09.06.2013: Prof. Dr. Christoph Strohm über Gal 4,1-7

 

Christoph Strohm

„Gottes Kinder“

Predigt über Gal 4,1-7 im Universitätsgottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juni 2013, in der Peterskirche zu Heidelberg

 

Gal 4,1-7

1 Ich sage aber: Solange der Erbe unmündig ist, so ist zwischen ihm und einem Knecht kein Unterschied, ob er wohl ein Herr ist aller Güter; 2 sondern er ist unter den Vormündern und Pflegern bis auf die Zeit, die der Vater bestimmt hat. 3 So auch wir, als wir unmündig waren, waren wir gefangen unter den äußerlichen Satzungen. 4 Als aber die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz getan,5 auf dass er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, dass wir die Kindschaft empfingen. 6 Weil ihr denn Kinder seid, hat Gott gesandt den Geist seines Sohnes in eure Herzen, der schreit: Abba, lieber Vater! 7 Also ist nun hier kein Knecht mehr, sondern eitel Kinder; sind's aber Kinder, so sind's auch Erben Gottes durch Christum.

 

Liebe Gemeinde,

„Ich sage aber: Solange der Erbe unmündig ist, so ist zwischen ihm und einem Knecht kein Unterschied, ob er wohl ein Herr ist aller Güter.“ Der vielleicht berühmteste Widerhall dieses Satzes – und zwar in der Übersetzung Martin Luthers – entstand vor fast genau 69 Jahren, am 8. Juni 1944, in einer Zelle der Haftanstalt Tegel. Nach zehn Jahren Kirchenkampf war der Theologe Dietrich Bonhoeffer im April 1943 verhaftet worden und wartete nun auf seinen Prozess. Angesichts des Ungeheuerlichen, was er erlebt hatte und was noch im Gang war, gerät er nun ins ganz grundsätzliche Nachdenken über die Zukunft des Christentums. Und hier fallen die berühmt gewordenen Worte über das zukünftige Christsein als mündiges Christsein: „Die Attacke der christlichen Apologetik auf die Mündigkeit der Welt halte ich erstens für sinnlos, zweitens für unvornehm, drittens für unchristlich. Sinnlos – weil sie mir wie der Versuch erscheint, einen zum Mann gewordenen Menschen in seine Pubertätszeit zurückversetzen, d.h. ihn von lauter Dingen abhängig zu machen, von denen er faktisch nicht mehr abhängig ist, ihn in Probleme hineinzustoßen, die für ihn faktisch nicht mehr Probleme sind. Unvornehm – weil hier ein Ausnutzen der Schwäche eines Menschen zu ihm fremden, von ihm nicht frei bejahten Zwecken versucht wird. Unchristlich – weil Christus mit einer bestimmten Stufe der Religiosität des Menschen, d.h. mit einem menschlichen Gesetz verwechselt wird.“[1] Und dann folgt die Frage, die Bonhoeffer für die entscheidende im Blick auf die Zukunft des Christentums hält: „Die Frage heißt: Christus und die mündig gewordene Welt.“

 

Ich kann der Tragweite dieser Sätze jetzt nicht wirklich gerecht werden. Aber die Sätze können uns helfen, die Bedeutung der grundsätzlichen Alternative des Paulus für uns heute zu verstehen; die Alternative vom unmündigen Erben, der noch wie ein Knecht ist, und vom mündigen Erben, der kein Knecht mehr und nicht mehr gefangen in äußerlichen Satzungen ist. Bonhoeffer hält die „Attacke der christlichen Apologetik auf die Mündigkeit der Welt“ für unchristlich, „weil Christus mit einer bestimmten Stufe der Religiosität des Menschen, d.h. mit einem menschlichen Gesetz verwechselt wird“. Was bedeutet das? Bonhoeffer kritisiert, wenn bestimmte Formen von Religion, ein bestimmter Frömmigkeitsstil, religiöse Rituale zu Voraussetzungen des Christusglaubens werden. Später sagt er ausdrücklich, dass hier Religion zur „Bedingung des Glaubens“ werde, so wie die galatischen Gegner des Paulus die Beschneidung als Vorbedingung des Glaubens eingefordert haben.[2] Bonhoeffer bietet eine sehr eigene Interpretation Rede des Paulus von den äußerlichen Satzungen, deren Befolgung verbindlich gemacht wird und die unmündig machen.

Was meint Paulus mit den äußerlichen Satzungen, unter denen wir gefangen waren? Nach Martin Luther hat Paulus hier eine Haltung der Werkgerechtigkeit abgelehnt; das heißt, eine Haltung, welche die Erfüllung des Gesetzes im Sinne guter Werke zur Voraussetzung dafür macht, dass die Glaubenden zum Heil kommen. Bonhoeffer übernimmt das, geht aber noch einen Schritt weiter ins Grundsätzliche. Auch bestimmte Formen religiöser Praxis seien abzulehnen, wenn sie zur notwendigen Voraussetzung des Christusglaubens werden. Das ist uns heute kaum verständlich. Was führt Bonhoeffer zu solch einer Abwertung von Religion oder Religiosität als äußerlicher Satzung, die Kennzeichen von Unmündigkeit ist? Er hat den dramatischen Missbrauch von Religion durch die Nationalsozialisten vor Augen, Hitlers dauerndes Abgleiten in völkisch-religiöse Phrasen; die unablässigen Hinweise auf die Vorsehung, den Allmächtigen, die Sendung des deutschen Volkes, das Opfer für das Vaterland. Die Selbstinszenierung als messianische Führergestalt und die Mobilisierung religiöser Gefühle bis hin zu liturgisch gestalteten Massenveranstaltungen waren erschreckend erfolgreich.

Die pseudoreligiösen Ideologien des 20. Jahrhunderts, der Nationalsozialismus, der Faschismus und der Bolschewismus, sind Geschichte. Sie sind nicht mehr unser Problem. Auch religiöse Praktiken, die am Leben hindern, sind nicht unser zentrales Problem. Unser Problem ist ganz im Gegenteil eher der weitgehende Verlust traditioneller Formen von Religion, von Sprachfähigkeit in religiösen Dingen. Religion hat sich in extremer Weise pluralisiert und individualisiert, so dass der Eindruck völliger Beliebigkeit entsteht. Da hilft uns Bonhoeffers Kritik an religiösen Formen, die wie die äußerlichen Satzungen unmündig machen, überhaupt nicht weiter.

 

Was lehrt uns also heute des Paulus Alternative? Was ist die Alternative zu einer Religion, die durch Gefangensein in äußerlichen Satzungen und Unmündigkeit gekennzeichnet ist? Es ist ein mündiger Glaube, der durch Freiheit vom Gesetz und durch das Geschenk des Geistes Gottes gekennzeichnet ist.

Freiheit vom Gesetz heißt hier nicht Missachtung des Gesetzes. Martin Luther hat den Wert einer funktionierenden Rechtsordnung, die das hemmungslose Sich Austoben menschlichen Egoismus‘ im Zaum hält, immer wieder betont. Freiheit vom Gesetz heißt, den Inhalt des Gesetzes aus innerem Antrieb, nicht aus Zwang oder sekundärer Motivation zu tun. Und der innere Antrieb zum guten Handeln ist für Luther wie für den Heidelberger Katechismus die Dankbarkeit. Wer die Barmherzigkeit Gottes an der eigenen Seele erfahren hat, handelt entsprechend mit den anderen Menschen; nicht weil er oder sie um irgendeines Gesetzes willen muss, sondern aus Dankbarkeit. Die Freiheit, von der Paulus hier spricht, hat Luther in den beiden Sätzen zusammengefasst: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Das sind die Leitworte, unter denen Luther christliche Existenz in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ beschreibt. Der Mensch, der in seiner Gottesbeziehung passiv ein Empfangender, Beschenkter ist, muss die Welt und die anderen Menschen nicht mehr für seine Zwecke benutzen, sondern kann in dieser Welt sachgemäß und den Menschen wirklich zugewandt handeln – ohne sich dauernd um sich selbst sorgen zu müssen.

Entscheidend für das mündige Christsein ist nach Paulus, dass wir durch Jesu Kommen die Kindschaft empfangen. „Weil ihr denn Kinder seid, hat Gott gesandt den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, der schreit: Abba, lieber Vater! So bist du nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“ Den Geist Gottes geschenkt zu bekommen, macht den Unterschied. Er markiert die Differenz zum Unmündigen, der im Gehorsam gegenüber äußerlichen Satzungen das Heil sucht. Er findet seinen ersten und vornehmsten Ausdruck in dem Ruf „Abba, lieber Vater!“ Neben dem Handeln aus freier Dankbarkeit, das sachgemäß und den Menschen zugewandt ist, ist das Beten „lieber Vater“ das zweite Kennzeichen mündigen Christseins.

Jeder und jede von uns hat seine/ihre Erfahrungen mit dem Beten. Als ich vor vielen Jahren in München Geschichte zu studieren begann, saß meist bis zum Abend in der Seminarbibliothek. Dann fuhr ich mit der S-Bahn zum Bahnhof München-Pasing. Von da aus fuhr noch ein Bus. Die letzten fünfhundert Meter nach Hause ging ich durch eine Neubausiedlung. Inmitten dieser großen Neubauten stand ein kleines Kapellchen aus alten Zeiten. Ich begann dort jeden Abend hineinzugehen und ein Vaterunser zu beten. Natürlich wartete ich auf Antwort, Erhörung oder Erscheinung. Aber nichts Besonderes geschah. Später hörte ich eine Predigt über den Text aus dem zweiten Buch Mose, in dem Mose begehrt, Gott endlich einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Gott antwortet dort: Das kannst du nicht, kein Mensch das, dein Gesicht würde verbrennen. Aber wir können folgendes machen. Du stellst dich in eine Felsspalte, und wenn ich vorübergezogen bin, nehme ich meine Hand von dir und du kannst mich von hinten sehen. Darin fand ich damals meine Erfahrung mit dem Beten gut gedeutet. Wir begehren, Gott mit unseren Gedanken oder in unseren Erfahrungen zu fassen. Aber das geht nicht. Nur im Nachhinein können wir vielleicht sagen: Hier hat Gott in meinem Leben gehandelt. Es war nicht alles nur Zufall. Mehr geht nicht. Dass ich mich nach 35 Jahren noch an diese Momente in der kleinen Kapelle in München-Pasing erinnere, heißt zumindest, dass da nicht nichts Bedeutsames für mein Leben passiert ist.

Zum Ergreifendsten, was über das Gebet geschrieben wurde, gehören die Worte der in einem liberalen protestantischen Elternhaus aufgewachsenen Sophie Scholl. Die vor 70 Jahren, im Alter von nur 21 Jahren Hingerichtete schrieb an ihren Verlobten die folgenden Worte über das Gebet: „…gegen die Dürre des Herzens hilft nur das Gebet, und sei es noch so arm und klein… so will ich es Dir und mir stetig wiederholen: Wir müssen beten, und für einander beten, und wärest Du hier, ich wollte die Hände mit Dir falten, denn wir sind arme Kinder, schwache Sünder… Ich bin Gott noch so ferne, daß ich ihn nicht einmal beim Gebet spüre. Ja manchmal, wenn ich den Namen Gott ausspreche, will ich in ein Nichts versinken. Das ist nicht etwa schrecklich, oder schwindelerregend, es ist gar nicht – und das ist noch viel entsetzlicher. Doch hilft dagegen nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat, und wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle.“

 

Das Geschenk des Geistes bedeutet nicht einfach, Gottes Gegenwart zu spüren oder greifbar zu erfahren. Es bedeutet, „mein Vater“ beten zu können und damit vom Knecht zum Kind, vom unmündigen zum mündigen Erben zu werden. Es kennzeichnet die Mündigkeit, dass zu ihr Selbständigkeit gehört. Die kann auch anstrengend sein und ist mit Gefährdungen verbunden. Dann sehnt man sich vielleicht zurück in eine Religion, die durch stark ausgeprägte Riten und den Gehorsam klaren gesetzlichen Regeln bis hin zu strengen Fastengeboten gegenüber gekennzeichnet ist. Aber das entspricht eben auch nur schwer den individualisierten und pluralisierten Lebensverhältnissen einer modernen Gesellschaft. Darüber ist mit anderen Religionen und Konfessionen zu diskutieren und zu streiten. Es gilt, die Mündigkeit in Sachen der Religion festzuhalten. Zugleich ist zu fragen, was wir von anderen Religionen und Konfessionen zu lernen haben. Der Protestantismus ist traditionell kritisch gegenüber äußerlichen Formen von Frömmigkeit, der Vorherrschaft des Ritus oder der Sichtbarkeit des Amtes durch besondere Kleidung und Ähnlichem. Wenn man aber die religiösen Ausdrucksformen verdächtigt, verliert man an Sprachfähigkeit in der Sache des Glaubens. Das ist auch das Problem der Religionskritik Bonhoeffers, die er auf dem Hintergrund eines ideologischen Missbrauchs religiöser Formen formuliert hat.

Wir stehen heute vor einer ganz anderen Herausforderung. Unsere Aufgabe ist es, elementare religiöse Sprachfähigkeit zu bewahren. Uns ist es aufgegeben, die Gratwanderung zu bewältigen, einerseits den individualisierten Lebensläufen angepasste Formen von Frömmigkeit zu kultivieren, andererseits dabei aber nicht den Kontakt mit der großen Sprache der Tradition, den Worten der Väter und Mütter im Glauben, zu verlieren.

Mit den Psalmen und vielen anderen Gebeten sind uns Worte gegeben, um zu sprechen, wo wir keine Worte mehr haben. Wer diese Sprachfähig­keit in seinem Leben einübt, für den oder die gilt: „Also ist nun hier kein Knecht mehr, sondern eitel Kinder; sind’s aber Kinder, so sind’s auch Erben Gottes durch Christum.“ Damit macht man dann sehr konkrete Erfahrungen. In dem Film „Die bleierne Zeit“ erzählt die Regisseurin Margarete von Trotta die Geschichte Gudrun Ensslins und ihrer Schwester, den Weg Gudrun Ensslins aus dem behüteten schwäbischen Pfarrhaus in den Terrorismus. In einer Szene wird dargestellt, wie die Mutter vor ihre in der Leichenhalle der Haftanstalt aufgebahrte Tochter tritt. Alle Worte versagen angesichts des Unfassbaren, und dann kommen doch die Worte wie von selbst aus dem Mund der Mutter: „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe…“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

 

[1] Dietrich Bonhoeffer Werke, hg.v. E. Bethge u.a., Bd. 8, 1998, S. 478f.

[2] Ebd., S. 482.

 

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Letzte Änderung: 08.10.2018
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