07.07.2013: Prof. Dr. Jörg Neijenhuis über Gal 5, 16-26

Predigt Gal 5,16-26 (Im Geist leben)

Vom 6. Sonntag nach Trinitatis (7.7.2013)

 

Jörg Neijenhuis

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Aus dem Galaterbrief, über den in diesem Semester gepredigt wird, ist heute ein Abschnitt aus dem fünften Kapitel vorgesehen, der von dem Leben im Geist Gottes handelt. Paulus schreibt:

 

16 Führt euer Leben im Geist, und ihr werdet der menschlichen Selbstsucht nicht nachgeben!  17 Denn die menschliche Selbstsucht richtet sich gegen den Geist, das Begehren des Geistes aber gegen die menschliche Selbstsucht. Die beiden liegen ja miteinander im Streit, so dass ihr nicht tut, was ihr tun wollt.  18 Wenn ihr euch aber vom Geist leiten lasst, untersteht ihr nicht dem Gesetz.  19 Es ist ja offensichtlich, was die Werke der menschlichen Selbstsucht sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung,  20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Zorn, Eigennutz, Zwietracht, Parteiung,  21 Missgunst, Trunkenheit, Übermut und dergleichen mehr – ich sage es euch voraus, wie ich es schon einmal gesagt habe: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.

 

Wir hören den Predigttext zunächst einmal bis hierhin, die zweite Hälfte wird noch folgen.

Die menschliche Selbstsucht und der Geist Gottes stehen sich gegenüber, was ja nicht wundert, wenn man sich die Auswüchse der menschlichen Selbstsucht, wie Paulus sie aufzählt, vor Augen führt. Man mag eigentlich nicht noch einmal hören, was Selbstsucht alles an Elend und Verbrechen zuwege bringen kann. Letztendlich führt die Selbstsucht den Menschen in seine eigene Selbstzerstörung. Da wird schnell verständlich, dass Paulus schreibt: Solche Menschen werden das Reich Gottes nicht erben. Denn Gott will ja das Leben, nicht seine Zerstörung.

 

Beim Lesen dieses Lasterkatalogs musste ich an die öffentliche Diskussion denken, die derzeit über die Datensicherheit, über die Geheimdienste verschiedener Staaten, über das Ausspähen von Unmengen an persönlichen Daten geführt wird und was dies für uns bedeutet. Machen es die modernen Medien möglich, dass wir über kurz oder lang in einem Überwachungsstaat leben? Oder dienen die Daten dazu, uns Sicherheit vor Terroranschlägen und anderen Verbrechen zu geben? Dient diese immense Sammlung von Daten dem Gemeinwohl und der Menschenwürde oder ist sie Ausgeburt von menschlicher Selbstsucht?

 

Dass diese Vorgänge etwas mit dem Geist Gottes zu tun haben könnten, kann ich mir nicht vorstellen. Aber mir scheinen sie auch wenig mit dem menschlichen Geist zu tun zu haben. Vielmehr werden hier Vorgänge – die offenbar viele Menschen nicht durchschauen, wenn sie elektronische Medien nutzen – für bestimmte Interessen missbraucht. Man nutzt bewusst Nichtwissen und eine gewisse sorglose Naivität skrupellos aus.

Wenn elektronische Medienunternehmen E-Mails, Telefonate, SMS etc. abhören, Bilder analysieren, dann nach geheim gehaltenen Algorithmen auswerten, geschieht dies zunächst mit dem Ziel, das Konsumverhalten der Nutzer herauszufinden. Wenn genügend Daten der Nutzer vorliegen, weiß man nicht nur, was ein Konsument gekauft hat, sondern man meint, man könne das zukünftige Verhalten von uns Nutzern als Konsumenten aus diesen Daten vorhersagen. Und was damit noch intendiert, aber selten zugegeben wird: Man kann dann die Konsumenten auch so dirigieren, dass sie das kaufen, was die Produzenten verkaufen wollen. In der Businesssprache heißt das Marketing, ich nenne das: vorsätzliche Verführung von Menschen. Damit andere ihren Profit machen.

Es steht dem göttlichen wie auch dem menschlichen Geist ganz und gar entgegen, dass der Mensch ausschließlich als Konsument definiert wird. Alles andere wird diesem Leitkriterium untergeordnet. Der Mensch wird über die gesammelten Daten als Konsument definiert, und entsprechend wird er auch als ein solcher behandelt. Und wenn der Konsument brav tut, was die Marketingabteilungen wollen, wird ihm noch das Glück des Lebens verheißen. Denn so funktioniert ein Konsument: Er wird mit Werbung verführt, damit er das tut, was Verkäufer wollen: Kauf mein Produkt, dann bist du glücklich, denn du benimmst dich ja so, wie du sollst.

 

Dass dieselben Daten nicht nur die Industrie, sondern auch staatliche Geheimdienste interessieren, gibt der Sache eine neue Qualität. Es können nun Datenbanken angelegt werden, die alles festhalten, was man gesagt, gemailt, gechattet, getwittert, an Fotos weitergegeben hat, die per Smartphoneüberwachung anzeigen, wo man sich aufgehalten hat, die einem nachweisen können, wann man ein eBook nicht mehr weitergelesen hat. Diese Datensammlungen sind deshalb so wichtig, weil damit nicht nur viel Geld verdient werden kann, sondern auch Menschen vollständig zu überwachen sind. Ich will es zuspitzen: Diese Daten werden als „die Menschen“ angesehen. Die Daten scheinen realer zu sein als der reale Mensch aus Fleisch und Blut – und der virtuelle Datenmensch, quasi sein Abbild als gespeicherte Daten, besitzt eine eigenartige Würde, die scheinbar als unangreifbar gilt. Die Menschenwürde des realen Menschen wird aufs Spiel gesetzt, die Datenwürde gilt dagegen als unantastbar. Da fehlt mir das entschlossene Handeln von Politikern und Staaten, insbesondere von Demokratien, um per Gesetz solche Umtriebe zu unterbinden. Auch in den eigenen Geheimdiensten. Erst jetzt, wo auch noch aufgedeckt wird, dass sich die Regierungen gegenseitig bespitzeln, die sich doch als Partner oder gar als Freunde verstehen, kommt Protest auf.

 

Wenn wir einen menschenfreundlichen Staat haben wollen, dann kann es nur in den von einem Parlament gesetzten Grenzen Kontrolle der Bürger geben, falls tatsächlich ein Verdacht auf ein Verbrechen besteht. Eine flächendeckende Überwachung verträgt sich nicht mit einem christlichen Menschenbild, das besagt, dass der Mensch mehr ist und mehr bedeutet, als was man wissen und erforschen, was man an Daten sammeln und über sein Verhalten vorhersagen kann.

Hier geschieht ein Wandel des Menschenbildes, der sich eher unbemerkt vollzieht. Es geht darum, ob Staat und Menschen nur noch unter dem Kriterium der Markttauglichkeit gesehen werden und alles andere nicht mehr zählt. Da ist nur der Konsument wichtig, nur er ist Mensch. Alles andere stört nur noch. Das hat mit Geist gar nichts mehr zu tun, da verwandelt sich ein Staat in einen Anhang zum Marktgeschehen, der nur noch die Selbstsucht im Blick hat und meint, damit allein Glück ermöglichen zu können. Der Staat wendet sich von seinen christlichen, geistigen und geistlichen Grundlagen ab und spricht nur noch den Daten Realität zu, die des Menschen Selbst und Persönlichkeit sein sollen.

Und allzu viele Zeitgenossen machen das mit: Nur wer viel konsumiert, ist glücklich.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Der Markt hat sein Recht, auch die von Richtern angeordnete Überwachung von Mitbürgern, die sich strafbar machen und Verbrechen vorbereiten, geschieht zu Recht. Aber es ist grundlegend falsch, wenn das Konsumkriterium, wenn solches Marktgeschehen als totalitär akzeptiert wird. Wenn alle unsere Lebensbereiche sich davon bestimmen und dirigieren lassen sollen. Auch der Markt muss Grenzen akzeptieren, auch die Macht von Daten darf nicht totalitär wirksam sein.

 

Denn es gibt das Andere: ein Leben im Geist und aus dem Geist. Mit diesem Leben ist nicht ein Leben aus den Daten gemeint. Paulus hat ein Leben aus dem Geist so in Worte gefasst:

 

22 Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Güte, Rechtschaffenheit, Treue,  23 Sanftmut, Selbstbeherrschung. Gegen all dies kann kein Gesetz etwas haben.  24 Die aber zu Christus Jesus gehören, haben die menschliche Selbstsucht samt ihren Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.  25 Wenn wir im Geist leben, wollen wir uns auch am Geist ausrichten.  26 Lasst uns nicht eitlem Ruhm nachjagen, einander nicht reizen, einander nicht beneiden!

 

Paulus setzt hier nicht auf Soft-Skills, auch öffnet er nicht Türen zu romantischen Welten noch bietet er uns mit Liebe und Frieden ein Wellnessprogramm an. Wenn wir als Christen nicht eitlem Ruhm nachjagen wollen, nicht einander reizen oder beneiden wollen, dann ist das harte Arbeit an uns selbst. „Selbstbeherrschung“ nennt Paulus das und sagt dazu, dass wir Christen die menschliche Selbstsucht gekreuzigt haben. Und das kann weh tun.

 

Diese Selbstbeherrschung sehe ich darin, sich gegen moderne Wünsche nach Totalität zu stellen. Wir gehören weder den Profitgierigen noch den Geheimdiensten noch sind wir in Daten erfassbar. Ein Leben im Geist und aus dem Geist hat eine andere Dimension, die sich nicht verrechnen lässt, aber sehr wohl unser Leben bestimmen kann: ein Leben im Glauben, ein Leben im Geist Gottes. Und dieses Leben äußert sich auch im Lob Gottes. Das Lob Gottes geschieht ohne Absicht, ist keine Leistung und lässt sich auch nicht verwerten oder gar als Daten sammeln. Damit oder dadurch kommt man nicht einmal in den Himmel. Aber es zeigt an, was der Geist als Realität ansieht und woran er sich orientiert: nicht an von Menschen geschaffenen Welten der Selbstsucht, sondern an jener Welt, die von Gottes Geist geschaffen ist und in der offenbar andere Maßstäbe gelten als jene, die nichts anderes als Ausschweifung, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Zorn, Eigennutz, Zwietracht, Missgunst, Übermut usw. hervorbringen. Es ist eine Welt der Freude, des Friedens, der Güte, der Rechtschaffenheit und der Treue zu Gott. Der Geist Gottes führt uns in die Freiheit, die Berechnung des Menschen vermittels seiner Daten dagegen führt in die Abhängigkeit und Überwachung. Der Geist Gottes aber zeigt uns Menschen, die mehr können als zu konsumieren oder in Abhängigkeit fremden Interessen dienen zu müssen. Der Geist Gottes zeigt uns ein Menschsein, das seinen Sinn in der Liebe und in der Freude am Mitmenschen und im Vertrauen auf Gott findet. Amen.

 

 

 

 

Prof. Dr. Jörg Neijenhuis

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Letzte Änderung: 08.07.2013
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