der Versuchung nicht gewachsen, aber in der Verbindung mit Jesus Christus steht er mir bei in der Versuchung, dass ich nicht falle.

 

Zurück zu unserem Predigttext. Ihr seht schon, liebe Brüder und Schwestern, dass diese scharfen Worte allein mich erschrecken. Die Liebe ist auch radikal, aber nicht scharf wie ein zweischneidiges Schwert. Deshalb habe ich den Zusammenhang so hervorgehoben.

Aber es gibt zwei Wahrheiten, die mir an diesem harten scharfen Text aufgegangen sind:

1. Hier wird beschrieben, was wir Theologen mit dem Wort Gottes machen, wenn wir uns drüber stellen, wenn wir den Spieß rumdrehen und das Wort Gottes zum Objekt unseres Forschens machen, wenn wir es mit der Schärfe unseres Verstandes auseinandernehmen und sezieren, als wären wir die Verständigen und müssten das Wort Gottes erst noch in die rechte Ordnung bringen.

Dietrich Bonhoeffer hat die historisch-kritische Methode nicht verachtet, sondern geschätzt, aber für die Predigt hat er sie in die Schranken gewiesen. In der Finkenwalder Homiletik besteht der 1. Schritt der Predigtarbeit darin: Ich staune andächtig darüber, dass Gott mich in seinem Wort anspricht. Diese Ehrfurcht vor Gottes Wort, dieses mit Furcht und Zittern das Wort Gottes hören, ist die Wahrheit unseres Textes.

Die zweite Wahrheit ist diese: Von Alkoholikern gibt es tatsächlich die Erfahrung: 'Erst als ich ganz unten war und der Abgrund des Nichts neben mir klaffte, da erkannte ich im Alkohol meinen Todfeind, der mich in diesen Abgrund stürzen will und da klammerte ich mich ans Leben und die Entziehung begann nachhaltig zu wirken. Aber ich bin und bleibe gezeichnet und darf nie wieder einen Tropfen Alkohol anrühren.'

In diesem Zusammenhang gilt auch die Beobachtung des Hebr, dass der Rückfall tödlich endet.   

 

Dieses scharfe Lied von Gottes Wort schützt uns in der Kirche davor, Gott zu verharmlosen und unseren eigenen Schaden auch. Unser Schaden ist ja hier in wenigen Pinselstrichen meisterhaft gezeichnet: das Durcheinander von Seele und Geist, Gedanken und Sinnen des Herzens; das Gewirr, das Vielerlei, dass wir uns vor lauter Informationen keinen Reim mehr drauf machen können, dass wir uns hinreißen lassen, dieses Durcheinander auch noch zu genießen.

Da fährt das Wort Gottes dazwischen wie ein Schwert und beißt nach beiden Seiten sich durch diesen ganzen Informations- und Gefühlswust hindurch bis es an meinem Personkern angelangt ist und du zu mir sagt: Du bist der Mann! (2. Sam 12,7) Du Begnadete, der Herr ist mit dir! (Lk 1,28) Jetzt und hier und heute geht es um dich. Du bist Gott gegenüber und jetzt im Angesicht Gottes, geht es um Leben oder Tod, um Segen oder Fluch. Ergreife die ausgestreckte Hand Christi, des Mittlers, der die Himmel durchschritten hat (4,14) und dein Herz, den ganzen Kram von Stolz und Kleinlichkeit. Der holt dich heraus aus deiner Selbstbezogenheit. Der fasst dich an der Hand, dass du voller Zutrauen einwilligst in diesen Weg, der sich vor dir auftut, nicht mehr allein auf dich gestellt, sondern mit Christus an deiner Seite.

Es gibt diese schöne Ikone von dem Abt Menas aus Ägypten (vergrößerte Kopie wird gezeigt), der mit Christus an der Seite seines Weges geht. Christus legt ihm den Arm über die Schulter. Diese Ikone hängt bei uns zu Hause am Ausgang, damit wir diese Wahrheit nicht vergessen, wenn wir gehen und wenn wir heimkommen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

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Letzte Änderung: 23.05.2018