09.05.2013: Prof. Dr. Peter Lampe über Gal 2,1-10

Predigt zum Himmelfahrtstag 2013 in der Universitätskirche Heidelberg

Predigttext: Galater 2,1-10 (Prof. Peter Lampe)

 

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommen wird. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

Abschaffen wollen etliche ihn, den Himmelfahrtstag. Was als staubiger Mythos seines Sinnes entleert und einen Teil der Bevölkerung mit Bierflaschen im Wald seiner Sinne beraubt, müsse nicht weiter gepflegt werden. Lukas sei eh der einzige im Neuen Testament, der den Himmelfahrtstag kenne.[i] Es genüge doch, Ostern zu feiern: die Auferstehung, mit der Gott Christum zu seiner Rechten erhöhte, zum Herrn des Alls einsetzte. Warum ein gesondertes Ereignis vierzig Tage danach?[ii] Was dachte sich Lukas dabei? Zweimal erzählt er die Auffahrt: am Ende des Evangeliums und zu Beginn der Apostelgeschichte—als Scharnier, das beide Bücher zusammenhält, das Leben Jesu und das der Kirche.

Dauerhaftes Entrückt-Werden auserwählter Verstorbener in den Himmel wurde seit alters erzählt, in ägyptischen Pyramidentexten vom König, der mit seinem Tod verklärt wird,[iii] im Judentum des ersten Jahrhunderts von Mose, dessen Grab nicht zu finden war,[iv] im griechischen Mythos nicht zuletzt von Herakles. Vom brennenden Scheiterhaufen hinweg rafft ihn der Göttervater durch Wolken hindurch zu Himmelsgefilden empor. In den Götterolymp einziehend, wandelt sich Herakles vom Heros zum unsterblichen Gotte.[v] Auch dem ermordeten Caesar wurde eine solche Apotheose zuteil,[vi] dazu etlichen verstorbenen römischen Kaisern, deren Bild, so musste ein Augenzeuge bekunden, beim Verbrennen des Leichnams zum Himmel aufstieg.[vii] Im ersten Jahrhundert ehrte der Senat die Kaiser Augustus, Claudius, Vespasian und Titus nach dem Tode mit einer solchen Konsekration. Apotheosen wurden in der Kaiserzeit zum politischen Machtinstrument. Vom Senat beschlossen, signalisierten sie, was offiziell politisch genehm – und was nicht. Nero etwa wurde nach seinem Tod nicht konsekriert, sondern dem Vergessen anheim gegeben. Kurzum, das Kaisertum politisierte die Apotheose.

Vor diesem Hintergrund schrieb Lukas. Er versuchte, die durch und durch jüdische Vorstellung von Auferstehung für hellenistische Christen verständlicher zu machen. Was wollte er ihnen sagen? Zwischen den Zeilen schwingt bei ihm ein Stück Kritik am Vergöttlichen politischer Machthaber mit.[viii] Seinen Lesern zeigt die Himmelsfahrtgeschichte: Schaut her, hier ging der eigentliche Weltbeherrscher (Apg 2,33-35) in die göttliche Sphäre ein—er heißt Jesus, unser Christus. Lukas trennt das Erhöhen Christi in den Himmel von seinem Auferstehen ab, um es nah an die kaiserlichen Apotheosen heranzurücken[ix]—mit einem kritischen Unterton, der ein paar Kapitel weiter so lautet: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen” (Apg 5,29). Das hatte Sokrates verkündet, und das schreibt Lukas erneut seinen Christen ins Stammbuch. Überprüft Eure Loyalitäten! Es gibt Grenzen des Sich-Beugens vor weltlicher Macht. Christus ist Euer und der Welt Herr. Das ist Himmelfahrt![x] Sie hebt das universale Herr-Sein Jesu Christi heraus.

Dieses Anliegen trieb auch Paulus auf dem sog. Apostelkonvent um, von dem der heutige Predigttext berichtet—am Altar gelesen als Teil unserer Predigtreihe über den Galaterbrief. Ohne dieses Jerusalemer Apostelkonzil am Ende der 40er Jahre säßen wir heute nicht hier. Paulus setzte sich in dieser Versammlung verschiedener Apostel gegen den heftigen Widerstand einiger Christen aus dem Judentum durch. Diese hielten dafür, dass Heiden zuerst Mitglieder des Heilsvolks Israel werden und die Tora als Lebensgesetz übernehmen müssten, bevor sie sich christlich taufen lassen könnten. Sie verfochten ein Christentum, das in der Partikularität Israels verhaftet sein sollte. Paulus dagegen betonte die universale Perspektive. Das Evangelium von Christus für alle Welt, ohne dass diese Welten zuerst sich den Gesetzen eines bestimmten Volkes beugen müssten. Torafrei betrieb Paulus Weltmission, und die maßgeblichen Apostel des Konzils stärkten ihm den  Rücken—allesamt Judenchristen wie Paulus, der den Schatz im Acker, das Heil in Christus, für das Höchste hielt, für das es wert war, alles andere, auch die eigene Tradition, hinter sich zu lassen.

Wie leben wir heute die universale Perspektive? Christus der Herr aller Welten, der die Schöpfung erhält und für alle Menschheit da ist, wie es die neutestamentlichen Schriften bekennen. Sitzend zur Rechten Gottes im Regimente, Christus Pantokrator, an Himmelfahrt gefeiert. Christlicher Universalismus kann heute nicht mehr mit kolonialistischer Dampfwalze über den Globus rollen, einebnend, was vor Ort gewachsen. Er hat nichts mehr mit Erobern zu tun. Es ist der Universalismus desjenigen, der sich kreuzigen ließ für Leute, die es nicht verdienten. Es ist der Universalismus desjenigen, der nicht kam, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen—anderen die Schmutzfüße waschend. Es ist der Universalismus desjenigen, der Schranken in seinem Volk niederriss—zu Huren, zu Zöllnern, zu Aussätzigen. Er versuchte die frommen Zeitgenossen hinter den Palisadenzäunen ihrer Partikularität hervorzulocken, Barrieren in ihren Köpfen einzureißen, die Zeitgenossen—wie Samaritaner zum Beispiel—ausgrenzten. Er hob Kinder auf Augenhöhe und wertete Frauen auf. Es ist der Universalismus desjenigen, der Feindesliebe predigte, weil des Schöpfers Liebe für alle da ist, selbst für die, die alles andere als das verdienen (Mt 5,45: „er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute“). Dies ist das Regiment des zu Gott Aufgefahrenen, das Regiment allumfassender Gottesliebe.

Über alle Clangrenzen hinweg die Hand zu reichen, birgt Risken, bedarf des Mutes. Der Auszug aus dem warmen Stübchen selbstbezogener kirchlicher Partikularität, den der neue Papst Franciscus anmahnt, ist unbequem. An die Hecken und Zäune auszuschweifen, aufwendig. So mühsam wie die Kollekte, die die Heidenkirchen für die Jerusalemer Judenchristen sammeln sollten—nach einem weiteren Beschluss des Apostelkonzils. Für Paulus war diese Kollekte ein Symbol ökumenischer Weite. Christen verschiedenster kultureller und religiöser Herkunft sollte sie verbinden. Darin lag die innere Einheit beider Konzilsbeschlüsse beschlossen: Sie versuchten beide auf ihre Weise, Partikularität zu überwinden.

Der am Sonntag zu Ende gegangene evangelische Kirchentag sandte Signale aus für das ökumenische und interreligiöse Miteinander; er ließ katholische, orthodoxe, jüdische und muslimische Gesprächsteilnehmer mit zu Worte kommen. Das ist christlicher Universalismus heute, der auf weltweites Zusammenwirken unterschiedlicher Partner setzt, nicht um andere zu dominieren, vielmehr um Menschen dieses ächzenden Globus beizustehen—den Menschen, dem Lebensraum und den anderen Lebewesen darin; Umwelt- und Tierethik stellen heute selbstverständliche theologische Themen dar. „Suchet der Stadt Bestes“, rief der Prophet Jeremia (29,7). Heute lautet die Parole: Suchet der Welt Bestes! Kapselt Euch nicht ab! Denkt nicht, Ihr müsstet erst theologische Einheit erringen, um gemeinsam in der Liebe am Menschen handeln zu können! Ökumene der Zukunft wird vor allem Handlungsgemeinschaft sein—denn an den Früchten lassen sie sich erkennen, die Christen. Die sie unterscheidenden Farben brauchen sie dabei nicht abzuschminken—zugunsten von Einheitstünche. „Es sind viele Wohnungen im Hause meines Vaters“ (John 14,2).

Der schwarze amerikanische Theologe Willie Jennings schrieb unlängst: „Der christliche Weg voraus war uns nie verborgen. Er verlief  immer dort an den Rändern, wo Menschen, die sich nicht lieben sollten, einander zu lieben begannen. Er verläuft dort, wo Frauen und Männer alles riskieren, um mit denen zu sein, die nicht ihre eigenen Leute sind...Wir haben das Zeugnis von Gottesdienern, die ihr...Leben...mit andersartigen Menschen verbringen und dabei selbst anders werden, ohne sich untreu werden zu müssen...Wir haben das Zeugnis eines Juden, der unter die Heiden ging und das Schaffen eines neuen Volkes propagierte, eines aus Juden und Heiden...Das wichtigste Zeugnis aber haben wir von einem Gott, der sich in die menschliche Conditio hineinbegab, den Riesenunterschied zu ihr dabei nicht verschmähte, sondern diese unsere Conditio zu der seinen machte und so zu seinem Leben uns Zugang eröffnete. Vielleicht wird dieser Zeuge, der [seine eigene Partikularität überwand, aber oft] an den Rändern unserer Leben stand, eines Tages in den Mittelpunkt rücken.“[xi] Das wäre Herrschaft Christi an Himmelfahrt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christo Jesu. Amen.

 



[i] Lukas 24,50-53; Apostelgeschichte 1,4-11. Der sekundäre Markusschluss (16,19) hängt von Lukas ab.

[ii] Apostelgeschichte 2,33-36 deutet erst die Auffahrt als Erhöhung des göttlichen Herrn an die rechte Seite Gottes. Vgl. Arrian, Anabasis 3,3,4; Diodorus Siculus 17,49ff; Plutarch, Alex. 27f u.ö.

[iii] Zum Beispiel PT 217. Pharao wird zu einem der am Himmel lebenden göttlichen Wesen. Vgl. Raymond O.  Faulkner, The Ancient Egyptian Pyramid Texts, Translated into English, Oxford 1969.

[iv] In der Assumptio Mosis vom Beginn des 1. Jh. n.Chr.

[v] Zu Herakles siehe Ovid, Met. 9, z.B. 9,271f: „Jetzt auf dem Viergespann entrafft ihn der allmächtige Vater mitten durch hohles Gewölk hinweg, zu den strahlenden Sternen ihn tragend“ (quem pater omnipotens inter cava nubila raptum quadriiugo curru radiantibus intulit astris. Zu inferre vgl. Lk 1,51; zu raptum 1 Thess 4,17); Met. 9,251-257: „Nur sein mütterlich Teil wird die Macht des Vulcanus spüren; doch was er empfangen von mir, ist ewig, ... dem Tode entrückt und nimmer der Flamme zerstörbar. Dieses empfang ich  ... in Himmelsgefilden ... Findet an Hercules Gottheit aber jemand Verdruss, gönnt er wohl nicht die Belohnung.” Vgl. Hesiod, Theog. 950-955; Pind., Nem. 1,69-72; Kallimachos, Hymnus 3 („Auf Artemis“), 159; Apollonios, Argonautika 1315ff; Theokrit, Id. 17,19-33; 24,79-84. Weiter Bernd Effe, Der Held als Gott: Die Apotheose des Herakles in der alexandrinischen Dichtung, in: G. Binder, B. Effe und R. F. Glei, Hg., Gottmenschen: Konzepte existentieller Grenzüberschreitung im Altertum, Bochumer Altertumswissensch. Colloquium 55, Trier: WVT, 2003, 27-43.

[vi] Sueton, De Vita Caesarum 84.

[vii] Sueton, Aug. 100; vgl. Polybios 12,23,4 (Alexander). Siehe weiter zum Thema Ilze Kezbere, Umstrittener Monotheismus: Wahre und falsche Apotheose im lukanischen Doppelwerk, NTOA 60, Göttingen/Fribourg 2007.

[viii] Auch im paganen Bereich wurden kritische Stimmen laut. Die anonyme politische Satire “Ludus de morte Divi Claudii” spottete in neronischer Zeit darüber, dass Claudius trotz seiner Untaten und Fehler vergöttlicht wurde. Cassius Dio (61,35) scheint diesen Text im Auge zu haben, wenn er behauptet, der jüngere Seneca habe eine Satire über die “Vergurkung” (Wortspiel: Apocolocyntosis statt Apotheosis) des Claudius verfasst

[ix] Auch das lukanische Herausstellen  von Augenzeugen bei der Auffahrt Jesu hat diese Funktion, waren doch Augenzeugen für Kaiserapotheosen konstitutiv. Dem auferweckenden Osterereignis dagegen wohnten keine Augenzeugen bei (Markus 16,4-6). In Apg 1,10f bietet Lukas gleich sechs verschiedene Ausdrücke für das Sehen der Jünger auf.

[x] Ähnlich kritisch verwendet Lukas z.B. den christologischen Kyriostitel, der Konkurrenz zur kaiserlichen Titulatur impliziert. Selbst die Weihnachtsgeschichte tönte politkritisch für damalige Ohren. Siehe weiter Peter Lampe, Athen und Jerusalem. Antike Bildung in frühchristlich-lukanischen Erzählungen, Vorlesungsreihe uni auditorium: Alte Geschichte, München 2010.

[xi] Willie Jennings, Being Baptized: Race, in Stanley Hauerwas and Samuel Wells, ed., The Blackwell Companion to Christian Ethics, 2nd ed., Chichester 2011, 277-288, hier 288 (Übersetzung des Zitats und Klammer-Einschub von mir).

 

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Letzte Änderung: 08.07.2013
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