Aktuelle Gottesdienste

Predigt zum Trinitatissonntag 2009 (7. Juni 2009) über Johannes 3, 1-8

Prediger: Prof. Dr. Dr. h.c. Adolf Martin Ritter

Predigttext:

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. 2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. 3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? 5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.

6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. 7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. 8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Gebet: Herr. Öffne uns die Ohren und das Herz, dass wir dein Wort hören in den mensch­lichen Worten, die dich bezeugen. Amen.

 

Liebe Gemeinde.

Als der Komponist Ernst Pepping 1937 seine Motette „Jesus und Nikodemus“ komponierte, erklang eine Kontrastmusik zu den Märschen wie der tyrannischen Friedhofsruhe jener Zeit; es war das vierte Jahr des „Tausendjährigen Reiches“, das doch so bald in einem bis dahin unvorstellbaren Abgrund von Schuld und Tod endete. In der Musik aber wurde hörbar die Wirklichkeit einer anderen, himmlischen Welt: Der Geist haucht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist (3,8).

 Die Ausleger sind sich insoweit einig: vieles in der Geschichte von „Jesus und Nikode­mus“ ist bewusst doppeldeutig. Nachts, da sind die „Nachtschattengewächse“ in ihrem Element. Ist Nikodemus einer von ihnen, ein Unentschiedener? Er hat ja nach der Kreuzigung, wie wir aus dem gleichen Johannesevangelium erfahren, Jesus sozusagen einen Kranz nachge­tragen: „Er brachte Myrrhe gemischt mit Aloë, etwa hundert Pfund“, heißt es in Kap. 19, 39. War er, Mitglied des „Hohen Rates“ (des Synhedriums), ein „anonymer Christ“, allenfalls zu Teilidentifikationen bereit?

Es wäre allerdings ein recht teurer „Kranz“ gewesen, den Nikodemus – um im Bilde zu blei­ben – dem gekreuzigten Jesus „nachtrug“. Die Kosten für das Gemisch aus Myrrhe und Aloë beliefen sich immerhin auf ca. 100 Pfund – ein kostbarer Überreichtum für diese eine Bestattung, deren Sinn und Wert – so soll man das doch wohl verstehen – mit irdischem Geld und Gut gar nicht auszudrücken war. Und von daher lese ich auch die beiden vorherigen Er­wähnungen des Nikodemus im Johannesevangelium etwas anders, angefangen mit der unseres Textes, dass  der „Obere der Juden“, Nikodemus, „bei Nacht“ zu Jesus kam, nicht, weil er den öffentlichen Verkehr mit Jesus scheute, sondern weil er für dies Gespräch die Stille der Nacht suchte. Ich denke: Nikodemus hatte am Ende nicht vergessen, was er einmal, in jenem lange zurückliegenden Nachtgespräch, Aug’ in Auge von diesem Jesus gehört hatte. Es hatte ihm wohl genügt, um hinfort – auf der Stelle, da er sich befand – etwas anders, besser zu stehen als bisher; und er hatte jetzt, am Ende, nur den einen Wunsch, noch einmal zu Ihm hinzutreten und Ihm seine Dankbarkeit zu erzeigen – eben mit den schwachen, irdischen Mitteln, die er in Hän­den hatte.

Doch wahrscheinlich ist es gar nicht sinnvoll, dass wir auszumachen versuchen, ob nun der Nikodemus unseres Predigttextes eher Tadel als Lob verdiene. Nicht er steht im Mittelpunkt des Textes, verschwindet daraus im Gegenteil mehr und mehr. Die Hauptperson ist ein an­derer, der andere; das Thema jedenfalls, um das sich das Gespräch fortan dreht, ist vom ersten Augenblick an, da Jesus das Wort ergreift, ein anderes, als sich der schriftgelehrte Gesprächs­partner aller Wahrscheinlichkeit nach vorgenommen hatte.

 

1.

Es sei denn, dass jemand von oben her – bzw. von neuem (beides kann das griech. „anothen“ bedeuten) – geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Mit diesem einen Satz hat Jesus seinem freundlichen, nächtlichen Besucher, der sich wohl auf eine lange Diskussion vorbereitet hatte, mit vielen Zitaten und Anmerkungen, wie sie unter Schriftgelehrten einst wie heute üblich sind, ohne alle Umstände einen Themenwechsel abver­langt, ihn auf das eine Thema gebracht, auf das es für ihn, Jesus, ankommt: das Reich Gottes.

Als ein Bewunderer hatte Nikodemus begonnen, indem er sagte: Meister, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, der von Gott gesandt ist; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. Kann man – billigerweise – mehr an Respekt verlangen?

Allein, nicht um Bewunderung geht es, jene Bewunderung, über die S. Kierkegaard, der große Kritiker der halben Frömmigkeit, so viel geschrieben hat, sondern: das Reich Gottes gilt es vor Augen zu bekommen. Das ist das Thema: Gottes Reich, Ziel aller Dinge, die Wahrheit eines Lebens; die eigentliche Wirklichkeit in der Welt und hinter der Welt, durch die wir unseren Weg suchen; seine Zeit in unseren Stunden; Leben, eigentliches, wahres Leben in all dem Vorläufigen, das durch unsere Hände geht.

Und Nikodemus lässt sich auf diesen Themenwechsel ein. Aber ist er auch bereit, jene Grenze zu überschreiten, die Jesus noch im selben Satz aufzurichten beginnt?

 

2.

Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde ... So der Meister, wie Nikodemus ihn nennt. Nikodemus erwidert: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Dann überlässt er fürs erste dem Meister das Wort. Und der fährt fort, erneut mit feierlicher Einleitung; und noch einmal ist, mit allem Ernst, von der Grenze die Rede. Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch ge­boren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.

Nikodemus hört dem Meister mit ehrbarem Unverständnis, denke ich, zu und schweigt. Wir aber möchten ihm ins Wort fallen: Gerade hat eine Freundin ein Kind geboren. Sie hat es lange, sehnlichst, erwartet, hat es mit Dankbarkeit geboren; es ist ein Kind der Liebe. Nein, es ist nicht nur eine Geburt aus dem Fleisch; es ist eine Geburt von oben, aus dem Geist der Freude und des Glücks. Verachte, lieber Meister, das Fleisch nicht! Es hat schon zu viele Opfer gekostet, Fleisch und Geist gegeneinander auszuspielen.

Doch sollte das mit diesen Bildern vom Meister wirklich gemeint sein? Die erste Geburt, die Geburt aus dem Fleisch, wie er verächtlich zu sagen scheint, ist nicht genug?

Ich kann es mir schlechterdings nicht denken; von diesem Meister nicht. Dass die zärtliche Liebe der Eltern, denen das Kind sein Leben verdankt, viel ist, sehr viel, das will er gewiss ebenso wenig in Abrede stellen wie, dass die Stärke des Menschen, zu der er, wenn es sich fügt, heranwächst, ein kostbares Gut ist und allen Dankes wert. Das ist kaum strittig. Wohl aber gilt es für ihn, eine Grenze zu respektieren:

Die Natur muss sich nicht selbst genug sein. Sie ist schön, wunderschön. und ein Reich­tum, aber sie ist zu dürftig. Der Mensch, lieber Nikodemus, liebe Nikodema, steht nicht im Bann seiner Herkunft und seiner eigenen Dürftigkeit. Er wird von oben geboren  aus Wasser und Geist.

Alte Ausleger haben jenes geheimnisvolle Wasser in Verbindung gesehen mit dem Wasser, das aus der Seitenwunde Jesu floss, als die Soldaten nach seinem Tod seine Seite durchlö­cherten (Joh 19, 34). Menschen werden neu geboren, heißt das, aus der Wunde jenes Todes, den der Sohn der Güte gestorben ist.

„Wir waren schon einmal genannt“ (F. Steffensky), liebe Schwestern und Brüder, genannt im Geschick des Menschen, der das aufgedeckte Antlitz Gottes ist. Man muss nicht an seiner natürlichen Kärglichkeit verhungern, die einen niemals bis zum Reich Gottes gelangen lässt. Man ist nicht nur ein Gefangener der eigenen Natur.

Wo war ich, bevor ich geboren wurde? Diese typische Kinderfrage beantwortete einer unserer Söhne so: In Mamas Bauch. Doch das war lustig, aber nicht eben sensationell. Denn das wusste er von uns. Pfiffig aber war, dass er steif und fest behauptete, bei allen möglichen Gelegenheiten, von denen gerade die Rede war,  aus derselben bergenden Höhle, dem Mama­bauch hervorgelugt zu haben, was auf  eine solenne Präexistenzbehauptung hinauslief! Weit tiefsinniger war eine andere Kinderantwort auf dieselbe Kinderfrage, von der ich bei F. Steffensky las. Sie lautete: Ich war in Gott versteckt. Das klang so klug und geheimnisvoll wie die Bilder des Meisters in unserem Predigttext.

„Unser Name war schon einmal genannt, und wir sind hineingewoben in das Geschick jenes Sohnes der Güte, in sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung. Wir sind in Gott versteckt mit unserem Leben und unserem Tod, mit unserem Lachen und unserem Weinen, mit den Niederlagen und dem Gelingen. Wir sind hineingetaucht“, hineingetauft „in ein Verspre­chen, das wir nicht verstehen und ohne das wir nicht auskommen“ (F. Steffensky, Schöne Aussichten, Stuttgart 2006, 72).

Zu unserem eigenen Besten will uns also die Geschichte von der nächtlichen Begegnung zwischen Jesus und Nikodemus nahelegen, uns wie dieser mit Jesus auf einen Themawechsel einzulassen und darauf, eine Grenze zu respektieren, um schließlich Neuland zu gewinnen.

 

3.

Doch bleiben wir noch einen Augenblick bei der Grenze. Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? hielt Nikodemus dem Meister entgegen. Was hat der Fragesteller, was hat Nikodemus nicht ver­standen? Sonst hätte er ja nicht gefragt. Er hat nicht verstanden, wie ein Mensch über die Grenze hinausgelangen kann, die das Alter ihm setzt; er weiß, dass die Sehn­sucht, noch einmal sagen zu dürfen: „was wäre geschehen, wenn“ nur in Torheit endet und in Hilflosigkeit.

Und was Nikodemus nicht verstanden hat, das muss keiner verstehen. Gott kennt unsere Grenzen. Er jagt uns nicht zurück, lässt uns das Heft nicht noch einmal schreiben, wie in der Schule (jedenfalls der von früher), er sagt nicht, du musst als Alter noch einmal νοn vorne anfangen.

Wenn man dem auf die Spur kommen will, was Jesus sagt, dann wird man noch einmal auf die Doppelbedeutung des „anothen” („von neuem“) zurückkommen müssen. Es kann, wie ge­sagt, heißen: „noch einmal“, und es kann heißen: „von oben her“. Nikodemus meint: noch einmal; Jesus sagt: νοn oben her; Nίkodemus sagt: Ich kann nicht; Jesus sagt: du brauchst nicht, Gott kann.

Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Wir kommen nicht über die Grenze; Gottes Geist aber will uns darüber führen.

„Neuland“ haben wir es eben genannt, Neuland über die Grenze hinweg, Νeuland, das  Gottes Geist gibt, ob einer am Ende seiner Kräfte ist oder noch mitten in seinen Jahren, Neuland, das einem jeden νοn uns offensteht, nach Gottes Verheißung.

Vielleicht probieren wir es aus. Machen kann man es selber nicht, aber probieren kann man, ob’s stimmt. Vielleicht gehen wir nach Hause und begegnen dem Menschen, mit dem wir Not haben, dort, wο alles Reden belastet ist νοn dem, was gestern war, alte, ausgefahrene We­ge und Straßen. Gottes Geist aber läßt zurück, was gestern war, und so kommen wir nicht aus dem erlittenen Unrecht, nicht νοn unserer verletzten Ehre, nicht aus dem Vorurteil, nun eben nicht νοn gestern, sondern als Men­schen Jesu, die gerade frisch heraus aus Gottes Erbarmen kom­men. Ob das nicht Neuland sein kann, Abenteuer voller neuer Entdeckungen, einander neu kennenzulernen?

Das Reich Gottes ist eine Ahnung des Tages, da das Erste vergangen ist. Aber diese Ahnung eben lässt sich dann und wann verspüren, wenn wir wagen, Neuland zu betreten, das Gottes Güte uns auftut.

Nikodemus war gekommen, um dazuzulernen, mit aller frommen, ehrlichen Bereitschaft. Es erwies sich jedoch, dass es nicht ums Dazu-Lernen geht, sondern ums Um-Lernen, nicht ums Begreifen, vielmehr um den Mut, Gott, der das Neuland auftun will, beim Wort zu nehmen. Solchen Mut nennt die Bibel Glauben

Heute ist Wahltag. Wir wählen hierzulande Kommunal- und Kreisparlamente sowie, zusammen mit Millionen in der Mehrzahl der europäischen Länder, für Europa. Gewiss haben unsere Kommunen und Kreise wie auch Europa nichts unmittelbat mit dem Reich Gottes zu tun. Aber sind die Entscheidungen des heutigen Tages nicht auch Wege, die das Gestern zurücklassen, und sollten Christen, die νοn dem „Neuland“ wissen und vom über die Grenze gebracht Werden, im­mer nur hinterdrein­gehen, sollten sie nicht auch einmal die sein, die vorausschreiten, aller Politikverdrossenheit zuwider – und als das Mindeste heute wählen gehen? Und sei es aus reiner Dankbarkeit dafür, dass das – besonders ein vereinigtes Europa, aber auch das Geschenk der Demokratie auf allen Ebenen – möglich geworden ist, nach all den menschengemachten Höllen, die wir durchschritten?

*

Das Gespräch bleibt in Johannes 3 offen, in jener eigentümlichen Schwebe, die manche Gespräche Jesu auszeichnet, und die auch darum alle, die davon hören, einbezieht, so nahe, daß Du und ich alles Versagen spüren, so nahe aber auch, daß Du und ich den Wind hören können und beten: „Herr, gib mir den Glauben und hilf mir, deinem Geist mich anzuvertrauen, der das neue Land auftut“.

 

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Letzte Änderung: 16.06.2009
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