11.03.2012: Dr. Jantine Nierop über 1 Petr 1,18-21

 

Predigt über 1 Petr 1, 18-21 im Universitätsgottesdienst am Sonntag Okuli, 11. März 2012, in der Peterskirche

 

Predigerin: Dr. Jantine Nierop (Prakt.-Theol. Seminar)

 

 

I.

 

Was verbindet Silvio Berlusconi, Franz Josef Strauß, Jon Bon Jovi und Angelina Jolie miteinander? Sie alle sagten in einem Interview schon einmal den Satz „Ich bin kein Heiliger“, bzw. „Ich bin keine Heilige“.

Was heißt das eigentlich, „heilig“, was ist damit gemeint? Wer wissen möchte, wie heutzutage in Deutschland über Heiligkeit gedacht wird, braucht sich eigentlich nur die Berichterstattung über den Bundespräsidenten anzuschauen.

 

An dem Tag, an dem Christian Wulff als Bundespräsident zurücktrat, sagte ein Politiker: „Wir brauchen keinen Heiligen im Schloss Bellevue, sondern einen, der sich an Recht und Gesetz hält.“

Einige Wochen vorher hatte der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse schon gesagt: „Man darf von Politikern nicht verlangen, dass sie unfehlbare Menschen, also Heilige sind. Aber man kann und soll von ihnen erwarten, dass sie sich an Regeln und Gesetze halten“.

 

In den letzten zwei Wochen hörte man zum designierten neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck immer wieder Stimmen, die die übergroßen, vielleicht sogar übersteigerten Erwartungen an ihn zu mäßigen versuchten. Der ehemalige Politiker Rainer Eppelmann sagte beispielsweise: „Auch die, die politische Verantwortung übernehmen in unserem Land - bis hin zum Bundespräsidenten, sind keine Heiligen, sondern auch nur Menschen mit Fehlern, mit Schwächen, (…). Ich bin sicher, all das hat auch Joachim Gauck.“

Interessant und viel sagend ist auch, dass verschiedene Medien die Selbstaussage Gaucks „Ich bin kein Supermann, kein fehlerfreier Mensch“, kurz nachdem er als Bundespräsident vorgeschlagen wurde, mit den Worten „Ich bin kein Heiliger“ zusammenfassten.

 

Es scheint so zu sein: Nach dem alltäglichen Sprachgebrauch – offensichtlich geprägt durch die katholische Tradition der Heiligsprechung – ist Heilig-Sein mehr als sich an Recht und Gesetz halten. Heilig-Sein geht darüber hinaus, es heißt unfehlbar sein, es heißt keine Fehler und Schwächen haben, es heißt ein Supermann sein – und das muss man nicht sein den zitierten Stimmen zufolge, zumindest nicht als Bundespräsident.

Und wenn es schon der Bundespräsident nicht muss, wie viel mehr müssen wir es nicht, die wir nicht das höchste politische Amt des Landes inne haben…

 

 

II.

 

„Ich bin nun mal kein Heiliger“, sagen Menschen über sich. „Ihr braucht keine Heiligen zu sein“, sagen Menschen zu anderen Menschen.

Und doch! Ihr solltet es sein! – insofern ihr euch als Christen versteht.

 

„Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“ – so spricht Gott zum Volk Israel im Buch Levitikus. Der 1. Brief des Apostels Petrus wiederholt diese Aussage Gottes, wir hörten es gerade im Predigttext. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“

 

Damit ist nun aber nicht gemeint: Ihr sollt fehlerfreie Menschen sein. Da wäre Petrus, oder zumindest der Autor des Briefes, der diesen Namen sich zulegt, wohl der Letzte, dies von Menschen einzufordern: fehlerfreie Supermenschen zu sein. Da weiß er doch selber nur zu gut um seine Fehler – und vor allem um ihre Vergebung bei Gott.

Als Jesus gefangen genommen und die Situation sehr brenzlig wurde, sagte Petrus, dass er Jesus nicht kenne – Jesus, seinen Freund und Meister. Er verleugnete ihn dreimal hintereinander. Aus Angst? Wie auch immer – es war nicht gut, es war ein Fehler. Ein Fehler, den er bereute, denn es heißt: Er weinte bitterlich. Nach dem Evangelium von Johannes bekam Petrus von Jesus eine zweite Chance. Liebst du mich?, fragte ihn Jesus dreimal. Dreimal versichert Petrus Jesus, dass er ihn lieb hat. Und daraufhin bekommt Petrus von ihm den Auftrag, seine Schafe, Jesu Gemeinde, zu hüten. Nicht als fehlerfreier Mensch, sondern als einer, der seinen Fehler einsah, bereute und dem vergeben wurde.

Petrus und alle, die sich in seine Tradition stellen, sind die Letzten, die fehlerfreie Supermenschen einfordern und die Ersten, die wissen, dass Menschen Menschen sind und bleiben, immer auch fehlerhaft, immer auch irgendwie ängstlich, verzagt, träge, egoistisch, hochmütig, aggressiv, starrsinnig und so weiter – und damit dauerhaft auf Gott und sein großes Herz angewiesen, der Einsicht schenkt, und Umkehr, und Vergebung der Sünden.

 

 

III.

 

Aber wie ist Heiligkeit im biblischen Sinne denn zu verstehen? Lasst uns dafür einmal in die Schule des „biblischen ABCs“ gehen. Unter dieser Überschrift, „Biblisches ABC“, bot der niederländische Theologe Kornelis Heiko Miskotte im Winter 1940-1941 in Amsterdam einen Kurs an. Später gab er seine Texte als Buch mit dem Titel „Biblisches ABC“ heraus.

 

Mit seiner Einführung in das biblische ABC wollte Miskotte die Menschen im Winter des ersten Kriegsjahres zum Widerstand aufrufen. Seit der Kapitulation am 14. Mai 1940 war Holland von der deutschen Wehrmacht besetzt. Angesichts dieser Situation ruft Miskotte zum Widerstand auf, aber zu einem „besseren Widerstand“, wie er es selbst nennt, einem Widerstand, der mehr ist als nur eine oberflächliche Ablehnung der Besatzer aus Gefühlen von verletztem Stolz und Vaterlandsliebe. Es geht Miskotte um einen Widerstand, der das nationalsozialistische Denken als ein neuheidnisches Denken in seinem Kern trifft – es geht ihm um einen Widerstand, der wurzelt in dem großen Gegenpol dieses Denkens, in der geistlichen Grammatik der Bibel.

 „Ich wagte es einen Kurs einzurichten über die Grundlinien, die Hauptbegriffe, die der Bibel eigentümlich sind und sie von anderer religiöser Literatur unterscheiden“, schreibt Miskotte im Vorwort zu seinem Buch. Einer dieser Hauptbegriffe ist das Wort „Heiligung“.

 

Miskotte fängt seine Ausführungen über Heiligkeit und Heiligung mit einer absolut unmodernen, aber irgendwie wohltuenden Feststellung an, wenn er schreibt, dass die Menschen in der Bibel kein eigenes Gewicht haben: „Wir haben darin kein eigenes Gewicht, wir werden von unserem Platz verdrängt, es scheint über uns hinweggesehen zu werden, unser sehr persönliches Porträt ist nicht darin noch auch die Spiegelung unserer Träume, noch das Bild unseres Lebensabenteuers“.

Ja, Miskotte meint sogar, „dass, wenn das Buch der Bücher geöffnet wird, unser Lebensbuch, (…) zuschlägt“. Nach Miskotte ist die Bibel nicht, wie man heutzutage so oft hört, ein Buch über Menschen, sondern ein Buch über Gott. Und gerade darin liegt unsere, des Menschen, Rettung. Und diese Rettung heißt Heiligung. Aber wir wollen jetzt nicht zu schnelle Schritte machen.

 

 

IV.

 

Die Bibel ist kein Buch über Menschen, und doch wird nach Miskotte in der Bibel, „indirekt selbstverständlich fortwährend von Menschen gesprochen […], gerade wenn von Gott, von diesem Gott gesprochen wird“. Denn dieser Gott hat etwas mit Menschen vor. Er schafft Ihnen eine Welt, um mit ihnen zu leben, in einem Bund, er als Gott dieser Menschen, sie als seine Menschen. Und dazu, dass Menschen als solche Menschen Gottes, dieses Gottes, leben können, dazu macht er sie geeignet, dazu heiligt er sie.

Gott sei dank macht er das! Denn von uns aus sind wir gewiss nicht „geschickt für das Reich Gottes“, wie die heutige Evangeliumslesung Lk 9 sagt.

 

„Heilig ist, was geheiligt wird, und heiligen heißt: etwas oder jemanden absondern, beiseite-stellen, zur Verfügung halten, weihen, darauf Beschlag legen, es gebrauchen“, schreibt Miskotte. Und weiter: „So kommt der Mensch ins Gesichtsfeld: als Objekt einer bestimmten Bemühung Gottes.“

Gott heiligt Menschen zu seinem Bundespartner, indem er das Werk seiner Hände nicht loslässt und es fortwährend formt und bildet, es richtet und vergibt, auf dass wir Werkzeuge seines Friedens werden - und das sollen wir uns gefallen lassen. Glaube ist, nach Miskotte, nichts anderes als das Annehmen der Heiligung.

 

Es geht nicht darum, dass wir im allgemeinen, sittlichen Sinn „gute Menschen“ sind, was immer dies sein möge, oder sogar gänzlich fehlerfrei, sondern darum, dass wir es uns gefallen lassen, dass Gott, dieser Gott, uns gut macht. Dass er uns zu Menschen seines Wohlgefallens macht, Menschen, die seinem Frieden dienen. Und dass er uns zurückruft und umkehren lässt, wenn wir uns zu weit von ihm entfernen.

Heilig-Sein heißt bei Gott bleiben, immer wieder zu ihm zurückkehren.

 

Wer Heilig-Sein dagegen missversteht als eine rein moralische Tugend, ja, als Fehlerfreiheit, löst diesen wichtigen biblischen Grundbegriff aus seiner Beziehung zum lebendigen Gott. Der Begriff wird blutleer und damit bestenfalls irrelevant (weil in den meisten Fällen undurchführbar), schlechtestenfalls aber gefährlich.

Denn nach Miskotte ist es gerade ein Kennzeichnen des von ihm scharf kritisierten heidnischen Denkens, dass es „die Quellen und Gipfel des Lebens für in sich selbst sakral hält; der Heide“, schreibt Miskotte, und hat damit sicher auch die nationalsozialistische Ideologie im Blick, „der Heide entdeckt oder erklärt, dass das Blut, die Geschlechtskraft, die Fortpflanzung (…), der Wettkampf, der Krieg und der Staat „heilig“ sind, d.h. mit einem Fluidum von Macht geladen.“

Wenn Menschen und Dinge nicht mehr in ihrem Bezug zu Gott heilig sind, sondern an und für sich heilig gesprochen werden, und dadurch an und für sich mächtig werden, Macht gewinnen über Menschen, dann müssen Christen Widerstand leisten, jetzt wie damals in den Kriegsjahren. Sie müssen auf die wahren Heiligen hinweisen: auf den lebendigen Gott und seine von ihm zum Gehorsam geheiligte Gemeinde.

 

 

V.

 

Heilig-Sein heißt Gehorsam-Sein, heißt bei Gott bleiben, bei dem Gott, der in uns und an uns wirksam ist. Heilig-Sein heißt mit Gott neue Wege gehen. „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist“, das singen wir gleich. Wie sieht ein solcher neuer Lebenswandel konkret aus? Darüber wäre viel zu sagen. Drei Aspekte will ich heute zum Schluß kurz hervorheben.

 

Heilig-Sein ist Anders-Sein. Der erste Brief von Petrus, das heißt: vom Autor, der seinen Namen trägt, ist geschrieben an die christlichen Gemeinden in Klein-Asien (wahrscheinlich um 90 n. Chr). Petrus nennt seine Adressaten in der Anschrift „Fremdlinge“ (1,1). Hierin wird besonders gut greifbar, dass Gottes Heiligung eine Absonderung bedeutet. Oder, wie Petrus schreibt: Ihr seid freigekauft – und das nicht mit Vergänglichem, wie Gold oder Silber, sondern mit dem Blut Christi. Ihr lebt in der Welt, aber ihr seid nicht von der Welt. Ihr gehört Gott. Bei ihm seid ihr zu Hause, in der Welt seid ihr Fremdlinge. Und ihr seht das Leben dadurch aus einer anderen Perspektive. Und eben aus dieser anderen Perspektive heraus handelt ihr auch… anders. Anders als die Menschen, die Gottes Stimme nicht gehört haben. Deswegen übersetzt Miskotte den Gottesspruch „ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“ auch so: seid anders, denn ich bin anders.

 

Wie anders sollen wir sein? Wir sollen als Christen vernünftig sein und vor allem nüchtern. Das Letzte ist dem Autor des Briefes sehr wichtig; der Aufruf, nüchtern zu sein, kommt dreimal in seinem Brief vor, ansonsten finden wir den Begriff nur noch an drei anderen Stellen im Neuen Testament.

Nüchtern sein, das heißt, dass man einen kühlen Kopf bewahrt. Dabei stellt die fortlaufende Berichterstattung übers Internet uns vor neuen Herausforderungen.

 

Vor kurzer Zeit passierte in ein paar Tagen mal wieder sehr viel – und für mich als ausgewanderte Holländerin, die die Nachrichten in zwei Ländern folgt, kamen die großen Nachrichten gleich doppelt. Gerade war in Holland nach tagelangen hoffnungsvollen Eismessungen entschieden worden, dass die wichtigste und schönste Schlittschuhtour des Landes trotz Eiseskälte doch nicht stattfinden konnte. Kurz danach trat in Berlin Christian Wulff als Bundespräsident zurück. Am gleichen Tag hatte der zweite Sohn von Königin Beatrix einen tragischen Unfall, er wurde in Österreich beim Skifahren von einer Lawine verschüttet. Zwei Tagen später wurde Joachim Gauck offiziell als Wulffs Nachfolger vorgeschlagen. Ein paar Tage später kam die Schreckensnachricht aus der Uniklinik Innsbruck, dass der Prinz aus seinem Koma wohl nicht mehr aufwachen wird. So ging ich eine ganze Woche lang im Internet von Eilmeldung zu Eilmeldung, von live ticker zu live ticker, von update zu update und spürte den Sog der Medien am eigenen Leibe.

 

Bleibe nüchtern, sagt Petrus, auch wenn alles Schlag auf Schlag passiert. Bleibe nüchtern, sagt er, und lasst euch nicht leiten von den Begierden dieser Welt. Die schreckliche Sensationssucht und Neugier des Menschen sind gute Beispiele davon. Man muss nicht alles wissen! Es gibt relevante und irrelevante Information: der Bobbycar, den Wulffs kleiner Sohn von einem Autohändler geschenkt bekam und der plötzlich ein großes Thema war, die ganzen Einzelheiten der privaten Lebenskonstellation von Gauck, und nicht zuletzt – immer wieder gezeigt - die besorgten Gesichter von den Angehörigen des Prinzen beim Rein- und Rausgehen ins Krankenhaus – dies alles sind Dinge, die man nicht unbedingt wissen muss. Manche Dinge soll man sogar nicht wissen, weil sie die Privatsphäre von Menschen verletzen. Von den Medien wird alles mit gleicher Dringlichkeit aufgetischt. Unterscheiden musst du selbst.

 

Bleibe nüchtern, sichte die Meldungen und konzentriere dich auf das, was Not tut, je nach Lage der Dinge: beispielsweise eine Gebetsmauer zu errichten um alle, die um einen Menschen trauern und verzweifelt sind, wie es in einem niederländischen Gottesdienst an dem Sonntag nach der Schreckensmeldung aus Innsbruck gesagt wurde – dies übrigens auch eine Information aus einem live ticker

Prüft also alles, behaltet das Gute. Banale Neugier und Indiskretion haben unter Gottes Menschen nichts verloren. Sie zerstören beides: den Frieden des Menschen, der von seiner Informationssucht regelrecht beherrscht wird, und den Frieden des Menschen, der deswegen in den Medien bloßgestellt wird.

 

Liebe Gemeinde, Heilig-Sein heißt Anders-Sein, heißt Nüchtern-Sein, es heißt… – und dieses Letzte ist ganz wichtig – es heißt bei all unserer Unvollkommenheit ganz und gar hoffen auf die Gnade, wie Petrus schreibt – die Gnade, die er selber erlebt hat. Immer wieder erzählt die Bibel solche Geschichten von Gottes großer Barmherzigkeit. Denn Heilige machen Fehler. Aber bei Gott ist Gnade. Einsicht, Reue, Umkehr.

Amen.

 

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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