07.03.2010: Pfarrer Walter Boës über Eph 5,1-8

Predigt über Epheser 5,1-8

Okuli, den 7. März 2010

in der Peterskirche Heidelberg

 

von Pfr. Walter Boës

 

 

Liebe Gemeinde,

eine Zumutung, wird mancher vielleicht denken, wenn ich den Predigttext gleich lese. Eine Zumutung für unseren modernen Geist. Denn vom Zorn Gottes wird die Rede sein, und vom Ausschluss aus dem Gottesreich wegen solcher Dinge wie eines losen Mundwerkes. Ich will Ihnen und mir den Text trotzdem zumuten:

 

Eph 5,1-8

                           

So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder

und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört.

Auch gewinnsüchtige und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung.

Denn das sollt ihr wissen, daß kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger - das sind Götzendiener - ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.

Laßt euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen.

Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Licht.

 

 

„Das Gute - dieser Satz steht fest -

ist stets das Böse, das man lässt.“

 

Liebe Gemeinde,

dieser „fest stehende“ Satz stammt von Wilhelm Busch, und man könnte meinen, Busch habe unseren Predigttext vor Augen gehabt, als er ihn ersann.

 

„Das Gute - dieser Satz steht fest -

ist stets das Böse, das man lässt.“

 

Unzucht, Unreinheit und Habsucht - wenn wir das wegließen,

und dann noch gewinnsüchtige, närrische oder lose Reden,

dann wären wir dem Guten schon viel näher - so Wilhelm Busch.

 

Christliche Moral - das wäre dann letztlich nichts anderes als Askese und Enthaltsamkeit. Die 7-Wochen-ohne-Aktion, das Wiedereinführen des Fastens, würde danach also in die richtige Richtung zielen.

 

„Das Gute - dieser Satz steht fest -

ist stets das Böse, das man lässt.“

 

Liebe Gemeinde,

Ich bin anderer Ansicht als Wilhelm Busch. Denn wenn ich diesen Satz zu meiner Maxime mache, dann mache ich mich zum Kaninchen, das auf die Schlange sieht. Das Böse immer im Auge behaltend achte ich darauf, nur ja die Grenze zum Schlechten nicht zu übertreten. Meine ganze Konzentration, mein Lebenseifer bündelt sich auf das Vermeiden von schlechten Dingen - oder von Dingen, die ich für schlecht halte. Nicht mehr Oculi nostri ad dominum meum, nicht mehr der Blick auf Gott führt mich, sondern der Blick auf die Grenze. Ich sehe nicht auf Gott, der zuerst auf uns sah, dessen Augapfel wir sind. Ich sehe nicht auf Gott, nicht auf den Vater, den Schöpfer dieser Schönen Welt, nicht auf Jesus Christus, der uns so sehr liebte, dass er für uns ans Kreuz ging, nicht auf den Heiligen Geist, der unsere Kraft sein will, uns selbst und die Welt auf Gott hin zu verändern. Statt dessen sehe ich ins Dunkle, auf die Schattenränder. Oculi nostri ad tenebras. Richte mein Leben danach aus, bin darauf bedacht, dies nicht zu tun und das nicht, in der Kneipe keine dummen Witze zu machen und weder im Beruf, noch im privaten auf meinen Vorteil zu sehen. Und wenn ich dann daran womöglich Spaß finde, dann werde ich mir auch den noch abgewöhnen. Und die Schatten, auf die ich sehe, ziehen sich enger und enger um mich - bis der letzte Glanz aus meinen Augen verschwunden ist. Und das Dunkel, auf das ich sehe, wird zu meinem Dunkel. Oculi nostri ad tenebras meas.

 

„Das Gute - dieser Satz steht fest -

ist stets das Böse, das man lässt.“

 

Ich bin anderer Ansicht als Wilhelm Busch und halte es - wenn überhaupt das Böse verstanden werden soll - eher mit Augustin. Augustin bezeichnet umgekehrt das Böse als Mangel an Gutem, das Dunkel als Mangel an Licht, und nicht das Licht als Mangel an Finsternis. Das Licht ist das eigentliche - die Finsternis ist uneigentlich. Von da aus wird es dann wieder besser verständlich, was der Epheserbrief will: Er will die Ausrichtung auf das Gute. Weniger platonisch formuliert: Er will unsere Augen auf Gott gerichtet - oculi nostri ad Dominum Deum.

Ganz wie die Kinder: Wenn sie etwas staunend besehen, versenken sie sich ganz  darin, versinken sie ganz, in dem was sie ansehen, werden sie eins mit dem, das sie mit weit aufgerissenen Augen betrachten. So gebraucht auch unser Bibeltext das Bild der Kindschaft. So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder, damit beginnt er und er endet: Lebt als Kinder des Lichts. Im Bild der Kindschaft schwingt vieles mit: Natürlich die genetische Botschaft, dass die Kinder verwand sind, verbunden sind mit dem Vater. Wohl auch eine juristische Botschaft, dass die Kinder einen Erbanspruch haben auf das Gut der Eltern. Und auch die kindliche Unschuld und Leidenschaft schwingt mit. Die kindliche Unschuld und Leidenschaft, die bewirkt, dass das Kind das, was es gerade tut, sieht oder denkt, mit jeder Faser zu tut, mit jeder Faser sieht, mit jeder Faser denkt - es nicht nur tut, sondern es auch ganz ist. Kinder sind ganz Lachen oder ganz Tränen, ganz Konzentration oder ganz Spiel. Genetik und Erbrecht - beide Momente zeigen die Teilhabe der Kinder am Vater. Die Hingabe bei der Wahrnehmung aber ist ambivalent. Sie bedeutet die Teilhabe der Kinder an allem, dem sie sich aussetzen.

 

Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts: In diesem Spannungsfeld zwischen ganz Licht sein und ganz Licht bleiben bewegt sich unser Predigttext. Er geht vom Licht aus, davon, dass Gott uns ansieht und in sein Licht stellt, wenn er uns rät, im Licht zu bleiben und auf Gott zu sehen. Im Spannungsfeld zwischen den Augen Gottes, die uns sehen, und unseren Augen, die auf Gott sehen sollen, bewegt sich unser Predigttext.

 

Von diesem Verständnis her ist dann die Mahnung, sich von Habsucht, Unzucht und so weiter fern zu halten nicht ein Apell, vorsichtig zu werden und das Dunkle im Auge zu behalten. Im Gegenteil, es ist ein Apell, der vom Guten, vom Hellen in uns ausgeht und uns rät, unser Augenmerk auch danach auszurichten, so dass von Habsucht, Unreinheit und Unzucht nicht einmal die Rede ist.

 

„Das Gute - dieser Satz steht fest -

bewirkt dass man das Böse lässt.“

 

So will ich die Zumutung des Textes gern annehmen - als Zu-„Mutung“, als Ermutigung. (Vielleicht ist das ja auch eine der Aussagerichtungen unserer Lesung heute: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück.)

 

Auch die 7-Wochen-Ohne-Aktion denkt dieses Jahr so herum, und sieht nicht auf den Verzicht, sondern füllt die Zeit, so dass der Verzicht als Konsequenz der Fülle erscheint. Die Fastenaktion in diesem Jahr will nicht in erster Linie verzichten, sondern sie will Raum schaffen für Nähe, für ein Streitgespräch, einen Krankenbesuch oder eine überfällige Liebeserklärung, so ist es auf der Homepage zu lesen. So herum wird der Verzicht logisch.

 

Nun zum größten Stein des Anstoßes im Text:

Laßt euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen.

 

In diesem Vers steckt die vielleicht größte Zumutung, die mit einer Pädagogik von Strafe und Gehorsam daherkommt.

 

„Aber wehe, wehe, wehe,
Wenn ich auf das Ende sehe!!“

 

Schon wieder drängt sich Wilhelm Busch auf.

 

Fällt hier nicht der Verfasser des Epheserbriefes hinter seine eigene Lichtmetaphorik zurück, die doch weniger auf Gehorsam als auf Begeisterung, Ermutigung, Erleuchtung setzt. Unzucht, Unreinheit und Habsucht, loses Geschwätz, gierige Rede erscheinen im Licht Gottes als leere Lichter, als leere Reden, die viel versprechen, aber das nicht halten, wovon sie reden. Das ist doch Pädagogik genug, oder?

 

Andererseits: Unzucht - Porneia steht da im Griechischen - Porneia ist eben keine Bagatelle, vom Licht aus betrachtet. Das sehen wir in diesen Tagen besonders, wo täglich neue Missbrauchsfälle ausgerechnet im Dunstkreis von Kirche aufgedeckt werden. Und das Schweigen darüber, das Vertuschen, ist eine mehr als zweifelhafte Auslegung davon, dass von Unzucht bei den Heiligen nicht die Rede sein soll. Die Rede vom Zorn Gottes - hat hier ihren richtigen Ort. Hier ist sie gefordert - als Auflodern des göttlichen Lichtes, als heiße Glut der göttlichen Gerechtigkeit.

Die Rede allein vom lieben Gott - wäre sie nicht in diesem Zusammenhang eine viel größere Zumutung?

 

Oder nehmen wir das lose Geschwätz. Ich glaube nicht, dass die Heiligen so heilig sind, dass sie sich nicht auch einmal einen Witz gestatten könnten. Ich glaube, an Humor ist hier nicht gedacht - zumal guter Humor ja oft gerade der Wahrheit dient, oder, mit der Bildwelt unseres Textes gesprochen, Licht in finsteres Terrain bringt. Mit losem Geschwätz ist wohl eher an hohles, leeres Geschwätz gedacht. An Geschwätz, das sich kunstvoll um „nichts“ garnt, das eine Scheinwelt oder schlimmer noch ein falsche Welt schafft. Es ist an Reden gedacht, die eine Realität erschaffen, die andere Menschen diskreditiert, benachteiligt oder ausschließt - so gerade mehrfach mit Menschen geschehen, die von Hartz 4 leben müssen. Oder es ist an Reden gedacht, die einfach eine glänzende Seifenblase mit nichts als heißer Luft füllen. Wer da mitredet, mitläuft, der wird zum Mitgenossen, zum Teilhaber an dieser Welt. Besonders spannend wird das dort, wo wir als Theologen oder Christen unsere „alten“ Wahrheiten in moderne Hüllen stecken wollen, damit wir auch dabei sind, moderne Menschen, nicht verstaubte Christen, am Puls der Zeit eben, und dadurch Mitgenossen in der Welt in der wir leben. Wir müssen sehr genau prüfen, Mitgenossen welcher Welt wir werden wollen, damit wir unser Herz nicht an leere oder „finstere“ Wirklichkeiten hängen. Wir müssen sehr genau prüfen, damit wir uns nicht an solche Wirklichkeiten dranhängen, statt selbst Wirklichkeit aus dem Lichte Gottes zu schaffen, damit wir nicht eher in unserer Bibel nach der Zumutung suchen als in den Seifenblasen, die erstaunlich schön glänzen, dafür, dass sie nichts umhüllen.

                                                                                                                   

 

Liebe Gemeinde,

eine Zumutung, unser Predigttext?

Sehe ich auf sein eigentliches Anliegen, auf das Licht, aus dem er kommt, dann erschließt er mir eher, welchen Zumutungen wir täglich ausgesetzt sind - oder uns selbst aussetzen - manchmal ohne es zu bemerken.

 

Amen.

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Letzte Änderung: 01.11.2012