09.12.2012: Prof. Dr. Matthias Konradt über Jes 35,3-10

 

Matthias Konradt

Predigt von Jeseja 35,3-10, Peterskirche Heidelberg, 9.12.2012

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

 

Liebe Gemeinde,

Adventszeit, den Blick gerichtet auf das kommende Weih­nachtsfest. Advent – Ankunft – Gott kommt zu den Menschen in Gestalt seines Sohnes. Er kommt nahe, ist gegenwärtig, ver­söhnt, schenkt Frieden, lädt ein zu neuem Leben, jeden und jede einzelne. Sofern es uns ge­schenkt ist, den Anforderungen des Alltags oder der gräulichen Geschäftigkeit dieser Tage für einen Moment zu entfliehen und den Advent, die Ankunft Got­tes zu bedenken, richtet sich der Blick bei den meisten sicher­lich voraus auf das Weihnachtsfest. Adventszeit ist Vor­weih­nachtszeit.

Die Ankunft Gottes in Gestalt des Kommens Christi, das an den Advents­sonntagen im Kirchenjahr zum Thema wird, meint aber nicht nur sein Gekommensein, wie es zu Weihnach­ten gefeiert wird. Am 2. Adventssonntag rückt in den Lesungen und den übrigen in der Perikopenordnung vorgegebenen Texten die Wiederkunft Christi thematisch in den Vordergrund, die Hoffnung auf die Vollendung des Heils. Den Blick auf die noch ausstehende Vollendung zu richten, stopft jeder allzu triumphalistisch daherkommenden Theo­logie den Mund. Ver­söhnung, Frieden, neues Leben – ja, aber doch so, dass wir, um mit Paulus zu sprechen, diesen Schatz in irdenen, zerbrechli­chen Gefäßen haben (2Kor 4,7). Denn die Weihnachtsbotschaft vom Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefal­lens erklingt in einer zerrissenen, friedlosen Welt, in der Völker einander befehden, Macht­haber Krieg gegen die eigene Bevöl­kerung führen, in der Menschen ihren egoistischen An­sprüchen Geltung zu schaffen versuchen – und das heißt immer auf Kos­ten anderer. Eine Welt, in der Menschen mit der Realität von Krankheit und frühem Tod konfrontiert sind, in der Menschen verhungern, in der Menschen getötet werden.

Ja, die Vollendung des Heils, sie steht wahrlich noch aus. Aber macht es überhaupt Sinn, diese Vollendung zu erwarten? Glei­chen wir nicht den beiden Landstreichern Estragon und Wladi­mir in Becketts absurdem Theaterstück „Warten auf Godot“. Bis zum Ende warten sie vergeblich auf jenen Godot.

 

Estragon: Komm, wir gehen!

Wladimir: Wir können nicht.

Estragon: Warum nicht?

Wladimir: Wir warten auf Godot.

Estragon: Ah!

 

Macht es Sinn zu beten: „Dein Reich komme“? Sollten wir nicht lieber gehen?

 

Der heutige Predigttext, liebe Gemeinde, hält es wahrhaft für sinnvoll, auf die Vollendung des Heils zu blicken. Er spricht von ihr in kräftigen Farben. Ich lese aus dem 35. Kapitel des Jesa­jabuches die Verse 3-10:

 

3 Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! 4 Sagt den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“

5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. 6 Dann werden die Lahmen sprin­gen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlo­cken.

Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. 7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf ste­hen.

8 Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. 9 Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort ge­hen. 10 Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

 

Liebe Gemeinde, der Text hinterlässt bei mir einen ambivalen­ten Eindruck. Und dieser Ein­druck schwindet nicht, je öfter ich den Text lese; er verdichtet sich vielmehr. Da ist auf der einen Seite der Zuspruch: „Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: ‚Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! … Gott … kommt und wird euch helfen.‘“ Ein Zuspruch, den ich nötig habe. Und vielleicht geht es Ihnen auch so. Die Menschen, denen der Pro­phet hier das Kommen Gottes ansagt, haben diesen Zuspruch offenbar auch nötig.

Unser Predigttext gilt als ein später, in jedem Fall nachexilischer Text im Jesajabuch. Das ba­bylonische Exil ist Vergangenheit. Wer wollte, der konnte nach Jerusalem oder woanders ins „gelobte Land“ zurückkehren. Aber was war wirklich realisiert von der Heilsprophetie, die in der schwierigen Zeit des Exils laut gewor­den war? Von dem Heil, das Gott heraufführen sollte, wie es z.B. ein uns namentlich unbekannter Prophet verkündigt hatte, der geläufig als Deuterojesaja bezeichnet wird und der als Zu­sage Gottes ausgerichtet hatte: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ (Jes 43,1). „Du wirst fröhlich sein über den Herrn … Die Elenden und Armen suchen Wasser und es ist nichts da, ihre Zunge verdorrt vor Durst. Aber ich, der Herr, will sie erhö­ren; ich, der Gott Israels, will sie nicht verlassen. Ich will Was­serbäche auf den Höhen öffnen und Quellen mitten auf den Fel­dern und will die Wüste zu Wasserstellen machen und das dürre Land zu Wasserquellen. Ich will in der Wüste wachsen lassen Zedern,  Akazien, Myrten und Ölbäume; ich will in der Steppe pflanzen miteinander Zypressen, Buchsbaum und Kie­fern, damit man zugleich sehe und erkenne und merke und ver­stehe: des Herrn Hand hat dies getan, und der Heilige Israels hat es geschaffen“ (Jes 41,16b-20*). „Gedenkt nicht an das Frühere … Siehe, ich will Neues schaffen. … Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Ein­öde. Das Wild des Feldes preist mich, die Schakale und Strauße, denn ich will in der Wüste Wasser und in der Einöde Ströme geben, zu tränken mein Volk, meine Auserwählten; das Volk, das ich mir bereitet habe, soll meinen Ruhm verkündigen“ (Jes 43,18-21*).

So und mit weiteren Worten hatte es geklungen. Aber war die Wüste nicht nach wie vor Wüste – ohne Zedern und Akazien? Und die Elenden und Armen? Suchten sie nicht nach wie vor Wasser?

Die vollmundige Heilsprophetie – pulverisiert im Lichte einer nicht ganz so glorreichen Gegen­wart? In dieser Situation mel­det sich wieder ein Prophet zu Wort und spricht den verzagen­den Israeliten zu: „Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: ‚Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! … Gott … kommt und wird euch helfen.‘“ Er spricht ihnen zu, dass das Heil noch kommt. Die Rückkehr aus dem Exil war nur der erste Schritt; das Entscheidende kommt noch. Die Verheißung wird sich be­wahrheiten.

Der Prophet malt das Kommende nicht weniger eindrücklich aus als jener Deuterojesaja ge­nannte Prophet: Wieder ist von Wassern die Rede, die in der Wüste hervorbrechen. Das Land wird fruchtbar sein. Aber mehr noch: Gott macht der Zerstreu­ung der Israeliten ein Ende – die meisten von Ihnen leben ja nach wie vor in der Diaspora. Gott schafft eine Bahn, die der heilige Weg heißen wird. Von wilden Tieren geht keine Bedro­hung mehr aus. Und auf dieser Bahn werden die Erlösten des Herrn nach Jerusalem kommen, zum Zion ziehen.  „Ewige Freude wird über ihrem Haupte sein“, so heißt es in unserem Text. „Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“

Aber was gibt diesem Zuspruch Substanz? Woraus begründet er sich? Und außerdem: Wem gilt dieses Heil? Und wem nicht? Hier beginnt für mich die Ambivalenz des Textes: Denn zum einen geht hier das Heil, das den einen zugesagt wird, mit der Rache an den anderen zu­sammen: „Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“ Im Jesajabuch geht in Kap. 34 ein drastisches Gerichts­gemälde voran: Gottes Strafgericht über Edom. Kann Gottes Ankunft nicht bedeuten, dass allen Menschen ein neuer Anfang ermöglicht wird? Dass unter den Menschen aus Feinden Ver­söhnte werden?

Zum anderen geht es um den Heilszuspruch selbst. Ist das mehr als pure Illusion? Eine traumhafte Veränderung zum Guten hin? Dieser innerhalb des Jesajabuches relativ junge Text in Jes 35 ist ja für uns doch ziemlich alt. Was ist in den letzten rund 2 ½ tau­send Jahren aus diesem Zuspruch des Propheten geworden? Der Zion ist kein Ort des Frie­dens; er symbolisiert heute viel eher die Friedlosigkeit in der Welt. Und dass Schmerz und Seufzen entfliehen wird, die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden – zu schön, um wahr zu sein, möchte man sagen. Wenn wir unsere Wirklichkeit an der Größe dieser prophetischen Worte messen, dann er­scheint auch unsere Zeit als ziemlich heillos.

Es gibt aber auch eine andere Perspektive, liebe Gemeinde, eine andere Perspektive, mit der wir auf die Welt schauen kön­nen. Einige Zeilen aus dem Heilsgemälde unseres Propheten werden im Neuen Testament in der Jesustradition aufgenom­men. Da ist Johannes der Täu­fer, der im Gefängnis sitzt und von dem Wirken Jesu hört. Da ist Erstaunliches zu vernehmen: Menschen werden von ihren Krankheiten geheilt. Aber ist das schon die große Heilswende? Reicht das, was von Jesus zu hö­ren ist, um in ihm den erwarteten Messias zu sehen? Bringt er die verheißene Vollendung des Heils? Ist Jesus der, der da kommen soll? Hoffnung paart sich mit Zweifel, mit Anfechtung. Johannes will Klarheit. Er schickt seine Jünger zu Jesus und lässt fragen: „Bist du es, der da kommen soll? Oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11,3).

Ich finde es wichtig, dass die Bibel diese Stimme der Anfech­tung laut werden lässt, dass sie das kritische Wahrnehmen der Welt und damit der Spannung zwischen der Verheißung und der Gegenwart nicht unterdrückt. Die Bibel ist damit nicht ein Buch für Fundamentalisten, die mit ihren einfach gestrickten Richtigkeiten und unerschütterlichen, verblüffungsfesten Über­zeugungen zu jeder unpassenden Gelegenheit schnell bei der Hand sind. Die Bibel selbst bringt unsere Anfechtung zur Spra­che, unsere wankenden Knie und verzagten Herzen. An­fech­tung gehört zum Glauben.

Jesus antwortet nicht mit Ja oder Nein. Er verweist die Frage­steller lediglich auf das, was sie selbst sehen und hören. Er ver­weist sie also auf das zurück, wovon Johannes im Gefängnis schon gehört hat. Das soll für sich selbst sprechen. Gleichwohl führt Jesus noch kurz und knapp aus, was das ist, das es zu se­hen gibt, und in diesen Worten greift Jesus Verheißungen aus dem Jesajabuch auf, unter anderem auch aus unserem Predigt­text: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird das Evangelium verkündigt“ (Mt 11,4f).

Jesus begegnet der Anfechtung des Täufers nicht, indem er ihm das Blaue vom Himmel ver­spricht. Etwa so, dass das, wovon er gehört habe, ja erst der Anfang sei, aber er demnächst ganz an­ders loslegen und die zweite Stufe zünden werde. Er sagt nicht, dass die paar Heilun­gen, die einigen Menschen in dem entlege­nen Erdwinkel, den man Galiläa nennt, zugutege­kommen sind, bloß das Präludium für die große Umwälzung sind. Vielmehr impliziert Jesu Antwort an den Täufer die Aufforde­rung, das, wovon er gehört hat, noch einmal neu zu be­trachten, eine andere Perspektive einzunehmen. Soweit sieht Johannes ganz richtig: Das Reich Gottes in seiner Fülle ist offenkundig noch nicht da. Und Johannes wird nicht billig ver­tröstet: Warte bis morgen, dann wird die Wüste blühen und Herodes fromm sein wie ein Lamm, und du kommst frei. Nein, es sind längst noch nicht alle Tränen abgewischt.

Aber doch – und das ist entscheidend – ist etwas anders ge­worden. Dies zu entdecken, dazu fordert Jesus Johannes auf: So wenig das Reich Gottes in seiner Fülle schon da ist, so sehr fängt es an, in Jesu Leben, in seinen Worten und Taten, sicht­bare Gestalt zu gewinnen. Erste Zeichen der messianischen Heilszeit sind gesetzt. Jesus lehrt, auf diesen Anfang zu blicken.

Das ist der Perspektivenwechsel, zu dem Jesus Johannes anlei­ten möchte: Statt resigniert auf das zu schauen, was noch nicht da ist, die Fingerzeige wahrzunehmen, die auf Gottes neue Welt inmitten der bestehenden hinweisen. Das gilt auch uns: Die Hoffnung auf das Kommende kann sich nähren aus dem, was uns schon geschenkt ist, aus dem Frieden mit Gott, den Je­sus Christus uns schon vermittelt hat und aus dem Friede auf Erden wachsen kann.

Blicken wir also im Advent doch als erstes auf die Ankunft Gottes, die sich schon ereig­net hat, indem Gott uns in Jesus von Nazareth nahe gekommen ist und Zeichen sei­nes Reiches gesetzt hat, dessen Botschafter wir sein können und sollen, indem wir uns von dem uns von Gott geschenkten Frieden bewegen lassen und friedenstiftend in der Welt wirken. Achten wir auf die Spuren der Gegenwart Gottes, der uns in Jesus nahe gekommen ist, um die Welt zu verändern. In diesem Licht können wir alles Weitere im wahrsten Sinne des Wortes getrost auf uns zukommen lassen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre un­sere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

 

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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