08.09.2013: Christoph Wiesinger über Lk 17,5-6

Predigt über Lk 17, 5-6

 in der Peterskirche Heidelberg

am 08. September 2013

 

 

Christoph Wiesinger

 

Nun, der Sommer scheint ja nochmal zurückgekehrt zu sein. Ich würde sagen, dass wir uns dieses Jahr wirklich nicht über den Sommer beschweren konnten: Ideales Wetter für den Urlaub. Ich weiß nicht, ob Sie im Urlaub waren und wie Sie dort hingekommen sind. Vielleicht ja mit dem Auto und vielleicht zusammen mit Freunden.

Dabei gibt es manchmal ein merkwürdiges Phänomen. Stellen Sie sich vor, Sie fahren gemeinsam mit zwei Autos los. Kurz nach dem Start schafft es der Wagen vor ihnen, gerade noch über eine Ampel zu kommen, aber Sie müssen warten. Zwei Minuten lang. Jetzt könnten Sie erwarten, dass Ihr Auto eben zwei Minuten später am Zielort angelangt, aber stattdessen, während die Freunde schon fröhlich am Strand an der Nordsee liegen, stecken sie stundenlang im Stau fest und kommen völlig genervt Stunden später an.

 

Dieses Phänomen versucht die Chaostheorie zu beschreiben. Sie besagt, dass bei nahezu identischen Ausgangslagen – aber eben nur nahezu identischen – völlig andere Endergebnisse herauskommen. Der Verkehr – solange Menschen am Steuer sitzen – ist nicht berechenbar. Denn – und das wissen wir alle – Menschen sind nicht berechenbar. Wie ist das Verhalten von Menschen einzuschätzen? Was passiert mit einer Gemeinschaft unter bestimmten Umständen?

Ein Thema das immer wieder Anstoß für tiefschürfende Gedanken geworden ist. Von der Frage der griechischen Polis, wie Zusammenleben gestaltet werden soll, bis hin zu großen Philosophen wie Thomas Hobbes oder Hannah Arendt. Hannah Arendt sagt bezeichnender Weise, dass die Wissenschaft zwar sehr viel Energie darauf verwendet hat, den Menschen zu bestimmen, aber kaum vorangekommen ist, zu untersuchen, wie Menschen eine Gemeinschaft bilden.

Wie bilden Menschen eine Gemeinschaft? Die Antwort von Hobbes war: Homo homini lupus – Der Mensch ist des Menschen Wolf. Das bewegt mich zum Nachdenken.

 

Auch unter den Jüngern Jesu zeigten sich immer wieder Konflikte und Streitereien:

Wer ist der Größte, wer der Lieblingsjünger, wie gehe ich mit einer Stadt um, die mich ablehnt, usw.…

Immer wieder musste Jesus eingreifen, und er tut dies in oft sehr kreativer Art und Weise, indem er z.B. ein Kind in die Mitte stellte und erklärte, dass wir werden müssen wie die Kinder. Oder, dass der Geringste unter uns der Größte ist.

 

Auch in unserem Text heute geht es um die Frage, wie das Zusammenleben zu organisieren ist:

Ich lese aus dem Lukasevangelium, aus dem 17. Kapitel:

Lukas 17,1-10

Er sagte aber zu seinen Jüngern: »Es ist unmöglich, dass keine Verführungen kommen; weh aber dem, durch den sie kommen!

 2 Es wäre besser für ihn, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde, als dass er einem dieser Kleinen zum Anstoß wird.

 3 Habt Acht auf euch selbst! Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm.

 4 Und wenn er siebenmal am Tag gegen dich sündigen würde und siebenmal am Tag zu dir käme und sagte: ›Es reut mich‹, dann sollst du ihm vergeben.«

 5 Und die Apostel sagten zum Herrn: »Stärke doch unseren Glauben!«

 6 Der Herr aber sagte: »Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn und zu diesem Maulbeerbaum sagt: ›Entwurzle dich und versetze dich ins Meer!‹, dann wird er euch gehorsam sein.

 7 Wer unter euch, der einen Knecht hat, der pflügt oder das Vieh weidet, wird zu ihm, wenn er vom Feld heimkommt, sagen: ›Komm gleich her und setz dich zu Tisch‹?

 8 Ist es nicht vielmehr so, dass er zu ihm sagt: ›Richte her, was ich zu Abend esse, gürte dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken‹?

 9 Dankt er dem Knecht besonders, weil er getan hat, was ihm befohlen war? Ich denke nicht.

 10 So sollt auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, sagen: ›Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Pflicht getan.‹«

 (Luk 17:1-10 NLB)

 

Jesus spricht hier verschiedene Themen an, auf drei möchte ich eingehen:

Verführung, Vergebung und Glaube

 

Es beginnt mit der Verführung, und dabei möchte ich zuerst doch darauf hinweisen, dass wir uns hier natürlich in symbolischer Rede befinden. Wenn Jesus davon spricht, dass Mühlsteine um Hälse gelegt werden sollen – so sollten wir dies bitte nicht wörtlich verstehen. Nein, das Symbol regt uns zum Nachdenken an, fordert uns auf, unser Denken zu bewegen.

 

Es ist unmöglich – betont hier Matthäus – dass keine Verführungen kommen. D.h. es geht gar nicht ohne! Keine Gemeinschaft wird ohne Verführung bleiben.

Doch Achtung, es geht hier in dieser Stelle nicht um das Richten. Der Abschnitt ist keine Anleitung, Menschen Mühlsteine umzuhängen. Die Perspektive ist eine andere: Nicht meine Einschätzung vom Nächsten wird hier betrachtet, sondern ich soll mich selbst betrachten. „Habt Acht auf Euch selbst!“ heißt es hier. Das heißt ich soll auf mich achten. Ich soll darauf achten, wie ich mit meinem Nächsten in Beziehung trete? Und diese Selbstachtung, die wird hier scharf aufgeladen.

 

Ganz anders nämlich spricht Jesus hier, wenn es auf die Frage kommt, wie ich damit umgehe, wenn ich es beim Anderen sehe!

 

Mein Verhältnis zum Nächsten wird hier völlig anders bewertet: mit Gnade!

 

Ein amerikanischer Autor äußerte sich einmal über seine Studienzeit. Er studierte Theologie und Philosophie. Und wie es so kam, saß er einmal in einem Seminar, wo er mit so ziemlich nichts einverstanden war: Weder mit den Positionen, die vertreten wurden, noch mit dem Dozenten, der das Seminar hielt. Dies ließ er sein Umfeld und besonders den Dozenten spüren: Er war dagegen - ein ganzes Semester lang, bis er eines Tages die Klasse betrat und sich wunderte, dass alle hochkonzentriert und schweigend auf ihre Tische starrten. Er merkte, alle waren in Klausuren vertieft. Da traf ihn der Schlag und er sagte – diesmal sehr kleinlaut – ich dachte, wir würden erst nächste Woche Klausur schreiben. Ich bin nicht vorbereitet. Der Dozent sah ihn an. Und er sagte zu ihm: Wir alle benötigen manchmal Gnade. Kommen Sie nächste Woche wieder.

 

Gnade… Gnade im menschlichen Umgang untereinander.

 

Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm.

 

Wenn er es bereut vergib ihm. Hier wird nicht gefordert, Opfer zu werden oder zu sein.  Nochmal:

 

Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm.

 4 Und wenn er siebenmal am Tag gegen dich sündigen würde und siebenmal am Tag zu dir käme und sagte: ›Es reut mich‹, dann sollst du ihm vergeben.«

 (Luk 17:3-4 NLB)

 

Das sind harte Worte! Sie sind nur mit Gnade zu verstehen, doch dass sie trotzdem reichlich spitz sind, sehen wir an der Reaktion der Jünger:

 

Und die Apostel sagten zum Herrn: »Stärke doch unseren Glauben!«

 6 Der Herr aber sagte: »Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn und zu diesem Maulbeerbaum sagt: ›Entwurzle dich und versetze dich ins Meer!‹, dann wird er euch gehorsam sein.

 (Luk 17:5-6 NLB)

 

Womit wir bei der Frage des Glaubens wären. Können wir jemandem wirklich noch glauben, wenn er sieben Mal am Tag gegen uns sündigt und es jedes Mal wieder tut und jedes Mal sagt, es tue ihm leid, und ich solle vergeben.

 

Ehrlich?

 

Und dann fügt Jesus das eigentümliches Bildwort vom Glauben, der so groß ist wie ein Senfkorn ist, an, der Maulbeerbäume versetzt.

 

Hier ist eine Erklärung von Nöten:

 

Senfkörner sind sehr klein. Wir kennen sie alle aus den Gläsern mit Essiggurken. Die kleinen gelben Punkte, die da herumschwimmen, sind Senfkörner.

 

Maulbeerbäume sind in unseren Breiten nicht ganz so bekannt. Sie sind auf jeden Fall Bäume – so habe ich nachgelesen – die sehr tiefe Wurzeln treiben und auch noch voller Dornen sind. Sechs bis fünfzehn Meter werden sie hoch. Ein äußert unangenehmes Gewächs um es auszureißen - zur damaligen Zeit galt dies sogar als unmöglich.

Doch Jesus sagt, wenn der Glaube auch nur winzig klein noch da ist – selbst wenn er nur groß wie ein Senfkorn ist – dann kann er Bewegung verursachen. Sogar etwas schier Unverrückbares, kann Bewegung gewinnen. Das Unverrückbare kann in den See bewegt werden, wo gar nichts mehr feststeht, sondern sich alles bewegt. Dort pflanzt sich ein Baum ein. In den See, wo die Jünger ihre Netze auswarfen, als Jesus sie rief ihm nachzufolgen. An dem See, über den Jesus bei Wellengang lief und sie ihn für ein Gespenst hielten. An dem See, auf dem Petrus einige Schritte wagte, ehe er die sichere Hand Jesu gegen den Untergang ergriff. Auf jenen See soll sich der Maulbeerbaum pflanzen.

 

Bewegung. Veränderung. Der Glaube, der Bäume versetzt, spricht uns den Glauben an die Bewegung zu. Den Glauben, vom dem hier die Rede ist, finden wir zwischen uns:

  • In der Beziehung zu meinem Nächsten.
  • Aus der Beziehung zu Gott.
  • Der Glaube setzt mich in die Sphäre des Göttlichen.

 

Glaube vergemeinschaftet. Von Gott her kommend drängt er aus uns heraus zum Nächsten hin. Es ist der Glaube, der Beziehung bewegt, der zu Beziehung bewegt.

 

Ich habe diese Woche mit zwei Lehrern gesprochen, die vor kurzem auf einer Tagung zur Resilienzforschung waren. Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklungen zu nutzen. Als Sonderschullehrer waren sie vor allem daran interessiert, wie Kinder aus widrigsten Umständen es manchmal ja doch schaffen, sehr erfolgreiche Lebenswege zu gehen. Dabei – davon geht man heute aus – sind andere Menschen von entscheidender Bedeutung. Ein Mentor. Ein Mensch, der an eine Person glaubt. Manchmal reicht sogar eine Begegnung aus.

 

Manchmal ist eine Begegnung im richtigen Moment, wie der Flügelschlag des Schmetterlings. Eine kleine Bewegung, die den Gang der Dinge verändert. Selbst etwas Kleines kann einen Tornado auslösen. Der Glaube – und sei er auch nur so klein wie ein Senfkorn - vermag Großes zu bewegen.

 

Der Glaube hält an der Bewegung fest. Bewegung ist Veränderung. Glaube strebt auf Veränderung hin. Das ist ein Risiko – Glaube ist Risiko, aber eben auch eine Chance.

 

Doch Jesus ermutigt uns, dass ein Körnchen Glaube Bewegung schaffen kann, selbst Unbewegbares zu bewegen.

 

Das bringt mich zum dritten Gedanken: Glaube.

 

Man könnte fast sagen, Jesus fordert hier die Haltung eines Sklaven einzunehmen.

Nun – das ist verstörend. Auf jeden Fall verstört es mich!

Und doch ist es nicht so weit hergeholt: Paulus bezeichnet sich als Sklave Jesu Christi.

 

Was hat ein Sklave? Im Grunde nichts. Nur sich selbst.

 

Der Sklave wird  von außen definiert, von einem weltlichen Herrn.

Der Sklave Jesu Christi, der wird auch von außen definiert. Nicht mehr von sich selbst, sondern von Jesus Christus. Es ist eine Berufung. Ein Ruf, der uns ereilt.

Jesus spricht hier in dieser Berufung nicht vom schönen Leben. Er spricht von einer messianischen Berufung.

Ich denke, dass wir alle gewillt sind, nach dem glücklichen Leben zu streben. Aber die Frage ist, wollen wir das wirklich? Denn die Alternative ist nicht das unglückliche Leben. Natürlich, gibt es das auch. Nein, ich denke, dass die Herausforderung hier im strebenden – im bewegten – Leben liegt.  Wenn wir dieses Leben als einen schöpferischen Prozess sehen, wenn Gott es uns aufträgt, Gemeinschaft zu gestalten, dann ist doch die Frage nicht, ob es uns sofort ein Gefühl der Fröhlichkeit vermittelt.

Wenn ich die großen Künstler, Theologen, Philosophen, usw. betrachte, dann haben sie ihr Leben nicht danach ausgerichtet, wie viel Glück dabei rausspringt. Im Gegenteil waren sie sogar gewillt, Leid in Kauf zu nehmen, da sie einer Berufung gefolgt sind. Sie wollten etwas verwirklichen. Die Berufung gibt uns Kraft, die auch Leid aushält und Widerstände überwindet. Das Gefühl nach Sinn zu streben, voller Tatendrank zu sein, zu wissen, dass man am richtigen Fleck ist, lässt uns am Leben bleiben. Die Bewegung Gottes eröffnet Leben. Sie setzt Leidenschaft frei. Doch diese Leidenschaft liegt nicht in, sondern sie liegt zwischen uns. Sie bewegt uns. Es ist das Potential der Gemeinschaft, Glaube aufzudecken und in die Zukunft zu verwirklichen. Es öffnet Leben. Jesus eröffnet Leben.

 

Dann streben wir zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, und dann wir uns alles andere hinzugetan werden.

 

Wenn der Glaube an Jesus das Unverrückbare bewegt:  Diesen Trotz, an einem Gedanken festzuhalten, der untersagt wird, wird hier gesponnen. Es ist ein Drang und ein Trotz, der sich auch darin zeigt, wenn man eine tiefere, symbolische Wahrheit gegen den Augenschein der Fakten festhält. Es ist der Gedanke an Gott, wie er sich in Jesus Christus offenbart hat. Der Gedanke an den Glauben, der den Maulbeerbaum entwurzelt und ins Meer pflanzt. Es  liegt etwas an diesem Gedanken, der Bewegung verursacht.

Dieser Trotz der Bewegung ist in uns allen vorhanden. Dies ist der Faktor, der für eine unendliche Kreativität, für ein endloses Streben, für den Willen des Denkens oder für viele Arten von Leidenschaft verantwortlich ist. Dieses Element in uns durchbricht die Balance unseres Lebens, stellt alles auf den Kopf, kann dafür sorgen, dass alles, was uns wichtig schien, zurückgestellt wird, weil sich da etwas bewegt, obwohl dort etwas unverrückbar scheint.

In diesem Sinne begleite uns der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Er bewahre unser Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

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Letzte Änderung: 22.10.2013
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