10.03.2013: Prof. Dr. Michael Plathow über Joh 6,47-51

 

                                                                        

                                                             Joh 6, 47 - 51

                                                          Brot des Lebens

                 Predigt im Abendmahlsgottesdienst, begleitet vom “Wagner College Choir, USA)

                          am Sonntag Laetare (10 3. 2013) in der Peterskirche in Heidelberg

                                                               von Pof. Dr. Michael Plathow

 

1. Die Kraft des Wortes und die unterschiedliche Aufnahme von Reden ist an der Universität, dem Ort reflektierter Sprache, wohl bekannt.

Auch Jesus, der bekanntlich mit Vollmacht predigte, erlebt das mit seiner Brotrede in der Synagoge in Kapernaum nach dem Evangelisten Johannes. Man tuschelt versteckt, man murrt öffentlich, man bleibt auf Distanz, man verschließt das Herz; die Saat kommt nur teilweise zur Frucht. Dabei spricht Jesus etwas Lebensnotwendiges an, das, was Leib und Seele zusammenhält: Brot, Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Als Frucht aus dem Weizenkorn, das, in die Erde gesät, keimt und wächst, ist das Brot, aus Körnern gemahlen und gebacken, Lebensgabe, von der wir leben: Brot zum Leben. Der Gabe entspricht das Danken, wie dem Leben als Geschenk die Dankbarkeit, dass ich bin, entspricht. Mit Matthias Claudius “täglich zu singen”:

Ich danke Gott und freue mich

wie`s Kind zur Weihnachtsgabe,

dass ich bin, bin

und dich, schön menschlich Antlitz, habe”.

Brot zum Leben, vom Himmel gegeben - ich erinnere mich: meine Großmutter - ich war Kleinkind der ersten Nachkriegsjahre - zeichnete beim Anschnitt eines frischen Brotlaibes mit dem Messer zuerst ein Kreuz auf die Rinde. M. Claudius erzählt in diesen Zusammenhang folgende Parabel: Es gab eine Zeit, als die Menschen sich mit dem, was die Natur brachte, behelfen mussten. Da kam aus der Ferne einer, der ihnen beibrachte, den Acker zu pflügen und Saat zu säen. Der sagte: `Seht, das müsst ihr tun! Und das übrige tun die Einflüsse des Himmels`. Und die Saat ging auf und wuchs und brachte Frucht.

In der Folgezeit fanden einige den Anbau zu simpel; auch mochten sie die Beschwernis an der freien Luft nicht ertragen. ‘Kommt’, sprachen sie, ‘lasst uns den Acker mit Mauern einfassen und ein Gewölbe darüber machen; die Einflüsse des Himmels werden so nötig nicht sein‘. ´Aber`, sagten andere, `der aus der Ferne ließ den Himmel offen und sagte: `Das müsst ihr tun! Und das übrige tun die Einflüsse des Himmels`. Jene antworteten: ´Wir können ja den Himmel an das Gewölbe malen´ und taten’s. Und die Saat wollte nicht wachsen (M. Claudius, Ges. Werke I, Dresden, 558f).

Auch heute gibt die volkstümliche Parabel angesichts des “Ungeheueren” des homo faber und homo oeconomicus (Antigonelied) kritisch zu bedenken, dass wir letztlich von Voraussetzungen leben, die wir nicht gemacht haben, die uns gegeben sind, denen wir uns verdanken, wie wir auch unser Leben verdanken. Mit der 125. Frage des Heidelberger Katechismus gesprochen, dass “ohne Gottes Segen weder unsere Sorgen und Arbeit, noch deine Gaben uns gedeihen”. Nicht in die Hand zu nehmen ist der Himmel und das Klima, vielmehr ist mit der Mit- und Umwelt verantwortlich, d. h. achtsam und nachhaltig im Blick auf die Folgen für unser aller Zukunft umzugehen.

Es geht um die Differenz, aber auch Diskrepanz, zwischen einerseits einer von uns Menschen produzierten Realität, die Machen als geschlossenes System zur Machsal, Gebrauchen zum Missbrauchen verkehren kann, und andererseits ein Wirklichkeitsverständnis, das im Glauben mit Gott rechnet und um den offenen Himmel weiß, weil der Mensch “nicht ganz dicht ist”.

Aus Leben hervorgehend dient das Brot menschlichem Leben und eröffnet als gegebenes und verdanktes Lebensmittel zukünftiges Leben in “Ehrfurcht vor dem Leben” und in Achtsamkeit um die Lebensmittel. Ökologie des Leibes, Ökologie der Seele und Ökologie der Mitwelt sind hierin eingebacken. Welch eine Verantwortung für das Brot zum Leben in der Sortenvielfalt und den delikaten Verfeinerungen: einerseits als Not wendendes “Mana, soviel du brauchst” für den Tag in seiner Zeitlichkeit und als die köstliche Konditorei “Himmelsbrot”; andererseits als benutzte Energiezufuhr nach Kalorientabelle, als entfremdetes Machtmittel “Brot und Spiele”, als weltweites Spekulationsmittel oder Verbraucher täuschender Ettikettenschwindel egoistischer Begierde und missachteter Abfall einer Wegwerfgesellschaft, die ohnehin auf Kosten von anderem Leben vegetiert.

Das echte Brot zum Leben, gegeben und verdankt, wird weitergegeben dankbar und verantwortlich als Brot für, Brot, für die “Tafel” und “Brot für die Welt”. Denn Brot zum Leben tut Not beim nahen Nächsten und bei den fernen Nächsten, wie wir tagtäglich herausfordernd erfahren.

 

2. In der Brotrede verkündet Jesus: Ich bin das “Brot des Lebens” für euch (I am the bread of life), Brot von einzigartiger Qualität. Jesus holt uns Hörer in die personale Begegnung mit sich. Mit dem Ruf “Ich bin!” setzt er sich in Beziehung mit uns und uns in Beziehung mit sich. So tat es Jahwe bei der Selbstmitteilung an Mose beim brennenden Busch. Seinem Wort, ja, dem Logos Gottes, das real und konkret geworden ist in Jesus (Joh 1, 14), korrespondiert hier unser selbsteigener Glaube, unser grundlegendes Leben bestimmendes Vertrauen auf Gott, der ein Freund des Lebens ist. Jesu prophetische Selbstvorstellung im Bildwort vom lebensnotwendigen Brot und der Glaube der Jünger gehören zusammen wie Verheißung und Glaube. Jesu Botschaft: Ich bin das “Brot des Lebens” für dich, umfasst die Glaubens- und Lebensgemeinschaft mit Christus, durch die mein Selbst gründet “durchsichtig in der Macht, die es gesetzt hat”, der es sich verdankt (S. Kirkegaard, Krankheit zum Tode). Und indem wir uns auf ihn verlassen, verlassen wir uns selbst; und indem wir uns selbst verlassen, werden wir uns neu gegeben und finden uns neu als wir selbst.

“Wahrlich, wahrlich” (Most assuredly)!”, wahr ist, wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben (he who believes in Me has everlasting life). Im Hebräischen gehören Wahrheit und Glaube bedeutungsvoll zu einem Wortstamm. Es geht um das, was wahr ist, was sich bewahrheitet als Bestimmung unseres Lebens: die Gemeinschaft mit Gott jetzt und für immer.

Glaube und Gott, der Ewigkeit ist,

Glaube an Gott und unser Leben,

Glaube und Leben jetzt und in Ewigkeit

verschränken sich in der Gemeinschaft mit dem Brot des Lebens.

 

3. Jesus ist es, der verheißt: “Ich bin das Brot des ewigen Lebens”. Nicht einer “von Schroth und Korn” ist er, der selbstherrlich sich erhöhend aus Steinen Brot macht. Zur Enttäuschung von Dostojewskis “Großinquisitor” gibt er sich zurücknehmend und erniedrigend einmal und ein für allemal hin für das Leben der Welt nach dem Liebesratschluss und Heilswillen Gottes. Denn “also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben” (Joh 3, 16): Leben in Fülle, d. h. Leben jetzt und für immer in der Gemeinschaft mit Gott durch den heiligen Geist. Im Licht von Ostern hat der Tod Jesu Christi die Welt so verändert, dass der Tod zum Weg ins Leben werden kann, wie das Weizenkorn, das in die Erde fällt und erstirbt, “viel Frucht” bringt (Joh 12, 24); so im schon österlichen Horizont verkündet der Wochenspruch des heutigen Sonntags “Laetare”, ”Freut euch”, der sich auch irgendwie im Sommertagszug der Heidelberger Kinder heute Nachmittag widerspiegelt.

“Ich bin”, verheißt Jesus, “das Brot, das vom Himmel kommt”, aus dem Bereich der Möglichkeit und Wirklichkeit Gottes, dem wir gegenwarten, Brot des Lebens als Fleisch gewordenes Wort in Krippe, Kreuz und Auferstehung Jesu.

Wo der Himmel zu ist, uns “auf den Kopf fällt“, bleibt das Leben in Fülle verschlossen.

Wo der Himmel offen bleibt, ist der Glaube da.

Wo das Glück des Glaubens widerfahren und erfahren wird, ist Leben in Fülle.

 

Das Brot, “das vom Himmel kommt” wird uns durch Diskrepanz-, Glück- und Leiderfahrungen hindurch geschenkt als “Gnadenbrot” erfüllten Lebens in der Gemeinschaft des Leibes Christi; “von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade”, durchlässig für das Leben der Welt und für das Leben bei Gott.

Als Geber und Gabe des “Brotes des Lebens” läd Jesus Christus ein, indem die Bitte “Unser täglich Brot gib uns heute” verbunden ist mit der Weisung: Brich mit dem Hungrigen dein Brot, denn “ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist“ (Mt 25, 35), auf dass “Brot zum Leben” achtsam “Brot für die Welt” werde. So hält das “Brot des Lebens” Leib und Seele zusammen. Amen.

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Letzte Änderung: 12.03.2013
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