07.10.2012: Prof. Dr. Johannes Eurich über 1 Tim 4,4-5

 

Gottesdienst am 07. Oktober 2012 in der Peterskirche, Heidelberg

1 Tim 4, 4-5

 

Prof. Dr. Johannes Eurich

 

 

„Der charismatische Finanzmagier Dieter Glanz hat offenbar die Lizenz zum Gelddrucken. Seine begeisterten Anleger schwärmen von außergewöhnlichen Renditen. Auch der junge Andy Schroth, von Beruf Immobilienmakler, lässt sich von der allgemeinen Profitgier anstecken. Er leiht sich Geld von Arbeitskollegen und von seinen Eltern und schafft es, in den kleinen Kreis exklusiver Investoren aufgenommen zu werden. Gemeinsam mit Dieter Glanz feiert er rauschende Partys und träumt in Champagnerlaune vom ganz großen Reichtum.“[1]

 

Liebe Gemeinde,

 

was ich gerade vorgelesen habe, könnte der Traum von vielen Menschen sein. Es ist die Beschreibung des zweiteiligen Spielfilms „Gier“ von Dieter Wedel, der zeigen will, wie schnell die Gier nach Reichtum Menschen in ihren Bann zieht und korrumpieren kann. Gier hat eine hässliche Seite. Wenn die Gier nach mehr und immer mehr Besitz von einem Menschen ergreift, kommt es zu rücksichtlosem Verhalten, zum Wegdrängen des anderen, zum Suchen des nur eigenen Vorteils. Das zeigt Dieter Wedels Zweiteiler. In gewisser Hinsicht ist Gier das Gegenteil von Dankbarkeit. Natürlich nicht im strengem Sinne. Da würde man von Undankbarkeit reden und vielleicht Unzufriedenheit dahinter vermuten. Das kann sich auf einzelne Taten beziehen oder auch einen Charakterzug ausmachen. Bei Gier scheint es aber tiefer zu gehen. Gier ist eine der stärksten menschlichen Triebfedern. Der Rachen der Gier kennt eine Unersättlichkeit, die nicht Halt macht vor dem Recht des anderen noch vor unseren gemeinsamen Grundlagen des Lebens.

 

Einen ganz anderen Ton setzt unser Predigttext in 1 Timotheus 4,4-5:

4 Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; 5 denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Der ursprüngliche Zusammenhang des Textes bezog sich auf Speisevorschriften. Für Juden gilt die Regel, nur koscheres Essen zu sich zu nehmen. Im frühen Christentum gab es heftige Auseinandersetzungen über diese Speisevorschriften, in deren Verlauf sich die christliche Freiheit davon durchsetzte. Nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. Alles in Gottes Schöpfung darf und soll vom Menschen verwendet werden. Jedoch macht Paulus deutlich, dass es in einer bestimmten Haltung geschehen soll. Wenn ich Dankbarkeit empfinde, ist mir bewusst, dass ich etwas empfangen habe, dass mir etwas gegeben wurde. Dankbarkeit beinhaltet eine Wertschätzung für die Gabe, die mir zuteil wurde. Wer dankbar ist, nimmt Dinge nicht als umsonst, als austauschbar, als wegwerfbar wahr, sondern geht sorgsam mit ihnen um. 

In unserer Konsumwelt heute liegen die Schwerpunkte auf anderen Dingen: es ist das Neue, das man noch nicht hat, das fasziniert – die Warteschlangen vor den Apple-Läden für das neue I-Phone 5 sind ein gutes Bild dafür; es ist der Wunsch, so viel zu haben, wie der, der sich mehr leisten kann; es ist das Streben nach mehr für sich, für seine Bedürfnisse, für sein Wohlergehen.

Nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird, sagt Paulus. Können wir daraus Hinweise für unseren Umgang mit den Gütern der Welt, für unseren Umgang mit der Schöpfung entnehmen? Paulus gibt einen weiteren Hinweis in Vers 5: denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Für Paulus geht es nicht nur um das Genießen von Speisen oder den guten Dingen des Lebens in Dankbarkeit, er sieht dies eingebettet in die Beziehung zu Gott und seiner Schöpfung. Das, was wir empfangen, oder vielleicht sollten wir besser sagen, was wir uns leisten mit unserer Art zu leben, kann nicht losgelöst von Gottes ganzer Schöpfung erfolgen. Es geht nicht nur um die Bedürfnisse einzelner, alle sollen satt werden, alle sollen leben können. In unserer Gesellschaft ist ein feines moralisches Gespür dafür vorhanden, wenn jemand dies missachtet und seiner Gier nach mehr freien Lauf lässt. In der jüngsten Finanzkrise wurden zum Beispiel die Exzesse millionenschwerer Boni-Zahlungen als Gier von Finanzmanagern angeprangert. Wenn sich Gier ungeniert zeigt, zieht sie moralische Ächtung nach sich. Es gibt jedoch auch Stimmen, die nicht nur die Bankmanager als stellvertretende Sündenböcke herausgreifen, sondern unser Wirtschaftssystem insgesamt hinterfragen. Andere Stimmen verteidigen dagegen die Gier als Triebfeder unseres Wohlstands. Denn die Frage nach der Gier geht tiefer, geht über unsere persönliche Zufriedenheit und Dankbarkeit hinaus. Ja, persönlich ist eine Mehrheit der Menschen in unserem Land zufrieden mit dem, was sie haben, wenn man die entsprechenden Umfragen dazu ansieht. Nicht Gier, sondern Dankbarkeit scheint vorzuherrschen. Die Frage nach der Gier ist jedoch auch die Frage danach, ob unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem nicht auf Gier, auf Unersättlichkeit, auf immer mehr haben und immer mehr produzieren programmiert ist. Alan Posener hat in einem Kommentar in der Tageszeitung Die Welt zu Beginn der weltweiten Finanzkrise geschrieben: Wer die Gier verurteilt, verurteilt den Kapitalismus. Das ist absurd. Denn der Wunsch, mehr zu verdienen und besser zu leben, hat der Welt einen Wohlstand beschert, der vor 100 Jahren unvorstellbar erschien. Daran ändert auch die überall gegenwärtige Finanzkrise nichts: Gier ist geil.“[2] Posener kritisiert dabei nicht nur, dass die Luft voll sei der Rufe der Moralprediger, die die Schuld an der Krise der "Gier" der Banker und Manager zuordnen. Er weist auch auf die funktionelle Seite der Gier hin: „Man muss die Gier nicht mögen. Sie ist aber, um Goethes Mephisto zu paraphrasieren, ein Teil von jener Kraft, die stets den privaten Profit will und stets das Allgemeinwohl schafft. Wer in einer Welt ohne Gier leben will, soll ins Kloster gehen, oder in eine Koranschule – oder nach Nordkorea. Wir anderen verlassen uns darauf, dass früher oder später die Gier nach einem guten Geschäft ein paar Waghalsige dazu treiben wird, abgestürzte Aktien zu kaufen – und wieder einmal die Welt zu retten. Bis zum nächsten Mal.“ Soweit Posener. Mir geht es dabei nicht um die ökonomischen Antworten auf die Finanzkrise. Die müssen die Ökonomen finden. Ich habe grundsätzlichere Fragen: Ist der Weg des unhinterfragten grenzenlosen Wirtschaftswachstums heute noch der richtige Weg? Nicht erst in letzter Zeit mehren sich die Stimmen, die das neuzeitliche Verständnis von Wirtschaft als wachstumsorientierten grenzenlosen Wettbewerbs um knappe Güter in Frage stellen. Wenn Posener Adam Smith, den Gründungsvater der modernen Ökonomie, zitiert und sagt: Wenn es um mein täglich Brot geht, verlasse ich mich nicht auf die Menschenliebe des Bäckers, sondern auf seine Gewinnsucht, dann erscheint mir gerade diese Grundannahme fraglich.

In der Bibel ist eine andere Haltung zu erkennen. Das biblische Zeugnis steht nicht für ungebremstes Wachstum, Anhäufung von Reichtum und die freie Entfaltung der Marktkräfte, sondern fordert ganz bewusst die Einhaltung heilsamer Grenzen. Es drückt die Haltung aus: „Es ist genug! Leben ist mehr als Haben und Gewinnen.“ (Franz Segbers). Die Erde kann gegenwärtig 12 Mrd. Menschen ernähren. Es sollte also genug da sein für jeden der 9 Mrd. Menschen, die mit uns zusammen auf diesem Planeten leben. Die Gewinnsucht des Bäckers reicht eben nicht für alle, sondern nur für die, die bei unserem System auf der Gewinnerseite stehen. „Wenn vernünftig ist, was rentiert“, wie Max Frisch sagte, dann ist zugleich unvernünftig, was nicht rentiert. Die Unvernünftigen sind die, die im Verdrängungswettbewerb den Kürzeren ziehen. Die Unvernünftigen sind die, die im Standortwettbewerb unterliegen. Die Unvernünftigen sind die, die nachhaltig wirtschaften wollen, die sich für Ökologie und für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Die Unvernünftigen sind die Verlierer des grenzenlosen Wachstums, sind die, die auf der dunklen Seite der Gier aufgelistet werden.

Es geht nicht um eine Utopie, sondern um ein Umdenken, eine neue Haltung, die eine Begrenzung des Wachstums, die ein Genug für die einen kennt und ein Genug übrig lässt für die anderen. Ein Beispiel dafür ist der Sabbat. „Der Sabbat steht für eine Lebenskunst, die ein Wissen davon hat, dass es ein Genug gibt. Die sechs Tage Arbeit reichen für sieben Tage, nach sechs Jahren Arbeit ist zum Leben für das folgende Sabbatjahr noch genug da. Genug ist eine kulturelle und ethische Kategorie, die entsprechend den ökonomischen und technologischen Möglichkeiten gefüllt werden muss. Das Wissen von einem Genug begrenzt die Gier und den Wachstumszwang.“ (Franz Segbers).

Brauchen wir angesichts der begrenzten natürlichen Ressourcen nicht ein Umdenken, das die sozialen, moralischen und ökologischen Auswirkungen des Wirtschaftswachstums in Rechnung stellt?

„Es gibt in der Welt nichts, was von sich aus verwerflich wäre. Nur die Gier und die Undankbarkeit sind verwerflich. Gier und Undankbarkeit haben tatsächlich das Potential, die Welt zugrunde zu richten, bis sie ungenießbar wird. Deswegen ist Dankbarkeit so wichtig, weil wir da die geistliche, die spirituelle Seite der Dinge wahrnehmen, die göttliche Botschaft, die mit den Dingen verbunden ist.“[3] Und diese fordert uns auf, zu teilen, der Gewinnsucht die Solidarität, dem unbegrenzten Wachstum die Kosten des Wachstums, der Gier die Dankbarkeit entgegenzustellen. Dazu bedarf es einer anderen Geisteshaltung. Paulus sagt: Es wird geheiligt durch Gottes Wort und Gebet. Vieles in unserem Leben erarbeiten wir uns selbst. Viele Menschen heute sind stolz darauf, auf niemanden angewiesen, von niemandem abhängig zu sein, und sagen: Das habe ich alles nur mir selbst zu verdanken. Wer alles sich selbst verdankt, muss anderen nichts danken. Paulus spricht dagegen vom Gebet, in manchen Übersetzungen steht hier Bitte. Eine Bitte drückt aus, dass ich nicht alles selbst machen oder bewerkstelligen kann. „Die Bibel feiert die Entdeckung, dass wir nicht Schöpfer sind, sondern Geschöpf, nicht nur Macher, sondern auch Empfangende, Beschenkte als Befreiung, sie sieht darin keinen Mangel, sondern die Fülle.“[4] Das Bittgebet, das Paulus mit der Danksagung verbindet, soll uns daran erinnern, diese Fragen nach einer anderen Weise des Wirtschaftens, eines angemessenen Umgangs mit den Gütern dieser Welt wach zu halten, neu zu stellen, uns nicht von den Versprechungen ungebremster Wachstumsideologien blenden zu lassen. Die Bitte hält uns in der Suche nach Antworten wach, lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Möge Gott uns nicht zur Ruhe kommen lassen, damit der Bitte der Wandel folgen möge. Amen.

 



[1] www.daserste.de/gier/allround_dyn~uid,72bnzrd7abjghx8x~cm.asp

[2] www.welt.de/wirtschaft/article2547596/Die-Gier-hat-uns-den-Wohlstand-beschert.html

[3] http://evkirche-grossilsede.de/predigtn/2011/2011-10-02.php.

[4] predigten.evangelisch.de/predigt/grazie-predigt-zu-erntedank-ueber-1-timotheus-4-4-5-von-matthias-loerbroks.

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Letzte Änderung: 29.10.2013
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