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08.01.2017: Prof. Dr. Michael Plathow über Röm 12,1-8

 

 

Röm 12, 1 - 8

Das Letzte: Gottes Barmherzigkeit

 

Predigt am 8. 1. 2017 (1. So. n. Epiphanias) in der Universitätskirche in Heidelberg

Prof. Dr. Michael Plathow

 

 

1. Liebe Gemeinde hier in der Peterskirche,

noch ganz im Schein des Epiphaniasfestes spricht sich in unsere Herzen die Verheißung: “Gott, der da hieß das Licht aus der Finsternis hervorleuchten (wie das des Morgensterns), der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, damit durch uns entsteht die (erfahrbare) Erkenntnis der Wahrheit in dem Angesicht Jesu Christi” (2. Kor 4, 6). Da verbindet sich die Verheißung, “die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt” (1. Joh 2, 8b) und “ihr seid das Licht der Welt” (Mt 5, 14) mit der Zusage: “Lasst uns wandeln im Licht” (Jes 2, 5), “lebt als Menschen des Lichts” (Eph 5, 8)  und “dein Wort ist Licht auf meinem Weg” (Ps 119, 105). Diese Verheißung von Epiphanias spricht in schwierigen Zeiten, wo die Welt aus den Fugen geraten zu sein scheint.

Unser Bibelabschnitt an der Scharnierstelle von Paulus Römerbrief verkündigt entsprechend die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes: der kategorische Indikativ des Evangeliums, die Zusage “Ihr seid “will sich in unsere Herzen informieren, Heilsgewissheit schaffen und den Glauben ins Leben führen. Glaube und Leben gehören zusammen wie Sein und Werden, Gabe und Aufgabe, Indikativ und Imperativ.

 

2. Liebe Gemeinde, in unserm Bibelabschnitt - multiperspektivisch wie er ist - will sich diese Verheißung und Zusage nun konkretisieren mit der Frage: Wie leben wir, wenn wir glauben, was das Evangelium uns verheißt, u. zw. so, dass mein Leben nicht gegen meine Worte predigt?

 

“Macht euch nicht dieser Welt gleich” wird uns da zugemutet.

Wir aber erfahren uns in Beruf und Freizeit, am Sonntag und im Alltag eingebunden in die Strukturen und Lebensgewohnheiten unserer Gesellschaft. Wir erleben uns, unsere Gemeinde und Kirche mehr angepasst als anschlussfähig an unsere Mitwelt. Hier die Provokation, nicht der Welt gleich zu sein. Keine Kontrast- und Aussteigermentalität wird zugesagt. Doch das Leben der Glaubenden, ihr Gottesdienst im Alltag, in der Welt, aber nicht von der Welt, gestaltet sich als kritische Solidarität mit “dieser Welt” durch das Prüfen, was sich als “das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene” in unseren Denken, Reden und Tun erweist. Allerdings klingen mir nun diese aus der griechischen Popularphilosophie entlehnten Zielvorgaben zunächst nicht nur recht allgemein, sondern in heutigen Ohren auch vom idealistischen Fortschrittsstreben durch menschliches Machen bestimmt; als Wille zur Macht führte er in den Zusammenbruch des I. Weltkrieges und in Zynismus der Shoah sowie Schrecken und Leid der Zivilbevölkerung des II. Weltkrieges.

 

Und blicken wir dabei auf uns selbst und das soz. gesollte Verhalten von uns, so tun sich auf Dilemmata und Diskrepanzen in einer Zeit, wo die Angst angesichts von Terror und Flucht, die Verstrickung in Sünde und Schuld metastasierend um sich greift.

Sie erinnern sich an den Fernsehfilm “Terror” im Oktober vergangenen Jahres: das Dilemma des etwaigen Abschusses eines von Terroristen gekaperten Flugzeugs mit 150 Insassen um der Rettung von 70000 Besucher eines Fußballstadiums willen, auf die die Maschine zurast. Die Menschenwürde ist unantastbar für alle. - Wie entscheiden? Jede Entscheidung schließt Schuldigwerden und schwere Schuld ein. Übrigens die Fernsehzuschauer plädierten zu 86% für den Abschuss.

Und “was heißt die Wahrheit sagen?”, wenn der den Freund verfolgende Mörder nach dem in meinem Haus von mir Versteckten fragt. D. Bonhoeffer hat sich bekanntlich gegen die formale Geltung des Sittengesetzes eines kategorischen Imperativs für die Wahrheit als Falschrede ausgesprochen um der Rettung des Freundes willen.

Dilemmata sind es im Großen und Kleinen angesichts der Ideale. Sie mahnen zur Demut.

 

Und da sind weiter die Diskrepanzen im eigenen Leben: die Erfahrung, angepasst zu sein an die Normativität des Faktischen oder Postfaktischen, obwohl der Anspruch besteht, selbstbestimmt und “Ich bin so frei” zu sein.

So mancher will das Beste durch Strenge und Fordern in frühkindlicher Erziehung und weckt doch nur Widerstand bei den Kindern.

Und wie oft ruft, in unserer Zeit der Selbstoptimierung, Bescheidenheit und Demut Überlegenheit und Hybris bei Anderen hervor.

Schließlich engt das gut gemeinte Streben nach Sicherheit die verbürgte Freiheit ein. Auf wohlmeinende Förderung einer notleidenden Gruppe regiert das Gefühl eigener Benachteiligung mit Entrüstung, ja, Hass. Und militärischer Einsatz zur Befriedung lässt kontraproduktiv Krieg gerade eskalieren usw., usw.

So zeichnet sich ab der Widerspruch von guter Absicht und realem Geschehen, von Reden und Handeln, von Ideal und Wirklichkeit. Ironie des Schicksals! Nein. Ironie des Glaubens: Menschen planen und machen, aber es kommt ganz anders. “Der Mensch erdenkt sich einen Weg, aber Gott allein lenkt seine Schritte” (Spr 16, 9) und - wie der Psalmist humorig andeutet - “es lächelt Gott” (Ps 2, 4) ob menschlichen Planens und Machens, menschlicher Hybris. “Wollen habe ich wohl; aber vollbringen das Gute, finde ich nicht. Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich” (Röm 7, 8).

Mit Erkennen und Anerkennen von Dilemmata, Diskrepanzen und Grenzen der Menschen Tun und Machen des “Guten, Wohlgefälligen und Vollkommenen” verbindet sich für die Glaubenden der christliche Realismus des Bekennens von Schuldigwerden und der Macht der Sünde: die Selbstverschließung gegen den Willen Gottes, das überhebliche Sein-wollen-wie Gott, die Verneinung des 1. Gebotes.

 

3. Da, liebe Gemeinde, ruft unser Bibelabschnitt: “Ändert euch” durch den Zuspruch eines Perspektivenwechsels, einer Änderung der Interessen: Das, was Gott immer schon für uns ist, was Gottes Barmherzigkeit uns vorausgehend schenkt, sei zielführend für euer Leben. Hier ist der Quellgrund, der euch in neuer Perspektive prüfen lässt “das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene” vor Gott. Das heißt konkret: “Gottes Wort hoch halten, Liebe leben, demütig sein vor Gott” (Mi 6, 8), wie der Prophet sagt; in den Worten Jesu - mit dem Bund Gottes mit Israel (Deut 6, 5; Lev 19, 18) - “Gott lieben von ganzen Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst” (Mt 28, 37f). Mit unserem Bibelabschnitt meint das in heutiger Sprache: in Selbstzurücknahme und Hingabe die Perspektive der Opfer einnehmen, auf der Seite der Opfer stehen und handeln; in Freiheit und Verantwortung Glauben leben im Erkennen und Anerkennen der Dilemmata und Diskrepanzen, im Bekennen von Sünde und Schuld und in der Vergebung durch Christi Stellvertretung “für uns”.

 

Diese Selbstzurücknahme an der Seite und zugunsten der Opfer lebten exemplarisch M. Luther und D. Bonhoeffer.

1527 brach aus die Pest in Wittenberg. Mitglieder der Universität waren meist schon nach Jena ausgewichen. Todesfälle häuften sich. M. Luther mit Katharina, mit Bugenhagen und anderen blieb. Sich selbst gefährdend wurde Luthers Haus nun zum Spital für Infizierte. Selbstverständlich räucherte man, gab Medikamente aus, sorgte für Hygiene und war bei den Erkrankten und betete mit ihnen. M. Luther beschrieb während und nach den Wochen der Pest in der Schrift: “Ob man vor dem Sterben fliehen möge” gegen verängstigte Flucht und gegen waghalsige Unachtsamkeit die Pflege der Infizierten und Rekonvaleszenten als Gottesdienst im Alltag der Welt.

Am 7./8. 7. 1939 brach D. Bonhoeffer mit einem der letzten Schiffe aus dem sicheren Hort Amerika auf zur “Teilnahme an Deutschlands Geschick”. In einem geistlichen Kampf, der bestimmt war vom Hören auf das Losungswort der Herrnhuter Brüdergemeine, vom rationalen Diskurs mit Freunden und vom Gebet, entschied er sich für politische Verantwortung im Widerstand mit Schuldigwerden und Schuldübernahme für Andere. Nicht der Welt gleich - an der Seite der Opfer.

 

In Selbstzurücknahme, bei noch so großer Selbstbezogenheit eine immer noch größere Selbstlosigkeit, wird Glaube konkret gelebt im Alltag, Glaube, glaubwürdig gelebt, weil Reden und Leben sich nicht widersprechen, Glaube, der in Freiheit und Verantwortung ins Leben führt. Nicht sich selbst überschätzend, nicht von sich höher denken als sich gebührt in der Christengemeinde, exemplarisch für die Bürgergemeinde, wie unser Bibelabschnitt mahnt, kennt der Glaubende den Unterschied zwischen Gottes Handeln und menschlichem Tun; er anerkennt die weisende Grenze des 1. Gebotes “Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen”, “Menschen sollen wir sein und nicht Gott. Das ist die Summa”, wie M. Luther Spalatin schreibt (Luther, Brief an Spalatin vom 30. 6. 1530, in: WABr 5, 415, 45).

Der Glaubende bekennt Fragmentarisches, Scheitern und Schuld, er lebt das “nicht für mich, sondern um des Anderen willen”, wie M. Luther sagt, das “Dasein mit und für Andere”, wie D. Bonhoeffer sagt.

Konkret wird für ihn das Liebesgebot, indem er bei Konflikten den ersten Schritt, soz. in Vorleistung, tut, indem er in eigenen Entscheidungen und ihren Folgen achtsam den Blick auf die Dritten einbezieht, indem der Ruf zur Freiheit und Verantwortung vom Klang freudigen Danks und gewisser Hoffnung bewegt ist. Denn Danken und Hoffen sind stärker als unsere Angst. Und “Gott will gelingen lassen”, wie der Prophet verheißt (Neh 2, 20).

Mit dem Wochenspruch dieser Woche: “Die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder” (Röm 8, 14), selbst in Dilemmata und Diskrepanzen. Gottes Barmherzigkeit ist es, die letztlich gilt. Sein Erbarmen hat das letzte Wort schon gesprochen über unser oft schuldig bleibendes Prüfen, “was das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene” ist.

 

Liebe Gemeinde, von Epiphanias her spricht in unsere Herzen die Verheißung: “Gott, der da hieß das Licht aus der Finsternis hervorleuchten wie das des Morgensterns, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entsteht die Erleuchtung zur Erkenntnis der Wahrheit in dem Angesicht Jesu Christi” (2. Kor 4, 6). Sie findet Resonanz im gelebten Glauben. Sie wird epiphan im Glauben, der ins Leben führt, sodass “wir etwas sind zum Lob der Herrlichkeit Gottes” (Eph 1, 12), sodass wir unsere Talente “mutig und keck“ einsetzen und, wie Luther treffend zugesprochen, unser “Apfelbäumchen zuversichtlich pflanzen“.

Denn von der Fülle seiner Barmherzigkeit “haben wir alle genommen Gnade um Gnade” (Joh 1, 16), wie jetzt im Abendmahl.

 

Sein Erbarmen, das höher ist als unsere Vernunft, bewahre unser Glauben, Reden und Tun an jedem neuen Tag, der uns geschenkt wird. Amen.

 

 

 

 

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Letzte Änderung: 12.01.2017
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