08.04.2012: Pfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs über 1. Sam 2,1-10 + Hd Katechismus 45

 

Predigt im Universitätsgottesdienst zu Ostern, 8. April 2012, in der Peterskirche Heidelberg über 1. Samuel 2,1-10 und Heidelb. Katechismus 45

 

Prediger: Pfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs

 

Lesung: Johannes 20,1-20

EG 884 / Frage 45

 

 

Liebe Gemeinde,

genießen konnte sie ihr Leben wirklich nicht. Obwohl ihr Mann sie liebte, blieb ihre große Sehnsucht ungestillt: Leben konnte sie nicht weitergeben. Deshalb konnte sie ihr Leben nicht genießen. Andere Frauen bekamen Kinder, sie nicht. Ihre Sorgen beherrschten sie – bis zur Persönlichkeitsveränderung. In ihrer Trauer, die sie beugte und vor Menschen verstummen ließ, stürzte sie sich in die Religion. Nach einiger Irritation traf sie – und das durch einen ordentlich bestallten Religionsfunktionär! – die Verheißung Gottes, die sich bald bewahrheiten sollte: Sie empfing und gebar Leben. Das so sehnsüchtig erhoffte neue Leben trug den Namen „Samuel“, der von Gott Erbetene. Im Rausch des neuen Lebensgenusses vergaß sie dennoch nicht die Quelle des Lebens und brachte nach alter Sitte und nach ihrem Gelübde den Sohn zu Gott in den Tempel. Ihr Gebet hat uns die Bibel überliefert:

1 Und Hanna betete und sprach:

Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN,

mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.

Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,

denn ich freue mich deines Heils.

2 Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner,

und ist kein Fels, wie unser Gott ist.

3 Lasst euer großes Rühmen und Trotzen,

freches Reden gehe nicht aus eurem Munde;

denn der HERR ist ein Gott, der es merkt,

und von ihm werden Taten gewogen.

4 Der Bogen der Starken ist zerbrochen,

und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.

5 Die da satt waren, müssen um Brot dienen,

und die Hunger litten, hungert nicht mehr.

Die Unfruchtbare hat sieben geboren,

und die viele Kinder hatte, welkt dahin.

6 Der HERR tötet und macht lebendig,

führt hinab zu den Toten und wieder herauf.

7 Der HERR macht arm und macht reich;

er erniedrigt und erhöht.

8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub

und erhöht den Armen aus der Asche,

dass er ihn setze unter die Fürsten

und den Thron der Ehre erben lasse.

Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN,

und er hat die Erde darauf gesetzt.

9 Er wird behüten die Füße seiner Heiligen,

aber die Gottlosen sollen zunichte werden in Finsternis;

denn viel Macht hilft doch niemand.

10 Die mit dem HERRN hadern, sollen zugrunde gehen.

Der Höchste im Himmel wird sie zerschmettern,

der HERR wird richten der Welt Enden.

Er wird Macht geben seinem König

und erhöhen das Haupt seines Gesalbten.

(1. Samuel 2,1-10)

 

Wir müssen uns Hanna als eine fröhliche Frau denken. Gebeugt war sie gewesen von einem Leben, das damals für eine Kinderlose tatsächlich ein „concursus mortuum“ war, wie spätere Heiden das Leben überhaupt charakterisierten. Aber dann hat sie den Gott des Lebens erfahren, wurde aufgerichtet, konnte durchatmen und begann zu beten, wohl auch zu singen und vor Menschen zu reden. Sie ging nicht mehr gebeugt, wich nicht mehr den Blicken der anderen aus, sondern trug ihren Kopf oben. Sie war der Beweis, dass die „normative Kraft des Faktischen“ geradezu läppisch ist gegen die Kraft Gottes, die alles Verkehrte verkehren und damit die Verhältnisse umstürzen kann. Gott bringt zurecht. Gott wird sich durchsetzen, das wusste Hanna seitdem, und er wird sich für das Leben entscheiden. Weil sie dies in ihrer Vergangenheit erfahren hatte, hoffte sie dies aus gutem Grund für die Zukunft: Sie konnte ihr Haupt erheben, wie eben auch zukünftig Gottes Erwählter sein Haupt nicht für alle Zeit würde neigen müssen, sondern erheben würde – also leben kann. Mit dieser Erfahrung und dieser Hoffnung konnte sie das ihr geschenkte Leben nun genießen. Ein Jubelruf des Lebens ist deshalb von ihr, der Prophetin der „Gnade“, wie Hanna übersetzt heißen könnte, überliefert.

Jahrhunderte später wurde ein anderes Kind in den Tempel gebracht. Und wiederum war dort eine Prophetin namens Hanna, die sehnsüchtig gewartet, die sehnsüchtig gelebt hatte: Sehnsucht nach neuem Leben, nach Erlösung. Angesichts des neugeborenen Lebens, das Maria auf ihren Armen trug, lobte Hanna Gott und glaubte die Verheißungen Gottes erfüllt. Sie wird darin ihren Frieden gefunden haben – und hat wohl wegen ihres hohen Alters nicht mehr den weiteren Weg dieses Gotteskindes verfolgen können.

Genossen hatten es die Menschen, in Jesu Gegenwart zu leben, vor allem diejenigen, die vom Leben damals nicht sehr viel erwarten durften: Kranke und Behinderte, sozial Marginalisierte, Frauen, Kinder. Genossen hatten sie seine Nähe und sich anstecken lassen von den Hoffnungen, die er um Gottes Willen verbreitete. Voller Hoffnung auch diejenigen, die dies aus nächster Nähe hatten miterleben dürfen: die Jünger und Jüngerinnen, die sich um Jesus scharten. Umso dramatischer die Tage der zurückliegenden Woche, umso tiefer die Traurigkeit des Karfreitag, umso bestürzender das Rätsel des leeren Grabes. Sollte auch ihr Leben ohne Perspektive nun ein „concursus mortuum“ sein? Der Tod musste als endgültig verstanden werden, ein ganzer Tag des Todes bestätigte dies – die Hoffnung erstarb, man versteckte sich und mied das Licht des Tages. Doch da gibt es plötzlich ein Aufatmen, ein Aufrichten, ein Wahrnehmen und einen Sinneswandel ohnegleichen (wie wir in der Schriftlesung aus Johannes 20 gehört haben): Jesus spricht Maria mit Namen an – und sie hört ihn, wendet sich um und sieht Jesus. Das geht nicht, ohne einzuatmen und sich aufzurichten. Jesus zeigt sich den versammelten Jüngern und spricht sie an: Auch diesen Sehen und Hören geht nicht, ohne einzuatmen. Das neue Leben ermöglicht Leben. Das war die Erfahrung der Osterzeugen, der Frauen und Männer um Jesus. Und auch hier wie bei den Hannas: Diese Menschen werden froh.

Die Erinnerung, dass Gott treu ist, dass er für das Leben votiert, dass er die Verhältnisse umkehrt, war nie gänzlich verblasst. In ihrer Sehnsucht haben die Menschen in und seit biblischen Zeiten darauf gehofft. Nicht einfach nur erneut, sondern ganz radikal hat Gott schließlich zu Ostern die Lebensverhältnisse umgekehrt: Nicht vom Leben zum Tod, sondern vom Tod zum Leben geht der Weg; der Getötete ist der Lebendige; der Verfluchte ist der Segnende; der Verheißende ist selbst die Verheißung. Dass sich Gott so den Menschen erschlossen hatte, wurde als Grundlage ihres Glaubens und ihres Hoffens weitergegeben. Das hat, in allen Irrungen und Wirrungen der Kirchengeschichte, das Leben der Christen geprägt. Auch das Leben der Christen in Heidelberg, dessen Religionsfunktionäre vor 450 Jahren die Glaubensinhalte zusammenfassten und bezeichnenderweise gerade auch bei der Osterbotschaft – wie an zahlreichen anderen Stellen – nach dem „Nutzen“ fragten:

Was nützt uns die Auferstehung Christi?

Das ist, nach den langen Ausführungen zum Leiden Christi in den Fragen 37-44 erstaunlich kurz gefragt und es ist auf den ersten Blick geradezu frech gefragt – aber es ist in biblischer Tradition gefragt: Es geht nicht um die Art und Weise der Auferstehung, die menschliche Neugier hält sich angesichts des souveränen Handelns Gottes im Zaum.

Was nützt uns die Auferstehung Christi?

Das ist gut gefragt, denn man könnte ja achselzuckend zurückblicken und ein Geschehen vor so langer Zeit für gar nicht mehr wahr oder mindestens gegenwärtig irrelevant halten. Das ist gut gefragt, weil nur die Philosophen über den „Gott an sich“ spekulieren, der Gott der biblischen Tradition, der Gott der Juden und Christen sich aber mitteilt, ja sogar mitgeht und sich riskiert. Er gibt sich her, er nützt uns – was Gott tut, geschieht zu unserem „Nutz und Frommen“. Was über Karfreitag, was über Christi Leiden und Sterben so tiefsinnig biblisch-theologisch entfaltet werden muss, das wird Ostern uns mitgeteilt und mitgegeben, weil das, was bewirkt wurde, ins Leben kommt – und damit auch in unser Leben.

Was nützt uns die Auferstehung Christi?

Zum ersten hat Christus durch seine Auferstehung den Tod überwunden, dass er uns der Gerechtigkeit, die er uns durch seinen Tod erworben hat, teilhaftig machen könnte.

„Ich lebe und Ihr sollt auch leben“ (Johannes 14,19), so sagt es der Lebendige in unser Leben hinein, das deshalb kein „concursus mortuum“ bleiben kann. Die Heidelberger Glaubensväter waren hier den Ideen des Evangelisten Johannes nahe: Der Glaube ist nicht die Bedingung des Heils, sondern bereits die Form. „Wer glaubt, hat das ewige Leben“ (Johannes 3,16). Der Glaube gründet in einem geschichtlichen Geschehen, bestimmt aber mit seinem Inhalt meine, unsere Zukunft. Das, was man nicht zu hoffen wagte, das „Nichthoffnungsbare“, kann jetzt mit gutem Grund erhofft werden.

Zum dritten ist uns die Auferstehung Christi ein gewisses, also ein absolut sicheres Pfand unserer seligen Auferstehung.

Der Glaube an die Auferstehung war nicht neu und war auch kein Alleinstellungsmerkmal der frühen Christen. Diese Hoffnung lebte schon in anderen jüdischen Gruppierungen. Aber mit Christi Auferstehung hatte es sich historisch gezeigt, dass der Weg vom Tod zum Leben real möglich war. Deshalb wird aus einer Hoffnung eine Glaubensgewissheit, weil das angeblich Unmögliche möglich geworden war.

Und dieses historische Geschehen, das in der Vergangenheit ermöglicht hat, am Leben des Auferstandenen teilzunehmen und das mir für die Zukunft die Glaubensgewissheit des Lebens bei Gott gibt, den täglichen Todeserfahrungen zum Trotz, dieses prägt mit seiner vergangenen und seiner zukünftigen Dimension die Gegenwart:

Zum zweiten werden wir auch jetzt durch seine Kraft erweckt zu einem neuen Leben.

„Auferstehung“ ist nicht bloß damals bei Jesus und dann am fernsten Tage auch bei uns, sondern Auferstehung ist gegenwärtig, so wie heute Ostern ist. Es gehört mit zur Botschaft von Ostern, dass wir schon jetzt eine österliche Existenz führen können, dass wir schon jetzt auferweckt sind zu einem neuen Leben. Es gehört auch mit zum Charakteristischen des Heidelberger Katechismus, dass er immer wieder uns mit dem Glauben ins Leben ruft. Denn wer Ostern wahrnimmt, wer die Botschaft hört, merkt auf, atmet auf, richtet sich auf und beginnt zu sprechen und zu handeln. Wer Gottes Zuwendung erfahren hat wie die beiden Hannas, wie die Jünger, wie die Christen an vielen Orten zu allen Zeiten, der wird froh. Das Leben, das Gott so wertschätzt, das er es schafft und erhält, soll nicht überwunden, sondern es soll gewonnen werden. Deshalb ist der Glaube an Gott kein Opium, um im benebelten Rausch die realen Lebensschmerzen aushalten oder gar vergessen zu können sondern eher ein energy-drink, das uns lebenslustig macht.

Dennoch wissen wir es: Ostern ist wahr, österliche Existenz ist in dem neuen Leben, zu dem wir erweckt sind, unsere Aufgabe, aber das Leben in dieser Welt steht weiterhin unter dem Vorzeichen des erfahrenen Todes. Darüber kann man mit einem auch noch so prächtig inszenierten Osterjubel nicht hinweg lügen: Der Tod in vielfältiger Form ist in unserer Welt und verspottet unseren Glauben. Tyrannen lassen ihr Volk hinschlachten, Krankheiten und Unglücke treffen Unschuldige, Mörder gehen umher. Da bleibt der Jubel im Halse stecken. Und selbst wenn wir von den schrecklichen Zuständen dieser Welt nicht direkt betroffen sind, dürfen wir das Leben doch angesichts der Weltverhältnisse nicht einfach genießen, nicht wahr? –

Doch, liebe Gemeinde, doch, wir können nicht nur, wir müssen das Leben genießen. Das Wort „Nutz“, das uns sooft und nun auch zu Ostern im Heidelberger Katechismus begegnet, stammt aus der Wortfamilie „genießen“. Uns „nutzt“ (wir sind die Nutznießer?) die Auferstehung, sie ist für uns geschehen, wir nehmen an ihr teil – das ist wahr, auch wenn der Blick in die Welt anderes lehren will. Der Heidelberger Katechismus will uns gegen die Gefährdungen des Lebens nachgerade halsstarrig machen: „mit aufgerichtetem Haupt“ (Fr. 52) sollen wir leben und „festen Widerstand“ (Fr. 127) tun. Wir sollen die Erfahrungen der beiden Hannas, der aus dem Alten und der aus dem Neuen Testament, weiterführen, wir sollen das Unglaubliche glauben und das Undenkbare denken, weil Gott nicht Knecht unserer Lebensverhältnisse ist, sondern deren Herr. Deshalb dürfen wir phantasieren und prophezeien, dürfen träumen und tun, dürfen uns das Gottgemäße vorstellen und Gott vertrauen, so wie Hanna es uns vormacht:

4 Der Bogen der Starken ist zerbrochen,

und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.

5 Die da satt waren, müssen um Brot dienen,

und die Hunger litten, hungert nicht mehr.

Die Unfruchtbare hat sieben geboren,

und die viele Kinder hatte, welkt dahin.

6 Der HERR tötet und macht lebendig,

führt hinab zu den Toten und wieder herauf.

7 Der HERR macht arm und macht reich;

er erniedrigt und erhöht.

8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub

und erhöht den Armen aus der Asche.

 

So reden diejenigen, die schon jetzt zu einem neuen Leben erweckt sind, weil Christus auferstanden ist. So reden wir, die wir Ostern feiern. Amen.

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Letzte Änderung: 17.04.2012
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